Abdullah, Noah und Fiona lernen heute, was Kommunikation ist. Sie sind vier und fünf Jahre alt, und am Ende ihres zweistündigen Unterrichts werden sie das schwierige Wort so oft gehört haben, dass es sich irgendwo in ihrer Großhirnrinde eingenistet hat. Das jedenfalls hoffen ihre Eltern, die sie jede Woche zur privaten Vorschule Fastrackids in Berlin-Steglitz schicken. Selbst wenn ihre Kinder das Wort kaum aussprechen können, irgendwann wird es ihnen zugutekommen, davon schon so früh gehört zu haben – daran glauben sie fest.

Neun Kinder zwischen drei und sechs sitzen an einem Sommernachmittag in den Räumen einer Berliner Jugendstilvilla und absolvieren ein Lernprogramm, das »ein Leben lang für Vorsprung sorgen wird«, so versprechen es die Veranstalter. Nach der zweimonatigen Kurseinheit Kommunikation sollte sich der Wortschatz der Kinder um die Begriffe Zeitstrahl, Hieroglyphen und Symbol erweitert haben. In weiteren Lerneinheiten der insgesamt zweijährigen Vorschule geht es um Mathematik, Literatur, Astronomie, Biologie, aber auch um Rhetorik und Ökonomie sowie »Ziele und Lebensstrategien«.

Eltern wollen die Architekten der Kindergehirne sein

Alle Eltern, die ihre Kinder in diese Vorschule nach amerikanischem Vorbild bringen, vereint die Kritik an den öffentlichen Einrichtungen, an den Kindergärten und ihren Erziehern, die »von Synapsenvernetzung noch nie etwas gehört haben!«. Es vereint sie die Angst, die wichtigste Zeit in der Gehirnentwicklung ihres Kindes ungenutzt verstreichen zu lassen. Die Jahre vor der Schule sind es doch, in denen Kinder Wissen wie Schwämme aufsaugen und nicht genug vom Lernen bekommen können. Obwohl diese Annahmen sich bisher mit keiner wissenschaftlichen Studie erhärten ließen und niemand sicher weiß, ob es etwas bringt, Kinder in den ersten Lebensjahren mit beliebigem Lernstoff vollzustopfen, hängen die durch Pisa aufgeschreckten Eltern an den Lippen selbst ernannter Neurodidaktiker und glauben ihnen jedes Wort, das sie über die geistigen Kapazitäten ihrer Kinder verlieren.

Umso leichter konnte sich in den letzten Jahren ein privater Bildungsmarkt in Deutschland etablieren, der Eltern genau das anzubieten scheint, was Kindergärten, Vor- und Grundschulen in ihren Augen vermissen lassen. Franchiseprogramme wie Fastrackids, das bereits in 34 Ländern vertreten ist, passen sich gut ein in eine größer werdende Zahl von privaten Sprachschulen mit Namen wie Lollipops, Little English House oder Abrakadabra, die Eltern vor allem mit Frühförderangeboten für ihre Kinder locken. Es funktioniert, die selbst ernannten Bildungseinrichtungen haben enormen Zulauf.

Die Helen-Doron-Sprachzentren etwa, die das sogenannte Early English bereits für drei Monate alte Babys anbieten. In Deutschland zählen 23000 Kinder zu ihren Schülern, und die Zahl verdopple sich jedes Jahr, sagt Richard Powell, Deutschlandkoordinator der Sprachzentren. Und so treffen sich die ehrgeizigen Mütter zu teuren Kursen – reden von den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung, von Synapsenvernetzung, absterbenden Gehirnzellen, von Zeitfenstern, die sich noch vor Schulbeginn wieder schließen, davon, dass ihre Kinder auch besser in Mathematik sein werden, wenn sie möglichst früh Englisch sprechen.

In der amerikanischen Originalphilosophie von Fastrackids spricht man bereits von tomorrow’s leaders, den Führern von morgen, die in der Vorschule heranwachsen werden. Man habe das entsprechend vorsichtig übersetzt und abgemildert, sagt Angelika Mensler-Bielka, gelernte Heilpraktikerin und Chefin der ersten deutschen Niederlassung in Berlin. Man wisse, dass deutsche Eltern mit derartigen Projektionen auf ihre Kinder noch Probleme hätten. Aber im Zuge der »Synapsenpflege« ist den meisten Eltern jedes Mittel recht. Sie transportieren die Kleinen von der Spielgruppe zum Turnen, Reiten, Klavierunterricht, zum Frühenglisch und in die private Vorschule, sonnen sich in der Beschreibung des eigenen materiellen Verzichts und haben stets Augen und Ohren geöffnet, um nicht die kleinste Chance für die vermeintliche Frühförderung ihrer Kinder ungenutzt verstreichen zu lassen.

»Die Vorstellung vieler Eltern, die Architekten der Kindergehirne zu sein, ist der reinste Wahnsinn«, sagt die Lernforscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. »Wir müssen uns von der Annahme lösen, dass kindliche Gehirne mit beliebigen geistigen Aktivitäten trainiert werden können.« Gerade im Bereich der Intelligenz dürfe man die genetischen Grundlagen nicht verkennen. Stern fordert eine staatlich geregelte vorschulische Bildung für alle Kinder ab vier Jahren, hält aber nichts von Angeboten, deren Effekte höchst umstritten sind und die sich nur gewisse Kreise leisten können. »Ich nörgle nicht an sinnvoller Frühförderung herum.« Ein vorbereitendes Lernen für die Schule unterstützt Stern. »Wenn Vierjährige im Kindergarten singen und reimen, dann fördert das später das Lesenlernen. Und wer mit fünf Jahren lesen und schreiben lernen will, dem sollte man das nicht verweigern.« Stern plädiert für ein »Bildungsrecht für Kinder ab vier Jahren«, was aber auch eine »Bildungspflicht vonseiten der Eltern« bedeuten würde. Ihre Forderung nach einer vorschulischen Bildung für alle deckt sich aber keineswegs mit dem Frühförderunsinn, den manche Eltern praktizieren. Ein Kind, das Eltern habe, die mit ihm reden, ihm vorlesen, seine Neugier befriedigen, das im Kindergarten breit gefächerte Angebote erhalte, brauche »überhaupt keine Extras für seine geistige Entwicklung«.

Die Mütter singen englische Lieder, die Säuglinge schlafen oder weinen

Doch viele Eltern sind sich längst nicht mehr sicher, ob ihre Interaktion mit dem Kind wirklich ausreicht, um seine geistige Entwicklung optimal voranzutreiben. Oft sind es die eigenen schlechten Lernerfahrungen, die sie ihren Kindern nun ersparen wollen. »Mein Mann und ich haben viel zu spät eine Fremdsprache erlernt«, sagt Angelika Wiltafsky. Einmal in der Woche kommt sie mit ihrer Tochter Kim zum Early English nach Ahrensburg. Auch wenn Kim gerade dabei ist, die ersten deutschen Wörter zu erobern, glaubt die Mutter, die englischen Lieder und Begriffe würden sich einprägen, die Unterrichtsstunden sich auszahlen. »Man kann nicht früh genug anfangen. Wer nicht mit vier Jahren Tennis gespielt hat, kommt schließlich auch nicht in die ATP-Runde«, sagt Wiltafsky.

Die Kurse sind oft lange im Voraus ausgebucht. Schon Schwangere melden ihre Ungeborenen fürs Early English an. Zu den »Baby’s Best Start«-Kursen werden bereits zwölf Wochen alte Säuglinge in ihren Autoschalen in den Unterrichtsraum getragen. Während die Mamis englische Lieder singen und sich Bildkärtchen anschauen, liegen die Kleinen in ihren Wiegen oder in den Armen der Mütter – lächeln, weinen oder schlafen. 1600 Babys lernen auf diese Weise in Deutschland ihre erste Fremdsprache. Der Starterkurs ist auf 550 englischen Wörtern aufgebaut und wird damit beworben, dass auch die Mütter ihre Englischkenntnisse erweitern könnten.

Kim lernt an diesem Vormittag, wie verschiedene Vögel auf Englisch heißen – Amsel, Specht, Pelikan. Die meisten kennt sie nicht mal auf Deutsch. Die Lehrerin hält die bunten Bilder nicht länger als drei Sekunden hoch – alles im Sinne der kindlichen Gehirnentwicklung. Die sogenannten Flashcards sollen nur ganz kurze Reize erzeugen, dann kommt das nächste Lied, die nächste Lerneinheit. Und so hat es Kim in 45 Minuten Unterricht nicht nur mit schwierigen Vogelnamen, sondern auch mit Kochgeschirr und ungefähr sieben Liedern zu tun.

»Diese Methode ist völlig absurd«, sagt Henning Scheich, Lern- und Gedächtnisforscher vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. »Learning by Doing ist für kleine Kinder von größter Bedeutung. Sie brauchen dafür viel Zeit und das direkte Tun. Mit einer solchen Reizüberflutung sind Kinder völlig überfordert.«

Aber auch bei Fastrackids in Berlin verspricht man sich die großen Lernfortschritte durch das »Intervalllernen«, auch »Zickzack-Verfahren« genannt. Weil die Berliner »Vorschulpädagogen« überzeugt davon sind, dass die Aufmerksamkeit von Kindern »nicht länger als zwei bis zweieinhalb Minuten anhält«, soll die Konzentrationsfähigkeit der Kinder durch »wechselnde Impulse« erhöht werden, was eine »hervorragende Basis für die schulische Bildung schafft«, so heißt es. Die angeblich so vielversprechende Methode lässt selbst Erwachsenen schwindlig werden. Die meisten Inhalte kommen von einer interaktiven Leinwand. Gerade diese Fernsehsituation fasziniert die Kinder natürlich am allermeisten. »Um neue Konzepte zu entwickeln, brauchen Kinder sehr viel Zeit«, sagt Henning Scheich. »Wir wissen inzwischen, dass Kinder durch Fernsehen keine abstrakten Begriffe erlernen, weil sie sie einfach nicht ›begreifen‹.«

In den Helen-Doron-Zentren tröstet man die Mütter mit dem Beschwören des long-time effect«, der je nach Kind natürlich schon mal ein paar Jahre auf sich warten lässt. Mütter sind aber bereits begeistert, wenn nach mehrjährigem Frühenglisch der kleine Sohn zum Himmel zeigt und »aeroplane« ruft. Da hat sich der Aufwand doch gelohnt! Es kommt vor allem darauf an, die Mütter glücklich zu machen. Trotzdem können Lernforscher wie Elsbeth Stern allzu ehrgeizige Eltern nur bitter enttäuschen. Bisher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Art des frühen Englischpaukens den Kindern bestimmte Vorteile im Fremdsprachenerwerb sichert und sie zu perfekten Sprachtalenten macht. »Es ist etwas anderes, wenn ein Kind zweisprachig aufwächst oder in einen bilingualen Kindergarten geht, dann ist die fremde Sprache Bestandteil des Alltags und wird ganz selbstverständlich und spielerisch erlernt«, sagt Elsbeth Stern. Der wöchentliche Sprachunterricht reiße die Kinder aber eher aus ihrem Alltag und konstruiere eine Situation, die wenig mit ihren Gewohnheiten zu tun habe. »Ich bin mir sicher, dass die Effekte vernachlässigbar sind.«

Neurowissenschaftler sprechen von Scharlatanerie

Woher aber kommt dieser Druck, den Eltern sich und ihren Kindern machen? Warum versuchen sie so vehement Einfluss zu nehmen auf die Möglichkeiten und die Zukunftsplanungen ihrer Kinder? »Wir leben in einer Neid- und Angstgesellschaft«, sagt Elsbeth Stern. »Viele Frauen geben für ihr Kind den Beruf auf, leiden unter Prestigeverlust« und hätten keine Lust, ihrem Kind nur beim Spielen zuzusehen. »Da muss mehr drin sein, denken sie. Wenn schon ein Kind, dann muss sich das wenigstens gelohnt haben.« Dabei lohne es sich viel mehr, so Stern, das Geld für Studiengebühren zu sparen, anstatt es selbst ernannten Experten der vorschulischen Bildung in den Rachen zu werfen. Der Neurowissenschaftler Henning Scheich spricht inzwischen von »Scharlatanerie«, die auf der Grundlage einer »Pseudowissenschaft« betrieben werde.

Und was für eine Generation von Kindern wächst da heran, die immer alle Möglichkeiten bekommt, die sich gerade bieten. In deren Zukunft alles investiert wird, was zur Verfügung steht. »Ich warne vor Ego-Problemen«, sagt Elsbeth Stern. »Diese Kinder haben immer gedacht und gesagt bekommen, sie seien etwas ganz Besonderes, und am Ende sind sie einfach nur durchschnittlich und normal – das muss dann erst mal verkraftet werden.«