Denken wir uns ein Hotel und ziehen ab, worauf wir gern verzichten: Bonbon auf dem Kopfkissen, Schuhputzautomat, Hosenbügler, Radiowecker. Jetzt streichen wir, was wir nicht unbedingt brauchen: Glotze, Minibar, Badewanne. Und nun lassen wir wegfallen, was wir eigentlich unbedingt brauchen, was aber nicht überlebensnotwendig ist: Dusche, Fenster, Frühstück. Was als eigentliche Substanz eines streng minimalistischen Hotels bleibt, ist: Bett und Ruhe. In diesem Sinne ist dasparkhotel in Ottensheim bei Linz in Oberösterreich ein Hotel.

Oben auf dem Hügel liegt Ottensheim, klein, adrett, gastronomisch erfreulich, sogar idyllisch. Bergab folgt der Friedhof, dann der kommunale Bauhof mit einem Tierkörpersammelcontainer, dann der erste Schutzdeich, dann ein grüner, grüner Park, dann die Donau so blau. Auf dem Deich liegen wie bestellt und nicht abgeholt drei dicke Betonsegmente eines großen Abwasserkanals. Das eine Ende ist zubetoniert, das andere hat eine Tür. Auf der Tür steht »dasparkhotel.net«.

Wir, Vater und Sohn, öffnen die Tür. Da sind ein Bett, ein Brett, eine Nachttischlampe. Zwei Kopfkissen. Zwei zu Schlafsäcken umgenähte Betttücher. Zwei wollene Decken mit der Aufschrift »Heereseigentum«. Ein verglastes Bullauge himmelwärts. Zwei mit Metallnetzen gesicherte Lüftungslöcher in der Rückwand. Eine Bedienungsanleitung für dasparkhotel mit einer Telefonnummer für alle Fälle. Zwei Mücken. Ein mit Edding geschriebenes Wort an der rohen Betonwand: FICAN. Vater: »Gemütlich! Und so schön gelegen! Wären die Bäume nicht, sähe man auf die Donau!« Sohn: »Mücken! Ein bisschen wie Zelten. Wo dusche ich morgen?«

Seltsame Hotels gibt es. Man kann in Fässern schlafen oder auf Bäumen, in Leuchttürmen oder U-Booten. Das Ottensheimer Kanalrohr ist Kunst. Der Künstler heißt Andreas Strauss, ist 39 Jahre alt und stammt aus dem oberösterreichischen Wels. Vor drei Jahren hat er in der Linzer Innenstadt, direkt neben dem Brucknerhaus, ein revolutionäres Hotelkonzept verwirklicht, das »Gastfreundschaftgerät«. Seine Idee: Die Stadt überlässt ihren Gästen ein Stück zentraler Wiese, darauf kommt eine Art Schließfach fürs Gepäck und den Gast selbst. Robust muss es sein und unscheinbar wegen des Vandalismus. Zudem billig und mit geringstem Aufwand zu betreiben.

Die Wahl fiel auf »das Rohr«, wie Strauss immer nur sagt – ein handelsübliches Faserbetonrohr, 2,40 Meter Durchmesser, 2,70 Meter lang, neun Tonnen schwer, also auch von zehn besoffenen Skins nicht wegzurollen. Eine Rezeption gibt es nicht. Man bucht im Internet und bekommt einen Code; den tippt man bei Ankunft in der Rohrtüre ein. Die Bleibedauer ist begrenzt. Der Künstler glaubt an die alte Regel, wonach es mit Gästen wie mit dem Fisch ist: Nach drei Tagen fangen sie an zu stinken. Abgerechnet wird nicht: » Pay as you wish! « Zwischen 5 und 50 Euro ließen die meisten da, sagt Strauss. Ein Drittel davon geht an ihn, zwei Drittel bekommt die Putzfrau. Nach einem Jahr Linz schaffte er seine drei Rohre nach Ottensheim. Dort liegen sie jetzt rum und sind gut gebucht, weil der Donauradweg R1 hier entlanggeht. Und weil Jungmädchenzeitschriften und die New York Times schon über dasparkhotel schrieben.

Hinter dem Konzept steht ein Gedanke. Eigentlich, sagt Strauss, muss man für ein innerstädtisches Hotel nur ein gut behütetes Bett anbieten. Alle weiteren Annehmlichkeiten sind doch schon da! Selbst in Ottensheim! WC beim Bauhof, kaum hundert Schritte entfernt. Unten im Park, einen Steinwurf weg, bekommt man in einer Institution namens El Danubio Kaffee und einen Imbiss, mit Glück sogar Frühstück. Dort gibt es auch eine Freiluftdusche. Das Wasser kommt aus einem geschwärzten Tank und ist manchmal sogar warm. Statt Minibar hat man eine 24-Stunden-Tanke in Gehweite. Und gäbe es einen tolleren Hotelpool als die Donau selbst? Wasserqualität zwischen 1 und 2, um ein Haar Trinkwasser! Noch Wünsche?