Venezuela Edel sei der Schurke, hilfreich und gut
Hugo Chávez rettet Blinde, Arme und den Rest der Welt. Jetzt hilft er der Stadt London
Die Präsidenten von Venezuela und Iran – das sind Kraftmeier, Populisten und Störenfriede. So sehen es viele im Westen. Hugo Chávez und Mahmud Ahmadineschad zeichnen gern ein anderes Bild von sich: Als Drittweltprotagonisten verteilen sie Wohltaten für Bedürftige und Erfrischungen für weniger Bedürftige in aller Welt. In Aserbajdschan, Bolivien und Weißrussland jubeln ihnen deshalb viele Menschen zu. Und nun hat Chávez auch noch Fans in England. Tut der Westen den Schurken Unrecht?
Der venezolanische Demokrator interessiert sich neuerdings für das Zentrum der internationalen Finanzwelt. Die Stadt London ist sehr reich, ihre Wirtschaftsleistung doppelt so hoch wie die von Venezuela. Aber London subventioniert zu seinem großen Nachteil den Rest Großbritanniens mit 34 Milliarden Euro im Jahr. Jeder Londoner zahlt 1500 Euro mehr an Steuern, als er an staatlichen Leistungen zurückerhält. Diese haarsträubende Ungerechtigkeit ließ Hugo Chávez nicht ruhen. Er wollte Großbritannien besuchen. Da ihn jedoch weder die Queen noch der Premier sehen wollten, ließ er sich von Londons linkskuriosem Bürgermeister Ken Livingston einladen. Der Caudillo revanchierte sich mit einem fabelhaften Angebot. Er versprach, den städtischen Busverkehr Londons mit verbilligtem Treibstoff zu subventionieren.
Versprochen, getan. Seit vergangener Woche kosten die im britischen Städtevergleich ohnehin schon günstigen Londoner Busfahrkarten für eine Viertelmillion Sozialhilfeempfänger noch weniger. Dank des Discountdiesels müssen sie anstelle eines Pfundes nur noch 45 Pence für eine Fahrt berappen. Der entzückte Londoner Bürgermeister, dem 2008 Wahlen ins Haus stehen, sagte, es sei die Pflicht eines jeden für Fortschritt, Gerechtigkeit und Demokratie einstehenden Menschen, Chávez’ Revolution zu unterstützen.
London scheint diese mehr zu helfen als Venezuela selbst. Der Durchschnittsvenezolaner verdient nur einen Bruchteil dessen, was das Sozialamt bedürftigen Londonern überweist. Das Land nimmt unter den Ländern mit dem größten Einkommensgefälle Platz 25 zwischen Simbabwe und Malaysia ein. Doch wer wie Chávez den Reichen gibt, kann zumindest moralisch nicht verarmen.
Chávez’ internationaler Feldzug gegen die Armut startete mit der Unterstützung des kubanischen Brudervolkes. Danach begann, so lobte es eine venezolanische Kommentatorin, die »soziale Dimension der politischen Durchdringung Lateinamerikas«. Uruguay versprach er »hundert Jahre Öl«. Der Mann heilt einen ganzen Kontinent. Chávez lässt aus allen Ländern Lateinamerikas sehbehinderte Patienten nach Caracas einfliegen, wo sie von kubanischen Augenärzten behandelt werden. »Mission Wunder« heißt das Programm. Nach dem jüngsten Erdbeben in Peru war Chávez auch zur Stelle und ließ Thunfischkonserven verteilen – mit Chávez-Gesicht auf der Dose.
Der Feldzug für das Gute hat auch die USA erreicht. Den Opfern des Ellenbogenkapitalismus in den Armenvierteln von Boston und New York lieferte Chávez voriges Jahr billiges Heizöl. Joseph Kennedy und die philanthropische Citizens Energy Corporation sorgten dafür, dass die Medien den Fluss des erquickenden Öls nicht übersahen.
- Datum 03.09.2007 - 09:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.08.2007 Nr. 36
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Das Erquickende an Chavez ist, dass er die Macht des Öls zu Gunsten der Armen ausspielt und dabei gleichzeitig seine Macht stärkt.
Dass er damit solches Aufsehen erregt, zeigt: es ist unter
Diktatoren allgemein eher unüblich (es sei denn, es handelt sich um einzelen PR-Aktionen, das machen sie alle).
Ich erwarte auch in hundert Jahren nicht, dass Putin sich ähnlich verhält, oder Lukaschenko. Die meisten Diktatoren sind nur daran interessiert persönlichen Reichtum und Macht zu mehren.
Dank Chavez geht es dem Land endlich besser, bezeichnend, dass die Amerikaner schon wieder versuchen Putschisten zu werben. Solange keine amerikanische neoliberale Marionette
regiert, solange kann USA nicht zufrieden sein. Das übliche Spiel, die CIA wird es nie verlernen.
MfG
AKu
Ist Bill Clinton besser? Als Präsident kürzte er den Ärmsten der Armen die staatliche Hilfe zum bloßen Überleben, vielen wurde die Unterstüzung ganz gestrichen. Aber jetzt tritt er als Wohltäter für Afrika auf.
ziemlich populistischer artikel, überhaupt wie kommen sie dazu chavez als schurke zu bezeichnen. bush nennen sie nicht so, dabei wären deutliche töne in diesem fall ganz sicher angebracht. aber was soll man von der zeit anderes erwarten.
friede freude eierkuchen!
wer sich für die sozial Schwächsten in der Gesellschaft einsetzt ist also ein immer und überall gleich ein Pupulist, so einfach machen es sich die Autoren. Sogenannte Reformer, die Sozialleistungen kürzen werden hingegen in der Zeit stets bejubelt. Dumm nur, dass die Bürger von deren "Wohltaten" so gar nicht begeistert sind.Aber dass wird ja von unseren selbsernannten Eliten bestenfalls als "Vermittlungsproblem" gesehen.Da müssen dann eben PR Agenturen und Lobbyisten à la INSM und Bertelsmann Stiftung dann eben noch ein bischen ranklotzen , um den skeptischen Bürger davon zu überzeugen, dass heute soziale Einsparungen eben Fortschritt bedeuten.
Bei all dem merken unsere Superreformer natürlich auch nicht,dass das Wort "Reform" inzwischen in Deutschland und ganz Westeuropa zur leeren Phrase verkommen ist. Bedeutete Reform früher gesamtgesellschaftlichen Fortschritt, so verbreitet dieses Wort heute in breiten Bevölkerungsschichten nur noch Angst davor, was als nächstes auf sie zukommt. Das Wort "Reform" oder auch die Lieblingsphrase "Eigenverantwortung" sind zum Synonym für staatlichen Rückzug geworden. Aber zurück zu Chavez: Bei allem was man an Chavez kritisieren mag - und da gibt es sicher so einiges - dürfe sicherlich auch den offenbar wenig politisch gebildeten Zeit -Autoren kaum entgangen sein, dass Hugo Cavez bislang bei Wahlen stets als Sieger hervorgegangen ist.Diese Wahlen wurden von internationalen Beobachtern wie dem früheren amerikanischen Presidenten Carter als die freiesten bezeichnet, die in Venezuela je stattfanden. Chavez trotz dieser Einschätzungen einfach als Diktator zu bezeichnen ist gelinde gesagt dreist. Der Zeit täte es gut vielleicht auch einmal darauf hinzuweisen, dass auch die venezolanischen Oppositionsparteien nicht gerade als Musterdemokraten zu bezeichnen sind. Zudem vertreten sie allenfalls die Interessen der alten Eliten, d .h. der wenigen wirtschaftlich Begüteten im Land.
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schrieb schon jemand hier. Ganz offensichtlich, dass Journalisten nur Artikel veröffentlichen können, wenn sie in diesem Spiel mitmachen. So lange zu viele Leute diesen Schwachsinn glauben, werden die Medien nicht umlernen. Wir sollten gleich geschaltete Zeitungen und Sender einfach boykottieren. Neue Foren schaffen für Information.
Tipp für unabhängigen Journalismus: nachdenkseiten.de
... dass wenigstens "unser" Neoliberalismus nicht sein Geld und seine Zeit für solche Wehwehchen wie die Sorge um Bedürftige und Arme verschwendet.
Braucht er sich freilich auch nicht zu beschweren, wenn er auf lange Sicht gegen diese frechen Populisten den Kürzeren zieht.
Gruß,
Müsli
Meiner Meinung nach sind die beschriebenen Chavezschen Aktionen ein zweischneidiges Schwert.
Statt "Populismus" scheinen sie mir eher der Versuch zu sein, sich aussenpolitisch rückzuversichern, und zwar praktisch durch Bestechung. Die Rechnung wird aber letztendlich nicht aufgehen, denn die Verbündeten sind in Wirklichkeit gar keine.
Andererseits entsteht aber der Eindruck, dass Chavez provozieren will, und zwar auf Kosten der eigenen Steuerzahler und Hungerleider. Dies schreckt dann wertvolle potenzielle Verbündete ab, soweit sie nicht eh schon abgeschreckt sind.
Dies ist insofern traurig, als dass gerade jetzt eine Menge Anknüpfungspunkte in Südamerika existieren könnten. Leider hat sich Chavez seinerzeit in die inenpolitischen Angelegenheiten der Staaten eingemischt, die eine solide Kooperation leider unmöglich gemacht haben. Jetzt muss er deshalb fragwürdige Allianzen mit Bürgermeistern schmieden.
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