Peter Seeberger ist so etwas wie eine gute Fee für Biologen; denn er erfüllt einige ihrer sehnlichsten Wünsche. Dafür hat er eine Maschine erfunden, die Zuckersubstanzen herstellt – kein bunter Automat, der Lollis oder Haribos ausspuckt, sondern eine schlichte graue Kiste. Mit offen sichtbaren Eingeweiden steht sie in Seebergers Labor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Schläuche und Kolben sind zu sehen. Die Apparatur ist in der Lage, verschiedene Molekülketten zu produzieren, die in der Chemie allesamt »Zucker« heißen, weil sie Variationen jenes Stoffes sind, der uns den Kaffee oder Tee versüßt.

Die Forschung ist deshalb so versessen auf diese Zuckerketten, weil sie in der Biologie eine wichtige Rolle spielen, vom Akt der Zeugung über die Immunabwehr bis zu Krebs. Eizellen, Körperzellen, Bakterien und Viren umgibt eine Kruste unterschiedlicher Zuckerketten. Lange Zeit glaubte man, ihre Funktion bestünde einzig darin, die Zellstruktur zu stärken. Doch nun wird immer deutlicher, dass neben den Nukleinsäuren, die das Erbgut bilden, und den Aminosäuren, die sich zu den Proteinen verbinden, auch die Zucker die Chemie des Lebens entscheidend prägen. Sie bestimmen mit, welche Blutgruppe jemand hat, oder lassen das menschliche Immunsystem ein implantiertes Schweineherz abstoßen.

Die famose Maschine produziert Substanzen im Eiltempo

Um sie erforschen zu können, müssen die Biochemiker die Moleküle nachbauen – und das gelang ihnen bisher nur unvollkommen. Die Chemie der Zuckerketten ist nämlich ungeheuer komplex. So blieb die Substanzklasse das Stiefkind der Biochemie, selbst als ihre Bedeutung längst erkannt war. Es war, als ob ein Uhrmacher bestimmte Defekte von Uhren nicht reparieren konnte, weil ihm die Werkzeuge zur Herstellung von Zahnrädern fehlten – bis Peter Seeberger seine famose Zuckermaschine konstruierte. »Im Prinzip sind wir Werkzeugmacher«, sagt Seeberger. Aber solche, die »einen Meilenstein« gesetzt haben, sagt sein Berliner Forscherkollege Werner Reutter.

Denn plötzlich lassen sich innerhalb von zwölf Stunden Substanzen herstellen, für die ein Forscher mit klassischen Synthesemethoden vier Jahre lang arbeiten musste. So gelang es Seeberger, mit seiner Maschine im Eiltempo ein Zuckermolekül des Malariaerregers nachzubauen, aus dem er nun einen Impfstoff entwickelt. Dieser und andere Durchbrüche brachten dem 41-jährigen Professor bereits so viele Auszeichnungen ein, wie sie andere Wissenschaftler während ihrer ganzen Karriere nicht sammeln können. In dieser Woche bekommt er den angesehenen Körber-Preis verliehen.

Im Eiltempo – Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit machen Seebergers Erfolg aus. So schnell wie er spricht, so schnell ist er vorangekommen. Die Idee für die Zuckermaschine hatte er als 26-jähriger Doktorand. »Ich war damals unter Druck.« Nach sechs Semestern Chemiestudium an der Uni Erlangen-Nürnberg ging er als Stipendiat der Fulbright-Stiftung in die USA und begann dort mit der Doktorarbeit – obwohl er sein Diplom nicht abgeschlossen hatte. »Wäre das schiefgegangen, hätte ich danach nicht einmal als Laborant arbeiten können.« Eine harte Schule sei das gewesen, die »den Blick fürs Wesentliche geschärft« habe.