Vielleicht wäre es auch ohne den Diana-Schock so gekommen. Vielleicht hätte Tony Blair sich gar nicht vor die Fernsehkameras stellen und die geschiedene Frau des Thronfolgers mit gebrochener Stimme zur "Prinzessin des Volkes" verklären müssen. Dass Großbritannien sich grundlegend verändert hat, seit sie vor zehn Jahren bei einem Autounfall in Paris ums Leben kam, mag alle möglichen Gründe haben. New Labour hatte wenige Monate zuvor ein ausgepumptes Tory-Regime abgelöst. Cool Britannia glitzerte verführerisch.

Doch wer redet heute noch von Cool Britannia? Blair ist zwei Monate nach seinem Abtritt so gut wie vergessen. Nur die "Prinzessin der Herzen" bleibt allgegenwärtig – Diana und ihr Schatten. In einer Umfrage der BBC nach den "größten Briten" schnitt sie besser ab als Darwin, Shakespeare und Newton. Der Daily Express hebt Diana fast täglich auf die Titelseite mit immer neuen, angeblich ungeklärten Hintergründen ihres Todes. Die gerichtliche Untersuchung des Unfalls ist immer noch nicht abgeschlossen, sie fällt gründlicher aus als die Aufarbeitung des Irakkrieges. Viele Briten begreifen das Ende der Prinzessin als eine Verschwörung des Ancien Régime gegen das damals gerade befreite Volk.

Nach der Todesmeldung drängten drei Millionen Menschen tränenschwanger zum Buckingham Palace. Wildfremde Menschen trockneten ihre Augen mit gemeinschaftlichen Taschentüchern, sie teilten Getränke, Sandwiches und Gefühle. Sie legten Blumen nieder, Tausende und Abertausende Buketts, schließlich waren es über eine Million Sträuße, Beileidskarten und Plüschtiere. Sie verlangten die Queen zu sehen. Sie verlangten, dass die königliche Flagge auf Halbmast gesetzt werde.

Aber die Queen verbrachte ihren Sommerurlaub auf ihrem Jagdschloss in den schottischen Bergen. Sie dachte gar nicht daran, schnurstracks nach London zurückzukehren. Der Mast für die königliche Standarte stakste unbeflaggt in den Himmel. Das Volk murrte, die Stimmung nahm eine fast revolutionäre Wendung, die Monarchie wankte.

Eine Spur von Unmut ist bis heute geblieben. Er richtet sich nicht so sehr gegen die Person der Königin als gegen die Institution der Monarchie. Die hat viel von ihrem Nimbus eingebüßt. Viele Linksintellektuelle glauben darin den Beginn einer demokratischen Emanzipation Großbritanniens zu erkennen. Diana, sagen sie, habe den Anstoß gegeben, sie habe sich als Erste gegen die Diktatur der Windsors durchgesetzt. "Das Ergebnis ist greifbar, das darf man nicht vergessen", schrieb einer von ihnen im Independent . Sie feiern den kollektiven Gefühlsausbruch nach dem Tod als Sieg einer "Arbeiterkultur" über das unerschütterliche Haltungbewahren, angeblich eine Tugend des Mittelstandes und der Oberklasse. Zum ersten Mal habe sich ein menschliches Grundbedürfnis nach kommunaler, verbindender Erfahrung offen artikuliert, ein Bedürfnis, das in der modernen Gesellschaft, die das Volk atomisiere und die Menschen einsam mache, nicht weiter beachtet worden sei.

Die irrationalen Blüten, die das Sehnen nach gemeinsamer Trauer trieb, scheinen diese intellektuellen Jünger des Diana-Kults nicht stutzig zu machen. Vor dem Buckingham Palace bedrohte die Menge damals einen Touristen, der in aller Unschuld einen Teddybären aufgehoben hatte. Im St. James’s Palace, der Residenz des Prinzen Charles, sei es zu einer Erscheinung der Prinzessin in einem Ölporträt Charles I. gekommen, hieß es. Ein Mann gestand im Fernsehen, er habe mehr Tränen über ihren Tod vergossen als über den seiner Frau. Viele Zeitungsläden weigerten sich, das satirische Magazin Private Eye zu verkaufen, das sich darüber lustig machte, wie Diana von den Medien erst als männerfressendes Flittchen geschmäht und dann als heilige Märtyrerin verehrt wurde. Im Monat nach Dianas Begräbnis schnellte die Selbstmordrate von Frauen zwischen 25 und 45 Jahren – Diana war 36 Jahre alt – um 45 Prozent in die Höhe.

Der Bocksgesang der Millionen mutierte zu einer völkischen Betroffenheitstyrannei. Er hatte, wie die feministische Romanschriftstellerin Joan Smith feststellte, etwas Selbstgefälliges an sich, "als ob ihr Tod uns plötzlich offenbarte, was für ein einfühlsames, intuitives Volk wir sind". Wer sich der Trauer entzog, weil er die Betroffenheit nicht teilte oder weil Diana ihn schlicht nicht interessierte, wurde als Außenseiter wahrgenommen, gefühlskalt und abgestumpft.