Mord an Frauen. Guatemala erschüttert die Welt mit einem Wort, das erst nur Menschenrechtler benutzten, das nun aber auch Politikern täglich über die Lippen geht: feminicidio. Schon hat das Parlament Guatemalas eine »Kommission zur Untersuchung des Feminizids« eingerichtet. Im vergangenen Jahr wurden in dem kleinen mittelamerikanischen Land 582 Frauen ermordet, sagt die Polizei, dieses Jahr schon 380. In den allermeisten Fällen handelt es sich um junge Frauen, oft noch Mädchen, die aus armen Vierteln stammen. Warum Frauen? Darauf gibt es keine klare Antwort, nur Spuren, die viel über die brutale Realität erzählen, in der die Menschen in Guatemala leben.

Ein Bürger des Zwölf-Millionen-Landes kann aus vielen Gründen getötet werden: Weil er das Schutzgeld nicht bezahlt, weil er zufällig Augenzeuge eines Verbrechens wurde. Die Gewalt ist längst endemisch geworden. Seit Jahresbeginn wurden im Durchschnitt täglich 16 Menschen ermordet, die meisten nach bestialischer Folter. Guatemala-Stadt ist Regierungssitz und Hauptstadt der Gewalt. Touristen kommen schon gar nicht mehr auf den Parque Central, den großen Platz vor der Kathedrale im Zentrum, wo indianische Marktfrauen Tücher in leuchtenden Farben feilbieten. Wenn es dunkel wird, bleiben auch die Einheimischen weg. Die ganze Innenstadt gilt als »rote Zone«. Hier treiben die Maras, die berüchtigten Jugendbanden, ihr Unwesen, die nach der Maxime »plata o plomo« handeln – »Geld oder Blei«.

Gewalt ist die größte Sorge aller Bürger. Die Morde sind auch das alles beherrschende Thema im Wahlkampf von Guatemala, das kommenden Sonntag neue Gemeinderäte, ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten bestimmt. Bereits 43 Politiker sind in den vergangenen sechs Monaten erschossen worden. Es ist die blutigste Wahlkampagne der letzten zwanzig Jahre.

Wer kann die Gewalt eindämmen? Wer kann den konservativen Staatschef Óscar Berger beerben? Nur zwei Kandidaten haben diesen Sonntag eine Chance, die Stichwahl am 4. November zu erreichen. Ein Favorit ist Álvaro Colom von der Nationalen Einheit der Hoffnung, einer Mitte-links-Partei. Für einen Teil seiner Stimmen wird er seinem Onkel zu danken haben. Der war populärer Bürgermeister der Hauptstadt, bis ihn ein Todesschwadron 1979 ermordete. Coloms Gegner heißt Otto Pérez Molina und kandidiert für die rechte Patriotische Partei. Zu Beginn der achtziger Jahre, es war die schlimmste Zeit des 36-jährigen Bürgerkriegs, diente Pérez Molina als Leutnant im Hochland von Quiché, just da, wo die Militärs die meisten verbrecherischen Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Wer sich daran noch lebhaft erinnert, hasst ihn, doch in der Hauptstadt dürfte er die Oberhand gewinnen. Pérez Molinas verspricht landauf, landab »mano dura«, eine »harte Hand« gegenüber den Verbrechern, denen von heute natürlich.

Ob am Ende Colom oder Pérez Molina siegt – für Norma Cruz ist das einerlei. Die Leiterin der Stiftung Sobrevivientes (»Überlebende«), die sich um gewaltgeschädigte Frauen kümmert, erwartet nach der Wahl noch mehr Gewalt. Und noch mehr Morde an Frauen. »Der Staat hat an einer Lösung kein Interesse«, glaubt sie, »und deshalb werden gerade zwei Prozent der Mordfälle aufgeklärt.« Warum ist die Rate so gering, warum gehen gerade die Frauenmörder straflos aus?

Norma Cruz’ Büro ist eine Art Museum der Gewalt. Über ihrem Schreibtisch hängt das Foto einer Frau in indianischer Tracht mit silberner Krone: Sandra Culajay, die 19-jährige Schönheitskönigin der Stadt San Juan Sacatepéquez. Sie wurde von einem Arbeitskollegen, der in sie verliebt war, vergewaltigt und brutal ermordet. Daneben das Foto von Bernarda López, Mutter von vier Kindern. Sie wurde von einer Jugendbande umgebracht, obwohl sie unter Polizeischutz stand. Sie starb, nachdem sie als Zeugin im Prozess gegen die Mörder ihrer Schwester ausgesagt hatte. Diese wiederum hatte vor Gericht die Mörder eines gelähmten Jungen namentlich genannt.

Hier lassen die Mörder Motive erkennen. Sandra fiel dem Besitzanspruch eines Machos zum Opfer, der wusste, dass Sexualverbrecher kaum strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Bernardas Henker wollten eine Botschaft aussenden: Wer auspackt, der stirbt. Aber was ist mit all den Morden an Frauen, die irgendwo als verstümmelte Leichen gefunden werden? Nora Cruz kann angesichts fehlender Ermittlungen nur spekulieren. Vielleicht werden Töchter oder Frauen von Mitgliedern rivalisierender Drogenringe umgebracht? Vielleicht ermorden die Täter systematisch Frauen aus den unteren Schichten der Gesellschaft? Schon gibt es neben dem Feminizid einen weiteren Begriff für diese Art der Hinrichtungen: die »soziale Säuberung«.