Italien: Stadt ohne Gnade
In Neapel wütet die Mafia so schlimm wie lange nicht mehr. Die Menschen verzweifeln an der Brutalität der Clans.
Piazza Garibaldi, Niemandsland. Von Baustellen zerstückelt, erdrückt und erstickt von einem chaotischen Verkehr, beherrscht von einem hektischen Basarbetrieb, erscheint Neapels Bahnhofsvorplatz wie ein Heerlager der Halbwelt. Auf den breiten Bürgersteigen türmen sich Berge von Waren, die eigentlich gar nicht verkauft werden dürften: Handy-Aufladegeräte ohne Firmenlogos, Elektrogeräte und Flaschen mit angeblichem Markenparfüm, Raubkopien mit einheimischer Volksmusik und amerikanischen Actionfilmen, Tennissocken aus China, Gucci-Sonnenbrillen und Louis-Vuitton-Taschen aus den Fälscherwerkstätten des Hinterlandes.
Bettler ziehen vorbei und transsexuelle Prostituierte auf Stöckelschuhen. Die Hitze taucht alles in ein gnadenloses, hartes Licht. Ein Geruchsgemisch von Brathähnchen und Urin liegt über dem Trottoir, auf dem ein Hütchenspieler mit tadellos gestärktem weißem Hemd gerade eine dicke Ukrainerin mittleren Alters um ihr Geld erleichtert. Sie starrt auf die drei Bronzeglöckchen, die der Spieler vor ihr auf dem Klapptisch hin und her bewegt. Ein paar Meter weiter sitzt ein hagerer Alter aufrecht auf seinem Holzstuhl. Er arbeitet als scrivano pubblico, als öffentlicher Schreiber. Füllt Formulare aus, verfasst Beschwerdebriefe und Bittgesuche für alle, die des Italienischen nicht mächtig sind. »Und das sind in Neapel nicht nur Ausländer«, sagt er. Neapel, die drittgrößte Stadt Italiens, kennt viele Arten, ein bisschen Geld zu verdienen. In manchen ihrer Viertel liegt die Arbeitslosigkeit über 60 Prozent.
Weit und breit ist auf Neapels Straßen kein Polizist zu sehen. Von 2200 städtischen Ordnungshütern haben im vergangenen Jahr 640 einen Antrag auf teilweise Dienstunfähigkeit gestellt: kein Straßeneinsatz mehr aus gesundheitlichen Gründen. Wegen Krampfadern oder drohender Taubheit.
Die Militärpolizei der Carabinieri hingegen hat andere Dinge zu tun, als die Ordnung auf einer Piazza zu überwachen. Knapp ein Jahr nach dem Bandenkrieg der Camorra in den Vorstädten geht das Gemetzel der neapolitanischen Mafia nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit weiter. Die Mafia-Morde von Duisburg, bei denen sechs Menschen starben, haben den Blick für kurze Zeit auf die blutige Macht der Familienclans aus Kalabrien gelenkt. Doch noch viel schlimmer wüten in diesem Sommer die »Schläger« (Camorra) in Kampanien. 70 Tote gab es in diesem Jahr schon, alle drei Tage einen. Mal ist es ein Fememord, mal ein Brandanschlag, um Schutzgeld zu erpressen oder einfach zu zeigen, wer Herr im Revier ist. Die Carabinieri konfiszieren nahezu täglich Drogen oder Fälscherware, doch der Sumpf von Neapel scheint nie und nimmer trockengelegt werden zu können. Die Stadt ist Europas größter Umschlagplatz für Kokain und die Zentrale der Produktpiraterie.
»Wie soll man hier überleben, wenn man die Vorschriften beachtet?«
Neapel, sagt der Oberkommandant der Carabinieri, Gaetano Maruccia, sei ein überbevölkerter Moloch, in dem architektonische Verwahrlosung die Anarchie aus Verzweiflung verstärke: »Generell fehlt der Respekt vor den Regeln eines zivilisierten Zusammenlebens.« Stattdessen gelten die Regeln der Camorra, die in Neapel nicht von ungefähr auch »das System« genannt wird. Erst im Juli musste Maruccia einen seiner eigenen Leute verhaften: Er hatte gleich für zwei Camorra-Clans gearbeitet.
Regeln!, schnaubt der Taxifahrer Gaetano Antonio: »Wie soll man in dieser Stadt überleben, wenn man die Vorschriften beachtet?« Und dann biegt er links ab, wo er rechts fahren soll, und schlägt 30 Prozent auf den offiziellen Fahrpreis auf. In den Straßenbahnen, die er mit einem waghalsigen Überholmanöver hinter sich lässt, fahren laut Polizeistatistik 18 Prozent der Fahrgäste ohne Ticket, dreimal so viele wie im übrigen Italien.





und das bei uns in Europa im schönen lieblichen Italien.
Da sehen wir mal wieder. Wir benötigen Recht und Ordnung mit Augenmaß.
Balla Italia? Gehört Italien nicht zum Kern der EU? Was soll man da eigentlich noch gegen eine Mitgliedschaft z.B. der Ukraine, oder auch Russlands, haben?!
Erschreckend war für mich auch eine Dokumentation, die zeigte, wie in Genua(!) die Ausschreitungen gegen die G8-Gegner von oben zugelassen bzw. begünstigt worden, was das Bild dieses Landes, zumindest seines südlichen Teiles, hier dann harmonsch abrundet.
Oder wen noch dazulassen, Tobias?
Die Axis Laender? Gibt es da welche ausser Italien und Albanien?
Andere Laender sollen noch dazu gehoeren? Welche denn. welche der einmaligen AxisFeinden?
Oder soll man sich vorstellen, dass letzten Endes KernEuropa=Rumsfeld's AltEuropa ist? [Seine Familie stammte ja doch nicht aus Italien/Neapel sondern aus Bremen oder Oldenburg und hat sich mit ihm oft fotografieren lassen. Deshalb kann er doch gar nicht so sehr boese gewesen sein? Oder sind all diese Bilder nun vernichtet worden, wie einst die Bilder des lieben Fuehrer. Man hat ja Erfahrung, wie man das macht, nein?]
Ich nehme jedoch an, dass Sie und die ZEIT Redakteure grosse Unterschiede finden zwischen den erwaehnten Stadt-Teilen in Neapel und aehnlichen (nein?) in Berlin und sogar in Hamburg oder vielleicht auch Konstanz natuerlich weg vom Insel Hotel. Ausser dass man die "Verbrecher" dort unter anderen Namen kennt.
Wer in Italien gelebt hat, weiss dass die Situation stets hoffnungslos ist, jedoch erfreulicherweise nie ernst.
Nach 11 jahren in Neapel bin ich seit einem Jahr wieder in Deutschland. Kenne also Quartieri Spagnoli, Sanità, Zentrum ... Der Artikel gibt genau das wieder, was die Atmosphäre der Stadt ist, kann nur sagen, bin heilfroh, dass ich jetzt hier bin und meine Kinder (schon schulpflichtig) nicht weiter dort aufwachsen, sondern eine Idee von zivilem zusammenleben erhalten. Nein, es ist nicht immer nur halb so schlimm. Nein, die schlechten Viertel in Deutschland sind keinenfalls mit der Sanità oder anderen von der Camorra beherrschten Vierteln zu vergleichen, einen so rechtsfreien Raum haben wir hier (noch) nicht.
Und da entrüsten sich die Europäer noch über die Türkei. So schlimm ist Istanbul lange nicht!
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