Wer in diesen Tagen Illustrierte oder Zeitungen durchblättert, könnte auf die Idee kommen, der Reichtum der Gesellschaft sei zwischen den Generationen klar verteilt. Vor allem die Bilder erwecken diesen Eindruck: In den redaktionellen Teilen sind traurig dreinblickende Kinder vor leeren Tellern oder in schäbigen Wohnungen zu sehen. Auf den Anzeigenseiten hingegen strahlen fröhliche Rentner, braun gebrannt und weißhaarig, oft beim Segeln, Radfahren oder Reiten.

Arme Junge, wohlhabende Alte – diese Sicht hat sich in den vergangenen Jahren eingebürgert. Die Marketingabteilungen der Konsumgüterhersteller haben die Generation der über 50-Jährigen als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt und mit so seltsamen Etiketten wie »Best Agers«, »Silver Surfer«, »Whoopies« (well off old people) oder gar »Kukidents« bedacht. Die Politik wiederum hat sich den Problemen verwahrloster Kinder aus bildungsfernen Familien zugewendet. Deren Chancenlosigkeit gilt vielen als das größte sozialpolitische Problem der Gegenwart.

Für den Moment ist diese Sicht nicht falsch. In Städten wie Berlin lebt inzwischen jedes sechste Kind von staatlichen Hilfen. Die Zahl der Ruheständler, die ihre Einkommen durch die staatliche Grundsicherung aufstocken müssen, liegt dagegen nur bei knapp zwei Prozent. Den Alten geht es gut: Im Durchschnitt ist die heutige Rentnergeneration besser versorgt als alle Jahrgänge zuvor.

Vielleicht werden deshalb die Probleme, denen sich die Alten der Zukunft gegenübersehen werden, ausgeblendet. Doch die Generation der Babyboomer hat andere als ihre Vorgänger. Die Menschen haben oft mehrfach unterbrochene Erwerbsbiografien. Nicht einmal jeder zweite Deutsche zahlt gegenwärtig überhaupt noch in die Sozialsysteme ein. Gleichzeitig haben die vergangenen Rentenreformen die Ansprüche künftiger Rentner erheblich reduziert. Waren bisher vor allem nicht erwerbstätige Mütter die Verlierer der Rentenpolitik, so werden dies in Zukunft Geringverdiener, Arbeitslose und vor allem viele Selbstständige sein. Für sie gibt es wenig Grund, über die »Rente ab 67« zu jammern, viele von ihnen werden im Alter so lange weiterarbeiten, wie es geht, manchmal bis zum Tod.

An dieser Zielgruppe geht die schwarz-rote Rentenpolitik vorbei. Das ist merkwürdig, schließlich bringt die Regierung Merkel vielerlei soziale Neuerungen auf den Weg – vom Mindestlohn für Mitarbeiter von Paketdiensten bis zum Elterngeld. Und auch die Alterssicherung wird in manchen Bereichen ausgebaut:

Von inzwischen neun Millionen Riester-Verträgen werden vor allem Eltern profitieren, von 2008 an steigt die Grundzulage auf 154 Euro und die Kinderzulage auf 185 Euro, und für jedes Neugeborene kommen sogar 300 Euro im Jahr hinzu.

Die staatliche Förderung von Betriebsrenten wurde gerade verlängert.

Beide Parteien wollen mit sogenannten Investivlöhnen Arbeitnehmer an den Erträgen ihrer Unternehmen beteiligen, auch das kann im Alter helfen.

Beinahe hätte die Koalition vor der Sommerpause sogar noch einen »Pflege-Riester« eingeführt, mit dem das Sparen für den Pflegefall subventioniert werden sollte. Gemeinsam ist all diesen Ideen, dass sie nur Menschen helfen, die durch die gesetzliche Rentenversicherung schon abgesichert sind. Ihnen droht aber ohnehin nur selten Armut. Freiberufler hingegen, egal, ob wohlhabend oder arm, haben keinen Anspruch auf Riester-Förderung. So geht die staatliche Hilfe an denen vorbei, die sie besonders brauchen. Doch die Nöte des alternden Prekariats sind momentan kein Thema – die Regierung schweigt und schaut weg.

Bisher ist echte Altersarmut, anders als in den Nachkriegsjahren, hierzulande kein Massenproblem. In den vergangenen Jahren haben zwar Nullrunden bei der Rente, Beitragssteigerungen der Krankenkassen, höhere Strom- und Lebensmittelpreise und neue Abgaben auf Betriebsrenten viele ältere Menschen getroffen. Selbst Ruheständler, die nur sehr kleine Renten bekommen, stehen aber oft besser da, als der flüchtige Blick in die Statistik zeigt. Oft haben sie hohe andere Einkommen. So zeigt eine aktuelle Studie zur Alterssicherung in Deutschland, dass die Gruppe der verheirateten Männer mit einer Rente von weniger als 275 Euro in Westdeutschland zusammen mit ihren Ehefrauen über ein Durchschnittseinkommen von 2.388 Euro verfügt. In manchen Fällen haben solche Rentner nur wenige Jahre in die Versicherung eingezahlt und sind anschließend Beamte geworden, beziehen also eine hohe Pension. In anderen Fällen kommen hohe Einnahmen aus Mieten oder gute Betriebsrenten hinzu. 59 Prozent aller männlichen und 60 Prozent aller weiblichen Beschäftigten hatten im Jahr 2004 eine betriebliche oder öffentliche Zusatzvorsorge, wie eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bei 20.000 Menschen zeigt.