Sie planen präzise, sie spähen ihre Tatorte in aller Ruhe aus, sie kommen bei Nacht. Meistens schlagen sie in der Berliner Innenstadt zu, oft in Wohnstraßen, in denen die Autos dicht beieinanderstehen. Wenn keiner hinschaut, schlendert einer daran entlang. Er bückt sich, legt einen Grillkohleanzünder auf einen Reifen und eine Zigarette obendrauf. Dann geht er ganz gemütlich weiter. Nach ein paar Minuten brennt der Wagen.

91 Autos sind dieses Jahr in Berlin angezündet worden, so viele wie nie zuvor. »Nobelkarossentod« heißt das populäre Delikt in der Szene, doch was da brennt, sind nicht nur Luxusautos. Immer öfter werden kleine Pkw »abgefackelt«, regelmäßig brennen Firmenwagen. Vor zwei Wochen traf es Fahrzeuge der Bundeswehr. Die mutmaßlichen Täter sollen zur »militanten gruppe« gehören, einem mysteriösen linksextremen Zusammenschluss. Doch wer wissen will, wer sich hinter dem Kürzel »mg« verbirgt, landet in einem Dickicht von Vermutungen – und trifft Menschen, die mit der Gruppe nichts zu tun haben wollen.

Martin Donau ist so einer, er sitzt an einem Sommerabend in einem Straßencafé im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg. Er ist Mitte dreißig, sieht aus wie ein Student und ist so ein Typ, der schnell redet, selten lacht, und wenn er es doch tut, lachen die Augen nicht mit. Er steht unter Druck, gegen ihn wird ermittelt, weil er zur mg gehören soll. Die Polizei hat seine Wohnung gestürmt und einen Haftbefehl präsentiert. Man hat ihn dann auf freiem Fuß gelassen, ihn und zwei weitere Freunde, die wie er verdächtigt werden, Anstifter und geistige Brandstifter zu sein.

Donau, der in Wirklichkeit anders heißt, wirkt misstrauisch, angespannt. Er hat jetzt herausgefunden, dass er ein Jahr lang vom Bundeskriminalamt observiert wurde. Die Beamten haben vor seiner Tür eine Kamera installiert. Sie haben seine Telefongespräche mitgehört. Sie haben seine E-Mails gelesen und notiert, wen seine Freundin angerufen hat. Sie orten sein Handy, und wenn er das Haus verlässt, heftet sich manchmal jemand an seine Fersen. Martin Donau ist Wissenschaftler und Publizist. Die Behörden glauben, er sei ein Terrorist.

Die Bundesanwaltschaft will der militanten gruppe in Berlin das Handwerk legen. Am 1. August hat der Bundesgerichtshof gegen vier mutmaßliche Mitglieder Haftbefehle erlassen. Die Männer seien »dringend verdächtig«, Mitglieder einer terroristischen Vereinigung zu sein. Ziel der Truppe sei es, »durch ständige militante Aktionen die gegenwärtigen staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen zugunsten einer kommunistischen Weltordnung zu beseitigen«.

Und in der Tat: Radikale Aktivisten sind da unterwegs, die sich zu mehr als 20 Anschlägen bekannt haben. Der erste traf 2001 den FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff, der einen Drohbrief erhielt und scharfe Munition. Lambsdorff sei dafür verantwortlich, dass NS-Zwangsarbeiter nicht großzügiger entschädigt würden. Es folgte eine Serie von Brandanschlägen, mal auf Autos, mal auf ein Finanzamt, eine Polizeiwache. Meist schickte die mg ein Bekennerschreiben hinterher. Aber wer da schrieb, blieb ein Rätsel.