Was hat nun begonnen: die zweite Halbzeit der Großen Koalition oder der ausgiebigste Wahlkampf aller Zeiten? Womit wird sich die Republik in den zwei Jahren bis zur Bundestagswahl beschäftigen? Noch mit nüchterner, konstruktiver Sachpolitik oder doch schon mit dem großen Spiel um die Macht?

Die Koalition hat darauf mit ihrer Klausur in Meseberg eine Antwort gegeben, eine intelligente, zugegeben. Denn dort hat Schwarz-Rot sich gerade genug Reformen vorgenommen, um den Vorwurf der Untätigkeit abwehren zu können, aber auch nicht so viel, dass die Hauptsache darunter leiden müsste – der Kampf um Niedersachsen, Hessen (jeweils Januar 2008), Hamburg (Februar 2008), Bayern (September 2008), Europa (Frühjahr 2009), Thüringen, das Saarland und den Bund (jeweils Herbst 2009), also um die Macht in Deutschland. Die Botschaft von Meseberg lautet: So viel Regieren wie nötig, so viel Wahlkampf wie möglich.

Wobei das Wort »Wahlkampf« irreführend vertraut klingt für das, was dem Land bevorsteht. Nicht nur wegen der schieren Dauer zeichnet sich etwas gänzlich Neues ab, auch wegen der einmaligen Konstellation. Fünf Parteien haben gute Chancen, in den nächsten Bundestag einzuziehen, Zweierbündnisse außerhalb der Großen Koalition gelten als so unwahrscheinlich, dass sich darauf keine Wahlkampfstrategie gründen lässt, die vom Wähler ernst genommen werden will. Ein ordentlicher Lagerwahlkampf scheint unmöglich, schon weil Grüne und FDP sich die Option offenhalten müssen, noch in der Wahlnacht scharf nach links oder abrupt nach rechts zu schwenken, hin zu einer »Jamaika«-Koalition mit der CDU oder zur klassischen »Ampel« mit der SPD.

Eine Wahlsiegerin Merkel könnte in der Opposition landen, ein Wahlverlierer Beck Kanzler werden. Wer FDP wählt, kann die SPD, wer grün wählt, kann die Union an die Macht bringen. Oder auch nicht. Daraus ergibt sich für alle Parteien (außer der Linkspartei) ein klares Paradigma: Wer nach der Wahl alle Möglichkeiten haben will, darf sich vor der Wahl nicht wirklich festlegen. Optionen sind wichtiger als Mandate.

Schon Waigel warnte, Lafontaine wolle eine »dunkelrote Volksfront«

Natürlich wäre ein solcher Beliebigkeitswahlkampf, in dem die Parteien monatelang Schleiertänze aufführen, äußerst anfällig für einen populistischen Generalangriff nach dem Motto: Alle reden rum, nur wir reden Klartext. Das ist die große Chance für Oskar Lafontaine und seine Linkspartei. Und hier gibt es einen interessanten Vergleich. Als im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf 2000 alles entschieden schien, weil die Union in der Spendenaffäre steckte, gelang es dem Populisten Jürgen W. Möllemann, die Frage ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, wie gut die FDP abschneiden würde. Damit schaffte er einen sensationellen Stimmenzuwachs.