Die 40-jährige Yentel ist in Mea Shearim aufgewachsen, dem ältesten Stadtteil von Jerusalem nach der Altstadt. Jüdisch-orthodoxe Familien leben dort abgeschottet von der säkularen Welt, ohne Fernsehen, Kino und Internet. Männer in den schwarzen Anzügen des osteuropäischen Schtetls bestimmen das Straßenbild und Frauen, die den Kopf mit Mützen oder Perücken bedecken. Yentel, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist das zehnte von 16 Geschwistern. Ihre Familie lebte in zwei Räumen, berichtet sie, einem für die Kinder, einem für die Eltern. Manchmal schlief Yentel bei einer älteren Frau in der Nachbarschaft, weil im Haus zu wenig Platz für sie war. Sie besuchte eine religiöse Schule und lernte dort, was alle orthodoxen Mädchen lernen: Hausfrau und Mutter sein.

Doch Yentel war schon als Teenager anders als andere Mädchen. Sie schminkte sich und trug ihr Haar offen statt als »Flochtzopp«, wie sie auf Jiddisch sagt, das viele in Mea Shearim noch sprechen. Mit 20 verliebte sie sich in ihren späteren Mann und setzte durch, dass sie ihn heiraten durfte. Üblicherweise suchen in orthodoxen Familien die Eltern den Ehepartner aus. Nach ihrem dritten Kind beschloss sie, einen Beruf zu erlernen. Sie hätte den Rabbi um Erlaubnis bitten müssen, doch sie befand, das gehe ihn nichts an: »Ich lasse mir vom Rabbi auch nicht vorschreiben, welche Möbel ich in mein Wohnzimmer stelle.« Sie ließ sich zur Dullah ausbilden, zur Hebamme.

Als ihr viertes Kind geboren war, entschieden sie und ihr Mann, keine weiteren Kinder zu bekommen. Wenn Freundinnen sie wegen ihrer wenigen Kinder bemitleiden, antwortet sie: »Das war meine Entscheidung. Haben wir hier einen Wettbewerb, wer die meisten Kinder in die Welt setzt?«

Orthodoxe Familien bekommen im Schnitt acht bis neun Kinder, nicht selten auch mehr. Miriam zum Beispiel. Sie war ein Vierteljahrhundert lang entweder schwanger oder stillte gerade eines ihrer 16 Kinder. Die Namen der Töchter und Söhne zählt die Endfünfzigerin ohne Zögern hintereinander auf. »Es ist das Wesen einer Frau zu nähren«, sagt sie in der Dokumentation Be fruitful and multiply der israelischen Filmemacherin Shosh Shlam. »Seid fruchtbar und mehret euch« – dieser Satz steht in der Genesis und gehört ebenso zur christlichen Bibel wie zur Thora, dem wichtigsten Teil der hebräischen Bibel. Für orthodoxe Gläubige ist er die erste Mitzwa: das höchste Gebot.

Für Miriam kommt noch etwas hinzu: Ihre gesamte Familie litt im Holocaust, mehrere Onkel und Tanten hat sie verloren. Durch ihre Kinder will sie dazu beitragen, den Menschenverlust auszugleichen. Auch im säkularen Israel ist dieses Motiv häufig zu hören. Das Gefühl existenzieller Bedrohung befeuerte die Entstehung des Staates und wird durch seine geografische Lage wach gehalten. Israel ist umgeben von arabischen Staaten mit einer schnell wachsenden Bevölkerung. »Der Uterus der arabischen Frau ist meine stärkste Waffe«, soll Jassir Arafat, erster Präsident der autonomen Palästinensergebiete, einmal gesagt haben. Der israelische Kolumnist und Westjordanland-Siedler Yisrael Harel nennt das »samtener Holocaust«.

Die Untersuchung im Reagenzglas auf Genschäden ist Routine

Die israelische Regierung begegnet der Bedrohung unter anderem durch eine aktive Bevölkerungspolitik. Bereits 1949 führte die Regierung einen Anerkennungspreis für Mütter von zehn oder mehr Kindern ein – und schaffte ihn zehn Jahre später wieder ab, als sich zeigte, dass überwiegend arabische Frauen Preisträgerinnen wurden. Mit fast drei Kindern pro Frau, bei einem arabischen Bevölkerungsanteil von 20 Prozent, ist die Geburtenrate in Israel dennoch höher als in den anderen Ländern der westlichen Welt.