London 1937. Dem Legationsrat an der österreichischen Botschaft war in diesem letzten Krisenjahr der 1.Republik der Kragen geplatzt. »Da steckt Berlin dahinter; da ist wieder einmal der Piefke schuld!«, zürnte er. Die diplomatische Vertretung war verwanzt, der britische Geheimdienst spitzte die Ohren.

Doch die Agenten des MI 5 konnten den Code aus Wien nicht knacken. Who the hell is this Herr Piefke? , fragten sie sich. Vergeblich durchforsteten sie das Telefonbuch von Berlin. Unter dem Namen des Phantoms fanden sie ein Blumengeschäft, vier Damen ohne Beruf, mehrere Gewerbetreibende, einen Metzger, einen Friseur und eine Damenwäscheerzeugung. Verdächtig erschien lediglich der Zollbeamte Wilhelm W. Piefke aus Berlin-Zehlendorf, der freilich ein kleines Licht im Land der Preußen war – was allerdings auch Tarnung sein konnte.

In seiner Not suchte der Secret Service nach einer kundigen Auskunftsperson und fand sie in Oxford. Dort lebte damals der Wiener Schriftsteller Robert Neumann, ein bekannter Romancier und Autor der Satire Mit fremden Federn, der bereits 1934 vor dem Austrofaschismus geflohen war. Doch der spöttische Emigrant enttäuschte. Der Piefke sei gar kein Herr, sondern ein Gattungsbegriff, erklärte er: eine Allegorie, in der ein Österreicher den teutonischen Großkotz, seinen Stechschritt, sein Säbelrasseln und den Kasernenhofton imaginiere, also den Deutschen schlechthin. Die Briten witterten in der klaren Definition jedoch Desinformation. Diesem Kerl, das merkten sie sich, war nicht zu trauen. Bei Kriegsausbruch war Neumann einer der Ersten, die als »feindliche Ausländer« interniert wurden.

Heute, sagt Hubertus Godeysen aus Niedersachsen, früher Presseoffizier bei der deutschen Bundeswehr und nun in Wien bei einer internationalen Organisation beschäftigt, sei er ein »bekennender Piefke«. Als er vor zehn Jahren nach Österreich kam, hatte er noch keinen blassen Schimmer, was er sich unter dem rätselhaften Begriff vorzustellen hätte. Sein Sohn hatte ihn von der Schule mit heimgebracht, und der ahnungslose Hüne bat österreichische Kollegen um Auskunft. Die aber murmelten unverständliche Ausflüchte, und wenig später, in der Cafeteria, steckten sie die Köpfe zueinander und kuderten »wie im Mädchenpensionat« (Godeysen). Erst ein verständnisvoller Kollege aus Prag erbarmte sich: Mit Piefke sei unter anderem er, das Nordlicht, gemeint. »Ich wurde von einem Tschechen aufgeklärt«, lacht Godeysen.

Sein neues Wissen beflügelte den Deutschen, der im Marchfeld heimisch geworden ist, weil es dort so schön flach ist wie zu Hause. Er wollte mehr über sich herausfinden. Er stöberte in den Archiven von Frankfurt (Oder), wo der historische Militärkapellmeister Gottfried Piefke, dem die Welt den Marsch Preußens Gloria verdankt, mit seinem Brandenburgischen Leib-Grenadier-Regiment Nr. 8 stationiert war. Er befragte Sprach- und Volkstumsforscher, studierte Unterhaltungsgazetten aus dem 19. Jahrhundert und volkstümliche Schriften, in denen ein Piefke oder Piffke zum humoristischen Repertoire zählte.

Das Manuskript zu seiner Kulturgeschichte einer in Österreich allgegenwärtigen Schmähung hat der erste Piefkologe deutscher Zunge mittlerweile beinahe abgeschlossen. Es erzählt die absonderliche Geschichte eines mäandernden Bedeutungswandels, bei dem im Verlauf der wechselhaften deutsch-österreichischen Geschichte der Typus des aufklärerischen und subversiven Pfiffikus allmählich zu einem herrischen Großmaul, dem jedes Spurenelement von Esprit mangelt, transformiert wurde. Es ist auch die Geschichte gegenseitiger Missverständnisse, voll historischer Treppenwitze und ironischer Wendungen. Beispielsweise wäre Piefke beinahe ein Österreicher geworden. Denn der Name, dessen slawischer Ursprung piwek oder piwko auch »Säufer« bedeuten kann, wanderte erst von Schlesien nach Berlin, nachdem Friedrich der Große die Provinz den Habsburgern abgejagt hatte. Heute, meint Namensforscher Godeysen, sei der »Piefke« nach wie vor die »heimliche Rache der Österreicher für Königgrätz«. Heimlich, weil oft viele Deutsche gar nicht wüssten, wie sie hinter ihrem Rücken abqualifiziert würden. Königgrätz, weil erst im Anschluss an das k. k. Debakel diese einst populäre Witzfigur mit einem ganzen Arsenal negativer Vorurteile aufgeladen wurde.

Als Kapellmeister Gottfried Piefke, zweifellos der Namenspate des Schmähbegriffs, am 16. Juli 1866 mit der siegreichen preußischen Armee den Boden des heutigen Österreich betrat, war er bereits ein gefeierter Held. Im Deutsch-Dänischen Krieg, bei dem zwei Jahre zuvor Preußen und Habsburg noch Seite an Seite gekämpft hatten, dirigierte er beim Sturm auf die Düppeler Schanzen an vorderster Front und im feindlichen Feuer sein 300-köpfiges Musikkorps – mit gezogenem Degen schlug er den Takt zum Yorkschen Marsch von Beethoven. Die Tat trug ihm hymnisches Lob in Berlin und Wien, ein Gedicht von Theodor Fontane und eine goldene Verdienstmedaille von Kaiser Franz Joseph ein.

Bis Wien schaffte es der schneidige Militärmusiker dennoch nur in der Legende. Denn aus Rücksicht auf zukünftige Bündnisse ersparte Reichskanzler Bismarck den Habsburgern die Demütigung und befahl, dass die preußische Siegesparade weit vor den Toren der Stadt, in Gänserndorf, abzunehmen sei. Dort dirigierte Piefke seinen neuen Königgrätzer Marsch mit dem triumphierenden Schlussakkord. Dann marschierte er wieder in die Heimat und erkrankte unterwegs an der Cholera.