Österreich Überstunden in der PilgerfabrikSeite 4/4
Der neueste Errungenschaft unter den Papstdevotionalien ist zugleich einer der ältesten Gnadenartikel des Ortes: eine Glaskugel, in der weiße Flocken auf die Mariazeller Basilika rieseln. Der Wiener Feinmechaniker Erwin Perzy erfand 1900 das Prinzip der Schneekugel, weil ein enger Freund dringend neue Artikel für seinen Devotionalienstand in Mariazell benötigte. Noch heute hängt die erste Skizze jener Urschneekugel gerahmt im Büro seines Enkels, der die Familientradition fortführt. Im Jahr 2007 rieseln Plastikteilchen statt des ursprünglichen Magnesiumstaubs auf das Kirchenmodell herab. Den Sockel aus schwarzem Kunststoff ziert jetzt ein innovativer Schriftzug in Gold: »Papst Benedikt XVI.«
Lange herrschte Verwirrung darüber, ob die Devotionalienhändler auch am Papsttag Geschäfte machen sollen. Das sorgte für Unmut vor dem Haus des Herren. Sie dürfen. Aber erst ab 14 Uhr. So bleiben den Pilgern bloß zwei Stunden zum Shoppen, bevor sie nach dem Ende des Hochamtes wieder in ihre Busse klettern müssen.
Dann werden die Leute von Mariazell insgeheim erleichtert aufatmen. Die Bühne, die Altaraufbauten und die Tribüne werden wieder abgebaut werden, die Bürgerhäuser werden wieder ihren neuen Fassadenanstrich präsentieren dürfen, und in der Pilgerfabrik wird allmählich der Alltag einkehren – mit Litaneien, Fürbitten, Messfeiern am Fließband.
»Leider blieben heuer viele Stammgäste aus«, klagt Hotelier Christian Meduna, der am »Heiligen Brunnen«, einer angeblich heilkräftigen Quelle einige Gehminuten von der Basilika entfernt, ein Dreisternehotel betreibt. Er ist nicht der einzige Wirt, der Umsatzeinbußen verzeichnet haben will. Viele regelmäßige Besucher, heißt es im Gastgewerbe von Mariazell, hätten in diesem Jahr wegen des befürchteten Trubels auf ihre Wallfahrt verzichtet.
»Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache«, sagt hingegen Paul Wuthe vom Organisationskomitee für den Papstbesuch in Wien. Das Jahr des Papstbesuches werde ganz im Gegenteil dem Gnadenort ein Umsatzplus bescheren. Woher dann die Unzufriedenheit? Wuthe vermutet, in Zeiten des Komfortpilgerns gelte eine neumodische Losung, die freilich dem Wallfahrtsgedanken widerspricht. Sie lautet: »Lerne zu klagen, ohne zu leiden.«
Mitarbeit:
Karin Zauner
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben
- Datum 29.08.2007 - 05:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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sind angebracht, ob der Andachtskitsch aus Italien, Deutschland oder Frankreich stammt. Es ist eher anzunehmen, dass er "Made in China" ist und giftige Farbstoffe enthaelt.
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