Zoran* hatte es einmal besser haben sollen als seine Mutter Anela R. Sie war vor 15 Jahren aus dem Städtchen Foca in Bosnien-Herzegowina nach Deutschland geflüchtet. Foca ist eines der vielen kleinen Srebrenicas des Balkans. Serbische Bosniaken haben dort mehr als 2500 bosnische Muslime ermordet. Schwer traumatisiert erreichte Anela R. das niedersächsische Braunschweig. Im November vergangenen Jahres kam Zoran dort zur Welt – seine Mutter schien auf einem guten Weg zurück in ein normales Leben zu sein. Keine drei Monate später begann für ihr Baby ein Albtraum. Seine Mutter ist daran nicht unschuldig – die größere Schuld aber trägt die Justiz des Landes Niedersachsen. Und die Ursache ist eine Gesetzeslücke.

Im Februar wird Anela R. verhaftet. Sie soll ihrem Freund für dessen Diebestouren ihr Auto geliehen und die Beute in der gemeinsamen Wohnung versteckt haben. Das Amtsgericht steckt sie zusammen mit ihrem zwei Monate alten Sohn in die Justizvollzugsanstalt Vechta, das einzige Frauengefängnis des Landes, das Mutter-Kind-Plätze hat. Am späten Abend kommen beide an – doch alle Mutter-Kind-Plätze sind belegt. Daraufhin nimmt die Anstaltsleitung der Mutter das Kind weg. Zeit zum Verabschieden bleibt nicht. Auch zum Abstillen nicht. Zoran wird in eine Pflegefamilie gebracht. Er kam acht Wochen vor dem regulären Geburtstermin auf die Welt und ist anfälliger als andere Kinder seines Alter. Nun wird er krank. Anela R. erleidet einen Nervenzusammenbruch und muss psychologisch betreut werden.

Mittlerweile hat ein Gericht Anela R. verurteilt. Sie bekam eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, sieben Monate hat sie im Gefängnis verbracht.

Fast wäre auch die niedersächsische Justiz verurteilt worden. Das Bundesverfassungsgericht nahm Anela R.s Haftbeschwerde an, wandte sich auf dem kurzen Dienstweg an die niedersächsischen Behörden – und plötzlich, nach sechs Monaten der erzwungenen Trennung von Mutter und Baby, hatte die JVA Vechta doch noch Platz für beide.

Was die Justiz Zoran angetan hat, ob er über die Trennung hinwegkommen wird oder für sein Leben geschädigt wurde, das wird sich möglicherweise nie klar feststellen lassen. Als das Baby seiner Mutter zurückgegeben wurde, verhielt es sich ablehnend und weinte, wenn sie es auf den Arm nahm. »Dieses Kind hat ein schweres Trauma erlitten«, sagt der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann aus Hannover. Er hält das Vorgehen der Justizbehörden für »verantwortungslos«.

»Keineswegs« – die Entscheidung über Nacht sei richtig gewesen, meint das niedersächsische Justizministerium. Der Aufenthalt im Gefängnis hätte das »Wohl des Kindes« gefährdet, eine Ansicht, der Kinderpsychologe Bergmann heftig widerspricht. Für den Säugling sei es »schnurzpiepegal«, wo er sich aufhalte – solange seine Mutter da sei.