China Ihr Gespür für Musik

Behutsam drängt Angela Merkel die Chinesen, mehr Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Doch die haben andere Pläne.

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hat zur deutschen Kanzlerin einen schönen Satz gesagt: Musik ist die Stimme, die zwischen Seelen vermittelt. Da dachte Angela Merkel wohl an Mozart und Brahms. Doch was dann in der Konzerthalle in der Verbotenen Stadt in Peking folgte, war eine Musik, bei der man alles empfinden konnte, nur keine Seelenvermittlung. Es war eine Demonstration von Kraft, von Stärke, von berstender Ungeduld. Da quietschte und schepperte, zischte und pfiff es aus Trompeten, Geigen und Trommeln. Musik in atemberaubendem Tempo, mit einer Heftigkeit, als wolle das Werk aus der eigenen Haut fahren. Die jungen Musiker aus Berlin und Peking spielten eine chinesische Komposition, Train Toccata. Es war ein rasender Zug. Wenn man wollte, war es ein Bild von China.

Ein Bild, das im scharfen Kontrast zu dem stand, was die chinesische Führung der deutschen Kanzlerin bieten wollte. Angela Merkel traf bei ihrem Besuch in Peking und Nanjing eine sichtlich aufgeräumte politische Führung. Man war gefasst auf die deutsche Kanzlerin, die, wie Ministerpräsident Wen Jiabao lachend sagte, »keine Sprechzettel mag«. Will heißen, man war darauf gefasst, eine Regierungschefin zu Gast zu haben, von der Überraschungen zu erwarten sind. Genau die aber, und vielleicht war das die Überraschung, blieben aus. Angela Merkel hatte zwei Botschaften für die Chinesen: Die eine war demütig und lautete »Respekt«. Die zweite war fordernd und hieß »Verantwortung«.

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Respekt kann in internationalen Beziehungen leicht zur Floskel verkommen. Doch Merkels Respekt ist der einer Außenpolitikerin, die fragt: Was nützt es mir?

Und Respekt für China heißt für Merkel deshalb zunächst zu begreifen, was die Chinesen umtreibt: ein nicht zu bremsendes, rasendes Wachstum, eine dramatische Kluft zwischen Arm und Reich, eine inzwischen unzufriedene Mittelschicht, die nicht die Aufstiegschancen hat, die sie sich wünscht. Korruption, Misswirtschaft, riesige Umweltprobleme. Merkels Respekt ist der des Verstehens, nicht der des Verständnisses. Merkels Respekt geht so weit zu sagen, was China zu leisten habe, sei eine »mutige Aufgabe«.

Der höhere Zweck der ausgiebigen Respektsbezeugungen Merkels aber liegt in Teil zwei: Verantwortung. Merkel sieht die Chinesen nicht nur als Wirtschaftsmarkt, ihr Land nicht in erster Linie als Absatzmarkt. Sie hat sich vorgenommen, die Chinesen in die internationale Verantwortung zu drängen. »Die Entwicklung von China verändert die Welt. China muss globale Verantwortung übernehmen«, sagt sie Ministerpräsident Wen, Staatspräsident Hu, dem Vorsitzenden des Nationalen Volkskongresses Wu. Sie sagt es den Studenten am rechtswissenschaftlichen Institut in Nanjing, den Wissenschaftlern an der Akademie für Sozialwissenschaften in Peking.

Verantwortung. Was so selbstverständlich klingt, ist für die Chinesen eine unerwünschte Nebenwirkung ihrer Öffnung und ihres wirtschaftlichen Aufstiegs. »Wenn China verstärkt Rohstoffe kauft in der Welt, steigen die Preise«, sagt Merkel und »ein starkes China hat Auswirkungen auf alle anderen Länder«.

Das ist aber das Letzte, was die Chinesen derzeit wollen, die Welt verändern. Sie wollen ihr Land reformieren und sich dabei so in der Welt bedienen, wie es ihnen nützt. Dass aus ihrer wirtschaftlichen Stärke und ihrem Wachstum eine Verantwortung erwachsen soll, behagt ihnen überhaupt nicht. Und dass ihnen jetzt die deutsche Kanzlerin vorwirft, sich nicht ausreichend um die globalen Probleme zu kümmern, finden sie ungerecht. Deshalb rechnet Ministerpräsident Wen neuerdings sein Land arm und redet nicht mehr vom hohen Wachstum, sondern vom niedrigen Bruttoinlandsprodukt und der Armut in seinem Land. Und deshalb haben die Chinesen für das Klima-Problem die Formel erfunden, mit der sich Merkel nicht abfinden will – gemeinsame Ziele in unterschiedlicher Verantwortung. Will heißen: Wir sehen die Probleme, aber kehrt ihr Industrieländer erst mal vor eurer eigenen Haustür, bevor ihr uns Schwellenländern Vorhaltungen macht. Merkel hält dagegen, wenn in 50 Jahren das Kupfer auf der Welt zu Ende ist, hat China auch keines mehr.

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    • Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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    • Schlagworte Angela Merkel | Musik | China | Taiwan | Berlin
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