Festival Ganz Amerika beim Analytiker

Auf den Filmfestspielen von Venedig zeigt Hollywood lauter Melancholiker, Depressive und Psychotiker. Der Nation im Krieg wird das Kino zur Therapie.

Langsam kann man es auch mal satthaben. In den letzten Jahren sind die großen Filmfestivals zu einer Art Langzeittherapie der amerikanischen Gesellschaft geworden. Natürlich kann niemand etwas dagegen haben, wenn sich das Kino mit den Folgen des 11. Septembers, mit terroristischen Bedrohungen und dem Irakkrieg beschäftigt. Oder wenn es amerikanische Befindlichkeiten in Krisenzeiten erkundet. Aber der Bewältigungszirkus hat auch seine Redundanzen. Er macht Festivalpaläste zu Traumazentren, Pressekonferenzen zu Gruppensitzungen und Filmkritiker zu Therapeuten. In diesem Jahr präsentiert sich der Lido als Amerikas Analytikercouch, hier sind düstere Spätwestern und verzweifelte Kriegsfilme, ramponierte Ikonen und versehrte Männerseelen versammelt.

Tatsächlich wirkt die überfüllte Pressekonferenz von Brian De Palma, der seinen Irakfilm Redacted im Wettbewerb zeigt, wie die Anamnese einer angeschlagenen Nation. Anders als in den siebziger Jahren, als der Vietnamkrieg in Amerikas Wohnzimmer einbrach, gebe es vom Irakkrieg keine Bilder in den US-Medien, sagt De Palma: keine Kampfhandlungen, keine Toten, keine Verwundeten, keine heimkehrenden Särge. Daher habe er einen Film gedreht, der einem breiten amerikanischen Publikum zeigen solle, »was da unten wirklich passiert«.

Was passiert, ist Schwitzen, Warten, Patroullieren, Schießen und Durchdrehen. Man ahnt, was De Palma erzählen will. Etwa was es heißt, in voller Montur mit Helm und schusssicherer Weste fünf Stunden lang bei vierzig Grad im Schatten einen Checkpoint zu bewachen. Oder jeden Tag Menschen zu kontrollieren, deren Sprache man nicht versteht, deren Sitten man nicht kennt und die man nur als mögliche Sprengstoffträger wahrnimmt. Von diesem Alltag einer Handvoll Soldaten, die in Samarra stationiert sind, will Redacted in Form eines pseudodokumentarischen GI-Videotagebuchs erzählen. Die wackelnde Kamera versucht live zu wirken, schnappt aber nur aufgesagte Dialoge auf, die aus dem Handbuch des dumpfen Soldaten zu kommen scheinen. Seinen Versuch, eine realistische Soldatenperspektive einzunehmen, überhöht De Palma mit Barockmusik und Auszügen aus Puccinis Tosca. Mit diesem Gemisch aus kruden Stilmitteln und widerstreitenden Ambitionen steuert er auf eines der schlimmsten Kriegsverbrechen zu, die im Irak begangen wurden.

Irgendwann beschließen die Soldaten, nachts einer vierzehnjährigen Irakerin einen Besuch abzustatten. Die auf einem Helm befestigte Videokamera hält fest, wie die Männer in die Schlafzimmer einbrechen, das Mädchen vergewaltigen und zusammen mit seiner Familie ermorden und anzünden. Der Rest des Films besteht aus den Vertuschungsversuchen und Verhören der Soldaten.

Es hat etwas Scheinheiliges, dass sich De Palma auf ein weltweit verurteiltes Verbrechen konzentriert, statt den Kriegsalltag zu schildern, der es hervorbringt. In Redacted sind die an der Tat beteiligten GIs reaktionäre Bestien, in deren Grinsen fotogener Wahnwitz aufblitzt. Hohnlachend und bierselig, fast wie Karikaturen ihrer selbst, begehen sie die Tat.

Schon einmal, vor rund zwanzig Jahren, drehte Brian De Palma einen Film über ein amerikanisches Kriegsverbrechen. In Casualties of War (Die Verdammten des Krieges) schilderte er die tagelange Vergewaltigung und anschließende Ermordung einer jungen Vietnamesin durch amerikanische Soldaten. Schon damals blieb das Opfer seltsam unpersönlich und geschichtslos, während die Vergewaltigungen ausführlich ins Bild gesetzt wurden. In Redacted gibt es eine ähnliche Unentschlossenheit zwischen Anklage und Kolportage, echter Auseinandersetzung und De Palmas B-Movie-Instinkten. Trotzdem erfasst dieser Film etwas, gerade in seinem Scheitern: weil De Palmas Unfähigkeit, für diesen Krieg eine halbwegs überzeugende Kinoform zu finden, auch von der Verzweiflung erzählt, aus der sein Film entstanden sein muss.

Betrachtet man den Festivalzirkus der letzten Jahre tatsächlich als eine Art amerikanisches Traumabewältigungsprogramm, dann wäre Brian De Palma ein Patient, der sich mit Redacted noch in der chaotischen Rede des Schocks befindet, während Paul Haggis und sein Film In the Valley of Elah schon ein recht reflektiertes Verhältnis zu Schuld und Verdrängung besitzen. De Palma sucht die schmutzige Wahrheit des Krieges, Haggis interessiert, was er mit den Menschen, die ihn führen, anrichtet. De Palma will den Krieg mit seinen Bildern nach Amerika holen, Haggis zeigt, dass er dort längst angekommen ist. Wo der eine aufhört, fängt der andere erst an.

In the Valley of Elah beginnt wie ein Thriller und endet als amerikanische Parabel. Irgendwo in Tennessee erhält ein Vater die Nachricht, dass sein Sohn, der nach seinem Irakeinsatz wieder in die Heimatkaserne kommandiert wurde, als vermisst gilt. Er reist nach New Mexico und kommt einem bestialischen Verbrechen auf die Spur: Der junge Soldat wurde erstochen und zerstückelt, seine Überreste wurden im Nirgendwo zwischen Wüste und Kaserne verbrannt. Tommy Lee Jones spielt den Vater und Exmilitär Hank Deerfield mit tragischer Würde und unbewegt-bewegtem Gesicht. Er spielt ihn als einen Mann, der alles verloren hat und umso beharrlicher nach der letzten Wahrheit sucht, die in seinem Leben noch eine Rolle spielen wird. Gemeinsam mit einer Polizistin (Charlize Theron) erforscht er das Verbrechen, dessen Aufklärung die örtlichen Militärs sabotieren.

Haggis’ Film zielt ins Herz des amerikanischen Selbstverständnisses. Er zeigt, wie ein Krieg, der Zehntausende Kilometer entfernt stattfindet, auf den dunklen Parkplätzen der Provinz, zwischen Pussy Bar und Chicken Diner weitergeführt wird. Er erzählt von der Verrohung einer Gesellschaft, von der Ohnmacht gegenüber einer Tradition der Gewalt, von einer Westernlandschaft, in der nicht mehr die großen Mythen, sondern die verkohlten Überreste der amerikanischen Jugend liegen. Am Ende wird Tommy Lee Jones seine zerschlissene amerikanische Flagge verkehrt herum aufhängen und aus dem Bild fahren. Es ist das Eingeständnis einer inneren Kapitulation, der Angriff auf ein Nationalsymbol, das seine Bedeutung verloren hat.

Stärker als solche ambitioniert bedeutsamen Bilder sind die Momente, in denen wenig oder nichts geschieht. Wenn Tommy Lee Jones einfach nur in die Leere blickt, in seinem Hotelzimmer sitzt oder im Diner frühstückt. Wenn er die Hose über der Tischkante glatt zieht oder seine Schuhe mit Kasernenperfektion wienert. Immer wieder macht die Kamera vor seinem verrunzelten Gesicht halt, als sei es eine Landkarte, in der sich doch noch ein Rest Orientierung finden lässt.

Es passt zu diesem Festival der Krisen und Selbstbefragungen, dass auch der Western, das amerikanische Genre schlechthin, sein Tempo wechselt, verlangsamt, in sich geht, die Ängste und Neurosen seiner aggressiven Helden wie unter einem Vergrößerungsglas betrachtet. In Andrew Dominiks Film Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford spielt Brad Pitt den großen Outlaw der Nation als Manisch-Depressiven, den man am liebsten in eine Selbsthilfegruppe stecken würde.

Zu Beginn zeigen unbewegte Einstellungen den Räuber und Revolverhelden wie eine Statue in der Landschaft. Vom Weitwinkelobjektiv wird der Himmel tief hinabgezogen, als drohe er den Helden zu zerquetschen. Dominiks Film beginnt zu der Zeit, als Jesse James bereits einer der berühmtesten Männer der Vereinigten Staaten war, ein glorreicher und gefeierter Gangster. Er erzählt die letzten Monate eines von Rheuma und paranoiden Schüben geplagten Menschen, der selbst vor seinen Freunden auf der Lauer liegt. Unberechenbar und introvertiert, schwankend zwischen Gewaltausbrüchen und spontaner Herzlichkeit, wirkt dieser Jesse James, als sei er von sich selbst gehetzt.

Eine seltsame Spannung liegt in James’ Verhältnis zu seinem Bewunderer und späteren Mörder Robert Ford, gespielt von Casey Affleck. Es ist eine Beziehung zwischen Star und Fan. Der eine genießt die Bewunderung, lässt sie aber nicht an sich herankommen, der andere verzehrt sich in einer Sehnsucht, die so groß ist, dass sie von der Wirklichkeit nur enttäuscht werden kann. Seine Ermordung durch Ford akzeptiert James als unabwendbares Schicksal, als nehme ein Sünder seine Strafe entgegen.

Schon einmal, in den Zeiten des Vietnamkrieges, reagierte das amerikanische Kino auf die Krise mit Antihelden. In den siebziger Jahren feierten die Regisseure des New Hollywood Gangster und Outlaws wie Bonnie und Clyde oder Billy the Kid. Brad Pitt aber macht Jesse James zum einsamen Psychotiker, der in seiner Legende gefangen ist. Es sagt einiges über die besondere Natur der gegenwärtigen Verunsicherung, dass nicht einmal mehr die großen amerikanischen Outlaws zur Heldenfeier taugen.

Die Postkarte mit der Fotografie von Jesse James’ Leiche, so heißt es im Film, wurde seinerzeit häufiger verkauft als die des Petersdoms und des Taj Mahal. Es hat eine schöne Ironie, dass gerade Brad Pitt, meistfotografierter Star der Welt, Hollywoods lebendes Taj Mahal, den Mann spielt, der auf der Leinwand von seinem Ruhm erdrückt wird. Wer bei Pitts abendlichem Auftritt auf dem roten Teppich das Gekreische der Schaulustigen erlebte, das noch bis zur kroatischen Küste zu hören gewesen sein muss, konnte ahnen, was ihn an der Rolle interessiert haben mag.

Nur bei George Clooney waren die Dezibelwerte in etwa vergleichbar. Und vielleicht hat es eine gewisse Logik, dass auch dieser Strahlemann und eleganteste Schauspieler seiner Zeit in einem Genrefilm zum wandelnden Symptom wird. In dem Thriller Michael Clayton spielt Clooney einen New Yorker Anwalt, der seine Lebensoptionen ausgeschöpft hat. Clayton ist hoch verschuldet, geschieden, resigniert und in einer großen Kanzlei damit beschäftigt, die schmutzige Privatwäsche der Klienten zu waschen. Wie sediert bewegt er sich durch kühle Bürohäuser und Glaskanzleien, durch eine zynische und korrupte Geschäftswelt. Als sein Freund die Machenschaften eines Chemiekonzerns aufdeckt, wird sich Clayton auf die gute Seite schlagen, aber trotzdem kein anderer oder besserer Mensch werden.

Muss man sich nicht ernstlich um eine Nation sorgen, die so viele Abgesänge und Depressionen, Melancholiker, Resignierte und Psychotiker auf die Leinwand bringt? Oder sollte man vielmehr froh sein über ein Kino, das sich quer durch alle Genres und mit ungeheurer Beharrlichkeit den Krisen und Kriegen seiner Gesellschaft stellt? Vielleicht funktionieren Festivals ja tatsächlich ein wenig wie Gruppentherapien. Dann nämlich wäre Wes Andersons Film The Darjeeling Limited der eine Patient, der allen Hoffnung gibt, weil er sich schon selbst gefunden hat. Anderson, der liebenswerte Spinner unter den amerikanischen Regisseuren, schickt drei Brüder auf der Suche nach sich selbst und ihrer Mutter nach Indien. Auf ihrer wunderlichen Zugfahrt durch die indische Landschaft begegnen Adrien Brody, Owen Wilson und Jason Schwartzman giftigen Schlangen, schönen Frauen und den Mustern ihrer Kindheit. Dazu schlucken sie in großen Mengen Antidepressiva. Am Ende dieser spirituellen Reise treffen sie in einem Tempel Anjelica Huston, die ein Machtwort spricht: Die Menschen sollten endlich aufhören, sich selbst zu bemitleiden, und den anderen anblicken, am besten wortlos und in Liebe.

Da mag man ihr nicht widersprechen.

 
Leser-Kommentare
    • taurus
    • 05.09.2007 um 23:19 Uhr

    Ein interessanter Artikel -- vielen Dank!

    taurus

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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