Ich bin wieder abgehaun.« Das Mädchen grinst, halb verlegen, halb provozierend. Keine 15 Jahre alt, Stupsnase und Springerstiefel. Sie lehnt an einer Kaufhausmauer in der Kölner Fußgängerzone und starrt in den Regen. Julia Zahidi geht einen Schritt auf sie zu: »Ja, und jetzt?« Das Mädchen zuckt die Achseln. Der Junge neben ihr, zu dessen Milchgesicht dieser penetrante Geruch nach altem Schweiß so gar nicht passen will, legt den Arm um sie: »Jetzt bleibt sie erst mal hier, bei uns.« Die Streetworkerin Julia Zahidi zieht die Augenbrauen hoch. »Bei uns«, das heißt »auf der Straße«. Sie von dort wegzulotsen ist das Ziel der Stiftung Off Road Kids, für die Zahidi arbeitet.

2500 Kinder ab zwölf Jahren geraten in Deutschland jährlich auf die Straße, schätzt der Gründer von Off Road Kids, Markus Seidel. Er stützt sich dabei auf Vermisstenstatistiken des Bundeskriminalamts und auf eigene Forschungen; offizielle Zahlen gibt es nicht. Laut Seidel kommen die Kinder aus allen Milieus. Ihre Gründe, von zu Hause auszureißen, reichen von Vernachlässigung bis hin zu Missbrauch: »Es muss schon ein schlimmer Vertrauensbruch passieren, damit ein Kind sein Dach überm Kopf aufgibt.«

Das Mädchen an der Kaufhausmauer, nennen wir es Maja, hat bereits Übung im Weglaufen: zuerst von der Familie, jetzt aus dem Heim. Der Vater ist tot, mit der Mutter hat sie »immer wieder Stress«. Sie schiebt das Kinn vor: »Wenn ich jetzt wiederkomm, krieg ich Ausgangssperre, nee, keine Lust.« Streetworkerin Zahidi, eine 31-Jährige mit blondem Kurzhaarschnitt und schwarzem Rock, kramt in ihrer Tasche nach den Visitenkarten, die sie bei ihren täglichen Runden durch die Innenstadt immer dabeihat. »Wenn du es dir doch noch überlegen solltest, dann komm zu uns ins Büro«, sagt sie. »Wir finden eine Lösung für dich.«

So arbeitet Off Road Kids. »Wir wollen nicht, dass die Kinder es sich auf der Straße gemütlich machen«, erklärt Gründer Markus Seidel. Das heißt: Die Stiftung verteilt weder Essen noch saubere Spritzen. Stattdessen haben seine Mitarbeiter Zeit, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen und sie zu überreden, das Straßenleben aufzugeben, indem sie ihnen ihre Perspektiven aufzeigen. Sie begleiten sie auf die Ämter und vermitteln Schulplätze und Weiterbildungsangebote. Sie helfen bei der Suche nach betreutem Wohnen oder einem Heimplatz. Und wo es möglich ist, führen sie die Kinder zu ihren Familien zurück.

Die Stiftung kennt keine Grenzen, weder bei der Betreuungsdauer noch, was das Alter angeht. Zwar ist das erklärte Ziel, die Kinder abzufangen, bevor sie sich auf der Straße eingerichtet haben. Wo das aber nicht klappt, halten die Streetworker oft über Jahre hinweg den Kontakt und lassen auch nicht locker, wenn ein Kind volljährig wird. Off Road Kids hat Standorte in Köln, Berlin, Hamburg und Dortmund. Die Streetworker notieren sich jeden Abend die Kinder, die sie auf der Straße getroffen haben; mindestens einmal wöchentlich tauschen sich die Kollegen deutschlandweit aus, ob ein Kind, das gerade die eine Stadt verlassen hat, in der anderen aufgetaucht ist.

Nach Maja wird inzwischen polizeilich gefahndet. Zahidi kann dem Polizisten, der vorn an der Kreuzung patrouilliert, allerdings keinen Tipp geben: »Der bringt sie zurück ins Heim; nach einer Woche läuft sie wieder davon. Die Anzeige fällt auf uns zurück, und wir haben Majas Vertrauen verloren. Dann lässt sie keinen mehr an sich ran – und ist immer noch auf der Straße. Wir müssen sie dazu bringen, dass sie sich selbst entscheidet, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Nur dann hat sie eine Chance.« Eine Gratwanderung, die auch den Streetworkern Bauchschmerzen bereitet. Zu gut kennen sie die Gefahren der Straße. In Majas Nähe lungert bereits Melchior herum, ein 30-jähriger Obdachloser mit Lederjacke und fiesem Grinsen, der dafür bekannt ist, junge Mädchen in der Szene unter seine Fittiche zu nehmen – für entsprechende Gegenleistung. Missbrauch könnte man das nennen, aber das sieht Maja wohl nicht so. Für jemanden, der wenig Zuneigung in seinem Leben bekommen hat, ist das Freundschaft.