Peter Bieri Fühlen, um zu erkennen

In seiner monatlichen Kolumne für das ZEITmagazin LEBEN befasst sich der Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri diesmal mit der Frage: Was macht Bewusstsein zu einem Rätsel?

Es fühlt sich auf bestimmte Weise an, ein Mensch zu sein. Jeder von uns ist ein Zentrum des Erlebens. Dieses Erleben umfasst Unterschiedliches: Sinnesempfindungen wie Farben und Töne; Körperempfindungen wie Lust und Schmerz; Emotionen wie Angst und Hass; Stimmungen wie Melancholie und Heiterkeit; schließlich Wünsche und Triebe, also unseren Willen. Was wir erleben, ist nicht nur vorhanden, es ist etwas für uns und macht in diesem Sinne unser Bewusstsein aus.

Bewusstsein ist ausschlaggebend dafür, dass wir uns als Subjekte erfahren, und damit ist es entscheidend für all die Dinge, die uns als Subjekte betreffen: eine seelische Identität über die Zeit, die Ausbildung eines Selbstbilds, Anerkennung und Respekt von den Anderen, Verantwortung für unser Tun. All diese Dinge gibt es nur, weil wir über eine Innenperspektive des Erlebens verfügen.

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Zugleich sind wir biologische Systeme. Um ein solches System in seinem Aufbau und seiner Funktionsweise zu erforschen, brauchen wir nicht über sein Erleben nachzudenken. Es geht um anatomische Strukturen, funktionale Zusammenhänge, Stoffwechselvorgänge, elektrische Aktivitätsmuster. Worauf es hier ankommt, ist Objektivität: Erkenntnisse, die von subjektiven Beimischungen möglichst gereinigt und für jeden in gleicher Weise nachvollziehbar sind. Für das Erleben dagegen ist wesentlich, dass es sich in dem, was es ist, nur dem Subjekt selbst ganz erschließt: Ich muss den Schmerz und die Angst fühlen, um sie vollständig zu kennen, und diese Kenntnis von innen macht mich zu einer Autorität.

Eine solche private Autorität gibt es im Körperlichen nicht: Dort sind die Phänomene öffentlich und allen in gleicher Weise zugänglich. Sofern wir ein Stück Natur sind, ist das Ziel der Erkenntnis Objektivität. Sofern wir ein Zentrum des Erlebens sind, kommt es auf die subjektive Vertrautheit mit dem Erlebten an.

Erleben und biologisches Geschehen sind nicht unabhängig voneinander: Nichts geschieht im Erleben, ohne dass sich auch im Körper etwas verändert, und bestimmte biologische Vorgänge erzwingen eine Veränderung im Erleben. Davon geht jeder aus, der Alkohol trinkt oder ein Aspirin nimmt. Wir alle sind in diesem Sinne minimale Materialisten: Wir glauben, dass Körper und Erleben zusammen variieren und dass wir zwischen ihnen eine Beziehung des Erklärens herstellen können: Ein bestimmtes Erleben tritt auf, weil eine körperliche Veränderung stattfindet. Und zudem scheint klar: Es ist vor allem das Geschehen im Gehirn, das wir kennen müssen, um unser Erleben zu verstehen.

Stellen wir uns nun ein menschliches Gehirn vor, das maßstabgetreu so weit vergrößert wäre, dass wir in ihm umhergehen könnten wie in einer riesigen Fabrik. Wir machen eine Führung mit, denn wir möchten wissen, woran es liegt, dass der entsprechend vergrößerte Mensch, dem das Gehirn gehört, ein erlebendes Subjekt mit einer Innenperspektive ist. Der Führer erklärt uns den Aufbau der Nervenzellen, die schwindelerregende Vielfalt der Verbindungen, die Chemie der Botenstoffe und das Muster der Gehirnströme.

„Alles sehr eindrucksvoll“, sagen wir zu ihm, „aber wo in dem Ganzen ist das Bewusstsein, das erlebende Subjekt?“ – „Komische Frage“, lacht er, „das erlebende Subjekt ist nicht irgendwo in dieser Fabrik; es ist die Fabrik als ganze, die für das Bewusstsein verantwortlich ist.“

Das sehen wir ein. Ein Schnitzer. Trotzdem beschäftigt uns etwas: Wir können uns ohne Weiteres vorstellen, dass hier drin alles genau so wäre, wie es ist, ohne dass der Mensch auch nur den Schatten eines Erlebnisses hätte. Nichts von dem, was uns gezeigt worden ist, scheint es notwendig zu machen, dass da einer etwas erlebt: nicht die Art des Materials, nicht die Architektonik der Fabrik, nicht die chemischen Reaktionen, nicht die elektrischen Muster.

Leser-Kommentare
  1. Sicher ist das Kunstwerk mehr als die Summe seiner Teile. Gleichzeitig ist es aber ohne diese gar nicht erst existent. Nur weil wir nicht verstehen welche präzise Anordnung der Teile für die besondere Wirkung des Ganzen verantwortlich ist, heisst das noch lange nicht, dass dem ein Dualismus innewohnt.

  2. Das System des ICH ist eine Hysteresis-Schleife zur Lösung von System-Umwelt-Problemen, nach dem Motto: ... Problem erkannt; Gefahr gebannt ... ; (neues) Problem ... . Entscheidend ist das Semikolon (ca 100-200 msec Takt). Varianten sind: Problem NICHT erkannt; (psychische) Krankheit entwickeln... , Problem falsch interpretiert; keinen Erfolg gehabt... .
    Das Bewußtsein ist höchstwahrscheinlich eine neurotische Funktion im Feld der (verzögerten) System-Umwelt-Anpassung. Es wird v.a. im gesellschaftlich diktierten Spracherwerb trainiert. Das Bewußtsein ist i.W. ein Strom von verbalen Gedanken. Je bewußter das Individuum, desto differenzierter die Ausdrucksweise. Kritisch ist die neurotische Funktion zu sehen, viele Menschen sind fehlangepaßt in einer hochtechnisierten, lebensfernen Umwelt, die wenig Raum für Bewußtsein im gesunden Sinne läßt. Die verzögerte System-Umwelt-Anpassung überdauert dann sogar den Tod dieses Inidividuums. Es hat sich nicht zu einem freien Menschen entwickeln können.

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    [entfernt, bitte diskutieren Sie sachlich zum Thema und versuchen Sie Ihre Beiträge frei von Rechtschreibfehlern zu halten, das erleichtert die Leserlichkeit ungemein/ Redaktion]

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    Antwort auf "Funktionsweise des ICH"
  4. Der Verfasser trifft aus meiner Sicht schon einen ganz wichtigen Punkt. Wir neigen dazu, die Fragen verkehrt herum zu stellen. Ebenso wie Gott uns nicht geschaffen haben muss ("könnte" natürlich schon), weil der Zufall zu groß wäre, so muss auch das Bewusstsein nicht zwanghaft physiologisch sein, weil es in einem solchen System vorhanden ist. Noch ein wenig vertrackter wird es mit Ameisen. Der einzelnen Ameise mit ihren 1-2 Neuronen wird jegliches Bewusstsein und Denkvermögen abgesprochen, aber dem Ameisenhaufen werden Intelligenz und Lernfähigkeit unterstellt. Dabei hängen die Tierchen physiologisch auch nicht wirklich zusammen. Sehr rätselhaft ...

  5. Der biologische Aspekt des Bewusstseins, sowie die Zusammensetzung des Ganzen aus Teilen, wird als untrennbar mit dem Phänomen Bewusstsein, hier auch mal von einem Philosophen, angesprochen. So sollte man sich, was dies anbelangt an die Worte eines großen Biologen erinnern, der sagte: "Nichts in der Biologie macht Sinn, ohne den Aspekt der Evolution." Evolution wird hier nicht angesprochen. Dazu gehörte dann nämlich auch die von besonders von vielen Philosophen streng bestrittene Wirkung der biologisch-kulurellen Koevolution, die einen möglichen Zugang zum Verständnis der evolutionären Entwicklung von Bewusstsein eröffnen kann.
    Wir sollten in der Tat darüber staunen dass wir mit Bewusstsein begabt sind, werden aber niemals gültige Antworten finden können, wenn die Fragestellungen der Philosophie und der Biologie nicht vereint werden können.
    Ohne diese Aspekte bleibt das Gespräch über Bewusstsein ein unerschöpfliches (Streit)Thema oder böser gesagt eine schöne Spielwiese!

  6. Warum haben Sie Ihren Kommentar mit "Zustimmung" überschrieben ?
    Sie postulieren doch das Gegenteil !?
    andpfeff

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