Österreich Der ewige PiefkeUnverwüstlichSeite 2/2

Dennoch verstummten nicht die Erzählungen, die zu berichten wussten, wie er mit schmetterndem Spiel über die Ringstraße paradiert sei und sich überall in Wien wie ein echter Piefke aufgeführt habe: ein militaristisches Großmaul aus dem Norden.

Das war eine entscheidende Neuerung. Zu diesem Zeitpunkt war die Kunstfigur zwar bereits ein in humoristischen Blättern beliebter Sprücheklopfer, doch sie trat vorläufig noch als ein Wiener Grantler in Erscheinung, der über die Tagesereignisse lästert. Entlehnt war sie ihrem subversiven Berliner Pendant, erfunden von dem Schriftsteller Adolf Glaßbrenner, einem feurigen Quergeist, der ihr in der Zeitschrift Kladderadatsch aufrührerische Worte in den Mund legte. In Wien trat Piefke gerne mit seinem Alter Ego Pufke in Aktion. Die beiden waren so populär, dass Johann Strauß Vater dem Meckerduo sogar eine Polka widmete.

Doch nach der Niederlage von Königgrätz wandelte sich das Bild rapide. Die vormals noch systemkritische Kleinbürgerseele aus der Vorstadt wurde nun mit einer Vielzahl antipreußischer Klischees kostümiert. Besonders konsequent betrieb diese Camouflage das katholische Volksblatt Wiener Funken, das im geistlichen Stand und im konservativen Bürgertum weit verbreitet war. Der Piefke, zu einem guten Teil das Produkt einer klerikalen Medienkampagne, verkörperte nun die protestantische Konkurrenz aus dem Norden und entwickelte sich so langsam zum Erzübel in den Augen jedes schwarzgelben Gefühlspatrioten. »Wir sind schließlich keine Piefkes, wenn wir auch gezwungen sind mit ihnen…«, seufzt der Baron im k. k. Kriegsministerium in den Letzten Tage der Menschheit, dem Grabgesang auf Habsburgs imperiale Fantasien von Karl Kraus.

Eine weitere Verschärfung des abfälligen Untertons erfuhr der Begriff, als die Österreicher zwanzig Jahre später in das Reich der Piefkes heimkehren durften. Damals erlebten die nunmehr ostmärkischen Nazis ein zweites Königgrätz: Fast alle wichtigen Posten in Verwaltung, Militär und Kultur erbten Volksgenossen aus dem Altreich, und bei dem großen Raubzug gegen das jüdische Eigentum sicherten sie sich die fettesten Brocken. Dementsprechend groß war die Enttäuschung, von den braunen Bonzen, allesamt Piefkes, übervorteilt worden zu sein. Sie hatten das Sagen, man konnte sie nur verächtlich machen. Schon in einem seiner ersten Programme nach dem Anschluss ließ die Kabarettbühne Wiener Werkel in einer Parabel einen japanischen Preußen namens »Pif-keh« auftreten, dem prophezeit wird: »Mir wer’n Sie schon demoralisieren…«

Das blieb zwar ein frommer Wunsch, doch der Piefke wurde zur Zielscheibe zahlreicher Flüsterwitze, Spottgedichte und Verwünschungen frustrierter Anschlussverlierer.

Vergeblich wetterte der Völkische Beobachter immer wieder gegen die neue Seuche der »Piefkitis«, eines den Volkskörper zersetzenden Spaltpilzes. Ebenso wenig konnte ein Bußgeld in der Höhe von 70 Reichsmark den massenhaften Gebrauch des Begriffs eindämmen. Immer härtere Urteile nach dem »Heimtücke«-Paragrafen – zum Teil jahrelange Haftstrafen – verhängten die Sondergerichtshöfe gegen Piefke-Schmähredner. Zu sieben Monaten Zuchthaus wurde die Schweißerin Theresia Wagner verurteilt, die während eines Fliegeralarms im November 1944 in einem Wiener Luftschutzkeller zischte: »Die Piefkes sind meine Todfeinde.« Vergleichsweise glimpflich (vier Wochen Gefängnis) kam hingegen die Kitzbüheler Pensionsinhaberin Edith Egger davon. Sie hatte lediglich tourismusschlau über die Deutschen behauptet: »Sie heißen nicht umsonst Piefke!«

Zumindest Gottfried Piefke, dem Namenspatron des deutsch-österreichischen Antagonismus, tut die fast 150-jährige Karriere des abfälligen Begriffes unrecht. War der Königliche Musikmeister doch seinerzeit dafür verantwortlich, dass sich ein österreichischer Ton in der preußischen Militärmusik durchsetzen konnte. Statt der in Berlin gebräuchlichen Tenorhörner und Kornetts führte er zur militaristischen Beschallung Flügelhörner und Euphonien ein, die uniformierte Kapellen im Habsburgerreich auszeichneten. »Weichheit und Fülle des Tons«, heißt es dazu in einer Dissertation aus dem Berlin des Jahres 1936, »machten die Flügelhörner den rohen Kornetts überlegen.« Dem Königgrätzer Marsch nahmen sie trotzdem nicht seine nachhaltige Wirkung.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

 
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