Ich denke immer noch an den Taxifahrer. Es war bereits Mittag, als die Maschine aus London in Frankfurt landete. Ich stieg in das erstbeste Taxi auf dem Standstreifen im unteren Stockwerk des Flughafens und nannte dem Fahrer erklärungslos die Adresse in Bad Homburg. Er verzog keine Miene. Dabei musste er wissen, wessen Haus das war. Den ganzen Tag über war die Nachricht im Radio gemeldet worden. Den ganzen Tag über hatte er aufgeregt diskutierende Gäste durch die veränderte Stadt chauffiert. Wortlos nahm er mir meine alte, zerknautschte Ledertasche ab und verstaute sie im Kofferraum.

Damals schien mir das nicht erstaunlich. Ich kann mich nicht erinnern, ob er auf der Fahrt mein Gesicht im Rückspiegel beobachtet, nach Spuren der Verzagtheit gesucht hat. Ich erinnere mich nur, dass ich regungslos dasaß und aus dem Fenster starrte. Unfähig, mich auf die vorbeihuschenden Landschaften, innen oder außen, zu konzentrieren. Erst in Richtung Kassel. Dann runter von der Autobahn und die vertraute Pappelallee entlang, von dort nach rechts auf den Kreisel zu. Wie naiv muss ich gewesen sein, zu glauben, wir könnten die Strecke an diesem Tag fahren. Als sei nichts geschehen. Wie wohlwollend muss der Taxifahrer gewesen sein, dass er mir trotzdem diesen Gefallen tun wollte. Wir bogen zum Seedammweg ein – und alles stockte hinter den Absperrungen. Wir saßen fest.

Von hier an ist die Erinnerung bruchstückhaft. Eine Metapher – und doch wahr. Es sind nur Fetzen geblieben. Ich stieg aus. Habe ich dem Fahrer irgendeine Erklärung gegeben? Habe ich ihm gesagt: Ich will nur einmal sehen, was da los ist? Ich kann mich nicht erinnern. Überall waren Kontrollen, Polizisten, Schaulustige, BKA-Beamte. Geschäftigkeit und Hilflosigkeit prägten das Getümmel vor und in der Kreuzung. Ein langer Stau hatte sich gebildet, aber niemand hupte, niemand beschwerte sich. Ich bin ungehindert in den Seedammweg spaziert. Hat mich jemand nach meinem Ausweis gefragt? Hat jemand wissen wollen, was ich an diesem Ort zu suchen hatte? Vermutlich. Aber auch dafür habe ich keine Belege mehr in meinem inneren Bildarchiv.

Auf einmal hatte ich freien Blick auf die ganze Szene, die Straße hinunter und wieder hinauf, den Hügel hoch, an dem die Schule liegt. Warum habe ich mir das angetan? Warum musste ich es sehen? Was ich erwartet hatte, kann ich nicht sagen. Ich stand am Anfang der Straße und schaute auf den Wagen. Den Wagen. Den gesprengten, verkohlten Mercedes, in dem wenige Stunden zuvor mein Patenonkel auf dem Rücksitz gestorben war. An einer Schlagader getroffen, der Arteria femoralis, und verblutet, durch eine als Hohlladungsmine konstruierte Bombe.

Der Wagen stand quer auf der Straße. Unnatürlich wie ein verrenktes Gelenk, das vom Leib absteht. Ich erinnere mich noch, wie mir kurz einfiel: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Dann huschten auch diese Worte davon, und alles wich aus mir. Als ob unwillkürlich Platz geschaffen werden musste, damit die Wirklichkeit dieses Ereignisses einziehen konnte.

Wie lange braucht es, um zu begreifen, dass ein Freund ermordet worden ist? Wie lange braucht es, um zu verstehen, dass es keinen Abschied gab? Dass du versäumt hast, zu sagen, was er hätte wissen sollen? Dass sie, die Mörder, dir, der Angehörigen des Opfers, Schuld aufgeladen haben?

Als ich wieder zu mir kam, saß ich in einem Feuerwehrfahrzeug. Ich hielt, glaube ich, eine Tasse in der Hand. Oder einen Becher. Jemand sprach auf mich ein. Beruhigend. Ich glaube nicht, dass ich die Worte verstand. Wie ich von der Straße in den Wagen gekommen bin, weiß ich nicht. Was vorher geschah, kann ich nicht sagen. War ich gestürzt? Gefallen? Hatte mich jemand aufgehoben? Getragen?