Österreich Überstunden in der Pilgerfabrik

Abhängig von frommen Geschäften, fiebert Mariazell dem Papstbesuch entgegen. Porträt einer Stadt im Ausnahmezustand.

Mariazell

Es gibt Menschen, die pilgern nach Mariazell. Und solche, die wollen unbedingt fort aus dem Gnadenort. Es muss ja nicht weit sein: St. Pölten, Leoben oder Bruck würde den meisten schon reichen. »Das hier ist ja nicht normal«, sagt Patrick Grießbauer. Es ist ein lauer Abend an einem Samstag im August. Der 18-jährige Lehrling lässt mit ehemaligen Hauptschulkollegen in der Silvana-Bar die Zeit verstreichen. Die triste Dorfdisco in der Grazer Straße ist bis auf ein paar ältere Männer leer. Hier in Mariazell, sagen die vier Jugendlichen, sei es eben wie überall am Land: vor allem öde.

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»Es gibt kaum etwas zu tun, wenn man nichts mit den Pilgern am Hut hat«, sagt der Lehrling Andreas Grasmann. In der Freizeit bleibe nur: Auto fahren. »Runter zum See, wenn’s schön ist. Oder einfach nur im Kreis.« Alle vier wollen möglichst rasch raus aus dem Talkessel von Mariazell und über einen der mehr als tausend Meter hohen Bergpässe in die nächstgelegene Stadt verschwinden. Hier kenne man den halben Ort beim Namen, die andere Hälfte zumindest vom Sehen. »Auswärtige« verirrten sich selten in einen der drei Jugendtreffs der Kleinstadt. »Wallfahrer gehen am Abend nicht aus«, sagt Grasmann. Wer es doch tut, wird misstrauisch beäugt. »Oder auch mal angestänkert«, grinst der korpulente Junge.

Es könnte die Geschichte von vier ganz normalen Jugendlichen in einem ganz normalen Kaff irgendwo in Österreich sein. Der wesentliche Unterschied: Die vier leben in einer der berühmtesten und meistbesuchten Pilgerstätten Europas. Alles in Mariazell, seine Wirtschaft, Kultur und Geschichte, hat mit der Wallfahrt zu tun. Genauer: mit der Jungfrau Maria und einer 48 Zentimeter hohen Statuette aus Lindenholz, die seit Jahrhunderten auf einem Sockel in der weiß und rosarot gestrichenen Kirche im Ortszentrum verehrt wird – Mariazell ist die company town der Magna Mater Austriae.

Seit 1948 besitzt Mariazell das Stadtrecht. Von einem der umliegenden Höhenrücken aus betrachtet, scheint jedoch allein die wuchtige Basilika mit ihren drei Türmen ein Drittel der Ansiedlung einzunehmen. Man blickt auf einen Ort im permanenten Ausnahmezustand herab: 1594 Einwohner, die auf 6,4 Quadratkilometer Gemeindefläche in 598 Gebäuden leben, und 212 Betriebe mit 931 Beschäftigten. Und durchschnittlich 3.000 Pilger pro Tag. Der berühmteste davon kommt am 8. September: Papst Benedikt XVI.

Die Prozession geht los: Saturday Night Fever im Gnadenort

Keiner der vier Lehrlinge aus der Silvana-Bar wird »Papst-Schauen« gehen. Alle haben anlässlich ihrer Firmung zum letzten Mal eine Kirche betreten. »Wenn man sich nicht für den Pilgerbetrieb interessiert, dann kriegt man ihn auch nur am Rande mit«, behauptet Kfz-Mechaniker-Lehrling Michael Zauner. Ganz entkommt man der Wallfahrt in Mariazell trotzdem nicht.

Wenn die Jugendlichen etwa kurz vor 21 Uhr Zigaretten rauchend über den Hauptplatz zur Disco schlendern, kann es sein, dass eine Litanei plötzlich aus den Lautsprechertrichtern an der Kirchenmauer erschallt. »Jetzt geht’s los«, sagt Zauner und grinst. Saturday Night Fever im Gnadenort: Eine Lichterprozession taucht am Rand des Platzes auf. Etwa 100 Gläubige in Zweier- und Dreierreihen umkreisen gemessenen Schrittes die Basilika. Junge gehen neben Alten, Kleinkinder werden auf den Armen getragen, Gebrechliche in Rollstühlen geschoben. Wer kann, hält eine weiße Kerze in der Hand. Zwei Polizisten überwachen die Szenerie und stoppen den Verkehr. »Du Österreichs große Mutter«, fleht es aus den Lautsprechern. Die Prozession antwortet: »Maria, wir rufen zu dir.« Der Lautsprecher: »Du mächtige Großherrin Ungarns.« Der Pilgerchor: »Maria, wir rufen zu dir.« Das geht an die 15 Minuten so. Dann zieht die Prozession wieder in die Basilika ein. Im Zentrum des Kirchenschiffs steht dort Pater Karl Schauer an einem Pult gleich vor der historischen Gnadenkapelle. Begleitet von meditativen Orgelklängen, betet er die traditionellen Mariazeller Bittrufe in ein Mikrofon, auf welche die Pilgerschar draußen antwortet.

Die Spendenmaschine des eiligen Paters Superior läuft auf Hochtouren

Der 51-jährige Benediktinermönch Schauer ist der Organisator und Gastgeber der Wallfahrten in Mariazell. Tagsüber ist der geschäftige Mann in und um seine Basilika allgegenwärtig. Energisch bahnt er sich in wallender schwarzer Priesterkutte seinen Weg über den Hauptplatz. Er liest Messen, bespritzt Pilgergruppen mit Weihwasser oder gibt ein Interview nach dem anderen. In diesem Sommer scharen sich nämlich auf dem gepflasterten Platz vor der Wallfahrtskirche nicht nur Pilger, sondern es warten auch Reportergruppen, die vom Pater Superior von Mariazell der Reihe nach mit Neuigkeiten und Anekdoten versorgt werden. Seit Monaten schon erzählt er immer wieder von der päpstlichen Visite. »Ich brauch keine soziale Wärme«, sagt Schauer vor dem Interview. »Kein Small Talk. Sie stellen mir Ihre Fragen, ich antworte. Das war’s.«

Das »Projekt Mariazell«, für das rund um die Kirche auf bunten Schautafeln geworben wird, ist größtenteils sein Projekt. »Ich will nicht tiefstapeln«, sagt er und zündet sich eine neue Benson & Hedges an. »Aber ich war nur der Unruhestifter.« Als Schauer vor 15 Jahren von seinem Abt von Sankt Lambrecht in die Expositur Mariazell geschickt wurde, fand er ein desolates Gebäude vor, das sich hinter einem bereits morschen Baugerüst verbarg. Bei Regen wurde der Kirchenboden nass, im Winter häuften sich Schneewechten in den Räumen des Gotteshauses. Nach einem Kabelbrand bat er den niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll um eine Million Schilling, damit er die Stromleitungen erneuern lassen könne. »Kabel? Das ist nicht repräsentativ«, habe der Landesfürst geantwortet und gleich einmal die Renovierung des Mittelturmes gestiftet. Seither hat Schauer, vor allem von Raiffeisen-General Christian Konrad und seinen Pilgerfreunden prominent unterstützt, insgesamt 30 Millionen Euro an Hilfsgeldern gesammelt.

Zwar wurde im Juni die runderneuerte Basilika feierlich eröffnet, doch nach wie vor scheint der Hunger der Mariazeller Spendenmaschine nicht gestillt. Zahlreiche Opferstöcke säumen den Weg der Wallfahrer zum Gnadenschrein. Einer bettelt um Pilgergroschen für die Neugestaltung des Vorplatzes, ein anderer für die Renovierung der Westfassade (»1 Baustein 5 €. Hilf Mariazell!«), ein Dritter für eine neue Orgel. Mitunter spotten die Mariazeller insgeheim am Stammtisch über ihren umtriebigen Pater: »Geht’s, liabe Leut, gebt’s halt noch einmal was!« Fühlen sie sich hingegen beobachtet, kennen sie nur höchstes Lob.

Leser-Kommentare
    • Karmi
    • 30.08.2007 um 7:47 Uhr

    sind angebracht, ob der Andachtskitsch aus Italien, Deutschland oder Frankreich stammt. Es ist eher anzunehmen, dass er "Made in China" ist und giftige Farbstoffe enthaelt.

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