Deutscher Herbst»Ich bin in Schuld verstrickt«

Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vor 30 Jahren erreichte der RAF-Terror seinen Höhepunkt. Der Staat ließ sich nicht erpressen. Ein Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt über die Grenzerfahrungen seines Lebens von 

DIE ZEIT: Herr Schmidt, um dieses Gespräch mussten wir Sie lange bitten. Man hat den Eindruck, dass es Ihnen auch 30 Jahre nach diesen schicksalhaften Tagen schwerfällt, über den Deutschen Herbst zu sprechen.

Helmut Schmidt: Es ist nicht so, dass mir das schwerfällt. Aber ich habe wenig Lust, darüber zu reden.

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ZEIT: Was verdrießt Sie so?

Schmidt: Einer der Gründe hat mit euch Journalisten zu tun: Fast alle beschäftigen sich mit den Terroristen, ihren Motiven und deren persönlicher Entwicklung und kümmern sich überhaupt nicht um die Opfer dieser entsetzlichen Verbrechen.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf? Die meisten Deutschen haben doch mit Schleyer gelitten!

Schmidt: Ich habe nicht gesagt, dass die Deutschen kein Mitgefühl gehabt hätten, ich habe auch nicht gesagt, die Journalisten hätten kein Mitgefühl. Was mir missfallen hat, ist die einseitige Beschäftigung mit den Terroristen.

Loki Schmidt:(sitzt von der ersten Minute des Interviews an mit am Tisch. Sie wolle nur zuhören, hatte sie gesagt. Jetzt greift sie ein. Sie wird es im Laufe des Gesprächs immer wieder tun) Für die bekannten Opfer wie Ponto und Schleyer ist ein gewisses Mitgefühl gekommen, aber all die Unbekannten, die Polizisten und die Fahrer, die umgekommen sind, um die hat sich doch kein Mensch gekümmert, auch nicht um die seelischen Qualen der Familien.

Schmidt: Das mache ich mir zu eigen, was meine Frau gesagt hat.

ZEIT: Schauen wir zurück auf den 5. September 1977, den Tag, an dem Hanns Martin Schleyer entführt wurde. Sie waren damals gut drei Jahre Bundeskanzler, Ihre Regierung hatte mit Bravour die erste Ölkrise gemeistert. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,5 Prozent, Tendenz sinkend. Es war ein Montag, als um 17.25 Uhr der Überfall auf Schleyer geschieht. Woran erinnern Sie sich?

Schmidt:(Pause) An gar nichts.

ZEIT: An gar nichts?

Schmidt: Ich kann nur rekonstruieren, dass ich in Bonn war, im Amte, wo ich – aber das ist jetzt nicht meine Erinnerung – innerhalb von Minuten erfuhr von dem, was da in Köln geschehen war.

ZEIT: Vielleicht können wir mit ein paar Details nachhelfen: Vier Stunden nach der Entführung, es war 21.30 Uhr, wurde Ihre etwa fünfminütige Erklärung gesendet, die kurz zuvor im Bonner ARD-Studio aufgezeichnet worden war. Ein Satz ist in die Geschichtsbücher eingegangen: »Der Staat muss darauf mit aller notwendigen Härte antworten.« Hatten Sie den Text selbst formuliert?

Schmidt: Ja, aber ich vermute, dass ich nicht sehr lange über den Text nachgedacht habe. Dazu war wahrscheinlich in der Aufregung dieses Nachmittags gar keine Gelegenheit. Ich erinnere mich an den Wortlaut nicht. Wenn ich eine Nacht darüber geschlafen hätte, wäre wahrscheinlich meine Erklärung im Fernsehen etwas ausführlicher gewesen.

ZEIT: Verzeihen Sie, aber es handelte sich um einen der dramatischsten Tage Ihrer Amtszeit. Und Sie wollen daran keine Erinnerung haben?

Schmidt: Es hat viele dramatische Tage gegeben. Es gab zuvor schon die Entführung von Peter Lorenz, den Überfall auf die Botschaft in Stockholm, die Ermordung Jürgen Pontos.

ZEIT: Sie waren also nicht sonderlich überrascht, dass der Terrorismus in Deutschland mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten und der Ermordung seiner vier Begleiter Ihre Regierung noch weiter herausgefordert hatte?

Schmidt: Man musste mit solchen Anschlägen rechnen. Deswegen haben ja auch alle gefährdeten Personen damals Begleitschutz bekommen. Hanns Martin Schleyer zum Beispiel ist von Sicherheitsleuten begleitet gewesen.

ZEIT: Es gab ein Begleitfahrzeug, das auf den Wagen Schleyers auffuhr.

Schmidt: Leider hat er aber nicht in einem gepanzerten Wagen gesessen; den gab es vielleicht noch nicht. Hier können Sie die ganze Amoralität dieser Terroristen sehen, die Polizeibeamte und den Kraftfahrer erschießen, um Schleyer zu kriegen – völlig unbeteiligte Menschen, die auch in den Augen der Terroristen keine Kapitalisten und Ausbeuter waren, sondern kleine Leute.

ZEIT: Kannten Sie Schleyer gut?

Schmidt: Er ist sicherlich zwei-, dreimal bei uns zum Abendessen gewesen.

ZEIT: Mochten Sie ihn?

Schmidt: Ich war nicht mit ihm befreundet, aber wir konnten gut miteinander umgehen. Er war ein sachlicher Mann, und er war kein reaktionärer Arbeitgeber. Von seiner Geschichte bis 1945 habe ich damals nichts gewusst.

Leserkommentare
    • b1964_m
    • 30. August 2007 14:20 Uhr

    Diese Zeit in den 70ern hatte mich als Heranwachsenden sehr verunsichert, ja zuweilen zutiefst beängstigt. Sie hinterließ so bis zum heutigen Tag einen bleibenden Eindruck bei mir und wohl auch vielen anderen meiner Altersgruppe.
    Heute beeindruckt mich, wenn ich dieses Interview lese, die Klarheit und analytische Brillianz des Altbundeskanzlers Schmidt. Auch wenn seine Rethorik manchmal von offener Abneigung gegenüber jeglicher Unpräzision durchsetzt zu sein scheint, steht dieser zunächst fast arrogant wirkenden Haltung, eine für Staatsmänner dieser Größe unabdingbare und erhellende Ratio entgegen.
    Ich muss und will seine politische und menschliche Grundhaltung nicht uneingschränkt teilen, aber ich stimme ihm zu, dass es beängstigend ist, wenn zukünftig jüngere Politiker ohne den Rückgriff auf Erfahrungen wahren persönlichen Leidens (Krieg) und von Menschenverachtung (Terrorismen) politische Verantwortung für Themen solcher Tragweite übernehmen.

    Und die politischen Herausforderungen in diesen bedrohlichen Themen haben gerade erst begonnen zu wachsen.

    • Malliki
    • 30. August 2007 15:10 Uhr

    Provokativ und einseitig geführtes Interview, das die Ziele der RAF unterstützt:

    SCHULDIG ist die REGIERUNG - expliziert die SPD.
    ------------------------------------

    ”Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug dafür kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern dürfen.”
    Voltaire

  1. Dass dieses Interview gerade heute ganz weit oben auf der Startseite der Internet-Zeit zu finden ist, ist sicherlich kein Zufall. b1964 allerdings mag ruhig schlafen: Obwohl Frau Merkel weder einen Weltkrieg noch eine RAF-Phase zu bewältigen hat, plädiert sie im Fall von Geiselnahmen doch ausdrücklich gegen jedwedes Nachgeben den Forderungen der Geiselnehmer gegenüber. Zumindest heute noch, wo die Opfer keine Arbeitgeber-Präsidenten sind, sondern bloß einfache Techniker. Die deutsche Regierung ist eben noch immer hart wie Krupp-Stahl und wenn Terrorismus weiter ein Problem bleibt, liegt das nicht daran, dass Deutschland aktuell weiblich geführt wird. Es liegt eher an diesen doofen asiatischen Weicheiern... :-(

    Wie war das noch gleich? Wenn die SPD-Mitglieder heute ihren Kanzler direkt wählen dürften, hieße der Kanzler Frau Merkel. Es hat jeder die Erben, die er verdient.

  2. [Diesen Beitrag haben wir entfernt, bitte vermeiden Sie Beiträge, die nur darauf abzielen DIE ZEIT und ihre Autoren zu diffamieren und Werbung für andere Pages zu machen/ Redaktion]

    • snowfix
    • 30. August 2007 18:39 Uhr

    weil Sie grundsätzlich das Argument der Erpressbarkeit des Staates vorschieben. Dieser Staat (in Form der Regierung) ist und war immer erpreßbar. Wie es sich für Politiker gehört (und auch für breite Bevölkerungsschichten) erfolgt innerhalb der Erpreßbarkeit natürlich eine Gewichtung. Von einem bösen Terroristen läßt man sich natürlich nicht so gerne erpressen, wie von einflußreichen Kreisen der Wirtschaft. Um es nochmal zu betonen, es geht ausschließlich um die Erpressbarkeit-Mittel, Wege und Ziele bleiben außen vor-nicht, daß jemand hier etwas falsch versteht.
    Es wäre ein Akt der Mitmenschlichkeit und der Barmherzigkeit gewesen, Schleyer nicht für dem Dogma der "Erpressbarkeit" zu opfern. Damit hätte man wahre Größe demonstriert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @snowfix...die Entführung von Lorenz zeigte mehr als deutlich, was passiert, wenn man zu allem entschlossenen Verbrechern nachgibt. Helmut Schmidt zu unterstellen, er sei seitens "einflußreicher Wirtschaftskreise" erpressbar ist schlicht unanständig gegenüber einem Mann, dessen Integrität gegenüber Staat und Staatsvolk mehr als genug bewiesen ist.

    Man kann Herrn Schmidt einwandfrei zugute halten, dass er seine relative Härte als Regierungschef unter ein anderes Ideal stellte, wenn es darum ging, zu beweisen, dass ein Rechtsstaat sich durch Terroristen nicht erpressbar zeigen darf. Ob eine solche "Grösse" weniger "wahr" sei, weil sie das "Böse(re)" nicht zulässt, bliebe zu bezweifeln. Icarus

  3. @snowfix...die Entführung von Lorenz zeigte mehr als deutlich, was passiert, wenn man zu allem entschlossenen Verbrechern nachgibt. Helmut Schmidt zu unterstellen, er sei seitens "einflußreicher Wirtschaftskreise" erpressbar ist schlicht unanständig gegenüber einem Mann, dessen Integrität gegenüber Staat und Staatsvolk mehr als genug bewiesen ist.

    Antwort auf "Sie irren Herr Schmidt"
  4. 7. Wow

    Ich bin zu jung und zu ostig, um den Schmidt noch bei der Arbeit erlebt zu haben, aber... wow. Der Mann macht klare Ansagen, die meine Generation von ihren Politikern gar nicht mehr gewöhnt ist. Okay, wer nicht im Amt ist, hat es natürlich leichter, von Staatsterrorismus zu reden oder sich derartig über Geheimdienstler zu äußern. Trotzdem: ich nehm ihm einen makellosen Idealismus ab, den ich heutzutage allenfalls Ströbele und Merz zutraue und ansonsten schmerzlich vermisse. Kompliment auch an den Interviewer, der das herausgekitzelt hat!

    Eine Leserempfehlung
  5. Man kann Herrn Schmidt einwandfrei zugute halten, dass er seine relative Härte als Regierungschef unter ein anderes Ideal stellte, wenn es darum ging, zu beweisen, dass ein Rechtsstaat sich durch Terroristen nicht erpressbar zeigen darf. Ob eine solche "Grösse" weniger "wahr" sei, weil sie das "Böse(re)" nicht zulässt, bliebe zu bezweifeln. Icarus

    Antwort auf "Sie irren Herr Schmidt"

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