Im Februar 1995 begegnete Kapitän Ronald Warwick einem Monster. »Es sah aus, als ob die Klippen von Dover auf mich zukämen.« Seine Queen Elizabeth II war einem 29 Meter hohen Brecher in die Quere geraten. Kurz zuvor ein ähnliches Ereignis. Eine Riesenwelle hatte die Nordsee-Bohrinsel Draupner getroffen; ein Lasermessgerät ermittelte eine Wellenhöhe von 26 Metern. Auch als am 12. Dezember 1978 nördlich der Azoren das Schiff München mit 28 Mann versank, vermutete man als Ursache eine Monsterwelle. Auf den gleichen Übeltäter tippten Meteorologen, als 1991 im Hurrikan Grace der Schwertfischkutter Andrea Gail verschwand. Dessen Untergang brachte Wolfgang Petersen später ins Kino (Der Sturm) .

Obwohl es viele Schilderungen des Phänomens gibt, waren sich Augenzeugen und Statistiker darüber jahrzehntelang nicht einig. Die einen berichteten von gigantischen Wellen, so hoch wie zehnstöckige Wohnhäuser. Die andern verbannten die Geschichten ins Reich der Fantasie. Solche Riesen, die sich in Orkanen, manchmal aber auch aus heiterem Himmel über relativ ruhiger See erhoben, sah die Physik eigentlich nicht vor.

Aus nichtlinearen Wellen entsteht ein neues Verhalten des Wassers

Die streitenden Parteien konnten sich nicht vertragen, weil die Statistiker sich beim Ermitteln von Wellenhöhen auf die Modelle des deutschen Mathematikers und Physikers Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) verließen. Nach der bekannten Gauß-Verteilung legten sie je nach Seegang einen Mittelwert fest, dann berechneten sie die Wahrscheinlichkeit extremer Ausreißer nach oben. Danach ließen sich Monsterwellen von 30 oder gar 40 Metern zwar nicht ausschließen, aber die Menschen brauchten bloß alle paar Tausend Jahre mit einem solchen Ungeheuer zu rechnen. Die simple Überlagerung kleinerer Einzelwellen zu einer abnorm hohen Welle war demnach etwa so wahrscheinlich wie der Fall, dass sich eine komplette Schulklasse nach Jahren zufällig im selben Lokal wiederbegegnet.

Aus diesem Grund interpretierten Fachleute fast alle Schilderungen sogenannter Freak-Waves, die ganze Schiffe verschlucken, als Seemannsgarn. Neben gigantischen Kraken und arglistigen Walen gehörten die Wellenungeheuer zum Club der Meeresmonster, die Wissenschaftler nicht mit dem Verlust von Schiffen in Zusammenhang bringen mochten.

Spätestens seit drei Jahren aber wissen sie viel mehr. Damals veröffentlichte das GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht bei Hamburg Daten, die ihm Esa-Radarsatelliten im Rahmen des Projekts »MaxWave« geliefert hatte. Auf den Tausenden Satellitenbildern war Wolfgang Rosenthal vom GKSS auf zahlreiche Belege für riesige Brecher gestoßen: »40-Meter-Wellen sind keine Seltenheit, es gibt viel mehr von ihnen, als wir bisher geglaubt haben.« Allein im Nordsee-Ölfeld Goma gingen den Forschern in zwölf Jahren 466 Monsterwellen in die Radarfalle.

Die Statistiker müssen nochmal nachrechnen. Unerfreuliche Begegnungen wie die der MS Bremen vor Feuerland im Jahr 2001 ereignen sich häufig. Eine Riesenwelle hatte damals Scheiben auf der Brücke des deutschen Kreuzfahrtschiffs eingedrückt – in immerhin 30 Metern Höhe. Die Steuerelektronik fiel aus, das Schiff trieb manövrierunfähig im Sturm. Bald bot es den Wellen die Flanke und trieb mit bis zu 40 Grad Schlagseite durch den Orkan. Erst nach einer halben Stunde gelang es, den Hilfsdiesel anzuwerfen und die Bremen in den Wind zu drehen.

Türmt sich ein Wellenstapel höher als gewöhnlich, so sollte sich die Energie sogleich wieder verlieren, sagt die klassische, lineare Physik. Weniger Schwierigkeiten mit außergewöhnlicher Größe hat die theoretische Physik; sie arbeitet mit komplexeren Modellen der Wellenentwicklung. »In unserem Leben ist nichts linear«, sagt Padma Kant Shukla von der Ruhr-Universität Bochum. Der theoretische Physiker spürt Nichtlinearitäten in allen möglichen Sphären nach. Von Haus aus ist er Astrophysiker. Auch Supernovae, die großen Explosionen im Weltraum, sagt er, könnten nicht entstehen, richtete sich die Physik im Innern von Sternen nach linearen Grundsätzen.

In der Optik sind nichtlineare Effekte ebenfalls von großer Bedeutung. Ein Informationspuls, der durch ein Glasfaserkabel gesendet wird, hat, so glaubt Shukla, durchaus Ähnlichkeit mit einer Monsterwelle. Nur dank der Nichtlinearitäten bleibt der lokalisierte Puls bis zum Empfänger kompakt, ansonsten würde er kurz nach seiner Erzeugung zu einem Rauschen zerfließen.