Die Rettung der Welt wäre beinahe am sowjetischen Fünfjahresplan gescheitert. Als sich die Unterhändler aus 67 Staaten im September 1987 in Montreals Konferenzzentrum fast geeinigt hatten, weltweit den Ausstoß der ozonzerstörenden Chemikalien zu halbieren, sperrte sich plötzlich der Delegierte aus Moskau. Erst in einer Kaffeepause abseits des offiziellen Programms erklärte er einem kleinen Kreis verblüffter Kollegen, er könne keiner Reduktion zustimmen, weil die sowjetischen Produktionsziffern bis 1990 festgelegt seien – und der Fünfjahresplan laut Verfassung nicht geändert werden dürfe. Das Problem lösten der Leiter der USDelegation, Richard Benedick, und der Leiter der Konferenz, Winfried Lang aus Österreich, beim Mittagessen. Auf einer Serviette des Tagungsrestaurants formulierten sie einen Absatz, der Ausnahmeklauseln für die UdSSR vorsah. Es war geschafft: Am 16. September 1987 wurde das Montreal-Protokoll angenommen.

Der russische Einspruch ist nicht nur eine Episode. Er zeigt exemplarisch, gegen wie viele Widerstände und Unwahrscheinlichkeiten dieses bislang wichtigste Umweltabkommen der Welt zustande kam. Denn die Gesetzmäßigkeiten der politischen Trägheit und der wissenschaftlichen Arbeit hätten die Entdeckung des Ozonlochs und seine Bekämpfung um ein Haar verhindert – oder so weit verzögert, dass eine Katastrophe nicht mehr zu verhindern gewesen wäre.

Was aber für diesen einen Vertrag gilt, das gilt für viele seiner Art. Am Montreal-Prozess kann man studieren, wie schwierig Abkommen sind, bei denen Umweltschützer, Staaten und Konzerne weltweit zu einer Einigung kommen müssen. Im Dezember, bei der Klimakonferenz auf Bali, ist es wieder so weit, dann wird es erneut ums Ganze gehen.

Doch die Geschichte des Montreal-Protokolls demonstriert auch, dass ein gemeinsamer Weg möglich ist, dass sich die Welt wenigstens ab und zu ein bisschen retten lässt. Das Protokoll steht am Ende einer Entwicklung, die den Glauben an Murphy’s Law widerlegt: Keineswegs geht immer alles schief, was schiefgehen kann. Ganz im Gegenteil. "Es war", sagt heute der niederländische Chemiker und Meteorologe Paul Crutzen, von 1980 bis 2000 Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, "einfach ein unglaubliches Glück."

Glücklich geschätzt hatte sich zunächst aber auch Thomas Midgley, ein Chemiker in Diensten des amerikanischen Konzerns General Motors. Im Jahr 1929 stellte er zum ersten Mal Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) für die industrielle Produktion her, eine Gruppe von Kohlenstoffverbindungen, bei denen Wasserstoffatome durch Chlor oder Fluor ersetzt werden. Von 1930 an verwandte man das "Wundermittel" vielfältig: als Kältemittel in Kühlschränken, als Treibgas in Sprühdosen, bei der Herstellung von Schaumstoffen, als Reinigungs- und Lösungsmittel. FCKW sind Stoffe, von denen Chemiker träumen. Sie sind geruchlos, ungiftig, nichtentzündlich, dazu noch vielseitig, leicht zu handhaben und sehr langlebig. Und sie reagieren nicht mit anderen Stoffen. Jedenfalls nicht auf der Erde.

Aus jenen Anfangsjahren datiert auch der erste große glückliche Zufall im FCKW-Krimi: die Entscheidung von Thomas Midgley und seinen Kollegen, Chlor einzusetzen und nicht den Stoff Brom. Brom hätte den gleichen Zweck wie Chlor erfüllt, den Ozonabbau in der Stratosphäre aber weitaus aggressiver vorangetrieben. Hätte man sich damals für Brom entschieden, ist sich Paul Crutzen heute sicher, wäre schon in den siebziger Jahren von der Ozonschicht nichts mehr zu retten gewesen.

Die Fluorchlorkohlenwasserstoffe waren längst zu unentbehrlichen Hausfreunden geworden, als 1957 Wissenschaftler der britischen Forschungsstation Halley Bay in der Antarktis erstmals Veränderungen in der Ozonschicht aufzeichneten. Ihre Messgeräte zeigten eine zunächst nur geringe, dann aber immer kräftigere Abnahme des Ozons in etwa vierzig Kilometer Höhe. Das Ergebnis dieser Messungen fiel jedoch nicht weiter auf. Es beunruhigte niemanden und wurde vorerst auch nicht weiter beachtet.