BERUF Boss trifft Ross
Beim Pferde-Coaching wollen Manager erfahren, wie es um ihre Führungsstärkebestellt ist. Ein Selbstversuch
Ihr Blick signalisiert Desinteresse, ihre Arbeitsmotivation geht gegen null. Langsam senkt sie ihren Kopf und schnaubt mir mit einem Seufzer eingespeichelten Hafer ins Hemd. Wäre sie meine Kollegin spätestens jetzt herrschte Krieg im Büro. Aber das hier ist kein Büro, sondern eine Koppel, und Disco ist eine Stute, ein riesiges Shire Horse, und sie soll mir zeigen, welches Führungspotenzial in mir schlummert.
Discos erste Reaktion lässt vermuten: Sollte es bei mir überhaupt Potenzial geben, dann schlummert es nicht. Es liegt im Koma.
Seit vor knapp zehn Jahren Robert Redford als Pferdeflüsterer auf der Leinwand erschien, erfreuen sich Coachings mit Pferden großer Beliebtheit. Denn sie versprechen Führungskräften, über den Umweg durch den Stall zum Mitarbeiter-Flüsterer zu werden.
Christopher Lesko leitet die Berliner Pferdeakademie und ist überzeugt davon, dass Pferde für das Coaching bestens geeignet sind. » Ihnen ist es egal, ob man mit einem Ferrari vorfährt und was auf der Visitenkarte steht«, sagt der Psychologe. » Sie reagieren ausschließlich auf das, was wir Menschen ausstrahlen.« Seit 14 Jahren arbeitet er als Trainer und Ausbilder für Gruppendynamik und Organisationsentwicklung mit Unternehmen und Führungskräften. Seit vier Jahren setzt er dabei auch auf Pferdestärken nicht als besonderen Gag oder Show-Element. » Ein Pferd kann niemandem sagen, was er falsch macht«, sagt er. » Aber es signalisiert jedem deutlich, wenn etwas falsch läuft es hilft quasi bei der Diagnose.« Die Trainingsarbeit überlässt er ausgebildeten Reitlehrern. Auf mehrtägigen Seminaren wie dem Training »Focus Position« sollen Führungskräfte mit Hilfe der Tiere eine »alternative Perspektive« auf ihre Durchsetzungsfähigkeit gewinnen. 2000 Euro und mehr ist ihnen das wert.
Bevor aber Boss und Ross aufeinander treffen, lernen sich die Seminarteilnehmer erst einmal gegenseitig kennen. » Professionell begleiteter Reflexionsprozess mit gruppendynamischen Trainingselementen« heißt das in der Sprache der menschlichen Coaches.
Außer mir ist noch ein IT-Entwickler gekommen, der seine Abteilung im Unternehmen nicht genug repräsentiert sieht. Und eine Projektmanagerin, die zwar für ein Großprojekt mit sechsstelligem Budget verantwortlich ist, sich aber von den Kollegen nicht ernst genommen fühlt. Mein Problem, so kommt man in der Runde überein, sei wahrscheinlich Kontrolle und mangelndes Vertrauen. Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob das stimmt aber Disco wird mir bestimmt die Antwort geben.
Die Logik des Pferdetrainings geht davon aus, dass die Gruppendynamik in einer Pferdeherde der in einem Büro durchaus ähnlich ist. Es gibt immer einen Boss bei den Pferden die Leitstute , der den Laden zusammenhält und anführt. Dann gibt es noch den besten Kumpel des Bosses. Und die Rolle des Betatieres des ewigen Nörglers, der den Boss auf seine tatsächliche Führungskraft hin testet. Und schließlich das Omegatier, den Prügelknaben. Zumindest beim Vokabular funktioniert der Vergleich: dort die Bürohengste, da die Herdentiere. Stutenbissige Kolleginnen, Futterneid in der Kantine und beim Gehaltsgespräch, Fluchtreflexe und Auskeilen das alles erlebt man im Büro wie auf der Koppel.
Christopher Leskos Kunden kommen aus Softwarefirmen oder aus der Medienbranche, aus Unternehmensberatungen und Großkonzernen. Die Probleme ähneln sich. » Oft sind Strukturen und Prozesse so wichtig, dass Kopf und Herz mittlerweile weit voneinander entfernt sind«, sagt der Akademieleiter, »der Mensch gerät aus dem Blickfeld.« Das Pferd sei für die Weiterentwicklung deshalb so geeignet, weil es so naturnah sei und im Gegensatz zu Hunden sich nicht einfach unterwirft. Das Training mit den Pferden soll Kernkompetenzen fördern: Als Führungskraft sollen die Seminarteilnehmer wie die Leitstute Gefolgschaft erreichen und klare Grenzen setzen.
Unsere erste Übung hört sich einfach an und überträgt das, was Manager den ganzen Tag mit ihren Mitarbeitern tun, auf das Pferd: führen. » Sie sind der Boss also kein Überholen, Anrempeln oder Ausbüxen«, sagt Carolin Franzke, unsere Trainerin. Sollte etwas nicht klappen, dürften wir eines nie vergessen: »Es ist ein Pferd Sie dürfen es nicht persönlich nehmen.« Zwei meiner Seminarkollegen machen es vor: Pferd locker an die Leine nehmen, loslaufen, alles kein Problem. Disco setzt sich in Bewegung, zockelt gelangweilt hinter ihnen her. Auch als ich an der Reihe bin, zeigt sie wenig Temperament sie bewegt sich erst gar nicht. Disco steht wie eine Eins, 900 Kilo Pferd in Null-Bock-Haltung. Die anderen feixen. Ich kriege einen Schweißausbruch. Wäre da kein Publikum, ich würde das Pferd wahrscheinlich einfach stehen lassen.
Die nächste Übung: Das Pferd im Slalom um vier neonfarbene Markierungshütchen führen. » Sie machen das Tempo, Sie geben den Weg vor«, ruft Carolin Franzke. Wieder ist Disco nur bedingt kooperativ.
Sie schlappt geradeaus, anstatt Kurven zu gehen. Ausnahmsweise lässt sie damit nicht mich dumm aussehen, sondern die Projektmanagerin. Frau Franzke appelliert an unsere Souveränität wer führen will, muss cool bleiben.
In der dritten Runde geht es darum, Grenzen zu ziehen und Respekt einzufordern. Geübt wird Anhalten: Mit ausgebreiteten Armen und einem lauten »Houh!« soll das Pferd gestoppt werden. Das sieht etwas seltsam aus, vor allem, wenn es nicht klappt: Disco rennt mich einfach frontal über den Haufen. Viermal hintereinander.
»Überlegen Sie mal: Haben Sie im Büro nicht oft dasselbe Problem? Dass Ihre Grenzen nicht akzeptiert werden?«, fragt Carolin Franzke in die Runde. Nein, dieses Problem kenne ich so nicht. In meinem Büro wird niemand über den Haufen gerannt.
Nach dem Gehen, dem Slalom, Bremsen und einer Manöverkritik wirken die meisten Teilnehmer etwas geknickt, Zuspruch ist willkommen. So richtig rund lief es bei keinem eine Erkenntnis, an der manche der Führungskräfte offensichtlich zu knabbern haben. Christopher Lesko kann ein wenig Trost spenden. » Es gibt ja sehr unterschiedliche Führungsstile kein richtig oder falsch.« In meinem Fall fehle es vor allem an Diskussionsbereitschaft. Ich solle versuchen, Kompromisse auszuhandeln, statt den Alleingang zu wählen. Vertrauen statt Kontrolle. Nach einem Tag mit Disco und dem Pferde-Führungskräfte-Training muss ich mich jetzt wohl verabschieden.
Von der Idee, ich sei ein Team-Player, kollegial und grundsympathisch, egal, ob Mensch oder Tier. Disco hält mir den Spiegel vor und mich eher für einen totalitären Führungstyp, Abteilung Despot. Nein, ich nehme das nicht persönlich. Denn auch wenn sie recht haben sollte: Zumindest bin ich nur ein kleiner Diktator. Einer von der Sorte, die man auch mal umwerfen darf.
- Datum 30.08.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.36 vom 30.08.2007, S.72
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