MittelalterDas Leben ein Krieg

England feiert den 850. Geburtstag seines Heldenkönigs Richard Löwenherz. Doch der kühne Ritter war auch ein brutaler Schlächter.

Welches Kind kennt ihn nicht? Wer hat sich nicht einmal für ihn begeistert? Richard Löwenherz, Englands König, gehört zu den Mythengestalten der Geschichte. Schon zu Lebzeiten umschlangen ihn Legenden, von ihm selbst geschickt genährt. Seine Biografie ist verwoben mit der Sage von König Artus, dessen Schwert Excalibur er trug, und auch nüchterne Chroniken erzählen ein heftiges Heldenleben, das vor 850 Jahren begann und tragisch endete, weil der König in der Blüte seiner Jahre zur falschen Zeit am falschen Ort die falsche Kleidung trug.

Ein ritterlicher Herrscher war er und ein Schlächter. Ein Hüne zum Fürchten, ein normannischer Schrank, 1,86 Meter groß, rothaarig mit rotem Bart, und ein kunstsinniger Mann, der Poesie zugetan. Ein Haudegen, der sich oft ganz vorn ins Kampfgetümmel stürzte, furchtlos bis zum Leichtsinn. Und ein virtuoser Stratege, ein Machtpolitiker, der sich im Kräftespiel der europäischen Dynastien zu einem der einflussreichsten Fürsten emporkämpfte.

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Geboren wird er am 8. September 1157 in Oxford als dritter Sohn König Heinrichs II. und Eleonores von Aquitanien. Heinrich II. Plantagenet, Herrscher über England und große Teile Frankreichs, zählte 19 Jahre, als er die 30-jährige Eleonore heiratete, eine delikate Partie, denn wenige Wochen zuvor war sie noch die Königin von Frankreich gewesen. Doch die Ehe der selbstbewussten Fürstin mit dem frommen Ludwig VII. war nicht besonders gesegnet gewesen. 15 Jahre ehelicher Pflichterfüllung hatten nur zwei Töchter und keinen Thronfolger hervorgebracht.

Der Herzog von Österreich nimmt ihn als Geisel und verlangt Lösegeld

Mit Heinrich von England sollte Eleonore mehr Glück haben: Aus der Ehe gehen drei Mädchen und fünf Knaben hervor; nach dem frühen Tod des Erstgeborenen bleiben noch vier Söhne am Leben. Doch die englisch-aquitanische Verbindung ist auch in anderer Hinsicht fruchtbar. Durch sie vollendet sich das sogenannte Angevinische Reich der Plantagenets, das nun von der Grenze Schottlands bis zu den Pyrenäen reicht. In Frankreich allerdings bleibt Heinrich formell den Kapetingern untertan, weshalb zwei seiner Söhne französische Prinzessinnen heiraten sollen. So wird 1169 der zwölfjährige Richard mit Alice verlobt, Ludwigs Tochter aus zweiter Ehe.

Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Das Curriculum der Erziehung bewegt sich zwischen Lanzenreiten und Latein, verantwortlich ist der Erzbischof von Canterbury. Offenbar entwickelt sich Richard zu einem guten Schüler, als Erwachsener beeindruckt er durch seine Bildung und seine Freude am gelehrten Disput in fließendem Latein. Er war, wie der österreichische Historiker Robert-Tarek Fischer in seiner gerade erschienenen Löwenherz-Biografie betont, durchaus ein Intellektueller.

Die spätere Kindheit und den Großteil der Jugend verbringt Richard in Aquitanien, in Poitiers, wo sich seine Mutter meist aufhält. Er spricht zweierlei Französisch: die südfranzösische langue d’oc und die Sprache des französischen Nordens. Englisch liegt ihm nicht. Er braucht es kaum. In seinen knapp zehn Jahren als König von England weilt er gerade mal sechs Monate auf der Insel.

Mit 15 wird Richard Herzog von Aquitanien, aber den englischen Thron muss er sich erst noch erkämpfen – gegen den Widerstand seines Vaters. Ein Königsdrama von shakespearescher Wucht nimmt seinen Lauf. Dem grimmen Vater fehlt es, wie man heute sagen würde, an sozialer Kompetenz. Zwar hat er Heinrich, den ältesten Sohn, zum Mitkönig ernannt und ihm das Herzogtum Normandie versprochen, denkt aber nicht daran, seine Macht zu teilen.

1173 kommt es zum Zerwürfnis. Eleonore ergreift von Poitiers aus Partei für ihre Söhne Heinrich, Richard und Gottfried, die sich mit dem König von Frankreich gegen den Vater verbünden. Der walzt den Aufstand mit zwanzigtausend Söldnern in der Normandie und im Poitou nieder. Ludwig VII. zieht sich erschrocken zurück. Eleonore wird gefasst, als sie versucht, in Männerkleidern nach Paris zu fliehen.

Sie wird nach England gebracht und in Salisbury interniert. Die Söhne unterwerfen sich, der Vater straft sie durch Einschränkung ihrer Befugnisse und Einkünfte. Als Thronfolger Heinrich überraschend stirbt, weigert sich der Vater, den Anspruch Richards anzuerkennen, der nun an der Reihe wäre. Stattdessen verlangt er von ihm, die Herrschaft über Aquitanien an seinen jüngsten Bruder Johann Ohneland abzugeben, den einzigen der Söhne, der nicht unter dem Einfluss der Mutter steht und dem bisher kein eigenes Reich zugefallen ist.

Richard ist auf der Zinne. Er zieht wie sein jüngerer Bruder Gottfried, Herzog der Bretagne, nach Paris. Dort regiert seit Ludwigs Tod 1180 dessen Sohn Philipp II. Die jungen Herren speisen zusammen aus einer Schüssel, teilen sogar nach höfischer Sitte das Nachtlager, wie die Chronisten berichten.

Freundschaft wird das nicht. Der Kapetinger Philipp hat ein klares Ziel, das er sein Leben lang verfolgt: Er will, dass die Engländer aus Frankreich verschwinden. Und wie der Lauf der nächsten Jahre zeigt, kann ihn daran nur einer wirklich hindern – Richard Löwenherz.

Im Juli 1189 stirbt, von allen seinen Söhnen befehdet, Heinrich II. in Chinon. Endlich kommt Eleonore aus ihrer Haft frei. Richard reist nach London. Am 3.September 1189 wird er in Westminster zum König von England gekrönt. Es ist eine prächtige Zeremonie mit allen Stützen der Gesellschaft, inszeniert von Eleonore. Nur die Juden, das hat der künftige König verfügt, sollen draußen bleiben. Als eine jüdische Delegation mit Geschenken erscheint, fällt der Mob über sie her. Zwar verbietet Richard weitere Pogrome, aber die Gewalt flammt immer wieder auf. Innerhalb eines Jahres sind die Juden aus England vertrieben.

Überall im christlichen Europa werden sie mit Inbrunst verfolgt. Seit Papst Urban II. selig am 27.November 1095 zum Kampf gegen die Ungläubigen aufgerufen hat, brennen die Synagogen. Der Heilige Krieg hat das Abendland erfasst. Die christlichen Dschihadisten ziehen gen Jerusalem; in zwei Kreuzzügen haben sie bereits die frühen Stätten der Christenheit erobert. In Palästina bilden sich fragile Kreuzfahrerstaaten, umzingelt und zunehmend bedroht von den Muslimen. 1187 wird Jerusalem von Sultan Saladin, dem Herrn über Ägypten und Syrien, zurückerobert – ein Schock für das christliche Abendland. Der Papst ruft erneut zum Kreuzzug auf.

Kein gläubiger Fürst kann sich verweigern. Richard, der bereits im November 1187 das Kreuz genommen hat, beginnt Geld für eine Streitmacht zu »sammeln«, das heißt, er enthebt sämtliche Würdenträger ihres Amtes. Wollen sie es zurückhaben, müssen sie dafür große Geldsummen zahlen. Da die Herren erhebliche Reichtümer angehäuft haben, kommt viel zusammen.

Nie zuvor gab es so eine Koalition. Die mächtigsten Heerführer der Christenheit stehen bereit: Deutschlands Kaiser und die Könige von Frankreich und England. Friedrich Barbarossa ist als Erster losgezogen. Doch sein Feldzug endet abrupt, als der Staufer am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph in Anatolien ertrinkt. 1191 machen sich Richard Löwenherz und Philipp von Vézelay aus auf den Weg in den Süden. Richard segelt mit 219 Schiffen und einer Streitmacht von 15000 Mann ins östliche Mittelmeer. Er erobert Zypern, setzt den dortigen Herrscher Isaak Komnenos fest, nimmt den Kronschatz an sich und erhöht die Steuern um fünfzig Prozent. Wenig später überlässt er – für einen guten Preis – die Insel dem Templerorden. Die Gewinne fließen in seine Kriegskasse. Auf Zypern nimmt er sich auch Zeit für einen eher beiläufigen Staatsakt: Er heiratet.

Eine Romanze ist es nicht. Über Richards Verhältnis zu Frauen gibt es allerhand Spekulationen. Dem jungen Herzog wird ein intensives Liebesleben nachgesagt – indes mehr mit den Schönen des eigenen als denen des anderen Geschlechts. Wie dem auch sei, sicher ist nur: Immer wenn es schwierig wird, gibt es eine Frau an seiner Seite. Und das ist seine Mutter Eleonore.

Am 12. Mai 1191 heiratet Richard in Limassol die Königstochter Berengaria von Navarra. Sie sei nicht schön, aber klug gewesen, bleibt alles, was über sie zu erfahren ist. Die Hochzeit wird zum Affront gegen Frankreich. Denn immerhin ist Richard seit seiner Kindheit, wir erinnern uns, mit Philipps Halbschwester Alice verlobt. Aber Richard will erfahren haben, dass die Französin die Geliebte seines Vaters war, was er Philipp genüsslich unter die Nase reibt.

Begleitet von Berengaria und seiner Schwester Johanna, erreicht er am 8. Juni mit seinen Truppen Akko und erobert die Stadt im Sturm. Sultan Saladin erklärt sich zur Übergabe des Wahren Kreuzes, aller christlichen Gefangenen und eines fürstlichen Geldbetrages bereit. Doch als er die Erfüllung der Vereinbarung hinauszögert, geschieht etwas, das den Ruhm des Königs Löwenherz verdunkeln sollte. Richard lässt 2700 muslimische Gefangene, darunter Frauen und Kinder, vor die Mauern der Stadt bringen und niedermetzeln. Das Massaker von Akko ist bis heute unvergessen.

Nach dem Sieg kommt die Krise. Die Stimmung unter den Kreuzfahrern ist gereizt. Streit um Beute, Streit um Kompetenzen. Philipp sieht seine Aufgabe beendet; er meldet sich krank und segelt heim. Dass sein Gegenspieler beim Kampf um Frankreich im Heiligen Land verbleibt, kommt ihm nur gelegen.

Richard, nun alleiniger Herr der Koalitionstruppen, führt das Kreuzfahrerheer in der Schlacht von Arsuf zu einem weiteren Triumph. Und als das bereits eroberte Jaffa bis auf die Zitadelle erneut von Saladins Truppen besetzt wird, entreißen ihm Richards Soldaten die Stadt gleich wieder in einem tollkühnen Streich. Doch den Sturm auf Jerusalem wagt der König nicht.

Das Heer ist geschwächt, er selber erkrankt. Der größte Kreuzzug aller Zeiten hat das Ziel nicht erreicht. Als Richard den Rückzug anordnet, zerbricht die fragile Allianz. Die Franzosen lassen sich von ihm nichts mehr befehlen. Alles, was der dreifache Sieger am Ende von dem nicht minder kriegsmüden Saladin erreicht, ist das Zugeständnis, dass die Kreuzfahrer als unbewaffnete Pilger die heiligen Stätten in Jerusalem besuchen dürfen. Richard ist nicht dabei.

Am 9. Oktober 1192 tritt er die Rückreise an; sie wird zu einer Irrfahrt durch feindliches Land. Der König, in Fragen der eigenen Sicherheit eher nachlässig, hat versäumt, die Details seiner Heimreise zu organisieren. Auf einem Piratenschiff segelt er in die Adria, geht in Istrien an Land. Als Kaufmann verkleidet zieht er mit wenigen Getreuen nach Norden.

Warum Richard ausgerechnet an Wien vorbei nach Hause will, ist ein Rätsel, denn dort herrscht Leopold V., Herzog von Österreich, den er während des Kreuzzugs vor Akko so gedemütigt hat, dass er wütend und ohne Beute abgereist ist. In Erdberg bei Wien wird Richard gestellt. Man bringt ihn nach Dürnstein in die Wachau, wo er in der machtvollen Burg hoch über der Donau gefangen gehalten wird.

Die Geisel verspricht fette Beute. Leopold zieht Kaiser Heinrich VI. ins Vertrauen. Der Sohn Barbarossas hat mit Richard eine Rechnung offen, weil das Haus Plantagenet beharrlich seinen größten Widersacher im Reich, die Welfenpartei, unterstützt. Die deutschen Herren beschließen, das Lösegeld ehrlich zu teilen. Ganz wohl ist ihnen dabei nicht. Denn die Kirche droht, jeden zu exkommunizieren, der einen Kreuzfahrer gewaltsam an der Heimkehr hindert.

Zu Hause weiß niemand, wo Richard abgeblieben sein könnte. Blondel, des Königs treuer Troubadour, begibt sich auf die Suche, zieht von Burg zu Burg und singt vor den Mauern ein Lied, das außer ihm nur einer kennt: Richard, sein König, mit dem er einst gemeinsam die Verse geschmiedet hat. Als Blondel schließlich auch vor Dürnsteins Mauern sein Liedchen anstimmt, ertönt aus einem Fenster der Burg die zweite Strophe. Es kann keinen Zweifel geben.

Ein letzter Pfeil trifft den König in der Abenddämmerung

Die Geschichtswissenschaft stellt es natürlich anders dar. Danach haben die Entführer sehr bald mit ihrer Geisel über die Freilassung verhandelt, gleichzeitig aber auch die Interessenlage von Richards Gegnern erkundet. Frohlocken in Frankreich. Philipp beeilt sich, Richards Bruder Johann Ohneland in England zu unterrichten, der prompt nach Frankreich segelt, um den Lehnseid für sämtliche angevinischen Länder zu leisten, die ihm bis dahin gar nicht gehörten. Und Alice, Richards ewige Verlobte, würde er auch heiraten. Doch noch darf er sich nicht König von England nennen, das kann Mutter Eleonore, von Richard zur obersten Stallwache bestimmt, nicht dulden. Sie hält Richard die Treue. Endlich meldet sich auch der Papst und fordert, den König sofort freizulassen.

Der wurde inzwischen nach Speyer gebracht und sieht sich mit den haarsträubenden Lösegeldforderungen des deutschen Kaisers konfrontiert: 23 Tonnen Silber, was etwa dem doppelten Jahreseinkommen der englischen Krone entspricht. Der Versuch Heinrichs, den Reichstag von Speyer wegen Richards angeblicher Verfehlungen im Heiligen Land in ein Tribunal zu verwandeln, geht jedoch schief. Richard vertritt seine Sache so überzeugend, dass die Reichsfürsten ergriffen applaudieren und der Kaiser seinem Gefangenen den Friedenskuss entbietet.

Aber Geschäft bleibt Geschäft. Die Entführer schrauben die Forderungen noch einmal hoch. Richard stimmt schließlich zähneknirschend zu, um nicht an Frankreich ausgeliefert zu werden. In England und in den Provinzen des Angevinischen Reichs werden die Steuern drastisch erhöht; Eleonore sammelt sie ein. Die Opferbereitschaft ist groß, die Summe erstaunlich schnell beisammen.

Am 4. Februar 1194 kommt Löwenherz endlich frei, nicht ohne zuvor dem Kaiser noch den Lehnseid geleistet zu haben. Der König ist jetzt ein Fürst des Heiligen Römischen Reichs. In Köln, Deutschlands größter Stadt, wird er begeistert empfangen. Von dort kehrt er zurück nach England, das ihm huldigt und von seinem Bruder nichts mehr wissen will. Nottingham, die letzte Bastion Johanns, ergibt sich. Ein Ausritt Richards in den nahen Sherwood Forest hat viele Robin-Hood-Filme inspiriert. Nur unnachsichtige Historiker bestehen darauf, dass der König der Diebe wahrscheinlich erst hundert Jahre später jenen Wald unsicher machte.

Ehe Richard die Insel wieder verlässt, beschließt er eine gesellschaftspolitische Reform von hohem Unterhaltungswert: die Einführung von Ritterturnieren. Die Kirche ist zwar strikt dagegen und verweigert den Männern, die dabei ums Leben kommen, ein christliches Begräbnis. Doch auf dem Kontinent sind Turniere als repräsentativer Kampfsport der Elite durchaus üblich. Englands ritterliche Jugend ist begeistert.

Derweil hat in Frankreich Philipp seine Hand nach Richards Ländern ausgestreckt. Seine Hoffnung, den Deutschen den gefangenen Gegenspieler abzukaufen oder aber sie zu bewegen, ihn weiter in Haft zu halten, sind zerschlagen. Im Mai 1194 ist Richard wieder auf dem Kontinent. In Lisieux wirft sich Johann Ohneland seinem Bruder zu Füßen, der Milde walten lässt. Johann nennt er, etwas von oben herab, ein Kind, das in schlechte Gesellschaft geraten sei.

Burg für Burg drängen Richards Truppen jetzt Philipps Mannen zurück. Frankreichs König gerät in die Defensive. Man verhandelt. Verträge werden geschlossen und wieder gebrochen. Schließlich verzichtet Philipp auf die meisten der bereits annektierten Gebiete.

Löwenherz zeigt sich von einer neuen Seite: als Staatsmann. Er versöhnt sich mit alten Widersachern, schließt Bündnisse mit Fürsten, die zuvor an Philipps Seite gestanden haben. Seinen Neffen Otto von Braunschweig macht er zum Herzog von Aquitanien; nach dem Tod Heinrichs VI. 1197 unterstützt er den Welfen beim Griff nach der Kaiserkrone. In der Normandie, hoch über der Seine, baut der König das gewaltige Château Gaillard, die modernste Burg Westeuropas. Sie soll seine Residenz werden, hier will er über das Herzland seines Reiches wachen.

Richard hat sein Haus bestellt und Philipp in die Schranken gewiesen. Nun muss er nur noch mit dem aufständischen Adel in Aquitanien fertig werden. Eine leichte Übung, wie es scheint. Im März 1199 belagert er den Sitz eines aufsässigen Fürsten. Die Burg Châlus ist sturmreif. In der Abenddämmerung spaziert er vor die Festung, die am nächsten Tag fallen wird. Hinter den Mauern halten sich kaum mehr 40 Menschen verschanzt. Ein Armbrustschütze ist auf den Burgturm geklettert, tagsüber hat er die Pfeile der Angreifer mit einer Bratpfanne abgewehrt, ein lächerlicher Gegner.

Doch einen Pfeil hat er noch. Der trifft Richard Löwenherz an der linken Schulter, dringt tief ein, denn der König trägt keine Rüstung. Er wankt, schwingt sich aufs Pferd. In seinem Heerlager versucht er den Pfeil selbst herauszureißen, doch der bricht ab. Schließlich schneidet ein Arzt die Spitze aus dem Körper. Aber Wundbrand kann er nicht verhindern. Am Abend des 6. April 1199 stirbt Richard Löwenherz in seinem 42. Jahr.

Kinder hinterlässt er keine. Seine Frau, mit der er nicht zusammengelebt hat, stiftet in Le Mans ein Kloster und nimmt selbst den Schleier. Sie sollte Richard noch um fast ein Vierteljahrhundert überleben.

Philipp II. indessen triumphiert. Die 77-jährige Eleonore (sie stirbt 1204) und Englands neuer König Johann Ohneland sind für ihn keine Gegner. In zäher Geduld bringt der Kapetinger bis zu seinem Tod 1223 fast ganz Frankreich in seine Gewalt. Der Kampf um die englischen Territorien und Herrschaftsansprüche wird jedoch noch einige Hundert Jahre dauern. Bis zu den Siegen der Johanna von Orléans. Aber da ist das Mittelalter, die Zeit der kühnen Ritter und der heiligen Krieger, fast schon vorbei.

Der Autor ist Journalist und lebt in Hamburg

 
Leserkommentare
    • MS
    • 01.09.2007 um 11:39 Uhr

    Die Kreuzzügler als Djihadisten zu bezeichnen mag zwar den Zeitgeist treffen, ist aber falsch. Die Idee des Kreuzzugs hat ganz andere theologische Wurzeln als die des Djihads.

  1. Den Anlass dafür, dass die europäischen Könige die ehemals christlichen Gebiete im nahen Osten zurückerobern mußten, hat der Autor vornehm verschwiegen: in einem halben Jahrhundert blutigen Dschihads hatte die Islamische Welt das Zentrum der christlichen Welt und die Länder der östlichen Kirche erobert: Syrien, Kleinasien, das heilige Land, Ägypten und Nordafrika. In diesen Ländern lebte die Mehrheit der Christenheit im frühen Mittelalter, bei den großen Konzilien der frühen Kirche war die Mehrzahl der Bischöfe aus diesen Gebieten gekommen (http://de.wikipedia.org/w...).

    Mittelbarer Anlass für den ersten Kreuzzug war eine vernichtende Niederlage des Oströmischen Kaisers gegen islamische Heere (http://de.wikipedia.org/w...).

    Angesichts dieser 500-jährigen islamischen Eroberungszüge finde ich es infam, die Kreuzritter Dschihadisten zu nennen.

  2. Meinen Vorpostern ist eigentlich nichts hinzuzufügen:

    dennoch, ein paar Details über die Kreuzzüge, die von medieninteressierter Seite heute ja gerne unterschlagen werden (zit. nach www.zenit.org/article-108...):

    ZENIT: Was sind die am weitest verbreiteten Irrtümer über die Kreuzzüge?

    Spencer: Eines der häufigsten Missverständnisse ist die Vorstellung, die Kreuzzüge seien ein unprovozierter Angriff von Seiten Europas gegen die islamische Welt gewesen.

    In Wirklichkeit stand die Eroberung Jerusalems durch die Muslime im Jahr 638 am Anfang jahrhundertelanger Angriffe von Seiten des Islam, und die Christen im Heiligen Land sahen sich einer Spirale der Verfolgung ausgesetzt, die zu eskalieren drohte.

    Zu Beginn des achten Jahrhunderts wurden zum Beispiel 60 christliche Pilger, die von Amorion, einer byzantinischen Stadt im Zentrum Anatoliens, kamen, gekreuzigt. Um dieselbe Zeit ließ der muslimische Kommandant von Caesarea eine Gruppe von Pilgern aus Ikonium (antiker Name für Konya, einer Stadt in Inneranatolien) gefangen nehmen und alle – bis auf eine kleine Zahl, die zum Islam konvertierten – als Spione hinrichten.

    Die Muslime verlangten von den Pilgern auch Geld – unter der Drohung, die Auferstehungskirche zu plündern, falls sie nicht zahlten.

    Im späteren Verlauf des achten Jahrhunderts ließ ein muslimischer Herrscher in Jerusalem das Symbol des Kreuzes in der Öffentlichkeit verbieten. Er ließ auch die Steuern für Nicht-Muslime erhöhen, die "jizya", die die Christen zu zahlen hatten, und verbot ihnen, ihre eigenen Kinder und ihre Mitchristen im Glauben zu unterweisen.

    Zu Beginn des neunten Jahrhunderts wurden die Verfolgungen so grausam, dass eine große Zahl von Christen nach Konstantinopel und in andere christliche Städten floh. Im Jahr 937 wüteten Muslime am Palmsonntag in Jerusalem und plünderten und zerstörten die Kirche auf dem Kalvarienberg sowie die Auferstehungskirche.

    Im Jahr 1004 ordnete der Fatimidenkalif [als "Fatimiden" wird die von Fatima, der jüngsten Tochter Mohammeds, abstammende mohammedanische Dynastie bezeichnet, Anm. d. Red] Abu 'Ali al-Mansur al-Hakim, die Zerstörung von Kirchen, das Verbrennen von Kreuzen und die Aneignung von Kirchenbesitz an. In den darauf folgenden zehn Jahren wurden 30.000 Kirchen zerstört, und unzählige Christen traten zum Islam über, um ihr Leben zu retten.

    Im Jahr 1009 ließ al-Hakim die Grabeskirche in Jerusalem zusammen mit mehreren anderen Kirchen, darunter die Auferstehungskirche, zerstören. Im Jahr 1056 vertrieben die Muslime 300 Christen aus Jerusalem und verbaten europäischen Christen, die wieder aufgebaute Grabeskirche zu betreten.

    Als die seldschukischen Türken im Jahr 1077 Jerusalem einnahmen, versprach der Seldschuke Emir Atsiz bin Uwaq, die Einwohner zu verschonen. Sobald jedoch seine Männer die Stadt betreten hatten, ermordeten sie rund 3.000 Menschen.

    Ein weiterer sehr geläufiger historischer Irrtum besteht in der Meinung, dass die Kreuzzüge mit dem Ziel geführt wurden, Muslime gewaltsam zum Christentum zu bekehren. Entgegen dieser Behauptung ist das Fehlen jeglichen Aufrufs Papst Urbans II. an die Kreuzfahrer, die Muslime zu bekehren, eklatant. In keinem der Berichte über Papst Urbans Erklärung auf dem Konzil von Clermont findet sich irgend eine derartige Aufforderung.

    Erst im 13. Jahrhundert – über 100 Jahre nach dem ersten Kreuzzug! – kam es dazu, dass europäische Christen einen koordinierten Versuch unternahmen, Muslime zum Christentum zu bekehren. Das geschah, als die Franziskaner in jenen Gebieten, die von den Kreuzfahrern besetzt worden waren, mit der Mission unter Muslimen begannen. Allerdings blieb dieser Versuch weitgehend erfolglos.

    Dazu kommt noch ein weiterer Irrtum über die Kreuzzüge. Er betrifft die blutige Plünderung Jerusalems durch die Kreuzfahrer im Jahr 1099.

    Die Eroberung Jerusalems wird oft als einzigartiges Ereignis in der Geschichte des Mittelalters dargestellt und als Ursache für das Misstrauen der Muslime gegenüber der westlichen Welt. Richtiger müsste es heißen: Sie war der Beginn einer jahrtausendelangen Verbreitung antiwestlicher Ressentiments und antiwestlicher Propaganda.

    Die Plünderung Jerusalems durch die Kreuzfahrer war zwar ohne Zweifel ein abscheuliches Verbrechen – besonders im Licht der religiösen und moralischen Prinzipien, auf die sie sich beriefen. Jedoch war sie nach den militärischen Standards der damaligen Zeit nichts Außergewöhnliches.

    In jener Zeit war es ein allgemein anerkannter Grundsatz der Kriegsführung, dass eine belagerte Stadt, wenn sie gegen die Eroberung Widerstand leistete, geplündert werden durfte. Leistete sie keinen Widerstand, pflegte man sie zu verschonen. Es ist historisch belegt, dass muslimische Armeen sich häufig genauso verhalten haben, wenn sie in eine eroberte Stadt einzogen.

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    • Merica
    • 02.09.2007 um 15:56 Uhr

    "ZENIT: Was sind die am weitest verbreiteten Irrtümer über die Kreuzzüge?

    Spencer: Eines der häufigsten Missverständnisse ist die Vorstellung, die Kreuzzüge seien ein unprovozierter Angriff von Seiten Europas gegen die islamische Welt gewesen.
    In Wirklichkeit stand die Eroberung Jerusalems durch die Muslime im Jahr 638 am Anfang jahrhundertelanger Angriffe von Seiten des Islam, und die Christen im Heiligen Land sahen sich einer Spirale der Verfolgung ausgesetzt, die zu eskalieren drohte."

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    Mark A. Gabriel, ehemals Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar-Universität in Kairo, beschreibt des Islam so: "I saw the history of Islam is nothing but a river of blood as a result of the deeds and the teachings of the founder of this religion."

    • Merica
    • 02.09.2007 um 15:56 Uhr

    "ZENIT: Was sind die am weitest verbreiteten Irrtümer über die Kreuzzüge?

    Spencer: Eines der häufigsten Missverständnisse ist die Vorstellung, die Kreuzzüge seien ein unprovozierter Angriff von Seiten Europas gegen die islamische Welt gewesen.
    In Wirklichkeit stand die Eroberung Jerusalems durch die Muslime im Jahr 638 am Anfang jahrhundertelanger Angriffe von Seiten des Islam, und die Christen im Heiligen Land sahen sich einer Spirale der Verfolgung ausgesetzt, die zu eskalieren drohte."

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    Mark A. Gabriel, ehemals Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar-Universität in Kairo, beschreibt des Islam so: "I saw the history of Islam is nothing but a river of blood as a result of the deeds and the teachings of the founder of this religion."

  3. Hier scheint ja enormer Rechtfertigungsdruck zu herrschen, aber mal Klartext: der gerechte Krieg ist eine Utopie, damals wie heute. Ist irgendwie Kindergarten, darauf zu beharren, dass die anderen aber angefangen haben. Die nachstehenden Schilderungen sind ja ganz interessant, allerdings gab es ja nun im christlichen Abendland keine muslimischen Enklaven, an denen man sich ebenfalls mit Pogromen hätte revanchieren können. Die nicht gerade von Nächstenliebe durchdrungene Haltung Richards gegenüber den Juden kommt ja zur Sprache, insofern finde ich es etwas lächerlich zu behaupten, die Kreuzfahrer hätten quasi aus humanitären Gründen interveniert...

    • Fahad
    • 02.09.2007 um 11:53 Uhr

    Spencer ist ein bekannter Hetzer gegen den Islam und kein Historiker. In der Tat sind seine Behauptungen, hier von user molinocampo kolportiert, grossenteils unhaltbar. Bis zu den Kreuzzuegen wurden die als Sarazenen, Ismaeliten oder Hagarener bezeichneten Araber gar nicht als Angehoerige einer neuen Religion wahrgenommen. Karl-Heinz Ohlig schreibt (1), dass die angeblichen islamischen Grossreiche in den ersten beiden Jahrhunderten AH mit Ausnahme des Qur’an keine literarischen Zeugnisse hinterlassen haetten. Ebenso wenig faenden sich Zeugnisse ueber eine neue Religion in den arabischen Reichen des Orients in byzantinischen Quellen dieser Zeit. Araber wuerden als Vasallen oder Gegner betrachtet, ohne dass eine neue Religion erwaehnt wuerde.

    Anders die Christen, die im Nahen Osten eine Fuelle von historischen Quellen hinterlassen haben und bis Ende des 8. Jahrhunderts ein bluehendes Binnenleben und missionarische Aktivitaet entfalten konnten. In der christlichen Literatur dieser Zeit findet die Lage des Christentums unter "islamischer Herrschaft" keine Erwaehnung. Es ist nach Ohlig "schwer zu erklaeren, warum sich Moenche oder Bischoefe dieser Zeit, einige von ihnen weitgereist, mit all ihrer Leidenschaft z.B. den Diskussionen um Monotheletismus und Monoergetismus oder aehnlichem zuwenden, wenn es die Bedrohung des Christentums insgesamt durch eine neue und von den Regierungen propagierte Religion gegeben haette."

    Was die angebliche "Eroberung" Jerusalems durch die Muslime angeht, so ist die Uebergabe der Stadt durch den Patriarch Sophrinus an arabische Eroberer durch keine Quellenangabe gedeckt. Hinweise auf eine "neue Religion" im Nahen Osten sind nach Ohlig in den ersten zwei Jahrhunderten mehr als spaerlich. Im Allgemeinen beklagten sich Christen nicht ueber eine Vorherrschaft der Sarazenen.

    Auch von fruehen Invasionen der Araber, etwa nach dem Tod Muhammads, wie sie der islamische Traditionelle Bericht schildert, ist in der von Ohlig untersuchten Literatur keine Rede. Gelegentlich werden Kaempfe, manchmal mit Ortsnamen, erwaehnt. "Herrschaft war damals (teilweise bis heute?) nur durch Gewalt zu sichern."

    Man sollte hier nicht der Vorstellung eines "christlichen" traditionellen Berichts erliegen, die Kreuzzuege seien nach 5 Jahrhunderten blutigen Jihads quasi ueberfaellig gewesen, wie Spencer nahe legt. In der Tat war das aktuelle Ereignis, das Urban II zum ersten Kreuzzug aufrufen liess, die nach 1071 fortdauernde Bedraengung des byzantinischen Reichs durch Seldschuken, Muslime allemal.

    (1) Karl-Heinz Ohlig. Hinweise auf eine neue Religion. In: Karl-Heinz Ohlig (Hrs.) Der fruehe Islam. Verlag Hans Schiler 2007, S. 223-325

    • Merica
    • 02.09.2007 um 12:08 Uhr

    Ein Hoch auf diesen Mann! Durch seine empirischen Recherchen und seinem couragierten Engagements mit dem er für Freiheit und Demokratie kämpft, ist er der Koalition zwischen den Appeasement-Jüngern und den Islamunterworfenen ein Dorn im Auge.
    Er hat gerade ein neues Buch ("Religion of Peace?: Why Christianity Is and Islam Isn't") auf den Markt gebracht, dass den Mythos um die Religion des Friedens empfindlich auf den Zahn fühlt.

    • Merica
    • 02.09.2007 um 15:56 Uhr

    "ZENIT: Was sind die am weitest verbreiteten Irrtümer über die Kreuzzüge?

    Spencer: Eines der häufigsten Missverständnisse ist die Vorstellung, die Kreuzzüge seien ein unprovozierter Angriff von Seiten Europas gegen die islamische Welt gewesen.
    In Wirklichkeit stand die Eroberung Jerusalems durch die Muslime im Jahr 638 am Anfang jahrhundertelanger Angriffe von Seiten des Islam, und die Christen im Heiligen Land sahen sich einer Spirale der Verfolgung ausgesetzt, die zu eskalieren drohte."

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    Mark A. Gabriel, ehemals Professor für Islamische Geschichte an der Al-Azhar-Universität in Kairo, beschreibt des Islam so: "I saw the history of Islam is nothing but a river of blood as a result of the deeds and the teachings of the founder of this religion."

    Antwort auf "Meinen Vorpostern ist"

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