Gesellschaft : Das ewige Rein-Raus

Die Anti-Porno-Kampagne der "Emma" ist dringend nötig – und hoffnungslos altmodisch.

Auch Alice Schwarzer hat schon mal einen Minirock getragen. Aber das ist lange her. Damals besuchte sie als junge Journalistin Jean-Paul Sartre in Paris. Mitten im Gespräch platzte Simone de Beauvoir ins Zimmer, warf einen vernichtenden Blick auf die entblößten Schenkel der Besucherin und verschwand. Nie wieder, hat Alice Schwarzer einmal bekannt, habe sie nach diesem Erlebnis einen Minirock getragen. Das erste Zusammentreffen der berühmten französischen und der noch unbekannten deutschen Feministin hatte sofort ein handfestes Ergebnis: das Minirock-Tabu.

Wie einst der strenge Papa misst Alice Schwarzer bis heute die Rocklängen der Töchter und Enkelinnen nach und vermutet in jedem unbedeckten weiblichen Knie die Kollaboration mit dem Patriarchat. Man kann sie verstehen. In einer Zeit, in der man kein Brötchen mehr erwerben kann, ohne auf dessen »geilen Geschmack« hingewiesen zu werden, sehnt sich mancher nach dem väterlichen oder mütterlichen Lineal, das fürsorglich am Rocksaum angelegt wird. Die Frage allerdings, ob Alice Schwarzer auch recht hat, ist eine ganz andere und führt vom kurzen Rock beinahe nahtlos zur Pornografie.

Denn darum geht es in der neuen Emma- Kampagne gegen Pornografie: um die alles vergiftende Pornografisierung der Gesellschaft. Sie reicht, das ist die Diagnose der Emma- Autorinnen, vom Stiletto-Absatz über die String-Unterhose bis zur brutalen Gonzo-Pornografie und unterscheidet sich jeweils nur in Härtegraden, aber nicht im Wesen. Wer sich heute noch in der Rocklänge vergreift, der kann morgen schon als Busenluder bei der Bild- Zeitung landen, dem Zentralorgan des männlichen Sexismus, für das Alice Schwarzer in einem doppelmoralischen Salto mortale im Augenblick an jeder Straßenecke Reklame macht.

Die Therapie der feministischen Anti-Porno- Bewegung ist radikal: Wer die menschenrechtsverletzende Gewaltpornografie wirksam bekämpfen will, darf sich nicht damit begnügen, hier und da ein besonders sadistisches Video zu stoppen. Der muss bei der Pornografisierung des Alltagslebens anfangen. Denn beide, der Minirock und das Vergewaltigungsvideo – dies ist die These aller Anti-Porno-Kampagnen –, sind Ausdruck der bis heute ungebrochenen Gewaltherrschaft der Männer über die Frauen. Der in weiblicher Selbstbestimmung getragene Minirock, die in weiblicher Souveränität wasserstoffblond gefärbten Haare, die weibliche Lust an Sex und Pornografie sind in dieser Lesart mehr als ein Widerspruch in sich: Sie sind Lügen, Selbsttäuschungen der Frau, die den Ausgang aus der männlich verschuldeten Unmündigkeit noch nicht gefunden hat.

Diese Ausweitung der Pornografiedebatte empfinden viele Frauen als vorgestrig und als Bevormundung. Die ekelerregenden Hardcore-Pornos, in denen die Frau als jemand vorgestellt wird, für den noch nicht einmal das Tierschutzgesetz gültig ist, beleidigt alle Frauen. Doch berechtigt das den Emma- Feminismus, den Frauen Vorschriften für die wahren und falschen Ausdrucksformen ihrer Sexualität zu machen? Müssen Frauen sich im dreißigsten Jahr der Anti-Porno-Bewegung noch immer von Alice Schwarzer darüber belehren lassen, dass »rein genitale Sexualität« unweiblich, dass ein »vaginaler Orgasmus« nicht möglich und die »Penetration« der weiblichen »Lust oft eher hinderlich« sei? Solchen Ansichten über die Natur der Weiblichkeit vertrauen die meisten Frauen heute genauso wenig wie dem biologistischen Abrakadabra einer Eva Herman.

Trotzdem beginnt auch die aktuelle Kampagne wieder bei den langen, weiß lackierten Fingernägeln, dem feucht glänzenden Lipgloss der jungen Frauen, um in direkter Ableitung bei den Sexportalen entblößter Hausfrauen und den spermabespritzten Pornodarstellerinnen zu landen. Auch in der Therapie bietet sie wenig Neues: Aus der Trillerpfeife im Pornokino ist heute der Emma- Sticker geworden, den man »überall dranpappen soll, wo Pornografie ist«. Von der alten, damals erfolglosen Gesetzesvorlage, die Zivilrechtsklagen gegen Pornografie ermöglichen sollte, bleibt die Forderung nach einem »Gesetz gegen Pornografie als Verstoß gegen die Menschenwürde und gegen Frauenhass als Volksverhetzung«.

Dennoch hat eine neue Pornografiedebatte angesichts der Radikalisierung des Genres eine unabweisbare Dringlichkeit. Sie geht weit über die lässliche feministische Gretchenfrage hinaus, ob die »Penetration« nur in einer Männergesellschaft aufkommen und nur durch männliche Gewalt derartige Verbreitung auf Erden finden konnte. Was bei den Ehehygiene-Artikeln einmal schamhaft anfing, hat sich bis zu den inzwischen selbst unter Schulkindern verbreiteten »Gangbang«-Videos, die mit der Massenvergewaltigung einer Frau aufwarten, in rasender Geschwindigkeit ständig selbst überboten – und wird im weltweiten Netz von keinem nationalen Jugendschutzgesetz mehr eingeholt.

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