Frauenförderung Bleibt doch hier!

Wie Brandenburg versucht, qualifizierte Frauen im Land zu halten.

Eigentlich würde Birgit Nagel gern in Brandenburg bleiben. Hier hat sie ihre Freunde. Die Diplombiochemikerin ist 28 Jahre alt und zurzeit Doktorandin am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in Potsdam. Doch da sie momentan keine Festanstellung in Aussicht hat, überlegt sie, nach Abschluss ihrer Doktorarbeit wegzuziehen.

Birgit Nagel ist nicht die einzige Brandenburgerin, die auf dem Sprung ist, immer mehr junge, hoch qualifizierte Frauen wandern ab, um in Berlin oder im Westen zu arbeiten. 10.588 waren es im vergangenen Jahr laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg. Zwar ziehen auch Frauen nach Brandenburg, nur deutlich weniger, und wesentlich seltener haben diese das Abitur. Seit 1991 verlor das Land mehr als 57.000 Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, aber nur knapp 32.000 Männer in der gleichen Altersgruppe. Brandenburg braucht Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft, in der Politik, in der Verwaltung. Für das Jahr 2010 wird dem Land ein Fachkräftemangel prophezeit.

Man sucht in Brandenburg deshalb nach Wegen, die Abwanderung der klugen Köpfe zu stoppen. So gibt es etwa an Hochschulen seit zwei Jahren das Projekt »Mentoring für Frauen«. Dessen Ziel ist es, Absolventinnen der Brandenburger Universitäten und Fachhochschulen den Weg in Fach- und Führungspositionen zu ebnen. Zweimal im Jahr werden Frauen zwischen 22 und 37 Jahren ausgewählt und mit einem Mentor bekannt gemacht, der bereits erfolgreich im Beruf steht.

Birgit Nagel ist eine von derzeit 35 Mentees. Ihre Mentorin Barbara Thomas ist 49 Jahre alt und war vor 20 Jahren selbst Doktorandin. Heute arbeitet Thomas als Projektleiterin für externe Entwicklungskooperationen bei Brahms, einem Unternehmen, das Testverfahren zum Nachweis von Krankheiten entwickelt. Ihrer Mentee zeigt Thomas, wie ein Unternehmen funktioniert: »Von der Idee über die Entwicklung bis hin zum fertigen Päckchen, das verkauft wird.«

Oder das Programm »Junge Frauen pro Prignitz«, das vom Beruflichen Bildungszentrum der Prignitzer Wirtschaft ins Leben gerufen wurde. Die Projektleiter Hubertus Schäfer und Peter Hartmann gingen zu Firmen in der Region, machten Umfragen unter den Angestellten und sprachen mit Unternehmern über ihren Bedarf an Fachkräften. Gleichzeitig organisierten sie zusammen mit der Stadt Wittenberg einen Frauentag, um Kontakte zu jungen Frauen aufzubauen. Sie haben Absolventinnen auf Vorstellungsgespräche vorbereitet, Geisteswissenschaftlerinnen Nachhilfe in Betriebswirtschaft vermittelt. Nach zwei Jahren hatten 22 Frauen einen Arbeitsvertrag unterschrieben, elf weitere nahmen an Fortbildungen teil. Allerdings endete das Projekt im Mai, weil die Fördergelder versiegten. Zwei Jahre hat das Brandenburger Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie für die Förderung von innovativen Projekten vorgesehen. Zu wenig. »Wir hätten gut weitermachen können«, sagt Schäfer. »Die Kontakte sind da, die Unternehmen sind interessiert, aber ohne diese Fördergelder können wir nicht weiterarbeiten.«

Ähnlich ging es dem Projekt »Fair – Frauen arbeiten in der Region« vom Institut für Betriebsorganisation und Informationstechnik in Cottbus. Im Angebot waren Seminare von Persönlichkeitstraining bis Marketing. Die Frauen wählten selbst aus, welche Fortbildung sie wollten. Nach zwei Jahren konnten 27 erfolgreich an Unternehmen vermittelt werden, doch nun ist auch hier Schluss.

Sind die abgewanderten Frauen für Brandenburg endgültig verloren? »Die Doktorandinnen müssen einfach raus in die Welt, ins Ausland, um dort zu lernen und zu arbeiten«, sagt Mentorin Barbara Thomas, die selbst in den USA studiert hat. Auf das Kontakthalten und Zurückholen komme es an: regelmäßiger EMail-Kontakt, gemeinsame Treffen, Tipps, wenn jemand von einer freien Stelle in seinem Unternehmen hört, oder das Angebot, vorübergehend bei einer Netzwerkerin zu wohnen, wenn man zurück nach Deutschland zieht. »In Amerika gibt es solche Programme, die den Rückkehrern helfen und sogar direkt einen Job vermitteln, um die Heimkehr zu erleichtern«, sagt Thomas.

Von Rückkehrerprogrammen verspricht sich Brandenburgs Familien- und Sozialministerin Dagmar Ziegler jedoch nicht viel: »Wenn sich junge Frauen erst einmal an anderer Stelle eingerichtet haben, dort Beziehungen eingehen und Familien gründen – dann sind sie meist dauerhaft weg.« Brandenburg setzt deshalb auf das Wohn- und Lebensumfeld, das junge Frauen zufrieden machen soll. Der Landeswettbewerb »Familienfreundliche Gemeinde« soll Heimatgefühl, kulturelle Identität und Sesshaftigkeit fördern, etwa durch gute Kinderbetreuungsangebote. 29 Gemeinden tragen bereits diesen Titel. Jetzt müssten sich nur noch die Frauen davon überzeugen lassen.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Arbeit | Karriere
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service