Gymnasium Warum gut nicht immer besser ist
Bildungsforscher Ulrich Trautwein erklärt, wovon eine Empfehlung fürs Gymnasium abhängt
DIE ZEIT: Ihre neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob sie zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren. Was genau haben Sie untersucht?
Ulrich Trautwein: Wir hatten die Hypothese, dass bei vergleichbarer Schulleistung die Wahrscheinlichkeit, eine gymnasiale Empfehlung zu bekommen, umso geringer ist, je stärker die Leistungen der Klassenkameraden sind, mit denen man in der Grundschule gelernt hat. Wir haben in fast 50 Klassen Leistungstests durchgeführt, die Schulnoten erfragt sowie die Übertrittsempfehlungen und den Übertritt erfasst – die Ergebnisse bestätigen unsere Vermutung.
ZEIT: Bei der Übertrittsempfehlung werden leistungsstarke Klassen also zum Nachteil?
Trautwein: Nicht nur in dieser Situation. Forscher haben in der Vergangenheit bereits negative Effekte leistungsstarker Klassenkameraden auf das Selbstbild und die Motivation von Schülern nachgewiesen. Man nennt dieses Phänomen auch den »Referenzgruppen-Effekt« – Schüler vergleichen sich und ihre Leistung mit der ihrer Klassenkameraden, nicht aber mit der Leistung eines Durchschnittsschülers in ihrem Alter. Wer als ordentlicher Schüler in eine besonders leistungsstarke Klasse kommt, sieht sich deshalb plötzlich nur noch als unterer Durchschnitt – mit allen Konsequenzen für Motivation und Lernfreude. Ein und dieselbe Aufgabe macht uns Menschen einfach mehr Spaß, wenn wir denken, dass wir sie besonders gut – und besser als andere – beherrschen.
ZEIT: Sollten Eltern ihr Kind besser nicht in eine leistungsstarke Klasse oder Schule schicken?
Trautwein: Nicht unbedingt. Die Entwicklung der Schulleistung verläuft in der Regel in einem anregenden Umfeld besonders positiv. Zu den Qualitätsmerkmalen gehört insbesondere ein guter Unterricht, aber auch eine günstige Zusammensetzung der Klasse. Leistungsstarke Klassenkameraden können hier ein Vorteil sein.
ZEIT: Aber wie wirken sich Referenzgruppen-Effekte auf die Übergangsempfehlung für die Sekundarschule aus?
Trautwein: Das Prinzip ist das gleiche; der Referenzgruppen-Effekt schlägt hier allerdings bei den Lehrern zu. Vereinfacht gesagt: Wenn Lehrer die Leistungen ihrer Schüler beurteilen, bringen sie diese in eine Reihenfolge. Die besten erhalten eine Eins, die schlechtesten eine Fünf, der Rest liegt dazwischen. Dieses Muster findet sich praktisch in jeder Klasse, in einer Eliteschule ebenso wie in einer Schule in einem Problemkiez. Im Mittel liegt der Notendurchschnitt in allen Klassen deshalb in ähnlicher Höhe, auch bei sehr unterschiedlichen Durchschnittsleistungen. Und die Noten wiederum sind es, die die Grundlage der Übertrittsempfehlung sind.
ZEIT: Und warum legen die Lehrer keine objektiven Standards bei den Noten an?
Trautwein: Viele Lehrer können die Leistungen ihrer Schüler im Vergleich mit Schülern anderer Klassen nicht korrekt einschätzen. So gibt es nicht in allen Bundesländern systematische Vergleichsuntersuchungen, die den Lehrern Hinweise zum Leistungsstand ihrer Schüler liefern. Davon abgesehen haben wir es bei der Notenvergabe mit einem pädagogischen Dilemma zu tun. Noten haben zwei Funktionen: Zum einen geht es um eine Bewertung, durch die den Schülern bestimmte Möglichkeiten und Chancen gegeben oder eben verwehrt werden – aus diesem Grund sollten die Leistungskriterien in allen Klassen identisch sein. Die andere Funktion der Noten ist eine pädagogische. Sie sollen Schüler bei ihren individuellen Leistungen unterstützen, motivieren und informieren, und da gibt man dann eben gute Noten mit gutem Grund auch mal dafür, dass sich ein Schüler ganz besonders angestrengt oder verbessert hat. Deshalb entsprechen Noten nicht immer dem objektiven Leistungsstand eines Schülers. Beide Funktionen der Notengebung unter einen Hut zu bekommen ist äußerst schwierig.
ZEIT: Und so gibt es dann letztlich ungerechte Entscheidungen…
Trautwein: …und Tränen der Enttäuschung bei den Eltern, wenn ihr Kind nicht die gewünschte Empfehlung erhält.
ZEIT: Welche Konsequenzen sollte man aus Ihren Befunden ziehen?
Trautwein: Wenn es uns wichtig erscheint, dass die Übertrittsempfehlung möglichst gerecht ist und in erster Linie auf Leistungskriterien basiert, brauchen wir neben den Schulnoten eine Batterie von standardisierten Tests mit einer hohen Verlässlichkeit, die von allen Schülern vor dem Übertritt zu bearbeiten sind. Das ist nicht ganz billig, erhöht den Leistungsdruck und könnte dazu führen, dass zu viel Unterrichtszeit für das Training der Testaufgaben verwendet wird.
ZEIT: Gibt es bessere Alternativen?
Trautwein: Natürlich kann man die Mehrgliedrigkeit abschaffen. Damit würde auch das Übertrittsverfahren obsolet.
ZEIT: Das wird aber nicht passieren.
Trautwein: Teile der Politik, die Gymnasiallehrer und ein bedeutender Teil der Elternschaft wollen zumindest das Gymnasium behalten. Die Logik, dass man in homogenen Lerngruppen besonders gut lernen kann, ist auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Deshalb ist es auch wichtig, die negativen Konsequenzen von Fehlplatzierungen so gering wie möglich zu halten.
ZEIT: Wie lässt sich das realisieren?
Trautwein: Tatsächlich hat sich da in den letzten Jahrzehnten viel getan. Der erste Übertritt in eine bestimmte Schulform legt nicht mehr fest, wo ein Schüler am Ende landet. Hauptschüler können einen mittleren Abschluss nachholen und Realschüler später immer noch das Abitur erwerben. Die Übertrittsempfehlung verliert somit den Charakter eines abschließenden Urteils; sie wird zur Prognose darüber, an welcher Schulform sich ein Schüler in den nächsten Jahren am besten entwickeln dürfte.
Das Gespräch führte Jeannette Otto
- Datum 06.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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Wie passen diese Befunde mit der Tatsache zusammen, daß angeblich Kinder aus sozial schwachen Familien bei der Übertrittsempfehlung benachteiligt sind? Dank des Schulsprengelprinzips konzentrieren sich diese Kinder, analog den jeweiligen Wohngebieten, bekanntlich an bestimmten Grundschulen, deren Niveau als unterdurchschnittlich gilt. Demnach wäre, wegen der im Artikel beschriebenen Relativität der Notengebung, zu erwarten, daß diese Schüler für eine Übertrittsempfelung sogar NIEDRIGERE Leistungen benötigen als vergleichbare Kinder aus den Mittel- und Oberschichten.
Ich behaupte: dem ist auch so, und hier liegt eine Ursache des Umstandes, daß solche Kinder im Verlauf ihrer Gymnasialkarriere wesentlich häufiger "aufgeben" müssen, also das Abitur verfehlen, als etwa Akademikerkinder. Die vermeintliche Ungerechtigkeit, daß Unterschichtkinder auch "bei gleichen Leistungen" seltener eine Gymnasialemfehlung erhalten, hat in Wirklichkeit zwei Ursachen: zum einen ist vielen Lehrern eben doch bewußt, daß eine "2,3", also formal gleiche Leistung, in einer anspruchsvollen Klasse eine bessere Empfehlung darstellt als dieselbe Note in einer schwachen Klasse. Schon, weil sie meist ein gewisses Feedback bekommen, was später aus ihren Übertrittsempfehlungen geworden ist.
Zum anderen konzentriert sich das Phänomen der "ungerechten" Auslese bei genauerer Analyse auf Schüler, die "auf der Kippe" stehen, also deren Noten im Grenzbereich zwischen Gymnasialschul- und Realschulempfehlung liegen. Das sind aus rein statistischen Gründen sehr viele: mittlere Begabungen sind gemäß Normalverteilung nun mal besonders häufig, und 40-50% Gymnasialempfehlungen in einem Jahrgang bedeuten zwangsläufig, daß besonders viele Empfehlungen genau in diesem Bereich relativ geringer Leistungsunterschiede getroffen werden müssen.
Da hier eine objektive Einschätzung nach Noten kaum möglich ist, spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle - nur mit seiner Hilfe wird das "grenzwertige" Kind am Gymnasium halbwegs zurechtkommen. "Grenzwertigen" Kindern sozial schwacher Eltern, denen dieses unterstützende Elternhaus fehlt, würde dagegen mit der Gymnasialempfehlung meist ein Bärdendienst erwiesen. Lehrer, die solchen Kindern die demütigende Erfahrung eines Scheiterns am Gymnasium ersparen wollen, handeln absolut verantwortungsbewußt!
ich habe in dem Artikel nur was zum Verhältnis von durchschnittlichen Schülern zu leistungsstarken Schülern gefunden und nichts über sozial schwache Umfelder.
Es kann natürlich sein das Durchschnitt nun schon ein Zeichen für soziale Schwäche ist.
ich habe in dem Artikel nur was zum Verhältnis von durchschnittlichen Schülern zu leistungsstarken Schülern gefunden und nichts über sozial schwache Umfelder.
Es kann natürlich sein das Durchschnitt nun schon ein Zeichen für soziale Schwäche ist.
Das Ergebnis dieser "Forschungen" lässt sich in einem Satz zusammenfassen.
"Der Einäugige ist unter den Blinden der König."
"Leistungsschwächere" wären in einer Klasse mit "Leistungsstarken" total frustiert und demotiviert. Ergo wäre es dann wohl besser diese in eine "Proloklasse" oder auf eine "Proletenschule" zu schicken?! Dort würden sie sich dann ja "wohl" fühlen.
Ohne kostspielige "Vorschungen" veranstalten zu wollen hier meine These:
Der leistungsschwächere Schüler kann an den Noten seiner Mitschüler erkennen, dass die gestellten Anforderungen zu meistern sind und das Problem an ihm liegt und nicht an "den Lehrern", "den zu hohen Anforderungen" "den zu schwierigen Aufgaben".
Lösung: Playstation, Gehirnerweichungsnachmittagsfernsehprogramm, Gettoblaster und MP3 Player ausschalten, sich auf den Hosenboden setzen und lernen, lernen, lernen!
P.S.: Der Mensch wächst an seinen Aufgaben. Der junge Mensch orientiert sich an Vorbildern und Idolen. Das waren "frührers, damals" durchaus auch die Lehrer. Wie das heute ist, na ja?
Die Eingangsthese lautete (Zitat): "Ihre neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob sie zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren."
Sind durchschnittliche Schüler nun schon leistungsschwache Schüler?
Die Eingangsthese lautete (Zitat): "Ihre neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob sie zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren."
Sind durchschnittliche Schüler nun schon leistungsschwache Schüler?
Dass Noten selten objektiv sind, dürfte jeder aus seiner Schulzeit wissen. Dies lässt sich auch schwer ändern, es müssten bundesweit die selben Arbeiten geschrieben werden und mehrere Lehrer jede Arbeit bewerten. Zumindest letzteres ist unbezahlbar.
Selbst dann ist die Note noch nicht objektiv, da nie alle Aspekte der Materie abgefragt werden können, der eine versteht dies besser, der andere jenes.
Als gutes, transparentes und durchlässiges Schulsystem würde ich eines mit Zertifikaten empfinden. Ansätze dafür existieren ja bereits an den Universitäten. Man erwirbt zB. die Fähigkeit zur Differentialrechnung und bekommt dafür das Zertifikat "Differentialrechnung 1". Damit die Übersichtlichkeit nicht verloren geht, wird eine bestimmte Anzahl Zertifikate gebündelt zu z.B. "Mathematik Stufe 1".
Zum Bestehen eines Schuljahres ist eine bestimmte Art und Menge Zertifikate erforderlich. Die Anforderungen an die Zertifikate sind genormt, die Zertifikate können auch nach der Schulzeit unkompliziert und ohne erneuten Schulbesuch nachgeholt werden. Schüler die besser sind, könnten vorausarbeiten und in höheren Klassen Zertifikate erwerben.
Ich sehe nur Vorteile und ihr?
MfG
AKu
völliger Blödsinn anzunehmen, das mit Lernen allein Leistungsniveaus ausgeglichen werden können. In jeder Gesellschaft der Welt werden Sie leistungsstärkere und leistungsschwächere Schüler finden, auch ohne MP3, Playstation und Fernsehen. Es ist eben nicht jeder Schüler in der Lage die gleichen Anforderungen zu erfüllen, da nützen auch (günstigstenfalls) das beste Elternhaus und das aufopferungsvollste Lernen nichts. Wie diese Tatsache im Bildungssystem gerecht behandelt werden kann und weniger begabte Schüler die bestmögliche Förderung erhalten, ist zum einen die Frage, die sich die Politik stellen sollte. Die andere Frage ist, wie von zu Hause aus benachteiligten jedoch begabten Kindern Förderung und Unterstützung zuteil werden kann. Menschen sollten im Bildungssystem entsprechend ihren Fähigkeiten und nicht entsprechend ihrer Herkunft beurteilt werden.
Wie kann man nur solche inhumanen Sätze verbrechen: "'Grenzwertigen' Kinder sozial schwacher Eltern würde mit der Gymnasialempfehlung meist ein Bärendienst erwiesen. Lehrer, die solchen Kindern die demütige Erfahrung des Scheitern am Gymnasium ersparen wollen, handeln absolut verantwortungsbewußt!"
Ein Musterbeispiel für konservative Legitimation unseres schulischen Dreiklassensystems (die Verwandtschaft mit dem preußischen Dreiklassenwahlrecht ist kein Zufall, dieses wurde übrigens ähnlich legitmiert).Für rijukan ist Bildung sozialanthropologisch fundiert.Es ist halt "natürlich", dass es "Sozialschwache" und "Sozialstarke" gibt (er würde sagen "geben muss"). Bildung ist nur ein Indikator (zudem noch statistisch nachweisbar, weil "normalverteilt" (!))für diese Differenzen, denen unterschiedliche "Werte" zugeschrieben werden. Ein Gymnasiallehrer hat dies - in unguter Tradition - anzuerkennen und handelt "verantwortlich", wenn er das "grenzwertige" Unterschichtkind selektiert.
Verantwortlich gegenüber wem? Gegenüber dem Kind? der Gesellschaft? den Wohlhabenden? der Nation (rijukan würde wohl eher sagen: "Volk")? Warum dieser Zwang, etwas rechtzufertigen, was nicht zu rechtfertigen ist?
Ich habe bisher stets gegen ignorante "Lehrerhasser" argumentiert, aber angesichts dieser kalten Selbstgerechtigkeit bin ich einfach perplex.
Ihre Andeutungen, ich sei rechtsradikal, sparen Sie sich bitte. Diese Unterstellung ist ein wenig abgenutzt.
Aber Unterstellungen sind wohl eh Ihre Stärke. Mehr als Lesen jedenfalls. Ich schrieb, anders als Sie kolportieren, nicht über normalverteilte Bildung, sondern über normalverteilte BEGABUNGEN. Die kognitiven werden meist in IQ-Punkten gemessen. Wenn Sie fundierte Erkenntnisse haben, daß diese NICHT normalverteilt sind, lade ich Sie herzlich ein, diese mitzuteilen. Die gesamte Psychologie unterstellt allerdings diese Normalverteilung mit allergrößter Selbverständlichkeit.
Wo Sie Ihre Ausführungen über die "Natürlichkeit" von sozialen Unterschieden herhaben, bleibt ebenfalls Ihr Geheimnis - von mir sicher nicht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: verantwortlich gegenüber dem Kind, selbverständlich.
Nehmen wir an, Sie sind Grundschullehrer. Sie haben zwei Schüler mit Notenschnitt 2,33 - das ist in Ihrem Bundesland die "Schallgrenze" für eine Übertrittsempfehlung.
Der eine Schüler hat, wie Sie als Klassenlehrer wissen, engagierte, interessierte Eltern mit Abitur, die Mutter arbeitet Teilzeit und kontrolliert regelmäßig die Schulaufgaben. Der andere hat eine alleinerziehene Mutter ohne Schulabschluß mit ständig wechselnden Bekanntschaften, die sich in der Schule noch nie blicken ließ; er lebt mit ihr und zwei Geschwistern in einer 60-qm-Wohnung, und von ihrem Job in der Frittenbude kommt sie selten vor 20 Uhr nach Hause. Vorher ist er allein zu Haus.
Wem würden sie am Gymnasium die größeren Chancen einräumen? Aber ehrlich, ja?
Ihre Andeutungen, ich sei rechtsradikal, sparen Sie sich bitte. Diese Unterstellung ist ein wenig abgenutzt.
Aber Unterstellungen sind wohl eh Ihre Stärke. Mehr als Lesen jedenfalls. Ich schrieb, anders als Sie kolportieren, nicht über normalverteilte Bildung, sondern über normalverteilte BEGABUNGEN. Die kognitiven werden meist in IQ-Punkten gemessen. Wenn Sie fundierte Erkenntnisse haben, daß diese NICHT normalverteilt sind, lade ich Sie herzlich ein, diese mitzuteilen. Die gesamte Psychologie unterstellt allerdings diese Normalverteilung mit allergrößter Selbverständlichkeit.
Wo Sie Ihre Ausführungen über die "Natürlichkeit" von sozialen Unterschieden herhaben, bleibt ebenfalls Ihr Geheimnis - von mir sicher nicht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: verantwortlich gegenüber dem Kind, selbverständlich.
Nehmen wir an, Sie sind Grundschullehrer. Sie haben zwei Schüler mit Notenschnitt 2,33 - das ist in Ihrem Bundesland die "Schallgrenze" für eine Übertrittsempfehlung.
Der eine Schüler hat, wie Sie als Klassenlehrer wissen, engagierte, interessierte Eltern mit Abitur, die Mutter arbeitet Teilzeit und kontrolliert regelmäßig die Schulaufgaben. Der andere hat eine alleinerziehene Mutter ohne Schulabschluß mit ständig wechselnden Bekanntschaften, die sich in der Schule noch nie blicken ließ; er lebt mit ihr und zwei Geschwistern in einer 60-qm-Wohnung, und von ihrem Job in der Frittenbude kommt sie selten vor 20 Uhr nach Hause. Vorher ist er allein zu Haus.
Wem würden sie am Gymnasium die größeren Chancen einräumen? Aber ehrlich, ja?
Die Eingangsthese lautete (Zitat): "Ihre neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass die Empfehlungen für durchschnittliche Schüler für den Übergang auf ein Gymnasium stark davon abhängen, ob sie zuvor in einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse waren."
Sind durchschnittliche Schüler nun schon leistungsschwache Schüler?
ich habe in dem Artikel nur was zum Verhältnis von durchschnittlichen Schülern zu leistungsstarken Schülern gefunden und nichts über sozial schwache Umfelder.
Es kann natürlich sein das Durchschnitt nun schon ein Zeichen für soziale Schwäche ist.
"Ein Musterbeispiel für konservative Legitimation unseres schulischen Dreiklassensystems (die Verwandtschaft mit dem preußischen Dreiklassenwahlrecht ist kein Zufall, dieses wurde übrigens ähnlich legitmiert)."
Zur Erweiterung Ihres historischen Horizonts nehmen Sie bitte auch zur Kenntnis, daß das sogen. preuß. 3-Klassenwahlrecht (1) nur für Preußen und keinesfalls für den Reichstag galt und (2) der Anteil der Wahlberechtigten (sowohl Preußen als auch insgesamt) in Deutschland seit 1871 dauerhaft 4 bis 11% über dem Englands lag. Also kann zumindest die gesamtdeutsche Situation -- im damaligen europäischen Vergleich -- nicht so fürchterlich gewesen sein.
Daß die Legitimation des heutigen gesamtdeutschen Schulsystems mit dem Wahlrecht eines Teilstaates von vor 100 Jahren zusammenhängt, ist grober Unfug und mag Ihrer "preußischen Phantasie" entspringen. Mithin wurde jener Teilstaat anno 1947 per Dekret durch die Siegermächte aufgelöst.
Die tatsächliche Legitimation der Dreigliederung im Bildungswesen läuft wohl eher darauf hinaus, daß man versucht, einigermaßen einheitliche Leistungsniveaus zu schaffen, um darauf abgestimmten Unterricht anbieten zu können. Und Leistung bezieht sich hier auf geistige Begabung, nicht auf den finanziellen Hintergrund der Erzeuger.
Die Idee an sich halte ich durchaus für klug. Jedoch hapert es aus verschiedensten Gründen anno 2007 an einer vernünftigen Umsetzung, denn es sind heute Probleme vorhanden, die es z.B. vor 40 Jahren noch nicht gab.
Dazu zählt inbes. auch das von anderen Foristen angesprochene Phänomen, daß Schüler aus sozial schwachen Schichten in Einwandererghettos aufwachsen, dadurch auch schulisch ghettoisiert werden, bei der späteren Einteilung in eine der Schulformen Nachteile erleiden, geringerwertige Abschlüsse erreichen und später für die Ghettoisierung der nächsten Generation sorgen.
In diesem Fall wäre es allerdings hirnrissig, einfach die Einteilung abzuschaffen und danach zu frohlocken: "Oho! Nun wird keiner mehr benachteiligt!" Vielmehr sollte man an der Wurzel des Übels ansetzen und die Kinder gar nicht erst jahrelang bis zur 5./6. Klasse im Ghetto abschotten!
Dazu gehört auch, daß man die meist kooperationsunwilligen Eltern ("Mädchen brauchen keine Bildung...") unter Druck setzt! Denn es kann uns einfach nicht egal sein, ob in jenen Vierteln, die die meisten von uns höchstens auf der Durchreise sehen, ganze Generationen vor sich hinvegetieren. So sieht Solidarität wirklich nicht aus.
Genaues Lesen ist in der Hektik unseres kapitalistischen Alltags manchmal schwierig.Dennoch danke ich Ihnen für die Belehrung, ich übersehe in meiner "preußischen Phantasie" (?), "dass das sogenannte preußische 3-Klassenwahlrecht nur für Preußen ... galt." Man lernt doch nie aus. Ernsthaft: Dass unser dreigliedriges Schulsystem seinen historischen Ort im Ständedenken hat, ist eigentlich bildungshistorischer Standard. Das von Ihnen gewählte Wort "Unfug" überzeugt mich allerdings, dass sich die Fachleute irren.
Auch dass man die klassengemäße Verteilung von Reichtum und Bildung in unserer Gesellschaft mit Stärke und Schwäche begründet ("Sozial Schwache"), hat natürlich nichts mit konservativen Ideologien des 19.und 20. Jahrhunderts zu tun.Denn - ich folge Ihrer "Logik" - wir leben ja im 21. Jh.
Genaues Lesen ist in der Hektik unseres kapitalistischen Alltags manchmal schwierig.Dennoch danke ich Ihnen für die Belehrung, ich übersehe in meiner "preußischen Phantasie" (?), "dass das sogenannte preußische 3-Klassenwahlrecht nur für Preußen ... galt." Man lernt doch nie aus. Ernsthaft: Dass unser dreigliedriges Schulsystem seinen historischen Ort im Ständedenken hat, ist eigentlich bildungshistorischer Standard. Das von Ihnen gewählte Wort "Unfug" überzeugt mich allerdings, dass sich die Fachleute irren.
Auch dass man die klassengemäße Verteilung von Reichtum und Bildung in unserer Gesellschaft mit Stärke und Schwäche begründet ("Sozial Schwache"), hat natürlich nichts mit konservativen Ideologien des 19.und 20. Jahrhunderts zu tun.Denn - ich folge Ihrer "Logik" - wir leben ja im 21. Jh.
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