Österreich

Überstunden in der Pilgerfabrik

Abhängig von frommen Geschäften, fiebert Mariazell dem Papstbesuch entgegen. Porträt einer Stadt im Ausnahmezustand.

Mariazell

Es gibt Menschen, die pilgern nach Mariazell. Und solche, die wollen unbedingt fort aus dem Gnadenort. Es muss ja nicht weit sein: St. Pölten, Leoben oder Bruck würde den meisten schon reichen. »Das hier ist ja nicht normal«, sagt Patrick Grießbauer. Es ist ein lauer Abend an einem Samstag im August. Der 18-jährige Lehrling lässt mit ehemaligen Hauptschulkollegen in der Silvana-Bar die Zeit verstreichen. Die triste Dorfdisco in der Grazer Straße ist bis auf ein paar ältere Männer leer. Hier in Mariazell, sagen die vier Jugendlichen, sei es eben wie überall am Land: vor allem öde.

»Es gibt kaum etwas zu tun, wenn man nichts mit den Pilgern am Hut hat«, sagt der Lehrling Andreas Grasmann. In der Freizeit bleibe nur: Auto fahren. »Runter zum See, wenn’s schön ist. Oder einfach nur im Kreis.« Alle vier wollen möglichst rasch raus aus dem Talkessel von Mariazell und über einen der mehr als tausend Meter hohen Bergpässe in die nächstgelegene Stadt verschwinden. Hier kenne man den halben Ort beim Namen, die andere Hälfte zumindest vom Sehen. »Auswärtige« verirrten sich selten in einen der drei Jugendtreffs der Kleinstadt. »Wallfahrer gehen am Abend nicht aus«, sagt Grasmann. Wer es doch tut, wird misstrauisch beäugt. »Oder auch mal angestänkert«, grinst der korpulente Junge.

Es könnte die Geschichte von vier ganz normalen Jugendlichen in einem ganz normalen Kaff irgendwo in Österreich sein. Der wesentliche Unterschied: Die vier leben in einer der berühmtesten und meistbesuchten Pilgerstätten Europas. Alles in Mariazell, seine Wirtschaft, Kultur und Geschichte, hat mit der Wallfahrt zu tun. Genauer: mit der Jungfrau Maria und einer 48 Zentimeter hohen Statuette aus Lindenholz, die seit Jahrhunderten auf einem Sockel in der weiß und rosarot gestrichenen Kirche im Ortszentrum verehrt wird – Mariazell ist die company town der Magna Mater Austriae.

Seit 1948 besitzt Mariazell das Stadtrecht. Von einem der umliegenden Höhenrücken aus betrachtet, scheint jedoch allein die wuchtige Basilika mit ihren drei Türmen ein Drittel der Ansiedlung einzunehmen. Man blickt auf einen Ort im permanenten Ausnahmezustand herab: 1594 Einwohner, die auf 6,4 Quadratkilometer Gemeindefläche in 598 Gebäuden leben, und 212 Betriebe mit 931 Beschäftigten. Und durchschnittlich 3.000 Pilger pro Tag. Der berühmteste davon kommt am 8. September: Papst Benedikt XVI.

Die Prozession geht los: Saturday Night Fever im Gnadenort

Keiner der vier Lehrlinge aus der Silvana-Bar wird »Papst-Schauen« gehen. Alle haben anlässlich ihrer Firmung zum letzten Mal eine Kirche betreten. »Wenn man sich nicht für den Pilgerbetrieb interessiert, dann kriegt man ihn auch nur am Rande mit«, behauptet Kfz-Mechaniker-Lehrling Michael Zauner. Ganz entkommt man der Wallfahrt in Mariazell trotzdem nicht.

Wenn die Jugendlichen etwa kurz vor 21 Uhr Zigaretten rauchend über den Hauptplatz zur Disco schlendern, kann es sein, dass eine Litanei plötzlich aus den Lautsprechertrichtern an der Kirchenmauer erschallt. »Jetzt geht’s los«, sagt Zauner und grinst. Saturday Night Fever im Gnadenort: Eine Lichterprozession taucht am Rand des Platzes auf. Etwa 100 Gläubige in Zweier- und Dreierreihen umkreisen gemessenen Schrittes die Basilika. Junge gehen neben Alten, Kleinkinder werden auf den Armen getragen, Gebrechliche in Rollstühlen geschoben. Wer kann, hält eine weiße Kerze in der Hand. Zwei Polizisten überwachen die Szenerie und stoppen den Verkehr. »Du Österreichs große Mutter«, fleht es aus den Lautsprechern. Die Prozession antwortet: »Maria, wir rufen zu dir.« Der Lautsprecher: »Du mächtige Großherrin Ungarns.« Der Pilgerchor: »Maria, wir rufen zu dir.« Das geht an die 15 Minuten so. Dann zieht die Prozession wieder in die Basilika ein. Im Zentrum des Kirchenschiffs steht dort Pater Karl Schauer an einem Pult gleich vor der historischen Gnadenkapelle. Begleitet von meditativen Orgelklängen, betet er die traditionellen Mariazeller Bittrufe in ein Mikrofon, auf welche die Pilgerschar draußen antwortet.

Die Spendenmaschine des eiligen Paters Superior läuft auf Hochtouren

Der 51-jährige Benediktinermönch Schauer ist der Organisator und Gastgeber der Wallfahrten in Mariazell. Tagsüber ist der geschäftige Mann in und um seine Basilika allgegenwärtig. Energisch bahnt er sich in wallender schwarzer Priesterkutte seinen Weg über den Hauptplatz. Er liest Messen, bespritzt Pilgergruppen mit Weihwasser oder gibt ein Interview nach dem anderen. In diesem Sommer scharen sich nämlich auf dem gepflasterten Platz vor der Wallfahrtskirche nicht nur Pilger, sondern es warten auch Reportergruppen, die vom Pater Superior von Mariazell der Reihe nach mit Neuigkeiten und Anekdoten versorgt werden. Seit Monaten schon erzählt er immer wieder von der päpstlichen Visite. »Ich brauch keine soziale Wärme«, sagt Schauer vor dem Interview. »Kein Small Talk. Sie stellen mir Ihre Fragen, ich antworte. Das war’s.«

Das »Projekt Mariazell«, für das rund um die Kirche auf bunten Schautafeln geworben wird, ist größtenteils sein Projekt. »Ich will nicht tiefstapeln«, sagt er und zündet sich eine neue Benson & Hedges an. »Aber ich war nur der Unruhestifter.« Als Schauer vor 15 Jahren von seinem Abt von Sankt Lambrecht in die Expositur Mariazell geschickt wurde, fand er ein desolates Gebäude vor, das sich hinter einem bereits morschen Baugerüst verbarg. Bei Regen wurde der Kirchenboden nass, im Winter häuften sich Schneewechten in den Räumen des Gotteshauses. Nach einem Kabelbrand bat er den niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll um eine Million Schilling, damit er die Stromleitungen erneuern lassen könne. »Kabel? Das ist nicht repräsentativ«, habe der Landesfürst geantwortet und gleich einmal die Renovierung des Mittelturmes gestiftet. Seither hat Schauer, vor allem von Raiffeisen-General Christian Konrad und seinen Pilgerfreunden prominent unterstützt, insgesamt 30 Millionen Euro an Hilfsgeldern gesammelt.

Zwar wurde im Juni die runderneuerte Basilika feierlich eröffnet, doch nach wie vor scheint der Hunger der Mariazeller Spendenmaschine nicht gestillt. Zahlreiche Opferstöcke säumen den Weg der Wallfahrer zum Gnadenschrein. Einer bettelt um Pilgergroschen für die Neugestaltung des Vorplatzes, ein anderer für die Renovierung der Westfassade (»1 Baustein 5 €. Hilf Mariazell!«), ein Dritter für eine neue Orgel. Mitunter spotten die Mariazeller insgeheim am Stammtisch über ihren umtriebigen Pater: »Geht’s, liabe Leut, gebt’s halt noch einmal was!« Fühlen sie sich hingegen beobachtet, kennen sie nur höchstes Lob.

Im kleinstädtischen Mikrokosmos umgibt den Kirchenmann eine Aura der Macht und des Unnahbaren. »Ich glaube kaum, dass es in Mariazell viele Leute gibt, die ihm widersprechen würden«, sagt etwa der Hotelier Christian Meduna. Lieber ärgern sich die Mariazeller still – und grummeln später darüber. Dass Schauer eine private Tiefgarage gleich hinter der Kirche ausheben ließ oder dass er die Bäume rund um die Basilika opferte. Und, ganz generell, dass der Gottesmann in der tiefschwarzen Gemeinde viel zu viel zu sagen habe. Das ficht den geistlichen Herren nicht an: »Egal, was ich tue, es wird immer getratscht.« Ob die Kirche in Mariazell zu viel Macht habe? »Na ja, sie steht ja ziemlich mächtig da«, sagt er lächelnd. Und mit ernsterem Blick: »Die Kirche ist schließlich der Lebensnerv dieser Stadt.«

Das dürfte eine Untertreibung sein. Die Wirtschaft des Gnadenortes ist nahezu ausschließlich von dem Betrieb in der Basilika abhängig. »Pilgerfabrik« oder einfach nur »die Fabrik« heißt das Gotteshaus im Volksmund. Dort wird produziert, wovon Mariazell lebt. Ob in Autos oder Bussen, auf Fahrrädern oder Mopeds oder gar zu Fuß – in der Wallfahrersaison von Mai bis Oktober begeben sich Hunderttausende auf den Weg zur Madonna von Mariazell. Von 6 bis 20 Uhr ist die Kirche geöffnet, bis zu 40 Pilgermessen finden täglich statt, die Beichte kann in acht Sprachen abgelegt werden. Die Gläubigen der Pfarrgemeinde Mariazell feiern derweil ihren sonntäglichen Gottesdienst abgeschieden im schmucklosen Pfarrsaal.

Besonders die traditionellen Pilgergruppen beleben das Geschäft. Regelmäßig findet etwa eine Wallfahrt der Blasmusik statt, ein andermal kommen die Notare, dann Tischler, Rotkreuzler, Motorradfahrer oder sogar Rollschuhläufer. Auch eine Bundesregierung war schon angereist, um geschlossen ihren Dank abzustatten, nachdem die EU ihre Sanktionen gegen das offizielle Österreich aufgehoben hatte. Besonderen Stellenwert genießt die jährliche Bittprozession der Burgenland-Kroaten. An Tagen der »Kroatenwallfahrt«, jeweils das letzte August-Wochenende, freut sich Mariazell üblicherweise über die höchsten Umsätze der Saison.

Nicht nur Mariazell profitiert von der Wallfahrt, sondern auch seine vier Nachbargemeinden. Zusammen bilden sie die Marke Mariazeller Land. 200.000 Nächtigungen verzeichnet die Region pro Jahr. »Es ist eine touristische Monokultur hier«, sagt Hannes Girrer, Besitzer einer lokalen Wirtshausbrauerei. Es gibt keine Industriebetriebe und kaum Infrastruktur. Lediglich ein Regionalzug bummelt fünfmal am Tag aus dem heiligen Talkessel nach St. Pölten. Fahrzeit für die 85 Kilometer: zweieinhalb Stunden.

Seit den fünfziger Jahren neigt sich die Einwohnerkurve stetig nach unten (minus acht Prozent in den vergangenen fünf Jahren). Die Geburtenbilanz ist seit 30 Jahren negativ. Auch die Nachbargemeinden kämpfen mit diesem Problem. »Jetzt ist es August, und wir hatten noch keine einzige Geburt. Und das bei 1.400 Einwohnern«, klagt der Bürgermeister im nahen Gußwerk. Dazu kommt die Abwanderung. Mangels Perspektive verlassen viele Jugendliche ihren Heimatort, wo die Schullaufbahn nach der Pflichtschule endet. Ganze 19 Lehrstellen gab es laut steirischer Wirtschaftskammer 2006 in Mariazell. Gymnasiasten müssen entweder per Bus in die umliegenden Städte pendeln, oder sie suchen sich dort gleich eine neue Bleibe. »Jobs für Maturanten gibt es so gut wie keine«, klagt Brauereibesitzer Girrer. Seine beiden eigenen Kinder hat er im Internat der Hotelfachschule in Krems untergebracht.

Mariazell soll im Glanz erstrahlen. Deshalb herrscht Urlaubssperre

Landflucht sei ja ein österreichweites Phänomen, meint der Mariazeller Bürgermeister Helmut Pertl. »Uns als Wallfahrtsort geht es noch besser als vielen anderen. Deshalb spielt auch der Papstbesuch eine ganz besondere Rolle.« Man werde zwar am 8. September, wenn der Papst vor der Basilika seine Messe feiert, bestimmt nicht das »große Geschäft« machen. Doch wegen der wochenlangen Medienpräsenz rechnet die Gemeinde wenigstens mit weltweiter Bekanntheit.

Daher muss Mariazell an diesem Tag glänzen. Alles ist auf das magische Datum fixiert. »Als würde die Welt am 8. September untergehen«, sagt Wolfgang Höhn von der lokalen Malereifirma. Die ortsansässigen Unternehmen hätten in diesem Jahr so viele Aufträge erhalten, dass sie auf »Fremdarbeiter und Subunternehmer« zurückgreifen mussten. »Nächstes Jahr werden uns diese Jobs fehlen«, ahnt der Anstreicher.

Dutzende Häuserfassaden sind frisch herausgeputzt worden – gefördert vom Land Steiermark, das auch einigen Zufahrtsrouten einen neuen Straßenbelag spendierte. Seit Juli werden Straßen und Plätze in Mariazell umgebaut. Über eine Million Euro hat die Landesregierung im letzten Moment bewilligt, um Stiegen zu erneuern, neuen Asphalt aufzutragen und Gehsteige zu sanieren. Alle Bodenmarkierungen sollen blütenweiß strahlen, alle Hecken geschnitten sein, jeder lose Pflasterstein wird einbetoniert. »Mariazell muss aussehen wie ein Schmuckkasten«, forderte der Bürgermeister schon vor Monaten. In manchen Gemeindebetrieben herrscht deshalb während des Sommers Urlaubssperre.

Von den schmuck renovierten Fassaden am Hauptplatz wird allerdings bei der Live-Übertragung im Fernsehen wenig zu sehen sein. Eine 16 Meter hohe Tribünenkonstruktion, die gegenüber dem päpstlichen Altartisch zum Himmel ragen wird, versperrt dann den Blick. Bereits seit dem Frühjahr wird über den gigantischen Bau überall im Ort gerätselt. »Uns lassen ’s dumm sterben«, mäkelte noch Mitte Juli ein Mariazeller Gemeinderat.

Eine Woche später findet endlich eine Gemeinderatssitzung statt, in der zum ersten Mal über die Freiluftarena für den Papst beraten werden soll, welche die Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat. Die 15 Volksvertreter klettern über eine provisorische Bretterbrücke in das eingerüstete Gemeindeamt. Bohrmaschinen und Hämmer dröhnen bis in den Sitzungssaal – nur mehr fünf Wochen bleiben den Bauarbeitern bis zum großen Tag. Bürgermeister Pertl präsentiert einen Plan der Zuschauertribüne, den er nach langen Bitten gerade erst erhalten hat. Interessiert studieren die Mandatare das Dokument. »Aha, jetzt ist es fix«, erläutert Pertl. »Vier Bäume müssen weg.« Die Linden sind ein Andenken an einen anderen hohen Gast: Sie wurden 1983 anlässlich des Besuchs von Johannes Paul II. gepflanzt. Die Volksvertreter sind sich einig: Wo sie standen, werde man später neue Bäume setzen. Zumindest der alte Stadtbrunnen darf bleiben, wo er ist, er wird von der Tribüne überbaut werden. Hier und da regt sich zwar leise Kritik daran, zu spät und zu dürftig über all die Eingriffe, nach denen das Spektakel verlangt, informiert worden zu sein, doch insgesamt scheint sich die Gemeinde selbst entmündigt zu haben. »Lassen wir bitte keine negative Stimmung aufkommen«, mahnt der ÖVP-Gemeinderat und Tourismusmanager Klaus Hulatsch seine Kollegen. »Halten wir uns lieber das großartige Ereignis vor Augen.«

Von einem »Aufruhr um die vier Linden«, von dem sogar die Neue Zürcher Zeitung zu berichten wusste, ist jedenfalls nichts zu spüren, als die Linden am 20. August gefällt werden. Um 6.50 Uhr rücken zwei Arbeiter mit Motorsägen an. Der Hauptplatz ist nebelverhangen und menschenleer. Die vier Bäume krachen auf das Pflaster, und sogleich fegt eine Kehrmaschine die Blätter und Äste, welche die Linden dabei verloren haben, fort. Fünfzig Minuten später ist der Spuk vorbei. Als um 8 Uhr der erste Pilgerbus eintrifft, herrscht wieder Morgenruhe.

Tags darauf fahren die Satteschlepper vor. Von 8 bis 20 Uhr, Wochenende inklusive, werden nun täglich die Stahl- und Aluminiumteile für die Zuschauertribüne angeliefert und zusammenmontiert. Darauf haben sich die Tribünenbauer mit den Anrainern geeinigt. Aufbegehrt gegen die Ruhestörung hat ohnehin niemand.

Wenn am 8. September 1.000 Polizisten, 200 Sanitäter, 500 Feuerwehrleute, 400 Ordner und 30.000 Pilger Mariazell überfluten, werden auch alle Gästezimmer im Ort besetzt sein. Die meisten hat die Bischofskonferenz bereits vor eineinhalb Jahren gebucht. »Ich zum Beispiel hab acht VIPs da. Alle in Einzelzimmern«, sagt Gastwirt Christian Meduna. »Wer die sind, erfahre ich aber erst, wenn sie ankommen.« Er rechnet mit Kardinälen oder Journalisten, wie damals bei der »Wallfahrt der Völker« zum Europäischen Katholikentag im Mai 2004.

Damals strömten 100.000 Pilger in den Gnadenort, doch der Himmel zeigte kein Einsehen. Heftige Regengüsse und spätes Schneetreiben verwandelten die Wallfahrt in ein Chaos. Busse blieben im Schlamm stecken, Pilger schlitterten stundenlang durch das morastige Gelände. Viele zogen sich in ihrer sommerlichen Wanderkleidung Erfrierungen zu. Der letzte vermisste Pilger, ein 69-jähriger Tscheche, tauchte erst nach über einer Woche wieder auf. Während bereits Feuerwehrtaucher im Erlaufsee seine Leiche suchten, hatte sich der verwirrte Pensionist nach Tulln durchgeschlagen und dort Asyl in der Pfarrkirche gefunden. Der Katholikentag gilt heute in Mariazell als legendär: nicht wegen des Durcheinanders, sondern aufgrund der völkerverbindenden Atmosphäre, in der die frommen Scharen bibberten.

Die vielen Pilger aus den damals noch neuen EU-Staaten ließen in Mariazell auch Erinnerungen an die Monarchie aufleben. Seit Jahrhunderten wallfahren dank tatkräftiger Unterstützung der Habsburger Ungarn, Tschechen, Slowaken und Kroaten besonders zahlreich nach Mariazell. Die vielfältigen Pilgergaben in der Schatzkammer der Basilika erzählen von Leid und Tränen, welche Marienverehrer in die Obersteiermark trugen. Soldaten brachten der Magna Mater Granatsplitter dar, die sie nur knapp verfehlt hatten. Kinder zeichneten krakelige Bilder der Madonnenfigur, und eine Wienerin opferte der Marienstatue sogar eine in Gold gefasste Nähnadel, die sie irrtümlich verschluckt hatte und die sie 1809 ein ganzes Jahr quälte. »Immer wenn die Zeiten besonders schlecht waren, nach Kriegen oder Seuchen, war die Wallfahrt am stärksten«, erklärt Heinz Karl, der Fremdenführer im Heimatmuseum von Mariazell.

Pisten und Sommerfeste – die Pilgerstätte will Ungläubige anziehen

Heute ist der Gnadenort allerdings weit davon entfernt, ein »Las Vegas der Schmerzen« zu sein, wie der Holländer Geert Mak den französischen Wallfahrtsort Lourdes in seinem Buch In Europa beschreibt. Modernes Pilgern gleicht nun eher einem Wellnesstrip. Verlangte 1495 noch das Mariazeller Bußbuch, ein Wallfahrer müsse sich »mit unbedecktem Haupt«, »barfuß«, »sich geißelnd« und »Essig trinkend« der Gnadenmutter nähern, so überwiegen heute breitkrempige Hüte, Sneakers, Nordic-Walking-Stecken und Vitaldrinks, die teilweise nach erfrischendem Apfelessig-Holunder-Aroma schmecken.

Auch die frommen Geschäfte haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert: 52 Beherbergungsbetriebe mit 1263 Betten gibt es in Mariazell heute. Vor fünfzig Jahren waren es noch doppelt so viele. »Dass man einige Nächte bleibt, war früher selbstverständlich«, sagt Pater Karl Schauer. »Heute ist es die Ausnahme.« Die Busse aus Osteuropa sind häufig die ganze Nacht unterwegs. Die Pilger treffen frühmorgens in Mariazell ein, beichten, feiern ihre Messen und sitzen am Nachmittag schon wieder zur Heimreise im Bus.

Deshalb bemüht sich die Gemeindeverwaltung seit Jahren, mehr zu sein als bloß der Wallfahrtsort in Österreich. 16 Millionen Euro hat die Region seit 1990 in Lifte, Pisten und Beschneiungsanlagen für ihre beiden Hausberge gepumpt. Mit einem Adventmarkt im Winter, einer kulturellen Veranstaltungsreihe im Sommer und der Vermarktung der noch recht unberührten Natur versuchen die vier Gemeinden, nun auch Ungläubige in die Region zu locken.

Der eifrigste Verfechter dieser Pläne, Tourismusmanager Hulatsch, will aber keineswegs auf skeptische Distanz zur Magna Mater gehen. Im Gegenteil: Berät man im Gemeinderat, ob einem kleinen Wettcafé die Errichtung eines Gastgartens auf dem Hauptplatz genehmigt werden kann, ist der 32-jährige ÖVP-Mandatar der Erste, der Bedenken anmeldet, »so einen Betrieb gleich neben der Basilika auch noch zu unterstützen«. Der Mann vom Fremdenverkehr will Mariazell lediglich zu einer zweiten Identität verhelfen. »Es ist einfach unfair, wenn man uns auf den Papstbesuch reduziert«, sagt er. Tatsächlich steigen die Nächtigungszahlen im Winter kontinuierlich. Das neueste Projekt namens »Europeum« soll diesen Trend verstärken. So stampfen jetzt die Gemeinden des Mariazeller Landes ein pompöses Konferenzzentrum samt angeschlossenem Wellnesstempel für elf Millionen Euro aus dem Boden. Ein »zweites Zentrum« im Ortskern soll entstehen, eine neue Fabrik, die nicht fromme Laufkundschaft, sondern ein Erholung suchendes Stammpublikum anlockt.

Die erste Schneekugel war ein Souvenir aus Mariazell

Noch dominieren jedoch die Pilger das Stadtbild. Wallfahrer zu Fuß tragen stolz Fahnen vor sich her und singen, andere haben ein blumengeschmücktes Holzkreuz auf sich genommen. Bequemere Pilger schlendern zwischen den zahlreichen Buden umher, die das Bild des Hauptplatzes seit Jahrhunderten prägen. Die ersten Stände waren Pferdetränken und beherbergten Hufschmiede. Danach kamen die Flickschuster: Mehr als 20 davon reparierten im 18. Jahrhundert den Wallfahrern die durchgelatschten Sohlen. Heute, wo die Pilger Nike oder Puma tragen, gibt es in Mariazell nur noch einen einzigen Schuster. Vor wenigen Monaten musste allerdings der Familienbetrieb Schuh-Sport-Dellinger in der Wiener Straße Konkurs anmelden.

An den modernen Devotionalienständen kaufen jetzt die Besucher Opferkerzen, Rosenkränze, geschnitzte Engel, Weihwasserspender, Ansichtskarten oder Plüschtiere. Es sind dieselben Artikel, die man auch in Lourdes, Loretto, Altötting oder Fatima finden kann. Das Geschäft mit dem Andachtskitsch ist längst international, die Ware kommt aus Deutschland, Belgien oder Frankreich. »Alle geschnitzten Sachen stammen von einem Händler aus Südtirol«, erklärt Liane Lammer, deren Familie mit fünf Ständen und einem Devotionaliengroßhandel zu den alteingesessenen Standler-Dynastien von Mariazell gehört. Nur vereinzelt blitzt das Konterfei des Papstes auf Kerzen oder Ansichtskarten zwischen all den himmlischen Wesen und betenden Händen hervor. Manche Stände bieten kleine Tonstatuen des winkenden Benedikt für 28 Euro feil.

Der neueste Errungenschaft unter den Papstdevotionalien ist zugleich einer der ältesten Gnadenartikel des Ortes: eine Glaskugel, in der weiße Flocken auf die Mariazeller Basilika rieseln. Der Wiener Feinmechaniker Erwin Perzy erfand 1900 das Prinzip der Schneekugel, weil ein enger Freund dringend neue Artikel für seinen Devotionalienstand in Mariazell benötigte. Noch heute hängt die erste Skizze jener Urschneekugel gerahmt im Büro seines Enkels, der die Familientradition fortführt. Im Jahr 2007 rieseln Plastikteilchen statt des ursprünglichen Magnesiumstaubs auf das Kirchenmodell herab. Den Sockel aus schwarzem Kunststoff ziert jetzt ein innovativer Schriftzug in Gold: »Papst Benedikt XVI.«

Lange herrschte Verwirrung darüber, ob die Devotionalienhändler auch am Papsttag Geschäfte machen sollen. Das sorgte für Unmut vor dem Haus des Herren. Sie dürfen. Aber erst ab 14 Uhr. So bleiben den Pilgern bloß zwei Stunden zum Shoppen, bevor sie nach dem Ende des Hochamtes wieder in ihre Busse klettern müssen.

Dann werden die Leute von Mariazell insgeheim erleichtert aufatmen. Die Bühne, die Altaraufbauten und die Tribüne werden wieder abgebaut werden, die Bürgerhäuser werden wieder ihren neuen Fassadenanstrich präsentieren dürfen, und in der Pilgerfabrik wird allmählich der Alltag einkehren – mit Litaneien, Fürbitten, Messfeiern am Fließband.

»Leider blieben heuer viele Stammgäste aus«, klagt Hotelier Christian Meduna, der am »Heiligen Brunnen«, einer angeblich heilkräftigen Quelle einige Gehminuten von der Basilika entfernt, ein Dreisternehotel betreibt. Er ist nicht der einzige Wirt, der Umsatzeinbußen verzeichnet haben will. Viele regelmäßige Besucher, heißt es im Gastgewerbe von Mariazell, hätten in diesem Jahr wegen des befürchteten Trubels auf ihre Wallfahrt verzichtet.

»Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache«, sagt hingegen Paul Wuthe vom Organisationskomitee für den Papstbesuch in Wien. Das Jahr des Papstbesuches werde ganz im Gegenteil dem Gnadenort ein Umsatzplus bescheren. Woher dann die Unzufriedenheit? Wuthe vermutet, in Zeiten des Komfortpilgerns gelte eine neumodische Losung, die freilich dem Wallfahrtsgedanken widerspricht. Sie lautet: »Lerne zu klagen, ohne zu leiden.«

Mitarbeit: Karin Zauner

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben

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Leser-Kommentare

    • 30.08.2007 um 7:47 Uhr
    • Karmi

    sind angebracht, ob der Andachtskitsch aus Italien, Deutschland oder Frankreich stammt. Es ist eher anzunehmen, dass er "Made in China" ist und giftige Farbstoffe enthaelt.

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  • Von Wolfgang Luef
  • Datum 29.8.2007 - 03:06 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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  • Schlagworte Religion | Kirche | Geistlicher | Papst | Innenpolitik | Innenpolitik
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