Nach langem Zögern stimmte vergangene Woche auch die Unionsspitze zu. Auf dem Post-Markt könnte es deshalb schon bald einen Mindestlohn geben. Es wird höchste Zeit. Denn vom nächsten Jahr an verliert die Deutsche Post ihr Restmonopol. Briefe bis zu 50 Gramm dürfen heute nur in eng begrenzten Fällen von Konkurrenten transportiert werden. Von 2008 an herrscht völlige Freiheit auf dem Markt.

Deutschland nimmt damit eine Vorreiterrolle ein. In den meisten anderen Ländern der Europäischen Union wurde die Liberalisierung auf 2011 vertagt. Und das bedeutet, dass der heimische Zehn-Milliarden-Markt für ausländische Rivalen komplett geöffnet, die Post aber umgekehrt in ihrer Expansion empfindlich ausgebremst wird.

Die Sorge, dass der wachsende Wettbewerb vor allem auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden könnte, ist begründet. Die Vergangenheit zeigt, dass die Liberalisierung dieses Marktes Arbeitsplätze vernichtet hat, statt welche zu schaffen. Außerdem führte sie dazu, dass Löhne gedrückt und Arbeitsbedingungen verschlechtert wurden.

Seit 1999, damals startete die Öffnung des Geschäfts in kleinen Schritten, gingen bei der Post bereits 34.000 Voll- und Teilzeitstellen verloren. Die Konkurrenten schufen mit 12.000 nur etwas mehr als ein Drittel neu. Hinzu kam lediglich ein Heer von Mini- und Gelegenheitsjobbern. Viele Post-Rivalen sparen vor allem beim Lohn – und drohen dabei in eine verhängnisvolle Spirale nach unten zu geraten. Wer seinen Vorteil aber nur darin sieht, immer billiger anzubieten, kann niemals besser werden. Im Gegenteil: Er endet als unzuverlässiger Billigheimer, dem schließlich niemand seine Post mehr anvertrauen mag.

Noch konzentrieren sich die privaten Anbieter auf Großkunden aus der Wirtschaft. Aber auch dort herrscht nur noch eine Maxime: Geiz ist geil. Weil selbst viele Behörden beim Versenden ihrer Post um jeden Cent zu feilschen pflegen, tragen auch sie zum Sozialdumping bei.

Somit schrumpfte die Zahl jener Arbeitsplätze mit Einkommen, von dem die Beschäftigten leben können. Etliche, die heute für Brief- und Kurierdienste ihre Arbeit tun, bleiben auf staatliche Hilfe angewiesen. Rund 8400 Menschen sind nach Auskunft der Bundesregierung davon betroffen. Selbst Vollzeitkräfte mit einer 40-Stunden-Woche sollen in manchen Fällen so wenig Geld verdienen, dass sie zusätzlich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II haben. Post-Chef Klaus Zumwinkel kritisiert diese Entwicklung zu Recht. Es gehe nicht an, so sein Argument, dass die Post und ihre Mitarbeiter pro Jahr 2,3 Milliarden Euro in die Sozialkassen einzahlten, während die Wettbewerber sich ihre Marktpräsenz quasi über Niedriglöhne und Transferleistungen aus den Staatskassen finanzieren ließen.