Protektionismus Wie schützen wir den Wohlstand?
Deutsche Unternehmen sind enorm erfolgreich auf den Weltmärkten. Nun aber wächst die Furcht vor einem Ausverkauf an ausländische Investoren.
Gert Frank klingt normalerweise nicht wie ein aufgeregter Mensch. Der Chef des Thüringer Medizingeräteherstellers Geratherm spricht monoton und gesetzt. Auf Knopfdruck lässt sich das aber ändern. Dann redet Frank immer schneller, und seine Stimme überschlägt sich fast.
Der Knopf heißt China.
Als Geratherm 2001 in China ein Joint Venture für Fieberthermometer aufbauen wollte, war das investierte Geld kurz darauf vom gemeinsamen Geschäftskonto verschwunden. »Unser chinesischer Partner sagte, sein Cousin hätte das Geld gebraucht«, schimpft Frank. »Da war für mich klar: Wir müssen hier wieder raus.« Geratherm ging, das Know-how blieb. Seitdem tauchen auf dem Weltmarkt immer wieder Fieberthermometer aus China auf, die so aussehen, als seien sie von Geratherm. Gert Frank wettert über »Fälscher und Kriminelle« und darüber, dass die chinesische Diktatur systematisch die Schwächen des demokratischen Systems in Deutschland ausnutze. »Der politische Kampf«, fordert der Unternehmer, »muss endlich aufgenommen werden.«
Die Unruhe wächst, die Worte werden martialischer. Ein »kalter Geldkrieg« zwischen China und dem Westen habe begonnen, sagt Henrik Enderlein, Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance in Berlin. Jenseits des Atlantiks, im amerikanischen Vorwahlkampf, fordert fast täglich ein Kandidat neue Strafzölle gegen China. »Peking hat das legitime langfristige Ziel, eine Wirtschaftsmacht zu werden«, sagt ein hochrangiger deutscher Manager – und fügt unheilschwanger hinzu: »Allein daran orientiert sich Chinas Politik.«
Was aber, wenn der Wohlstand des Westens dabei auf der Strecke bleibt?
Keine Industrienation hat bisher so sehr vom Warenaustausch mit der Welt profitiert wie Deutschland. Mehr als zwei Drittel der deutschen Wirtschaftsleistung werden heute im Außenhandel erzielt; in Frankreich ist es knapp die Hälfte, in den USA und Japan sogar nur ein Drittel. Das sicherte hierzulande gut bezahlte Jobs. Gleichzeitig nützte die Globalisierung auch den aufstrebenden Ländern. Aus China stammen inzwischen mehr als die Hälfte aller Digitalkameras und ein Drittel der Bürocomputer; das Land ist der größte Produzent von Spielwaren, Mountainbikes und Mikrowellenherden.
Nun jedoch zeigt die Globalisierung ihre hässliche Seite. Mehr als 18 Millionen Spielzeuge aus chinesischer Produktion musste der amerikanische Hersteller Mattel vom Markt nehmen, allein eine Million davon in Deutschland. Da sind vergiftetes Tierfutter und vergiftete Zahnpasta. Da sind Babylätzchen mit überhöhten Bleiwerten und formaldehydgetränkte Schlafanzüge. Alles aus China.
Und dann ist da ein bedrohlicher Geldberg. Allein die chinesische Notenbank hat über die Jahre mehr als 1500 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven angehäuft. Andere Notenbanken in Schwellenländern – etwa die russische – streben ihr nach. Peking und Moskau machen keinen Hehl daraus, dass sie mit diesem Geld ganze westliche Konzerne kaufen wollen. Sie haben dafür eigens spezielle Anlagefonds gegründet. So wächst auch die Furcht vor dem Ausverkauf heimischer Unternehmen an staatliche Investoren aus China oder Russland, aus Ländern also, die zwar einigermaßen marktwirtschaftlich handeln, aber bestimmt keine Demokratien sind.
Dazu kommt die Sorge um Arbeitsplätze. Die Angst vor dem Technologieklau. Die Furcht, dass das Öl noch teurer wird, wenn erst jeder Chinese ein Auto fährt. Kein Wunder, dass der Ruf nach Schutz lauter wird und dass die Regierung zunehmend darauf hört. »Wir dürfen gern Vorbild sein, aber nicht blöd«, warnt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. In dieser Woche berät die Bundesregierung auf der Kabinettsklausur in Meseberg darüber, wie der deutsche Wohlstand vor den Schwellenländern geschützt werden kann. Und wenn die Kanzlerin am Sonntag nach China aufbricht, kann sie gleich Taten folgen lassen.
Die Frage ist nur: Kann es so etwas wie einen »guten« Protektionismus überhaupt geben? Oder macht die Exportnation Deutschland den eigenen Wohlstand damit erst recht kaputt?
Darüber grübelt die Kanzlerin schon länger nach. Davos, im Januar dieses Jahres: Auf dem Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen spricht Angela Merkel über ihren Plan, Europa und Amerika wirtschaftlich enger aneinanderzubinden. »Binnenmarktähnliche Strukturen sollten unser Ziel sein«, sagt Merkel. Es geht um eine Freihandelszone zwischen Europa und den USA, die so mächtig wäre, dass sie die Regeln der Globalisierung setzen könnte – und nicht Chinesen, Inder oder Russen.
Die öffentliche Resonanz auf Merkels Vorschlag ist vernichtend. »Kein Bedarf«, ätzt die Welt, »ein Trugschluss«, lästert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Auch die in Davos versammelten Unternehmenslenker reagieren zunächst verhalten. Tatsächlich aber werden das ganze Frühjahr über im Kanzleramt immer wieder Manager vorstellig, die genau das fordern, wogegen sich ihre Interessenverbände offiziell wehren: politischen Schutz gegenüber staatlich gestützten Konkurrenten. Das passt zu Merkels Empfinden. Im Kanzleramt hat man sehr genau registriert, was wenige Monate zuvor bei EADS passiert war: Nach dem Einstieg der russischen Wneschtorg-Bank beim Luftfahrt- und Rüstungskonzern wollten die Russen ein Viertel der Anteile und ein Mitspracherecht bei allen Entscheidungen. Frankreich und Deutschland blockten ab. Gleichzeitig weigerte sich der russische Präsident Wladimir Putin, ein Energieabkommen zu unterschreiben, das Europas Versorgung mit Gas und Öl sichern sollte. Nur ein Zufall?
So reift in Berlin der Plan, gegen staatlich gelenkte Konzerne und Investitionsfonds vorzugehen, die womöglich politische Interessen verfolgen.
- Datum 27.08.2007 - 06:51 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Wenn erstmal die Chinesen ihre Kampagne, die imperialistischen Kapitalisten mit deren eigenen Mitteln zu schlagen (statt die Dummheiten der Sowjets zu wiederholen), verschaerfen und all die auslaendischen Investitionen verstaatlichen oder die Technologie kurzerhand kopieren:
Werden dann die Manager, die eifriges Outsourcing nach China zu der Weisheit letztem Schluss erklaert hatten, zur Rechenschaft gezogen werden? Wegen Landesverrats, oder Befoerderung der Industriespionage schlicht aus Dummheit?
Vermutlich nicht. Sie werden immer noch glauben, Gewinne erzielt zu haben, wenn in Wahrheit alles verloren ist. Perlen deutscher Technologie vor die chinesische Sau. Und den Kater nach der Outsourcing-Party kriegt der (ehemalige) Arbeitnehmer...
Warum exportieren wir nicht die Gewerkschaften nach China, statt staendig unsere Technologien auf dem Silbertablett darzureichen?
Der einfache Chinese waere sicher froh ueber betriebliche Mitbestimmung etc., und vielleicht ein paar US-Dollar aus dem Staatsfonds. Ist doch Kommunismus in China, sollte doch jeder etwas davon abkriegen.
NY und London haben sich längst reichlich bedient. Hat der Autor dieses Textes mal einen Blick auf die Eigentümerstruktur der deutschen Großunternehmen geworfen? Der Mittelstand wird oftmals von Private Equity-Häusern ausgepresst, die Infrastruktur ganzer Städte und Gemeinden an texanische Pensionsfonds verscherbelt. Auch unter zunächst umgekehrten Vorzeichen wurden Milliarden über den Atlantik transferiert, s. DaimlerChrysler. Die Phantasie kannte keine Grenzen. Die größte Holding der Welt, die Treuhand, wurde nach den Morden an Herrhausen und Rohwedder mit Bargeld obendrauf an den Geldadel der westlichen Siegermächte verscherbelt. Reparation einmal anders...
Was sollen die Roten eigentlich noch kaufen? Wo war der Aufschrei in den letzten Jahren gen Themse, Seine und Hudson River?
Jahrzehntelang haben arabische Staatsfonds und Königsfamilien große Anteile an deutschen Konzernen gehalten. Kein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung. Jetzt überlegen Chinesen in Deutschland zu investieren und plötzlich müssen wir uns schützen. Bei vielen Politikern und Journalisten scheint ein untergründiges Gefühl der "Gelben Gefahr" zu bestehen. Diese Angst ist leider nicht nur an Stammtischen latent. Wer gegen Fremdenfeindlichkeit in Mügeln ist, sollte auch chinesische Investoren nicht per Definition zu Dieben erkläeren.
Die Autoren scheinen am WESTLICHwahn zu leiden,
die wichtigsten Handelspartner Chinas sind:
USA, Japan, Hongkong, Südkorea, Taiwan, Deutschland,
Singapur, d.h. zwei westliche und fünf östliche
Länder.
Wenn Japan ein ehemaliges Schwellenland ist, dann muß
Deutschland als "ehemaliges Agrarland" bezeichnet werden.
Peter333
Der Wohlstand der Hartz-Enteigneten, den Wohlstand der gesunkenen Realeinkommen, den Wohlstand der Rentnerarmut, den Wohlstand der sozialhilfebedürftigen Kinder?
Nachdem wir das Gros unserer Arbeitsplätze exportiert haben, können wir auch die Kapitaleigner ins Ausland schicken. Huch, da leben sie ja schon! In Spanien, in Florida, in Südafrika, in ...
Tut mir leid, aber das richtige Solidaritätsgefühl will sich bei mir nicht einstellen. Dazu sehe ich zuviele geschlossene Geschäfte in der Nachbarstadt, zu viele "Zu-Verkaufen"-Schilder im eigenen Dorf, zu schlechte Straßen im Landkreis, ...
Jahrzehntelang wurde der sogenannten Dritten Welt gepredigt, dass freier Handel und offene Grenzen für Güter und Kapital - ganz enstprechend der neo-klassischen ökonomischen Lehre - der richtige Weg zu Wohlstand sind und allen Beteiligten nutzen. Das hieß im allgemeinen, dass westliche Firmen in Entwicklungs- und Schwellenländern investierten und dort Profite gemacht haben. Kaum holen einige Schwellenländer wirtschaftlich auf und fangen umgekehrt an, bei uns zu investieren, geht ein großer Aufschrei durch das Land und es wird der Ausverkauf des deutschen Wohlstands berklagt. In der aktuellen Debatte geht es leider selten um wirkliche Argumente, sondern schlicht um ein weit verbreitetes Gefühl der Bedrohung durch ausländische Konkurrenz. Dieses Gefühl ist sicher ernst zu nehmen und hat damit zu tun, dass Kosten und Nutzen der Globalisierung ungleich verteilt sind. Die Art in der die Debatte geführt wird, geht aber selten darauf ein, was vermeintliche und was tatsächliche Bedrohungen sein könnten und welche Lösungen zur Verfügung stehen. Es ist sehr platt, China für die wachsenden Ungleichheiten in Deutschalnd verantwortlich zu machen. Unser größtes Problem, die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschalnd, hat wenig bis gar nichts mit China zu tun. Auch der vorliegende Artikel trägt relativ wenig zur Erhellung der Debatte bei.
Die reichen Länder sourcen out, bis sie die ärmeren Länder sind.
Achso...Globalisierung...freie Märkte.
Was wir der 3. Welt natürlich nicht gesagt haben. Freie Weltwirtschaft nur für die 1. und 2. Welt um in der 3. Welt billig einzukaufen. Jetzt ist die 3. Welt - obwohl jahrhundertelang über den Tisch gezogen worden - denoch ein klein bisschen Aufgestiegen, stehen nun an der Schwelle zu Menschenwürdigen Leben, da schreien wir auf:
Was bilden sich die Entwicklungsländer ein? Wir haben doch klar gemacht das wir nur bei denen (zu Dumpingpreisen) einkaufen und Ihnen unsere Produkte die wir aus ihren spottbilligen Rohstoffen dann zusammengezimmert haben dann zu überhöhten Preisen verkaufen. Das funktioniert nicht ewig. Was fehlt ist nun eine 4. Welt. Aber macht euch keine Sorgen...Hartz & Co. sind ja schon eifrig dabei sie in den Hinterhöfen der 1. +2. Welt zu schaffen.
Dazu fällt mir dann noch ein...
...das Hartz sehr klebrig und selbst mit den besten Waschmittel nur sehr schwer wieder raus zu kriegen ist.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren