Globale FamilienDes Kaisers viele Kinder

Der ehemalige Diktator der Zentralafrikanischen Republik, Jean-Bédel Bokassa, hinterließ mindestens 37 Kinder. Nirgendwo auf der Welt finden sie einen Ort, an dem sie ihrem Vater entkommen können von 

Das Erste, was man von Bokassa sieht, sind seine Assistenten. „Geben Sie mir Ihren Pass“, sagt einer, der sich Protokollchef nennt. „Er wartet hinten im Ehrensaal“, sagt ein anderer, „wo ist Ihr Koffer?“ Auf dem Gepäckband im Flughafen von Bangui drehen sich die Metallkisten mit den Jagdgewehren von Franzosen und Belgiern, die auf Büffel schießen wollen, nachdem sie ihre Geschäfte in der Zentralafrikanischen Republik erledigt haben. Früh um halb fünf sind sie mit der Maschine aus Paris gekommen, der einzigen Verbindung nach Europa, die es hier noch gibt. Das nächste Flugzeug der Air France landet in einer Woche.

Aus einer Hosentasche fischt der Protokollchef Geldscheine, die er mit einem Gummiband zu einer Rolle gewickelt hat und jetzt in den Händen von Grenzbeamten verschwinden lässt. Die Polizisten nicken und geben den Weg frei. Im salle d’honneur, dem Ehrensaal, läuft der Fernseher. Ein kräftiger Mann in einem hellgrauen Anzug richtet sich in einem Sessel auf. „L’honorable député“, sagt der Protokollchef, der ehrenwerte Abgeordnete. Jean-Serge Bokassa. Erinnert überhaupt noch etwas an Jean-Bédel Bokassa, den ehemaligen Herrscher über Zentralafrika?

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Der Vater führte stets einen Gehstock bei sich, mit einer Spitze aus Elfenbein. Damit schlug er einmal einen englischen Korrespondenten blutig. Lange ist das her, das waren die siebziger Jahre. Dass dieser Stock auch in sein Leben fuhr, wird der Sohn später erzählen, jetzt reicht er die Hand und sagt: „Herzlich willkommen.“ Seine Worte klingen weich und rund. Vorsichtig lächelt er.

An den Absperrgittern des Flughafens drängen sich Männer, die Getränke in Plastikkanistern anbieten. Sie schieben und drücken, zwei Jungen in Sporthosen prügeln aufeinander ein. „Ich hasse diesen Ort“, sagt Jean-Serge Bokassa und schließt seinen Wagen auf, einen verbeulten grünen Nissan. Die Fahrertür klemmt. „Ein Leihwagen. Ich musste ihn leihen, weil mein Auto in der Werkstatt ist. Ein Unfall.“ Prüfend guckt er herüber. „Nein, nicht, was Sie denken. Ein ganz normaler Unfall. Ich war gar nicht im Auto, als es passierte.“

Jean-Serge Bokassa fährt vorbei an winkenden Jungen, die echte Handykarten und falsche Pässe anbieten, vorbei an verhuschten Mädchen, die sich selbst anbieten. In einer Wolke aus rotem Staub schaukelt der Wagen von Schlagloch zu Schlagloch, und Bokassa, der Fahrer in dem seidig schimmernden Dreiteiler, sagt: „Das war hier früher eine Autobahn, dann kam die Anarchie. Wussten Sie, dass es hier auch einen Deutschen gab, einen deutschen Botschafter? Aber auch der hat uns verlassen.“

Wie sollte es auch anders kommen in einem Land, das in allen Karten, die der reiche Norden von Afrika zeichnet, nur noch in der Farbe Rot auftaucht, Dunkelrot? Erschreckend viele Aids-Kranke, erschreckend viel Armut, Kriminalität, Korruption. Im April kam eine Statistik heraus, in der die Städte mit der höchsten Lebensqualität aufgeführt wurden, Zürich, Genf, Vancouver und so weiter. Der Vollständigkeit halber wurden auch die 50 schlimmsten Städte der Welt genannt. Bagdad führt die Liste der Finsternis an, gefolgt von Bangui, der flirrenden Silhouette hinter Bokassas Windschutzscheibe, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik.

„Niemand auf der Welt kennt dieses Land“, sagt Jean-Serge Bokassa, „aber jeder kennt meinen Vater.“ Was solle er zeigen, wenn ihn jemand nach ihm fragen sollte? Jean-Serge Bokassa merkt nicht, dass ihm ein Junge mit einer lebenden Schildkröte fast in den Wagen rennt, nur noch sein Vater beschäftigt ihn. Sogar dessen Freund Idi Amin habe einen Film bekommen, Der letzte König von Schottland. „Aber was bleibt von Papa? Er könnte ein Markenzeichen sein für dieses Land, das doch keiner kennt.“ Ein Markenzeichen, wie Coca-Cola für Amerika? „Wie Coca-Cola, ganz genau.“

Papa Bokassa, geboren 1921, Beruf: Soldat. Im Dienst der Kolonialmacht Frankreich zog er in den Indochinakrieg und nach Algerien, kehrte 1964 zurück in sein Heimatland, das gerade unabhängig geworden war. Mit einem Militärputsch brachte er sich 1966 in Zentralafrika an die Macht, 1979 wurde er mit Hilfe französischer Truppen gestürzt. Er floh an die Elfenbeinküste, lebte im Exil. Seine Familie verteilte sich über die Welt, viele Verwandte zogen nach Frankreich. Als er nach Zentralafrika zurückkehrte, musste er dort ins Gefängnis. Wenige Jahre nach seiner Entlassung starb er, 1996.

Ex-Diktator Bokassa 1984 mit neun seiner Kinder in der Nähe von Paris

Ex-Diktator Bokassa 1984 mit neun seiner Kinder in der Nähe von Paris

Eine Bokassa-Stiftung müsse man gründen, findet der Sohn, ein Bokassa-Museum, einen historischen Erlebnispark, und damit sich in dieser Richtung etwas bewege, habe er ein Komitee mit Förderern ins Leben gerufen. Als Abgeordneter im Parlament könne er vielleicht etwas ausrichten, als Politiker einer unabhängigen Liste, die den Staatspräsidenten unterstützt. Bevor der Präsident vor zwei Jahren gewählt wurde, hatte er es mit einem Militärputsch probiert. Weil daraufhin die Weltbank alle Kredite einfror, ließ der Präsident Wahlen anordnen. Ein Ergebnis ist der 35jährige Abgeordnete Bokassa. Bevor er in die Politik wechselte, war er der erste Assistent eines Restaurantbesitzers und stellte Speisekarten zusammen.

„Sehen Sie“, sagt er, „hier fahren nicht viele Autos.“ Außerhalb von Bangui gibt es nur sieben Tankstellen, sieben fürs ganze Land. Möchte man dort tanken, findet man vorher besser heraus, ob noch Benzin da ist. „Wie gut ging es uns, als Papa noch regierte“, sagt Bokassa und zeigt auf eine verkohlte Ruine. „Das war das Krankenhaus, das Papa gebaut hatte.“ Und da hinten, eine weitere Ruine, „das Hotel Intercontinental sollte dort hinein. Aber da war Papa schon nicht mehr hier.“ Am Busbahnhof warten keine Busse mehr, und am Ufer des Flusses Ubangi verrottet eine Fähre, die früher Händler auf die andere Seite brachte, in die Demokratische Republik Kongo. Aber dann überfielen Banditen das Schiff so oft, dass es keiner mehr besteigen wollte.

„Das waren die Chinesen“, sagt Bokassa, als ein imponierend großes Fußballstadion auftaucht. Ein Geschenk chinesischer Geschäftsleute, die wegen der tropischen Hölzer in Zentralafrika sind und den Urwald ausplündern. Mit dem Stadion kann niemand etwas anfangen, weil es hier nicht einmal eine Nationalmannschaft gibt, aber die Chinesen entschieden: entweder ein Stadion oder nichts. Ein Schatten fällt von der Betonschüssel auf den wetterzerfressenen Sportpalast daneben. Bokassa sagt: „Hier wurde Papa zum Kaiser gekrönt.“

Dass Papa sich selber krönte, sagt er nicht. Er sagt auch nicht, dass Papa mächtiger sein wollte als Idi Amin, dass Papa überschnappte, dass Papa sich für den 13. Apostel Jesu hielt, dass Papa seinen Thron mit Hermelinfellen polstern ließ und sich zwischen die vier Meter hohen Schwingen eines vergoldeten Adlers setzte, dass Papa vor seiner Krönung 24000 Flaschen Château Mouton Rothschild in Paris bestellte und in Stuttgart 60 schwarze Mercedes-Limousinen, dass Papa acht Schimmel vor seine Kutsche spannen und sich einen Kaiserwalzer komponieren ließ, dass Papas Ökonomie vor allem dank französischer Wirtschaftshilfe blühte, dass Papa seinem Freund und Gönner, dem früheren französischen Präsidenten Giscard d’Estaing, ein Jagdrevier in Zentralafrika schenkte, dass Papa Tausende Elefanten von den Bossen einer Firma erschießen ließ, die Papa dafür am Diamantengeschäft beteiligten, dass Papa gar nicht merkte, wie lächerlich er sich machte, als er sich auch noch den Titel „Großmeister der internationalen Ritterbruderschaft der Briefmarkensammler“ gab, dass Papa im Allgemeinen nicht viel merkte, weil Papa nämlich glaubte, in ihm sei der afrikanische Napoleon geboren worden.

Leserkommentare
    • Mento
    • 01. September 2007 20:09 Uhr

    Schwarzafrika gibt wohl immer genug Stoff fuer die bizarrsten, absurdisten und schaurigisten Geschichten. Nuechtern betrachtet zeigt dieses Beispiel einmal mehr, dass den meisten Laendern dieses Kontinents die Unabhaengigkeit nicht gut bekommen ist. Diese Laender haetten nur unter Aufsicht und Anleitung europaeischer Kolonialherrschaft eine Chance gehabt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    diese Laender unter der von ihnen gepriessenen Aufsicht ihre "Unabhaengigkeit" erlangt hatten gibt es diese Probleme! Ihr Kommentar zeugt von europaeischer Ueberheblichkeit und Unwissenheit!

  1. Liegt die Wurzel des Uebels nicht tiefer? Ich kenne nicht viel von Afrika, aber die Aufteilung des Kontinents ueber ethnische, sprachliche und religioese Grenzen hinweg hat sicherlich nicht zur Stabilitaet der daraus entstandenen Staatengebilde beigetragen. Kein Grund, die Kolonialherren zu idealisieren...

    • kb26919
    • 03. November 2007 15:07 Uhr

    Ich habe diesen langen Artikel gelesen kann aber nicht verstehen was er bewerken soll.Denke aehnliche Sachen koennte man ueber viele afrikanische Herscher schreiben .Also, was soll's.

  2. Ich will hier nicht in die Geschichte eingehen, was wir Europäer alles in der Welt angestellt haben und immer noch tuen.Ich habe hier einen langen interessanten Bericht gelesen. Mir sind die angeblichen gräuel Taten von Bokassa schon Jahrzehnte bekannt, aber ebend nur aus der Sicht der deutschen Presse. Als ich mit meiner Familie bis September 1992 in Bangui lebte, habe ich das Gegenteilige über Bokassa erfahren. Und nicht etwa von der Familie sondern von fremden Personen. Dem Verfasser des Artikels möchte ich nur mitteilen, das wir einige Deutsche dort waren. Nicht nur der Botschafter!  Meine angeheiratete Cousine Marie, die bis vor kurzem noch in Virginia lebte, hatte auch in den USA Probleme mit ihrem Namen Bokassa gehabt. Das ist auch die einzige Verwante mit der wir noch Kontakt haben. Was Sie absolut richtig bemerkt haben in Ihrem Artikel, egal wer an der Macht war in CAR es war immer die Familie, auch wenn es nur Mal der Schwiegersohn war. Da nach ging alles nur noch dem Bach runter.Ich glaube das Volk wer froh wenn wieder die Familie an die Macht käme. Aber das entscheidet Frankreich und nicht das Volk von CAR.[Anm.: Bitte versuchen Sie zu vermeiden, dass Ihr Kommentar als Verherrlichung einer Diktatur missverstanden werden könnte. Danke. /Die Redaktion pt.]

  3. diese Laender unter der von ihnen gepriessenen Aufsicht ihre "Unabhaengigkeit" erlangt hatten gibt es diese Probleme! Ihr Kommentar zeugt von europaeischer Ueberheblichkeit und Unwissenheit!

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