DIE ZEIT: Herr Schmidt, um dieses Gespräch mussten wir Sie lange bitten. Man hat den Eindruck, dass es Ihnen auch 30 Jahre nach diesen schicksalhaften Tagen schwerfällt, über den Deutschen Herbst zu sprechen.

Helmut Schmidt: Es ist nicht so, dass mir das schwerfällt. Aber ich habe wenig Lust, darüber zu reden.

ZEIT: Was verdrießt Sie so?

Schmidt: Einer der Gründe hat mit euch Journalisten zu tun: Fast alle beschäftigen sich mit den Terroristen, ihren Motiven und deren persönlicher Entwicklung und kümmern sich überhaupt nicht um die Opfer dieser entsetzlichen Verbrechen.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf? Die meisten Deutschen haben doch mit Schleyer gelitten!

Schmidt: Ich habe nicht gesagt, dass die Deutschen kein Mitgefühl gehabt hätten, ich habe auch nicht gesagt, die Journalisten hätten kein Mitgefühl. Was mir missfallen hat, ist die einseitige Beschäftigung mit den Terroristen.

Loki Schmidt:(sitzt von der ersten Minute des Interviews an mit am Tisch. Sie wolle nur zuhören, hatte sie gesagt. Jetzt greift sie ein. Sie wird es im Laufe des Gesprächs immer wieder tun) Für die bekannten Opfer wie Ponto und Schleyer ist ein gewisses Mitgefühl gekommen, aber all die Unbekannten, die Polizisten und die Fahrer, die umgekommen sind, um die hat sich doch kein Mensch gekümmert, auch nicht um die seelischen Qualen der Familien.

Schmidt: Das mache ich mir zu eigen, was meine Frau gesagt hat.

ZEIT: Schauen wir zurück auf den 5. September 1977, den Tag, an dem Hanns Martin Schleyer entführt wurde. Sie waren damals gut drei Jahre Bundeskanzler, Ihre Regierung hatte mit Bravour die erste Ölkrise gemeistert. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,5 Prozent, Tendenz sinkend. Es war ein Montag, als um 17.25 Uhr der Überfall auf Schleyer geschieht. Woran erinnern Sie sich?

Schmidt:(Pause) An gar nichts.

ZEIT: An gar nichts?

Schmidt: Ich kann nur rekonstruieren, dass ich in Bonn war, im Amte, wo ich – aber das ist jetzt nicht meine Erinnerung – innerhalb von Minuten erfuhr von dem, was da in Köln geschehen war.

ZEIT: Vielleicht können wir mit ein paar Details nachhelfen: Vier Stunden nach der Entführung, es war 21.30 Uhr, wurde Ihre etwa fünfminütige Erklärung gesendet, die kurz zuvor im Bonner ARD-Studio aufgezeichnet worden war. Ein Satz ist in die Geschichtsbücher eingegangen: "Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten." Hatten Sie den Text selbst formuliert?

Schmidt: Ja, aber ich vermute, dass ich nicht sehr lange über den Text nachgedacht habe. Dazu war wahrscheinlich in der Aufregung dieses Nachmittags gar keine Gelegenheit. Ich erinnere mich an den Wortlaut nicht. Wenn ich eine Nacht darüber geschlafen hätte, wäre wahrscheinlich meine Erklärung im Fernsehen etwas ausführlicher gewesen.

ZEIT: Verzeihen Sie, aber es handelte sich um einen der dramatischsten Tage Ihrer Amtszeit. Und Sie wollen daran keine Erinnerung haben?

Schmidt: Es hat viele dramatische Tage gegeben. Es gab zuvor schon die Entführung von Peter Lorenz, den Überfall auf die Botschaft in Stockholm, die Ermordung Jürgen Pontos.

ZEIT: Sie waren also nicht sonderlich überrascht, dass der Terrorismus in Deutschland mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten und der Ermordung seiner vier Begleiter Ihre Regierung noch weiter herausgefordert hatte?

Schmidt: Man musste mit solchen Anschlägen rechnen. Deswegen haben ja auch alle gefährdeten Personen damals Begleitschutz bekommen. Hanns Martin Schleyer zum Beispiel ist von Sicherheitsleuten begleitet gewesen.

ZEIT: Es gab ein Begleitfahrzeug, das auf den Wagen Schleyers auffuhr.

Schmidt: Leider hat er aber nicht in einem gepanzerten Wagen gesessen; den gab es vielleicht noch nicht. Hier können Sie die ganze Amoralität dieser Terroristen sehen, die Polizeibeamte und den Kraftfahrer erschießen, um Schleyer zu kriegen – völlig unbeteiligte Menschen, die auch in den Augen der Terroristen keine Kapitalisten und Ausbeuter waren, sondern kleine Leute.

ZEIT: Kannten Sie Schleyer gut?

Schmidt: Er ist sicherlich zwei-, dreimal bei uns zum Abendessen gewesen.

ZEIT: Mochten Sie ihn?

Schmidt: Ich war nicht mit ihm befreundet, aber wir konnten gut miteinander umgehen. Er war ein sachlicher Mann, und er war kein reaktionärer Arbeitgeber. Von seiner Geschichte bis 1945 habe ich damals nichts gewusst.