Die deutschen Geisteswissenschaften, so klingt es auf und ab, sind am Ende. Von den Universitätsreformern vernachlässigt, durch Bachelor und Master in ein geistesfeindliches Korsett gezwängt, von Bürokratie überwältigt, seien sie aus der ihnen zustehenden, herausgehobenen Stellung an der Universität vertrieben und »zu Fremdlingen im eigenen Haus« gemacht worden. Nicht nur diese Disziplinen seien dadurch akut bedroht, sondern, so beschwören es Ordinarien an Hochschulen und Oberordinarien in Redaktionen, die ganze deutsche Universität sei es.

Diese kulturpessimistische Klage hat eine lange Tradition in Deutschland, und wie zu zeigen ist, keine gute. Sie ist aber nicht nur unberechtigt, sie lenkt auch ab von der wirklichen Krise der Geisteswissenschaften: der Vernachlässigung der Lehre.

Die Rede von der »Krise der Geisteswissenschaften« formte sich am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Kaiserreich dienten die Geisteswissenschaften als Identitätsstifter und Legitimationsproduzent. Sie besorgten die historische Herleitung des neuen Nationalstaates aus der Tradition des Alten Reiches und schufen mit dem Neuhumanismus das bildungsbürgerliche Leitbild der deutschen Gesellschaft. Damals wuchs den Geisteswissenschaften eine Sonderrolle innerhalb der Universitäten zu, die sie rund hundert Jahre behaupten sollten.

Zugleich sahen sich die Geisteswissenschaftler als Sachwalter der Opposition gegen Materialismus, Entfremdung und Vermassung und den »kalten« Intellekt der Naturwissenschaftler. Das Konzept des »allseitig gebildeten Menschen« sollte das Gegenbild zum technischen Spezialisten werden. Das Selbstbewusstsein der Geisteswissenschaftler nahm zuweilen skurrile Formen an. So lehnte der Romanist Ernst Robert Curtius 1920 einen Ruf nach Aachen deshalb ab, weil er fürchtete, dort vom »Ordinarius für Heizung und Lüftung« mit »Herr Kollege« angeredet zu werden.

Als diese Sonderstellung in den Jahren der Weimarer Republik als bedroht empfunden wurde, reagierten die deutschen Geisteswissenschaftler mit leidenschaftlicher Opposition gegen Republik und kulturelle Moderne. Die Diskriminierung der deutschen Nation durch die Alliierten und die unberechtigte Diskriminierung der Geisteswissenschaften durch die Republik sowie eine auf wirtschaftliche Verwertbarkeit orientierte Gesellschaft wurden als Parallelen und Symptome des Verfalls angesehen. Ein scharfer Nationalismus der professoralen Geisteswissenschaftler war die Reaktion, verbunden mit einer Absage an Liberalismus und Demokratie.

Hier lagen auch die wesentlichen Faktoren für die reibungslose Einpassung der Geisteswissenschaften in den nationalen Staat nach 1933. Zugleich verstummte nun auch die allfällige Rede von der »Krise der Geisteswissenschaften«, wenngleich es sich bald als kapitale Fehlwahrnehmung erwies, dass im Führerstaat die alte Sonderstellung der Geisteswissenschaften wieder erlangt worden sei. Zugleich aber akzeptierten die deutschen Geisteswissenschaftler ohne erkennbare Irritation, dass etwa ein Fünftel ihrer Professorenkollegen und fast ein Drittel aller Hochschulangehörigen aus der Universität aus politischen und rassischen Gründen vertrieben wurden – trotz des viel beschworenen humanistischen Bildungsideals. Hier ist die alte deutsche Universität mitsamt ihren Idealen zugrunde gegangen. Das muss man den emphatischen Kritikern an den heutigen Universitätsreformen doch entgegenhalten.

Geisteswissenschaftler spielen keine Sonderrolle mehr – zum Glück

Nach 1945 gelang es den personell kaum veränderten Geisteswissenschaften erstaunlich schnell wieder, die Meinungsführerschaft in der Bundesrepublik zu erlangen. Gemeinsamer Anschlusspunkt quer durch die Disziplinen war dabei die Wiederaufnahme der kulturpessimistischen Modernekritik, diesmal erweitert durch die Kritik am Lebensstil des »Amerikanismus« und der Konsumgesellschaft. Dabei erfuhren Historiker, Germanisten und Philosophen in Politik und Gesellschaft breite Unterstützung, die in den alten Sprachen und der Goethe-Ausgabe eine Art rückwirkender Opposition gegen den Totalitarismus erblickte.

Veränderungen brachte erst die Diskussion um die Bildungsreformen, die in relativ kurzer Zeit zu einem gewaltigen Ausbau der Hochschulen führte. Zugleich forcierte eine neue Generation von Wissenschaftlern methodische und fachliche Neuorientierungen. Und noch einmal errangen die Geisteswissenschaften – diesmal zusammen mit den Sozialwissenschaften – eine herausgehobene Sonderstellung in Universität und Gesellschaft, nun aber unter den Vorzeichen der »Demokratisierung«.

Bei allen Unterschieden, die sich politisch zwischen den alten Ordinarien und ihren Nachfolgern der 68er-Zeit ergeben – die Vorstellung von der besonderen Mission der Geisteswissenschaften gegen Ökonomisierung und Moderne hatten beide gemein. Es ist deshalb kein Wunder, dass die schroffe Kritik an der gegenwärtigen Hochschulreform von Konservativen und Alt-68ern gemeinsam ertönt.

Denn nach 1980 verloren die Geisteswissenschaften ihre herausgehobene Position als Demokratisierungswissenschaften oder als Exklusivraum der Gebildeten und Damm gegen Vermassung. Die Ursachen sind vielfältig: die Zunahme der Studentenzahlen von 15 auf 25 Prozent eines Jahrganges, die Pluralisierung der disziplinären Ansätze sowie die Erschütterung gesicherter Kenntnisse etwa durch das Heraufdämmern der Postmoderne. Die geisteswissenschaftlichen Disziplinen wurden zu Wissenschaften unter anderen. Damit zählte auch für sie allein die wissenschaftliche Leistung: in der Forschung, national wie international, in der Lehre, bei der Ausbildung des Nachwuchses.