Akustik Der Traum vom perfekten KlangSeite 3/3

Das heißt: Solche Hallen müssen auch für Pop-, Jazz- und Weltmusikkonzerte gerüstet sein oder gar für den einen oder anderen Ärztekongress. Verstärkte Musik und Sprache aber verlangen nach »trockenen« Sälen mit kurzen Nachhallzeiten. Der Tontechniker am Mischpult möchte den Sound an seinem Pult machen und nicht mit den Reflexionen des Saales kämpfen. Man muss Bahnen von dämpfenden Stoffen aufhängen – 1.000 Quadratmeter sind es in Luzern, im Hamburger Weinberg wird erheblich weniger Wandfläche zur Verfügung stehen.

Diese spätere Mischnutzung des Saales (in Hamburg sollen 30 Prozent des Programms aus verstärkter Musik bestehen) wird jedoch bei der Planung peinlich ausgeklammert. Yasuhisa Toyota baut einen kompromisslosen Klassiksaal, die Planung der Verstärkeranlage gilt als sekundär und wird später von anderen übernommen. »Die Sparte der Elektroakustiker ist in den Gremien nicht vertreten«, klagt Michael Schütz, Veranstaltungsleiter des KKL Luzern und bekennender Popfan. »Sie hat keine Lobby – die Klassiker wissen viel genauer, was sie wollen.« Elektronisch verstärkte Musik ist meist auf eine Frontalbeschallung ausgelegt. Wenn in der Elbphilharmonie Jazz- und Rockbands spielen, werden wohl die Plätze hinter der Bühne meistens frei bleiben müssen, und der Saal wird weniger Zuschauer fassen.

Anzeige

Wenn alles nach Plan geht und die Elbphilharmonie 2010 eröffnet wird, dann soll das spektakuläre Gebäude nach dem Willen der Bauherren zu den zehn besten Konzertsälen der Welt gehören. Zwei Jahre später allerdings bekommt sie neue Konkurrenz, denn dann steht die nächste Eröffnung an: die Philharmonie von Paris, ein Weinberg mit 2.400 Plätzen. Der Architekt ist Jean Nouvel, für die Akustik ist Yasuhisa Toyota zuständig. Dass in Paris eine Halle überleben könnte, in der nur klassische Musik gespielt wird, bezweifelt eigentlich niemand, aber aus politischen Gründen hat man die Cité de la Musique, zu der das Gebäude gehören wird, in unmittelbarer Nähe zu den sozialen Brennpunkten der Vorstädte errichtet.

Entsprechend wird dort eine bunte Mischung von Klassik bis Hip-Hop gespielt werden. Eckhard Kahle hat die Ausschreibung für die Akustik formuliert, und zum ersten Mal in seiner Laufbahn musste Toyota Kompromisse machen: Der Saal wird eine variable Akustik haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein Hauptgrund für die sogenannten "Weinberg"-Säle (im Gegensatz zu den klassischen "Schuhkarton"-Sälen wie Musikvereinssaal Wien oder Luzern) ist die höhere Publikumskapazität. Für die Hörer ist der Weinberg bezüglich Nachhallzeit und Reflektionen nicht schlechter, für die Musiker hingegen sind im Gegensatz zum Schuhkarten die ersten Reflektionen aufgrund der fehlenden nahen Decke nur unzureichend vorhanden. Das wurde auch beim Vortrag von Martijn Vercammen vom renommierten Akustikbüro Peutz am 29.6.2006 zum Thema Elbphilharmonie deutlich.
     
    Bei einem großen Radiosender in Norddeutschland wurden bezüglich eines großen Sendesaals ähnliche Erfahrungen gemacht: diesem hexagonalen Saal mangelte es im Zeitfenster deutlich unter 50 ms an Reflektionen für die Musiker. Nur unterhalb dieses Wertes werden erste Reflektionen als solche vom Gehör ausgewertet und können zum Zusammenspiel beitragen, in der Praxis geht man von maximal 35-40 ms aus, für die Zuhörer hingegen genügt, da diese ja nicht zusammenspielen müssen, ein Zeitfenster von 80 ms. Auch eine nachträglich eingezogene reflektierende Abhangdecke in 14 m Höhe brachte zuwenig, da sie zu hoch hing (zur Verdeutlichung: bei 14 m haben wir die Reflektion erst bei 82 ms). Ähnliche Verhältnisse finden wir bei der Elbphilharmonie vor: die Reflektor hängt viel zu hoch, um genügend frühe erste Reflektionen für die Musiker zu bieten. Dieses Fehlen wirkt sich in mangelndem Zusammenspiel aus: man hört einander nicht gut genug. Erst nach ca. 40 Jahren Betrieb gab eine grundlegende Renovierung des Sendesaals die Möglichkeit, reflektierende Segel aus Plexiglas in ca. 7m Höhe (dies ergibt Reflektionen im Zeitfenster unter 40 ms) über den Musikern aufzuhängen. Die Reaktionen des Orchesters waren überwältigend: zum ersten Mal konnten sich die Musiker gut hören (Eigenhören und Zusammenspiel). Ähnliche Segel wurden auch nachträglich (!) in der ursprünglich immer wieder hochgelobten Berliner Philharmonie (quasi die Mutter der Weinbergsäle) sowie in anderen Sälen mit (zu) hoher  Decke bzw. zu großem Abstand zu weiteren refl. Flächen aufgehängt.
     
    In dem ZEIT-Artikel kommt zum Ausdruck, daß die Kollegen aus Japan sich des Problems wohl bewußt sind. Eine Lösung scheinen sie aber nicht zu bieten, sonst hieße es nicht: "...sollen die Musiker ihre Spielweise an den Saal anpassen. Das ist eben unser Stil." Es wird dem unkundigen Leser suggeriert, indem Y. Toyota zur finalen Abstimmung "selbst Hand" an die Höhenverstellung des Reflektors anlegt, daß dann alles in Ordnung sei. Dies mag für die Zuhörer zutreffen, für die Musiker ist dies aus den oben genannten Gründen nicht der Fall.
     
    In seinem sehr fundierten Vortrag an der TUHH am 31.10.2007 ging Herr Toyota (den ich persönlich sehr schätze) auf die Akustikplanung des Elbphilharmoniesaales ein. In einem frühen Entwurfsbild wurde sichtbar, daß Herr T. sich sehr wohl Gedanken üner die Reflektionen für die Musiker gemacht hat: der Reflektor in diesem Entwurfstadium hing sehr tief im Raum. Ein Grund hierfür liegt in der kommerziell begründeten Form des Saals zugrunde: da die Zuhörerzahl (für maximale Einnahmen) möglichst hoch sein soll, für den Saal aber nur eine begrenzte Grundfläche zur Verfügung steht (ein anderer Standort als der Elbspeicher wäre hier klar im Vorteil!), muß dieser in die Höhe gebaut werden. Auf dieses Dilemma ging Herr T. ebenfalls ein. Ich kann nur spekulieren, daß der Reflektor für die Architekten zu tief hing. Herr T. sprach auch immer wieder von "Fightings" im sportlichen Sinne zwischen Architekten und Akustikern, vielleicht bezog es sich auch hierauf. Auf eine Frage aus dem Publikum zum Thema "Höhe des Reflektors"wurde nur sehr ausweichend geantwortet.

     
    Vielleicht sollte jetzt die Gelegenheit ergriffen werden, da der Saal noch nicht gebaut ist, adäquate Arbeitsbedingungen für die Orchester zu schaffen. Nachträglich eingebrachte Lösungen (die Erfahrung zeigt, daß diese kommen werden) können aus architektonischen Gründen problematisch sein. Auch finanzielle Erwägungen spielen eine große Rolle: beim besagten Rundfunkhaus wurde diese Maßnahme erst nach 40 Jahren realisiert! Werden diese (zusätzlichen) Reflektoren hingegen gleich eingeplant, so erscheinen diese, da "aus einem Guß", im Gegensatz zu später installierten Maßnahmen nicht als störende Fremdkörper.
    Zum anderen ist es unverantwortlich, daß grundlegende akustische Belange sich in einem Projekt mit solch einem hohen Anspruch gerade an die Akustik (es wird ja geradezu gebetsmühlenhaft die akustische Qualität des Saales vom Bauherrn und seinen Claqueuren beschworen) sich dem vermuteten Diktat der Architektur unterzuordnen haben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service