Saint-Nazaire ist nicht eigentlich schön zu nennen. Raffinerien, Silos, Werften und die Werkhallen des Luftfahrtkonzerns Airbus prägen die graue Stadt am Meer. Schiffskräne ragen aus der Industrielandschaft, als wäre ein Schwarm eiserner Kraniche an der Loiremündung eingefallen. Und noch immer versperrt der monströse U-Boot-Bunker aus deutscher Besatzungszeit den Blick auf den Atlantik. Kaum zu glauben, dass hier einmal Frankreichs »Klein-Kalifornien« mit seinen verspielten Sommerresidenzen gelegen haben soll. Im 19. Jahrhundert nutzten urlaubsreife Pariser eine der ersten Bahnverbindungen, um an der paradiesischen Côte d’Amour Seeluft zu schnuppern. Heute würde man zur Rettung des Traums von Müßiggang und Wellenspiel am liebsten Richtung Bretagne abbiegen.

Doch die viertgrößte Hafenstadt des Landes bietet mehr als rauchende Schlote. Wer sich nicht abschrecken lässt und einfach immer weiter fährt bis zu den südlichen Ausläufern jenseits der Docks, landet unter Palmen. Hinter Pinien, Steineichen und Erdbeerbäumen breiten sich blaue Buchten aus. Da leuchtet Saint-Nazaire mit 20 kleinen Stränden, die vom Modernisierungswahn noch verschont sind. Der tobt 15 Kilometer weiter in La Baule, dem Nizza der Atlantikküste, wo der Sand etwas weißer und das Eis etwas teurer ist, wo sich Bettenburgen aneinanderreihen, internationale Heerscharen auf Hermès-Handtüchern Sonne tanken und viele Französinnen nach dem Vorbild der Präsidentengattin Cécilia Sarkozy frisiert sind.

Dagegen wirken Saint-Nazaires Badeanlagen schlicht. Eine von ihnen hat trotzdem Weltruhm erlangt – zumindest unter Filmkennern. Sie befindet sich im eingemeindeten Saint-Marc sur Mer. »La Plage de Monsieur Hulot« (der Strand des Monsieur Hulot) heißt die Sommerfrische zur Ehre von Jacques Tati, der hier seine Vorahnung von den Auswüchsen des Massentourismus in einer menschlichen Komödie verewigte. Wenn er nicht 1982 gestorben wäre, könnte er in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern.

Spekulanten wollten das Filmhotel in ein Apartmenthaus verwandeln

Für seinen Film Die Ferien des Monsieur Hulot hatte er in der schläfrigen Bucht von Saint-Marc die Idealkulisse gefunden: feinen Sandstrand, der sich wie ein Croissant um den Spülsaum des Meeres legt; den schwarzen Fels in der Brandung mit der angebauten Anglermole; rechts ein immergrünes Wäldchen an der Steilküste und links das Hôtel de la Plage, das die Bombardierung Saint-Nazaires unbeschadet überstanden hatte. Das alles gibt es immer noch, als wäre der Sommer 1951 eben erst über die Szenerie hinweggegangen. Strahlend weiß wie eh und je, hat das einzige Hotel am Ort den Gezeiten getrotzt. Niemand würde sich wundern, wenn plötzlich aus einem der Mansardenfenster Monsieurs Kopf hervorlugte, um die Wetterlage zu peilen. Spekulanten erwogen, den klotzigen Bau in einen Apartmentkomplex umzuwandeln. Doch der Gemeinderat hat den Drehort für unantastbar erklärt.

Morgens spaziert ein Junggeselle den Strand entlang – ein Mann der Frauen

Unter dem Schieferdach der windumwehten Herberge quartierte Tati seine tragikomischen Figuren mit den Strohhüten, Basken- und Schirmmützen ein. Verbissen legten sie sich ins Zeug, um ihrem Jahresurlaub ein Maximum an Genuss abzuringen, und blieben doch im Korsett der Benimmregeln, Essenszeiten und Animositäten eingeschnürt. Den Störenfried in dieser Zwangsgemeinschaft mimte der Regisseur persönlich. Neben dem zackigen Rittmeister (»Was wir brauchen, ist eine geistige Elite«), dem symbiotischen Schweizer Ehepaar, einem englischen Blaustrumpf und dem belgischen Dauertelefonierer Herrn Schmutz gab Tati den steifbeinigen Schlaks Hulot.