Wissenschaftsförderung Begehrt wie Fußballer
Mehr Geld, bessere Forschungsbedingungen: Die Humboldt-Stiftung will so die besten Wissenschaftler nach Deutschland locken. Ein Gespräch mit ihrem Präsidenten Wolfgang Frühwald
DIE ZEIT : Die Alexander von Humboldt-Stiftung soll ausländische Nachwuchsforscher an deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute bringen. Jetzt baut sie ihre Stipendienprogramme radikal um. Ist Ihr bisheriges Konzept gescheitert?
Wolfgang Frühwald : Keineswegs. 23000 geförderte junge ausländische Forscher in der Geschichte der Stiftung, darunter 40 Nobelpreisträger, sind eine eindrucksvolle Bilanz. Doch der internationale Wettbewerb um die begabtesten Wissenschaftler hat sich extrem verschärft. Dass sie nach Deutschland kommen, ist nicht mehr so selbstverständlich, wie es 50 Jahre lang gewesen ist.
DIE ZEIT : Die Konkurrenz ist also besser geworden?
Frühwald : Vor allem geben andere unglaublich viel Geld aus, um die besten Forscher ins Land zu holen. Früher mussten wir nur mit den USA, Australien und einigen anderen Staaten der westlichen Welt konkurrieren, jetzt mischen auch China, Indien, Taiwan, Korea oder Singapur mit. Unsere Konkurrenten kaufen Wissenschaftler ein wie Fußballspieler, da können wir finanziell nicht mithalten. Aber wir können die Bedingungen für unsere Stipendiaten so verändern, dass Deutschland attraktiv bleibt.
DIE ZEIT : Welche konzeptionellen Veränderungen wird es geben, um dieses Ziel zu erreichen?
Frühwald : Bisher hatten wir starre Altersgrenzen. Wer 40 Jahre oder älter war, kam für ein Stipendium nicht mehr infrage. In den Geisteswissenschaften war das ein großes Problem. Jetzt ist eine Förderung bis zwölf Jahre nach der Promotion möglich. Die jungen Leute können ihre Forschungsaufenthalte auch in mehrere Abschnitte von jeweils drei Monaten splitten, das ist gerade für junge Wissenschaftler aus den USA sehr interessant, die am Beginn einer Dauerprofessur stehen und nur die Sommermonate über Zeit haben. Wir erschließen uns durch diese Reform einen ganz neuen Personenkreis. Die Amerikaner stehen unter unseren Stipendiaten jetzt bereits an dritter Stelle.
DIE ZEIT : Mehr Geld gibt es gar nicht?
Frühwald : Die Bundesregierung förderte die Stiftung im vergangenen Jahr mit 52,5 Millionen Euro. Unser Budget wird aber jetzt noch einmal um weitere sechs Millionen Euro steigen. In Zukunft werden die Stipendiaten einen gewissen Geldbetrag bekommen, den sie an ihrer deutschen Universität oder dem Forschungsinstitut in die Forschung mit einbringen können. Wir reden hier nur von 500 bis 800 Euro im Monat, aber für die Universitäten werden die Nachwuchswissenschaftler dadurch schon zu einer attraktiven Erwerbung. So steigt ihre Wertschätzung.
DIE ZEIT : Die Forscher sollen sich willkommen fühlen?
Frühwald : Das ist überhaupt der entscheidende Punkt. Dass die USA lange bei den Forschern so beliebt waren, lag nicht so sehr an der besseren Finanzierung, sondern am allgemein forschungsfreundlichen Klima. Das wollen wir auch herstellen. Indem wir etwa Willkommenszentren an den Universitäten einrichten, um den jungen Leuten bei allerlei Formalitäten zu helfen, wenn sie nach Deutschland kommen. Oder indem wir Zuschläge zahlen für Ehepartner und Kinder, damit die Trennung von der Familie nicht zum Grund wird, den Forschungsaufenthalt abzusagen. Die Situation ist für uns günstig, gerade jetzt bei den ausländischen Forschern zu punkten: Die Amerikaner werden durch ihre neue restriktive Einwanderungspolitik nach dem 11. September 2001 stark behindert.
DIE ZEIT : Aber läuft es nicht doch am Ende immer irgendwann aufs Geld hinaus? Wer mehr zahlt, bekommt die besten Forscher?
Frühwald : Wahr ist: Wenn Sie als junger Forscher für fünf Jahre an einer Spitzeninstitution etwa in Singapur gearbeitet haben, sind Sie auf lange Zeit finanziell saniert. Doch weil wir diese Möglichkeiten nicht haben, müssen wir bei den anderen Faktoren stark sein, in der Betreuung vor allem. Befragungen zeigen glücklicherweise, dass andere Standortvorteile von den jungen Forschern als noch grundlegender eingeschätzt werden als die Höhe des Stipendiums: Wo ist das beste Forschungsumfeld zum Beispiel. Und wie sicher fühlen sich die Wissenschaftler auf den Straßen. In beidem kann Deutschland punkten.
DIE ZEIT : Tatsächlich? Gerade erst hat der Mob in Mügeln Inder durch die Stadt gejagt und verprügelt.
Frühwald : Solche Ereignisse sind nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch extrem schädlich für Deutschland als Wissenschaftsstandort. Doch zum Glück läuft die Anwerbung neuer Stipendiaten meist über die Mundpropaganda Ehemaliger. Und die kehren fast immer begeistert in ihre Heimat zurück.
Das Gespräch führte Jan-Martin Wiarda .
- Datum 05.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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