Abendland Die Dunkelseher
Ob Stefan George oder Oswald Spengler: Intellektuelle Untergangspropheten haben Konjunktur. Was macht sie so faszinierend?
Untergangspropheten und Geisterseher haben die Welt schon immer begleitet. Sie hören ein Pochen, und das Pochen wird lauter. Noch ist es nur Ahnung, aber bald schon Gegenwart: Das Schicksal naht.
Prophetische Gesänge schwellen auf und ab im Wechsel der Zeiten; in diesen Tagen schwellen sie wieder einmal an. Aus Anlass einer neuen Biografie hat der Medienbetrieb mit viel Weihrauch den großen Dunkelseher Stefan George auf die Bühne geschoben. Focus/Spiegel standen für den heidnischen Messias Spalier, und die FAZ brachte groß eine majestätische Huldigung in Anschlag. Die Buchstaben trugen Stehkragen und Fraktur, und in ihren Augen blitzte es metallisch. Auch Angstlust war zu sehen. Dann rief es: »George!« Im Schein der Fackeln küssten die Lettern ergriffen den Staub der nichtswürdigen Gegenwart: »Das geheime Deutschland!« Und wieder: »George! George!«
Was tun, fragte sich der unerlöste Leser. Reicht es noch, wenn man Stefan Georges raffinierte Gedichte liest? Oder soll der charismatische Prophet unseren Berliner Mainzelmännchen, der mausgrauen Merkel-Regierung, geistig auf die Sprünge helfen?
Kaum war es am Himmel wieder hell geworden, wurde es schon wieder dunkel. In der FAS hielt der Dichter Botho Strauß dem Leser einige Hinterlassenschaften des Prophetenphilosophen Oswald Spengler unter die Nase, vier Wochen vor Erscheinungstermin des Buches und damit gerade noch rechtzeitig vor dem Untergang des Abendlandes. Für so eine Annonce ist Botho Strauß natürlich auserwählt. Auch er hört anschwellende Klopfgeräusche unter dem Ikea-Teppich der »Massendemokratie« und sieht voraus, wie glutrote »Feuerbälle« sich mit Heidenspektakel über Menschenmassen wälzen. Was Oswald Spengler (1880 bis 1936) angeht, hat Strauß allerdings recht: Im trüben Teich der Untergeher war Spengler der gefährlichste Hecht. Der Meisterdenker der Konservativen Revolution hörte selbst unter Panzerplatten das Gras wachsen, und seine Sätze hatten die Marschstiefel schon an, zu denen der Leser erst greifen sollte. Spengler schrieb so fiebernd und suggestiv, so süchtig nach Blut, Opfer und Untergang, als habe ihn das Unheil persönlich in die Welt geschickt.
Aber warum ausgerechnet der Münchner Privatgelehrte? Weil der schwarze Prophet Spengler uns lehrt, groß zu denken, in den Eishöhen der Metaphysik statt im trüben Tal akademischer Fußnoten? Groß denken – aber in welcher Himmelsrichtung?
Spengler glaubte bekanntlich, alle Hochkulturen folgten dem zyklischen Gesetz von Aufstieg, Niedergang und Verfall. Eine Kultur sei wie die »Blume auf dem Feld«, sie keime, blühe und vertrockne. Aus, vorbei. Dieses innere Verblühen – das war für Spengler die westliche Lage. Der Selbstbehauptungswille lässt nach, Kernfamilien schrumpfen, der »nationale Sinn« schwindet, in den Parlamenten wird geschwätzt, aber nicht mehr heroisch entschieden. »Apostel des Weltfriedens« bestimmen den Zeitgeist und fürchten feige das Stahlbad der Geschichte. Sie wollen »Tatsachen durch abstrakte Gerechtigkeit und Schicksal durch Vernunft ersetzen«. Vom »Standpunkt der wirklichen Geschichte« aus betrachtet, so Spengler, seien sie »minderwertig«, genauer: »Abfall«. Nur ein neuer Cäsar, zum Beispiel Mussolini, könne den Untergang des Abendlandes noch aufhalten.
Nun könnte man sich damit trösten, dass Untergangspropheten zyklisch wiederkehren und bei jedem Zittern der Weltseele ihre apokalyptischen Reiter auf Trab bringen. Tatsächlich haben die Pessimisten der Zukunft stets in unsicheren Zeiten ihren Auftritt. Vor allem bei Umbrüchen, Epochenwechseln und Jahrhundertwenden vernehmen begnadete Lauscher das Scharren des Schicksals im Tiefengrund der Geschichte. Unvergessen ist das Sehertum einer »kulturellen Elite«, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs zur Schlacht rief, weil die »Zivilisation« den deutschen »Geist« bedrohe.
- Datum 02.09.2007 - 06:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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Worte Kohelets, des Davidsohnes, der König in Jerusalem war.
Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.
Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden. Ich, Kohelet, war in Jerusalem König über Israel.
Ich hatte mir vorgenommen, das Wissen daraufhin zu untersuchen und zu erforschen, ob nicht alles, was unter dem Himmel getan wurde, ein schlechtes Geschäft war, für das die einzelnen Menschen durch Gottes Auftrag sich abgemüht haben.
Ich beobachtete alle Taten, die unter der Sonne getan wurden. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst.
Qelle: Das Buch Kohelet ( Prediger)
...nannte man sie früher. Heute kann man sie bestensfalls als Angstrompeter bezeichnen, wobei auch ihre Motive wohl weniger der Wissenschaft, sondern mehr der Ideologie und dem großem Mammon zugewandt sind. Mit Panik verdient man gar nicht schlecht.
"...kommt in absehbarer Zeit!"
[Dieser Kommentar entsprach leider nicht den Regeln. Bitte unterlassen
Sie pauschale Herabwürdigungen. Die Redaktion / mst]
"...kommt in absehbarer Zeit!"
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War es nicht die Linke, die jahrzehntelang Untergangsszenarien herbeischrieb - und ist die Klima-Hysterie nicht deren letzter Ausfluss davon??
Nur wenn die Themen der "Untergangs"-Szenarien mal anders besetzt werden, dann wird das Ganze von eben jenen Sprachorganen dieser "Linken" als "Schwarzseherei" gebrandmarkt -
um zum unten verlinkten Artikel von Klaus Harpprecht zu verbinden - natürlich "stirbt" Europa oder auch Deutschland nicht einfach aus - vielmehr vollzieht sich derzeit ein dramatischer Bevölkerungswandel -
nur sollten wir uns keinen Illusionen hingeben - mit diesem demographischen Wandel erodiert derzeit auch die sozial-kulturelle Grundlage unserer Zivilgesellschaft und politischen Ordnung. Aber das ist ja das, was sich die "Linke" seit jahrzehnten todessüchtig herbeisehnt - die Abschaffung der verhassten bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates.....
Danke für diesen ausgezeichneten Beitrag!
Danke für diesen ausgezeichneten Beitrag!
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Ein wohlgeordneter Untergang der Menschheit hat auch was für sich, war für uns, für die Lebenden: Man muss keine Rücksicht auf zukünftige Generationen nehmen und so wird eine große, ja die große Endgerechtigkeit hergestellt: Es gibt keine Endsieger - wir sind letztlich alle Verlierer...!
Das zeigt sich so auch in den Religionen, den großen Endzeit-Religionen. Jesus, der christliche Untergangsprophet z.B., ist für (die allermeisten von) uns ja ein Guter, das anzustrebende Nirvane ist das Nichts, der Kreislauf der Wiedergeburten ist zu unterbrechen. Ob die beiden genannten Dichter bzw. modernen Intellektuellen hier nun besser bzw. klüger als Jesus, oder das was uns dazu in der Bibel gesagt wird, sind, das weiß ich nicht genau, da ich erster nicht kenne und es in dem Zeit-Beitrag leider ja auch nicht weiter herausgearbeitet wird - die Religionen sind allerdings immer noch wesentlich bedeutsamer und einflussreicher als diese beiden Intellektuellen, genug Grund all dies, sich mit dieser Frage mal ernsthaft auseinanderzusetzen, dieses Feld nicht nur den Zeugen Jehovas und manchen "Dunkelmännern" zu überlassen. Erstaunlich und ärgerlich, dass die Bibel bzw. die alten Untergangs-Vision, bzw. dass ausgerchnet dieser hochbedeutsame Aspekt der christlichen Religion, von unseren Medien (und selbst so manchen Kirchenführern), aber auch dem Fuilleton doch eher vergessen bzw. sehr stiefmütterlich behandelt wird. (Interessant wäre z.B. ein Vergleich mit der germanischen Götterdämmerung, bei der immerhin ein paar Menschen überleben. Auch bei den alten Majas waren drei oder vier von sieben Weltuntergängen vor ca. 500 Jahren schon passiert...!))
Nochmal zum Christentum: Mit dem Untergang aller Menschen, und dem Jüngsten Gericht, einer großen Endbeurteilung, wird die große Endgerechtigkeit hergestellt: Es gibt keine irdischen, genetischen Sieger, (es gibt auch niemanden, der ohne Schuld ist) - und das ist auch nicht weiter schlimm. Die großen Religionen wurden nun nicht von einem einzigen Intellektuellen bzw. klugen Menschen gemacht, und vor allem auch nach oben gebracht, dahinter, hinter der Entwicklung unseres Welt- und Selbstbildes, stehen kollektive gesellschaftlich-geistige Prozesse.
Ansonsten muss ich dem letzten Vorkommentator zustimmen:
Ja, auch die Zeit redet hin und wieder vom Weltuntergang. So frug sie Anfang vorigen Jahres nicht nur im Hinblick auf die Klimakatastrophe, ob die Welt noch zu retten sei, und selbst in der aktuellen Zeit Ausgabe steht ja der Beitrag "Die Welt geht unter" , wo ein Zeit-Autor (ja wohl) über bzw. von dem Regisseur Günter Hübner schreibt, der meint, dass alle Auspizien auf ein Ende der Menschheit hindeuten würden, dem er nichts Kritisches entgegenstellt, ja der diese Aussage sogar zur Titelbildung nahm. Die Zeit Literatur-Frau Radisch sagte bei den diesjährigen Grazer Literaturtagen in der Begründung der Jury vor der Preisverleihung über einen jungen Autor (den sie selbst vorgeschlagen hatte, und der zudem auch den Publikumspreis gewann), dass er alle Spielarten der Apokalypse beherrsche.
Und in dem hier besprochenen Beitrag (indirekt) steht ja immerhin auch, dass es auch eine berechtigte Endkatastrophenangst gibt bzw. geben kann. Warum die beiden Intellektuellen hier vielleicht bzw. wie und wo genau, übertreiben oder irren, das wird hier nicht genannt.
M.E. haben solche "Dunkelmänner" deshalb eine gewissen Konjunktur, weil andere bzw. manche Menschen die falschen Hell-Seher stören, die so massiv das öffentliche Bild hier doch immer noch prägen. Es ist dies also eine halt auch überziehende Gegensicht bzw. -Bewegung. Die Wahrheit, also die Mitte, wird aber eben (wohl) von beiden nicht getroffen.
Das friedlich-wohlorganisierte Aussterben, auf das es, also unsere Entwicklung hinauslaufen könnte(n), das hat ja nun etwas von Erlösung, also Erfüllung, und gleichzeitig etwas von einer End-Katastrophe, wobei der Erlösungs-Aspekt hier m.E. überwiegt, hier kann man deshalb weder von Dunkelmännern, noch von reinen Lichtgestalten sprechen - deshalb erscheint dies, das eben nur kurzzeitige Himmelreich auf Erden, mir wahrscheinlicher.
"Herr bleibe bei uns - bis an das Ende aller Tage...!"
Das ist letztlich die Beschwörung, dass uns das kollektive Gewissen und der Glaube an die Gerechtigkeit, auch an die - (ja wohl entscheidende) - große Endgerechtigkeit nicht abhanden kommen soll! Und daran glauben vielleicht wesentlich mehr Menschen als man denkt und als sich als christlich oder religiös verstehen. Genau das könnte der kleinste gemeinsame Nenner aller Menschen sein, dem wir uns immer stärker zu nähern scheinen.
Nebenbei bemerkt hat der Weltuntergangs-Gedanke schon auch soziale Bedeutung: Wird er zur aktuellen offiziellen Weltanschauung, zur offenen Welt- bzw. Selbstanschauung der Mehrheit der Menschen dieser Welt, dann fällt es reichen Leuten wohl wesentlich leichter, an ärmere abzugeben - auch die werden dies dann ja nicht zu eigenen erfolgreichen Vermehrung, sondern nur zur Verhinderung bzw. Milderung von eigenem Leid, nutzen. Am letzten "Tag" (des letzten Menschen) ist auch die beste Aktie nichts mehr wert!
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Solange die Haute-Volée deutscher Zunge alljährlich das Stell-Dich-Ein beim größten Schnorrer-Familienbetrieb der deutschen Kulturgeschichte am Bayreuther Hügel exerziert, um Götterdämmerungen zu lauschen, solange wird es Steilvorlagen für den Untergang des Abendlandes geben. Ideengeber für Neuschwansteins Comic-Gemälde-Zyklus, was will man mehr, um das Ende aller Tage zu prophezeien?
@ed2murrow: Die Götterdämmerung in den Schwachköpfen zeigte sich deutlich, als man die unvollendete, nie bewohnte Disneyland-Kitschvilla Neuschwanstein auch noch als deutschen Beitrag zu den sieben Weltwundern vorschlug. Wenn es wenigstens noch der Kölner Dom gewesen wäre!
@ed2murrow: Die Götterdämmerung in den Schwachköpfen zeigte sich deutlich, als man die unvollendete, nie bewohnte Disneyland-Kitschvilla Neuschwanstein auch noch als deutschen Beitrag zu den sieben Weltwundern vorschlug. Wenn es wenigstens noch der Kölner Dom gewesen wäre!
"...kommt in absehbarer Zeit!"
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