Ich denke immer noch an den Taxifahrer. Es war bereits Mittag, als die Maschine aus London in Frankfurt landete. Ich stieg in das erstbeste Taxi auf dem Standstreifen im unteren Stockwerk des Flughafens und nannte dem Fahrer erklärungslos die Adresse in Bad Homburg. Er verzog keine Miene. Dabei musste er wissen, wessen Haus das war. Den ganzen Tag über war die Nachricht im Radio gemeldet worden. Den ganzen Tag über hatte er aufgeregt diskutierende Gäste durch die veränderte Stadt chauffiert. Wortlos nahm er mir meine alte, zerknautschte Ledertasche ab und verstaute sie im Kofferraum.

Damals schien mir das nicht erstaunlich. Ich kann mich nicht erinnern, ob er auf der Fahrt mein Gesicht im Rückspiegel beobachtet, nach Spuren der Verzagtheit gesucht hat. Ich erinnere mich nur, dass ich regungslos dasaß und aus dem Fenster starrte. Unfähig, mich auf die vorbeihuschenden Landschaften, innen oder außen, zu konzentrieren. Erst in Richtung Kassel. Dann runter von der Autobahn und die vertraute Pappelallee entlang, von dort nach rechts auf den Kreisel zu. Wie naiv muss ich gewesen sein, zu glauben, wir könnten die Strecke an diesem Tag fahren. Als sei nichts geschehen. Wie wohlwollend muss der Taxifahrer gewesen sein, dass er mir trotzdem diesen Gefallen tun wollte. Wir bogen zum Seedammweg ein – und alles stockte hinter den Absperrungen. Wir saßen fest.

Von hier an ist die Erinnerung bruchstückhaft. Eine Metapher – und doch wahr. Es sind nur Fetzen geblieben. Ich stieg aus. Habe ich dem Fahrer irgendeine Erklärung gegeben? Habe ich ihm gesagt: Ich will nur einmal sehen, was da los ist? Ich kann mich nicht erinnern. Überall waren Kontrollen, Polizisten, Schaulustige, BKA-Beamte. Geschäftigkeit und Hilflosigkeit prägten das Getümmel vor und in der Kreuzung. Ein langer Stau hatte sich gebildet, aber niemand hupte, niemand beschwerte sich. Ich bin ungehindert in den Seedammweg spaziert. Hat mich jemand nach meinem Ausweis gefragt? Hat jemand wissen wollen, was ich an diesem Ort zu suchen hatte? Vermutlich. Aber auch dafür habe ich keine Belege mehr in meinem inneren Bildarchiv.

Auf einmal hatte ich freien Blick auf die ganze Szene, die Straße hinunter und wieder hinauf, den Hügel hoch, an dem die Schule liegt. Warum habe ich mir das angetan? Warum musste ich es sehen? Was ich erwartet hatte, kann ich nicht sagen. Ich stand am Anfang der Straße und schaute auf den Wagen. Den Wagen. Den gesprengten, verkohlten Mercedes, in dem wenige Stunden zuvor mein Patenonkel auf dem Rücksitz gestorben war. An einer Schlagader getroffen, der Arteria femoralis, und verblutet, durch eine als Hohlladungsmine konstruierte Bombe.

Der Wagen stand quer auf der Straße. Unnatürlich wie ein verrenktes Gelenk, das vom Leib absteht. Ich erinnere mich noch, wie mir kurz einfiel: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ Dann huschten auch diese Worte davon, und alles wich aus mir. Als ob unwillkürlich Platz geschaffen werden musste, damit die Wirklichkeit dieses Ereignisses einziehen konnte.

Wie lange braucht es, um zu begreifen, dass ein Freund ermordet worden ist? Wie lange braucht es, um zu verstehen, dass es keinen Abschied gab? Dass du versäumt hast, zu sagen, was er hätte wissen sollen? Dass sie, die Mörder, dir, der Angehörigen des Opfers, Schuld aufgeladen haben?

Als ich wieder zu mir kam, saß ich in einem Feuerwehrfahrzeug. Ich hielt, glaube ich, eine Tasse in der Hand. Oder einen Becher. Jemand sprach auf mich ein. Beruhigend. Ich glaube nicht, dass ich die Worte verstand. Wie ich von der Straße in den Wagen gekommen bin, weiß ich nicht. Was vorher geschah, kann ich nicht sagen. War ich gestürzt? Gefallen? Hatte mich jemand aufgehoben? Getragen?

Es gab einen Riss. Exakt in dem Augenblick, an jenem 30. November 1989, dort auf dem Seedammweg, zwischen dem hässlichen Parkhaus und der absurden Taunus-Therme, in dem das Bewusstsein begriff, dass wahr war, was wahr war: Unbekannte Attentäter hatten Alfred Herrhausen ermordet. Dieser Moment des Verstehens ist verschollen. Wie sollte das auch jemand verstehen und intakt bleiben. So blendete das Bewusstsein sich aus. Koppelte die Erfahrung vor dem Begreifen des Unbegreiflichen ab von der Erfahrung danach. In der Mitte nur eine Bruchstelle der Bewusstlosigkeit. Seitdem gibt es nur noch ein Vorher und ein Nachher.

Nachher versuchte ich, irgendetwas zu sagen. Über den Becher in meiner Hand hinweg zu den freundlichen Pflegern oder Feuerwehrmännern. Irgendetwas. Viel konnte es nicht sein. Ich wolle in den Ellerhöhweg. Dort warte man auf mich. Ob mich jemand dorthin bringen könne. Vorbei an den Sperren und Behinderungen. Ich glaube, ich habe ihnen meinen Pass gegeben, damit sie per Funk in irgendeinem Computer nachforschen konnten, wer ich war.

An meinen Taxifahrer habe ich gar nicht mehr gedacht. Er muss die ganze Zeit dort vor der Kreuzung gestanden haben, auf dem Bürgersteig. Wie lange mochte das her sein? Wie lange hatte ich auf diesen Wagen gestarrt? Wie lange war ich abgetaucht? Aber als mich der Polizist schließlich mit einem Einsatzfahrzeug den Berg hochfuhr, war die alte Ledertasche im Kofferraum. Er musste sie den Beamten gegeben haben. Wortlos vermutlich. Als ob selbstverständlich.

Ich habe ihn nie bezahlt. Dabei war es eine lange Strecke gewesen. Vom Flughafen Frankfurt bis zum Tatort in Bad Homburg. Was mag er gedacht haben, als ich so einfach ausstieg? Und verschwand. Wie lange mag er gewartet haben? Immer wenn ich an diesen Tag denke, fällt er mir wieder ein und dass ich ihn ausfindig machen muss.

Einmal habe ich es versucht. Jahre später. Ich habe die Taxizentrale angerufen, um festzustellen, dass es das gar nicht mehr gibt: Taxizentralen. Es ist alles dezentral und vereinzelt, und jemanden suchen kann man immer nur innerhalb einer Firma, aber nicht darüber hinaus. In dieser Taxigemeinschaft jedenfalls war kein Fahrer zu finden, der an jenem Tag um die Fahrkosten geprellt worden war.

Achtzehn Jahre ist das nun her. Erzählt habe ich es nie. Auch nicht geschrieben. Dabei bin ich Journalistin geworden. Immer wieder gab es Gelegenheiten und Anfragen, diese Geschichte zu erzählen. Manchmal freundlich neugierige. Meistens manipulative. Ein idealer Fall eigentlich. Eine Betroffene selbst. Mit Zugang zu allen Beteiligten. Nur sonderbarerweise war da kein Zugang. Nicht zu der Geschichte als Erfahrung in meinem eigenen Leben. Nicht so, dass ich sie anderen hätte mitteilen wollen. Das habe ich mit den Terroristen gemein.

Ich habe zu rauchen begonnen an jenem Tag. Von einem Moment auf den anderen. Camel. Ohne Filter. Eine Schachtel am Tag. Die ersten Wochen auch mehrere. Wir haben viel getrunken in jenen Tagen. Aspirin geschluckt. Ich habe Taschentücher vollgeblutet. Eines nach dem anderen. Ich neige nicht zu Nasenbluten. Aber damals lief es einfach heraus. Nicht Tränen, sondern Blut. Mit Alkohol und Zigaretten setzen wir der Körperlichkeit zu, als könnten wir uns so verwunden. Gegessen haben wir gut. Sehr gut. Und gelacht haben wir auch. Herzlich. Hemmungslos. Verzweifelt.

Am Abend des ersten Tages saßen die Personenschützer in der Küche. Wenn mich nicht alles täuscht, dieselben vom Morgen. Sie waren nicht abgezogen worden. Sie schoben Dienst. Als ob es noch jemanden zu bewachen gäbe. Da saßen sie nun an dem kleinen Holztisch. Sprachlos. Beschämt. Hilflos in ihrer ganzen muskelbepackten Größe. Professionelle psychische Betreuung bekamen sie an diesem Tag nicht. Vielleicht hatte einfach niemand an sie gedacht. An die Selbstvorwürfe, die sie nun aushöhlen würden. An die Schockwellen der Bilder des Anschlags, denen sie ausgeliefert waren. Warum hatten sie überlebt? Und nicht der, den sie hatten beschützen sollen? So kümmerte sich Traudl Herrhausen um sie. Hörte ihnen zu. Schenkte Schnaps und Kaffee aus. Tröstete die, die anstelle ihres Mannes am Leben waren.

Am späten Nachmittag hatte die RAF angerufen. Das ist nicht richtig. Da war keine Gruppe, die anrief. Da war noch nicht einmal ein Mensch. Es war eine gesichtslose, akzentfreie männliche Stimme, die mit niemandem sprechen wollte, sondern nur verkünden. Wir waren zu mehreren in der Küche. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wer zuerst am Apparat war und mich dann zu sich rief, damit ich mithören konnte. Wir hielten den Hörer leicht schräg. Es dauerte eine Minute, schätze ich.

„Kommando Wolfgang Beer“, „Herrhausen, der mächtigste Mann Europas“, es waren die üblichen ideologischen Schablonen. In der Passage, die ich mithörte, wurde die gerade durch die Deutsche Bank vermittelte Fusion von Daimler-Benz und MBB von der Stimme nicht erwähnt. Ich weiß noch, wie mich das irritierte. Innerhalb ihrer eigenen Logik musste die Vereinigung des Autokonzerns mit dem Rüstungsunternehmen das Symbol schlechthin sein für das, was die RAF den „militärisch-industriellen Komplex“ nannte. Ich dachte deswegen daran, weil Alfred Herrhausen und ich darüber furchtbar gestritten hatten, als die Fusion zustandegekommen war. Warum bezogen sie sich nicht darauf? Stattdessen sprachen sie nun ausdrücklich von Alfred Herrhausen als demjenigen, der Vorschläge zur Lösung der Schuldenkrise der Dritten Welt gemacht hatte.

Ich kann nicht sagen, dass es mich beruhigt hätte, wenn mein Freund von politisch rationalen Mördern hingerichtet worden wäre, aber diese paradoxe „Begründung“ verstörte mich. Sollten die linksradikalen Täter ausgerechnet einen Banker ermorden, der bereit gewesen war, auf Kapital und Profit zu verzichten, um die Entwicklungsländer aus dem Zirkel der Abhängigkeit zu entlassen? Oder war Alfred Herrhausen lediglich zum Feind geworden, weil er das vertraute Feindbild unterwanderte? War der Vorschlag für eine Lösung der Schuldenkrise der Dritten Welt eine Bedrohung? Nicht der Dritten Welt, sondern der eigenen Ideologie? Hatte das die Deutsche Bank mit den Terroristen gemein?

Eine sonderbare Vorstellung ist das: nicht nur jemanden zu ermorden, sondern auch noch am selben Tag bei der Familie des Opfers anzurufen. Es fehlte nur, dass sie uns „einen schönen Tag“ gewünscht hätten. Vermutlich glaubten die Täter in ihrer phantasmagorischen Welt, die Nachricht würde niemals von uns, den Betroffenen, angenommen werden. Vermutlich glaubten sie, ihr Bekenneranruf lande umgehend in den Kopfhörern der abhörenden BKA-Beamten. Vermutlich glaubten sie, Polizisten bedienten die Telefonanlage im Ellerhöhweg. Ehrlich gesagt, auch ohne die verschwörungstheoretischen Hirngespinste der Täter hatte ich dieselben Vorstellungen.

Als die Botschaft abbrach, schauten wir uns alle an. Wir mussten die Polizei benachrichtigen. Ich fragte, wo denn die Beamten am Morgen den Zettel mit ihren Telefonnummern hinterlegt hätten. Ihre Visitenkarten. Irgendwas. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass daran niemand gedacht haben sollte. Aber da gab es nichts. Also rief ich die Polizei an. 110. Und ich sagte: „Guten Tag, mein Name ist Carolin Emcke. Ich rufe an aus dem Hause Herrhausen. Hier hat gerade die RAF angerufen… Können Sie mich mit irgendjemandem verbinden?“ Witzig. Wirklich witzig.

Es wurde noch besser. Als ich dann endlich mit jemandem verbunden wurde, erzählte ich, was geschehen war, fragte, ob es eine Fangschaltung gebe, mit der man den Anrufer ermitteln könne. Nichts. Dabei waren zwischen dem Anschlag am Morgen und dem Anruf am Nachmittag bestimmt acht Stunden vergangen. Tags darauf kam dann ein Beamter mit etwas, was für den Laien nach einem klassischen alten Kassettenrekorder aussah und was für den Profi ein klassischer alter Kassettenrekorder war. Er stellte es auf die Arbeitsplatte in der Küche, unterhalb des Wandtelefons, schloss es an und sagte: „Wenn jemand anruft, drücken Sie diese beiden Tasten hier zur Aufnahme: ‚play und ‚rec.“ Er sprach „rec“ mit hartem, störrischem r aus: „rrrrrrrrrrrrrrreck“. „Drücken Sie ‚play und ‚rrrrrrrrrrrrreck.“
Großartig.

Wir waren eine Gemeinschaft. Wie schliefen auf Matratzen auf dem Fußboden, verteilt auf verschiedene Betten, unterschiedlichste Generationen und Typen. An einer großen Tafel aßen, diskutierten und organisierten, tranken, weinten und lachten wir zusammen. Ein offenes Haus. Frei und verwundbar noch jetzt, da die Gewalt uns hätte verschließen können. Keiner scherte sich um das, was uns im Leben, im früheren, im anderen, irgendwo da draußen, unterschied. Niemand hat mir einen Vorwurf gemacht. Niemand machte mich, die linke, junge Intellektuelle, verantwortlich. Niemand überschritt diese Grenze, zu der der Zorn auch leicht hätte treiben können. Ungerechtigkeit keimt allzu oft als giftige Blüte des Kummers. Doch niemand ließ das zu in diesen Tagen und Wochen. Wir sahen mehr nach einer Studentenkommune aus als nach dem Umfeld des Sprechers des Vorstands der Deutschen Bank, wie wir da zusammenhielten im Schmerz.

Das ist das Gewalttätigste an der Gewalt des Terrors: die Sprachlosigkeit, in der die Angehörigen der Opfer zurückgelassen werden. Ich weiß nicht, ob sich die Täter jemals überlegt haben, was es heißt, „abzutauchen“. Nicht vor der Staatsgewalt, nicht vor der Strafe, nicht vor dem Gefängnis. Sondern vor dem Gespräch, vor der Pflicht, Rede und Antwort zu stehen.

Kaum jemand, der nicht Opfer dieser stummen Gewalt geworden ist, kann verstehen, was das heißt: allein zu sein mit dieser Stille, in der Fragen verhallen ohne Echo. Allein zu sein mit diesem Zorn, der keinen Adressaten kennt. Nicht Einspruch erheben zu können, selbst wenn es zu spät ist. Einklagen zu können, eine Rechtfertigung zumindest, die in der Logik des Gegenübers sinnhaftig wäre.

Denn anders als manch unbeteiligte Kommentatoren, anders als manch betroffene Angehörige der Opfer terroristischer Gewalt halte ich die Attentäter nicht einfach für Kriminelle. Nicht weil der Akt als solcher nicht, juristisch betrachtet, kriminell wäre, nicht weil die Vorbereitung der Morde nicht eine kriminelle Energie verlangte, sondern weil es aus der Perspektive der Täter ein absichtsvoller, gerichteter Mord ist, der sich nicht gegen eine private Person, sondern gegen einen Repräsentanten wendet. Gewiss: Das ist politisch eine Schimäre, psychisch eine Projektion, das ist ästhetisch eine Simplifizierung, und moralisch … moralisch ist es schlicht und ergreifend falsch.

Aber aus der Perspektive der Opfer kann die Perspektive der Täter eine Rolle spielen. Für mich hat sie von Anfang an eine Rolle gespielt. Da waren Unbekannte, die haben nachgedacht. Sie haben geglaubt, sie hätten das Recht dazu, dieses Leben auszulöschen. Sie glaubten an Gründe für ihr Verbrechen. Warum sonst hätten sie diesen Anruf im Haus der Angehörigen gemacht?

Bis heute ist es das, was ich verlange: ein Gespräch, in dem mir die Gründe auseinandergesetzt werden und in dem sich die Täter Einwänden und Kritik stellen. Bis heute ist es das, was ich unverzeihlich finde: das Schweigen. Wer behauptet, aus politischen Motiven heraus zu töten, wer sein eigenes Handeln in eine komplexere politische Vision bettet, wer das Morden als Widerstand begreift, wer zur Gewalt lediglich ein instrumentelles Verhältnis herstellt, der muss den begangenen Mord auch öffentlich erklären, muss sich einem öffentlichen, kontroversen Diskurs stellen. Worin sonst sollte der politische Charakter des Tötens bestehen?

Für ein Geständnis einer solchen Tat droht Strafe. Gewiss. Aber auch das, die Bereitschaft, für die eigene Überzeugung, für den Akt des Widerstands die Strafe der Gemeinschaft, in der man lebt, anzunehmen, gehört zum Merkmal des Politischen.

Warum ich davon so überzeugt bin? Ich habe meine Magisterarbeit über das Recht auf Widerstand geschrieben. Das war Jahre nach dem Mord. Ich hatte mein Studium in London abgebrochen und war nach Frankfurt gezogen. Am Philosophischen Institut in Frankfurt wusste kaum jemand davon, dass dies nicht nur eine theoretische Auseinandersetzung war.

Ich habe nur Autoren diskutiert, die Widerstand und zivilen Ungehorsam legitimieren . Das hatte ich mir geschworen. In der ersten Woche. Da war Alfred Herrhausen noch nicht einmal beerdigt. Dass es den Mördern niemals gelingen sollte, mich zu einer anderen Person zu machen. Dass ich ihnen nicht den Triumph gönnen würde, mich politisch zu verbittern, dass ich intellektuell offen bleiben müsse – aus Hass gegenüber den schweigenden Tätern .

Es schafft einen ganz eigenen Raum um sich herum, dieses Schweigen, in den werden wir eingeschlossen: Täter und Opfer zugleich. Die Stille verfestigt sich wie eine Eisschicht. Darin eingefroren, vergeht die Zeit ohne uns. Wir bleiben zurück im Moment des Attentats. Wir können uns davon nicht lösen. Können es weder vergessen noch verarbeiten. Das Ereignis, das die Leben beider, des Täters und der Angehörigen des Opfers, bestimmt hat wie kein anderes, bindet uns zusammen: weil wir nicht begreifen können, was keine Geschichte hat, die erzählt werden könnte. Wir können die Geschichte nicht erzählen, weil wir sie nicht kennen. Die anderen wollen sie nicht erzählen, weil wir sie dann erkennen. So bleiben wir ohne Wissen und ohne Gegenüber. Ausgeliefert dem Schweigen der anderen. Und der eigenen Fantasie.

Wie ist die Entscheidung gefällt worden, Alfred Herrhausen zu töten? Wie geht so was? Wird da abgestimmt? Sitzen sie alle in einer Runde und nicken dann zustimmend mit den Köpfen? Heben sie die Hand? Hat jemand widersprochen? Darf das jemand in diesem Kollektiv? Gab es alternative Kandidaten für einen Mord? Was sprach für Alfred Herrhausen? Wirklich nur seine Funktion? Die Geografie von Bad Homburg? Wie lange wurde ausspioniert? Wie immens muss die motivationale Kraft zu töten sein, dass sie sich durch alle logistischen und technischen Details der Vorbereitung hindurch erhalten kann?

Woran denkt jemand, der TNT für eine Bombe präpariert? An die behutsamen Bewegungen, die es braucht, um alles sauber und genau zu machen? An eine flüchtige Begegnung mit einer Bekannten vor einigen Monaten? An einen vertrauten Song, der gleichzeitig im Radio läuft? An die gläserne Fassade der Türme der Deutschen Bank? An das ersehnte Abendessen? Und als dann die Bombe in ein Paket gewickelt wurde und das Paket auf dem Gepäckträger des Fahrrads deponiert wurde, was ging da durch ihre Köpfe? Vorfreude auf das große Ereignis? Sorge vor technischen Pannen? Furcht vor der Ergreifung?

Und hat es einen einzigen Moment gegeben, in dem fragende Nachdenklichkeit statthaben durfte? Sind jemandem Zweifel gekommen? An dem Objekt des Hasses? An dem Hass selbst? Hat es einen einzigen Moment gegeben, an dem jemand unsicher wurde? Nur ein Hauch von Zweifel, vorbeihuschend, aber doch deutlich genug, um Angst vor der eigenen Angst zu machen. In einem unbeobachteten Augenblick. Vielleicht beim Kauf des Fahrrads, das an der Laterne am Seedammweg abgestellt wurde. Es hätte ja auch ein Kind auf dem Schulweg treffen können. Oder einen schwimmbegeisterten Rentner, der in der Taunus-Therme morgens immer seine Bahnen dreht. Spielt das eigentlich eine Rolle, wen man da mit einer 20-Kilo-Ladung Sprengstoff umbringt?

Entscheidet man sich erst, zum Mörder zu werden? Und danach für das Opfer? Das muss wohl so sein. Denn es kann ja kein Opfer geben ohne vorherigen Entschluss zu töten. Wenn aber zuerst feststeht, dass man töten wird, und erst anschließend das Ziel ausgesucht wird – wie kann man dann noch den Mord durch die Auswahl des Opfers rechtfertigen?

Alfred hatte ein neues Hüftgelenk. Titan, wenn mich nicht alles täuscht. Jahrelang hatte er unter Schmerzen das Bein leicht nachgezogen. Der behandelnde Chirurg war erschrocken gewesen, als er die Röntgenbilder das erste Mal sah. Verständnislos, wie jemand sich hatte so lange quälen können. Als er schließlich operiert wurde, sollte auch die Rekonvaleszenz so unauffällig wie möglich verlaufen. Ich hatte ihn besucht, irgendwo südlich von Hamburg, ich weiß den Namen der Klinik nicht mehr, als er ungeduldig wie ein kleines Kind die Operation vergessen machen wollte. Wir sind essen gegangen. Vertraut wie immer.

Wir kannten uns seit über einem Jahrzehnt. Ich hatte keinen „echten“ Patenonkel. Meine Taufe hatte lediglich einen Tag vor der Konfirmation stattgefunden. Da war keine lange Begleitung durch Paten möglich. Alfred Herrhausen war immer schon der Freund meiner Eltern gewesen, der mir am nächsten war, der mir auch nah sein wollte. Über alle Jahre und Differenzen hinweg. Das nannten wir beide einen Patenonkel. Damals hat mir Alfred beigebracht, wie man Schnaps trinkt. Wir waren beide im Ruhrgebiet geboren. Er in Essen. Ich in Mülheim. Er hielt das Glas hoch, „man sieht ihn nicht“, er schnupperte erfolglos an dem Fusel, „man riecht ihn nicht“, er schlug das Glas mit dem unsichtbaren Brennstoff auf die kahle Tischplatte, lauschte dem knallenden Klopfen, „…aber man hört ihn“. Das war gerade zehn Monate her. Kein langes Leben für ein Hüftgelenk.

Haben sie das bemerkt bei ihrem Ausspionieren? Dass ihr Opfer diesen leicht synkopischen Gang noch hatte? Dass der Körper etwas aus der Achse rutschte? Dass er versuchte, es zu überwinden? Beim Ausforschen der Gewohnheiten, der Abläufe, der Uhrzeiten im tagtäglichen Tag muss ihnen das doch aufgefallen sein. Wer den Tod eines anderen plant, muss sich mit seinem Leben befassen.

Und wie sie da so auf der Lauer lagen, tagein, tagaus, vermutlich unregelmäßig, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, da müssen sie einen Menschen beobachtet haben, jemanden, dessen Hund sich nicht um die Anzüge scherte und aufgeregt an ihm hochsprang, jemanden, der leidenschaftlich Fahrrad fuhr, dessen Tochter morgens zur Schule ging, einer Schule, die so nah an der späteren Anschlagsstelle lag, dass man die Detonation in den Klassenräumen würde hören können, jemanden mit einer Familie, die sich wirklich liebte, einen leicht humpelnden Menschen. Ist ihnen nicht aufgefallen, dass man nur in der Theorie einen Repräsentanten tötet, in der Praxis aber ein Individuum? Haben sie darüber nachgedacht?

Es schafft einen ganz eigenen Raum um sich herum, dieses Schweigen, in den werden wir eingeschlossen: Täter und Opfer zugleich. Die Stille verfestigt sich wie eine Eisschicht. Darin eingefroren, vergeht die Zeit ohne uns.

Wie schaffen sie das? Diejenigen unter ihnen, die noch unentdeckt in Freiheit leben? Diejenigen unter ihnen, die im Gefängnis sitzen, verurteilt womöglich für eine andere Tat, nicht den Mord an meinem Freund? Wie halten sie es aus, dieses Schweigen? Wie können sie weiterleben? Als wer? Wie können sie sein, wer sie sind, wenn sie über ihre eigene Geschichte nicht sprechen können? Wie können sie jemand anders werden, wenn sie über ihre eigene Geschichte nicht sprechen?

Wir sind sprachliche Wesen. Wir verstehen uns nur im Gespräch mit anderen. Erzählend entwickeln wir unsere Vorstellung von uns selbst. Von unserer Herkunft erfahren wir durch die Geschichten, die erinnerten, die erfundenen, unserer Vorfahren, von uns selbst erfahren wir durch die Reaktionen der anderen.

Als solche sprachliche Wesen, die sich dialogisch, mit und durch andere begreifen, sind wir abhängig davon, dass wir unsere Erfahrungen in eine Geschichte betten können. Wie mäandernd sich unsere Leben auch ihren Weg bahnen, suchen wir doch danach, den Verlauf in ein Narrativ bringen zu können. Erzählend vollziehen wir die beabsichtigten wie unbeabsichtigten Bewegungen nach. Zeichnen das Vorgefundene erst aus. Geben den Zufällen einen Sinn, den Unfällen eine Bedeutung und uns selbst eine bestimmte Kontur. Es ist im Gespräch mit anderen, in dem die Kontinuität unserer narrativen Identität sich beweisen muss. In der sie bestätigt und hinterfragt wird. Durch die Anerkennung oder Abweisung der Gegenüber zeichnen sich unsere Eigenheiten und Andersartigkeiten, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten, unsere Individualität also, erst ab und aus.

Wie soll ihnen das gelingen? Sie können ihr Leben nicht vermitteln, anderen nicht und damit auch sich selbst nicht. Denn ihr Leben hat einen schweigenden Bruch, den sie nicht einflechten können in ihre Erzählung. Sie müssten erklären können, wie sie dorthin gekommen sind – jenseits der Schablonen vom „System“ und vom ??Staat“. Sondern indem sie „ich“ sagen.

Keiner will ihnen das zugestehen: die Mittäter nicht, denn sie müssten dazu aus dem Kollektiv ausbrechen und wieder ein Subjekt, ein Individuum werden. Die Gegenseite nicht, denn die will ihnen jede Subjektivität, jede Menschlichkeit absprechen. Die vermeintlichen Sympathisanten verstehen nicht, dass sie sie nur weiter im Eis der unbegriffenen, weil unerzählten Erfahrung einschließen. Die vermeintlichen Repräsentanten verstehen nicht, dass die Täter nicht einfach bereuen können, was sie nicht vorher als Eigenes begriffen haben.

Ich möchte keine Reue. Ich möchte, dass sie mir ihre Geschichte erzählen. Mit allem, was darin für mich schmerzlich sein mag. Das müsste ich aushalten. Aber erst dann wird der Mord an meinem Freund vorstellbar. Erst dann kann die Fantasie aufhören, mich zu quälen. Ich brauche ihre Geschichte. Denn es ist auch meine.

Sie wiederum, dessen bin ich sicher, brauchen auch meine. Inklusive der Einwände. Ansonsten können sie weder diesen Mord in ihrer eigenen Geschichte begreifen noch ihr Leben danach. Im Gefängnis. Oder in der unsicheren Freiheit desjenigen, der nicht gefasst wurde und der den Rest seines Lebens mit der Angst ringen muss und dem Wissen, über dieses Leben nicht sprechen zu können. Das, scheint mir, ist die größte Strafe, die ihnen zuteil werden konnte. Das muss schlimmer sein als das Leiden hinter verschlossenen Toren.

Die Liebe zur Musik scheinen einige von uns seltsamerweise zu teilen. „Uns“…? Die Liebe zur Musik. Einmal haben wir zusammen Musik gehört, Alfred Herrhausen, Traudl und ich. Still. Wir saßen auf dem Fußboden, wenn mich nicht alles täuscht. Ich zumindest. Es war ein Abend im Winter. Ihre Tochter schlief schon. Erschöpft von einer mächtigen Schneeballschlacht, die wir uns vor dem Haus geliefert hatten. Ich wusste damals noch nicht so recht, was ich mit Kindern anfangen sollte. Eine Schnellballschlacht schien mir ein gutes Programm zu sein, auch wenn dieses Kind unerfreulich gut darin war. Den ganzen Tag über waren Alfred und ich durch den Schnee gestapft, während die anderen Ski fuhren. Da konnte er schon nicht mehr Ski laufen mit der Hüfte. Den Abend lang dann hatten wir uns wach geredet. Merkwürdigerweise weiß ich auch noch, dass es Flädlesuppe zum Abendessen gab. Und jetzt wollten wir nur noch still sein und Musik hören. Schubert. Kammermusik.

Zum Abschied anderntags habe ich die Platte geschenkt bekommen. So eine richtig schwere Vinylschallplatte war das. Jahrelang habe ich sie aufgehoben. Als ich schon längst keinen Plattenspieler mehr hatte. Und nur noch die CD-Sammlung umzog von Wohnung zu Wohnung. Die Platte wanderte immer noch mit. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr sehen. Da habe ich sie weggeworfen. Einfach so. Die Erinnerung war nicht mehr abhängig von der Schallplatte. Ich habe es nicht bereut. Es war Schuberts Der Tod und das Mädchen.

Sie müssen sprechen. Für sich allein. Nicht für die anderen. Als Individuum. So wie ich hier auch nicht im Namen der anderen schreibe. Nicht schreiben kann. Jeder von uns hat eine eigene Art des Trauerns. Eigenen Zorn. Eigene Albträume. Wir leben mit diesem Bruch alle unterschiedlich. Und was ich empfinde und schreibe, mag andere verstören und irritieren. Nicht nur die Angehörigen der Opfer, sondern auch meinen Freundes- und Bekanntenkreis, in dem viele von diesem Teil meiner Biografie nichts wissen. Aber dies ist meine Geschichte mit dem Verbrechen und der Stille. Achtzehn Jahre lang habe ich dazu geschwiegen, und so musste ich sie mir erst selbst aneignen, um sie beschreiben zu können. Musste sie erst beschreiben, um sie mir aneignen zu können.

Sie sollen nach Hause gehen können. Wo immer das für sie sein mag. Aber sie sollen diese Geschichte erzählen. Sie sollen gehen dürfen. Frei sein. Aus dem Gefängnis entlassen. Aber reden sollen sie vorher. Bitte.Gewiss: Es ist dem Rechtsstaat ein Bedürfnis, dass sie verurteilt werden. Und dass die Strafe abgesessen wird. Aber mir? Ob sie zehn oder fünfzehn Jahre in einer Zelle eingesperrt sind? Oder zwanzig? Zwanzig scheinen so unangemessen wie zehn. Die Strafe steht ohnehin in keinem Verhältnis zum Verlust.

Ich hatte deswegen nie das Bedürfnis, die Mörder meines Freundes verurteilt zu sehen, sie im Gefängnis zu wissen, nie die Sehnsucht nach Rache. Rache ist nur umgeleiteter Schmerz. Eine Verschiebung der Trauer. Nicht nach innen auf einen Mangel gerichtet, sondern nach außen auf einen Stellvertreter für den Mangel. Es ist nichts verächtlich an der Rache, wie Jan Philipp Reemtsma zu Recht schreibt. Aber Rache spendet keinen Trost. Sie ist ein emotionaler Wettlauf auf verlorenem Posten. Am Ende steht immer schon, immer noch der unverminderte Schmerz.

Oft habe ich mich gefragt, wie ihr Tag da so aussieht: in einer Zelle. Wie es dort riecht. Was sie für Geräusche hören. Nachts. Was sie wohl lesen können. Ob sie das Gleiche lesen wie ich. Ob es im Sommer heiß ist hinter den Gefängniswänden. Oder kühl. Ob die Betonwände rau sind. Oder glatt. Ob sie sich die eigenen Taten wertvoll reden müssen, weil es sonst ganz unerträglich wäre, dieses weggesperrte Leben? Oder ob sie sich dort im Stillen, jetzt, da es zu spät ist, Zweifel gestatten? Zu spät ist es eigentlich nie für Zweifel.

Vielleicht ist es das, was mir am unverständlichsten bleibt. Wie sie so sicher sein konnten. So sicher sein konnten, das Richtige zu tun. So sicher, dass sie sich eine Tat zutrauten, die irreversibel ist. Die sich nicht korrigieren lässt. Wie konnten sie da so sicher sein? Ich zweifle dauernd. Und fürchte, anderen zu schaden durch meine Irrtümer: in der Liebe, in der Zugewandtheit zu anderen, in allen Bezügen, der Arbeit, im Schreiben, bei der Suche nach dem richtigen Wort, der richtigen Geste, der richtigen Berührung. Es ist das, was ich immer schon das Schwerste beim Schreiben fand: das Gefühl zu haben, mir ein Urteil erlauben zu können. Vermutlich bin ich deswegen so langsam. Nicht nur im Schreiben. Sondern schon im Beobachten. Fühle ich mich deswegen sicherer in meinen Urteilen? Eigentlich nicht.

Es ist richtig, dass der Rechtsstaat sich ausschließlich am Gesetz orientiert. Und nicht an den Bedürfnissen der Angehörigen der Opfer. Für die rechtsstaatlichen Antworten auf die Verbrechen können und dürfen unsere Empfindungen keine Rolle spielen. Da kann der Bundespräsident in guter Absicht die Angehörigen aufsuchen oder die Bild- Zeitung in schlechter Absicht ihre ekelhaften Hetzkampagnen fahren. Das eine bleibt so falsch wie das andere. Für die Taten, die geklärt sind, für die Täter, die verurteilt wurden, sollen die vorgesehenen richterlichen und psychologischen Instanzen entscheiden. Wer demnach entlassen werden kann, soll unbehelligt gehen können. In ein neues Leben. Und wir sollten ihnen zugestehen, dass es das gibt: ein neues Leben. Und wenn das neue Leben Lehren aus dem alten zieht, wie bei Susanne Albrecht oder bei Silke Maier-Witt, dann wäre ich froh, wenn meine Kinder von diesen Menschen lernen dürften, wäre froh, wenn meine Gemeinschaft von diesen Erfahrungen profitieren könnte.

Aber es bleiben die ungeklärten Verbrechen. Eine Gesellschaft, die diese historische Epoche begreifen möchte, ohne über Jahrzehnte von ihr aufgewühlt zu werden, sollte sich überlegen, ob es vielleicht noch andere Instrumente geben könnte, jenseits der Strafe und der mehr oder minder willkürlich erteilten Gnade, mit den ungeklärten Verbrechen so umzugehen, dass wir sie wirklich überleben.

Von der Bundesanwaltschaft jedenfalls wird keine Aufklärung zu erwarten sein. Wer nur an Rache und Sühne interessiert ist, wird die Wahrheit nicht erfahren. Vielleicht sollten die Sicherheitsbehörden auch einfach zugeben, dass sie an bestimmten Fällen längst nicht mehr arbeiten. Die Verbrechen mögen nicht verjähren können. Und deswegen können sie es vielleicht nicht offiziell erklären. Aber glauben sie wirklich, dass wir ihnen glauben, dass sie sich noch um Aufklärung bemühen? Dass da noch eine Einheit sitzt über verstaubten Akten, ein Beamter jeden Morgen an seinen Schreibtisch geht und nach neuen Spuren sucht?

Warum also sollten wir dieses Bild der aktiven Gegnerschaft, der fortdauernden Ermittlungen in Sachen „ungeklärte Fälle der RAF noch aufrechterhalten? Für wen? Meinen sie, wir fühlten uns sicherer, wenn sie sich noch als ermittelnde, unvermindert harte Justiz geben?

„Gewalt ist Herrschaft, aber Einsamkeit“, schreibt Emmanuel Lévinas. Die Sicherheitsbehörden mögen in dieser Versteifung verharren. Sie mögen an dieser fixierten Haltung aus Gewalt und Gegengewalt festhalten, weil sie damit überhaupt eine Haltung verbinden. Weil sie sich damit überlegen glauben einem Gegner gegenüber, der Angst einflößt, obgleich er längst aufgegeben hat. Aber wem ist damit gedient? Gewalt ist Herrschaft, aber Einsamkeit. Wir sollten aus dieser einsamen Position heraustreten und miteinander reden.

Wir sollten anerkennen, dass es eine andere Lösung nicht geben kann. Das Warten auf neue Ermittlungen ist illusorisch. Das Warten auf plötzliche Geständnisse auch. Das permanente Hetzen der Boulevardpresse gegen die, die zu keinerlei Verteidigung mehr fähig sind, ist ebenso unwürdig wie ihre verklärende Huldigung durch die Boulevardsympathisanten. Populistisch und banal alle beide.

Die Täter sollen freikommen. Aber sprechen müssen sie. Wenn es dazu eines „Forums der Aufklärung“ bedürfte, dann sollten wir es einrichten. Amnestie für ein Ende des Schweigens. Freiheit für Aufklärung. Die Täter werden aufgefordert, aus ihren Verstecken, aus ihrer Stille hervorzutreten und sich zu stellen. Keiner Anklage. Sondern ihrer eigenen Geschichte. Wer aufklärt, wird nicht bestraft. Nur so können wir entlassen werden aus der Ungewissheit, und nur so können sie selbst entlassen werden aus der Lüge. Und nur so befreien wir uns gegenseitig.

Ein Forum „Freiheit für Aufklärung“ dient unserer Selbstverständigung. Denn in einer solchen öffentlichen Debatte werden auch gesellschaftliche Werte und Sehnsüchte verhandelt. Das ist mehr als das, was überliefert wurde. Mehr als das, was geschrieben steht. Unsere Werte und Sehnsüchte bestimmen und erklären, wer wir sind. Und dieses Wir ist veränderlich. Offen. Beweglich. Weil es erschüttert wird. Berührt wird. Sich dehnt oder zusammenzieht. Weil wir mehr werden. Anders. Und wir uns immer wieder neu verständigen müssen. Neu herausfiltern müssen, wer wir geworden sind. Und warum. Wer wir sind, entscheidet sich daran, wer wir sein wollen. Wie wir sein wollen, wie wir leben wollen, aus welchen Quellen wir unsere Überzeugungen ziehen, auf welchen Horizont hin wir uns ausrichten wollen.

Wer wir sein wollen, zeigt sich nicht zuletzt darin, wie wir diejenigen behandeln, die nicht dazugehören wollen oder können. Wer wir sein wollen, zeigt sich auch darin, wie wir umgehen mit denen, die uns infrage stellen. Erst durch jene, die uns anzweifeln, können wir herausfinden, wie sicher wir uns unserer selbst sind. Nicht indem wir uns versteifen und verhärten. Sondern indem wir uns hinterfragen lassen, indem wir uns der Kritik unterziehen, indem wir uns verständigen über unsere Werte und Sehnsüchte, indem wir ihre Entstehung nachzeichnen, indem wir fragen, ob wir ihnen eigentlich gerecht werden. Es ist an der Zeit.

Achtzehn Jahre ist der Mord an Alfred Herrhausen her. Jeder von uns vermisst vermutlich etwas anderes: Mir fehlt seine Fähigkeit, sich zu freuen. Und dieses wunderbare „wohl“ am Ende eines Satzes. Ich hatte nie verstanden, was das eigentlich heißen sollte: „wohl“. Es schloss einen Gedanken ab und schien doch gleichzeitig etwas zu eröffnen. Es war ein „Es ist gut“, und dann lud es aber noch ein zu einer Antwort, zum Weitersprechen. Vielleicht hätte er das zu der Forderung nach einem Ende des Schweigens gesagt. Ich weiß es nicht. „Wohl.“

Achtzehn Jahre ist der Mord an Alfred Herrhausen her. Jemand wird erwachsen genannt, der diese Zeitspanne überlebt hat. Ich war zu jung damals, um das Unverfügbare zu kennen. Zu alt, um es abstreiten zu können. Die Täter sind zu alt heute, um noch an die Logik des Verrats zu glauben. Zu jung, um ihr Leben in der Lüge weiterzuleben.

Die Bundesrepublik ist alt genug, um selbstkritisch sein zu können. Zu jung, um die Verkrustungen der Vergangenheit nicht aufbrechen zu können. Niemand braucht zu fürchten, der Staat zeige Schwäche oder löse sich auf, wenn er auf sein Recht auf Strafe verzichtete.

Dreißig Jahre ist der Deutsche Herbst her. Die gesellschaftliche Selbstsicherheit, die damals noch nicht bestand, ließe sich heute auch gegenüber denjenigen demonstrieren, die sie infrage stellen: durch Großzügigkeit. Durch ein Angebot. Zum Gespräch. Zur Aufklärung. Damit wären die Verbrechen nicht entschuldigt. Damit wären die Taten nicht verharmlost. Aber das Eis könnte zu schmelzen beginnen.

Und vielleicht, ganz vielleicht würde dann auch mein Taxifahrer erfahren von dieser Geschichte. Vielleicht würde er mit mir reden wollen über jenen Tag vor mehr als achtzehn Jahren. Als ich ihn stehen gelassen habe dort oben am Seedammweg, wo der Wagen quer auf der Straße stand.

Carolin Emcke wurde für diese Geschichte mit dem Journalisten-Preis der Deutschen Zeitungen, dem Theodor-Wolff-Preis, in der Kategorie "Kommentar / Glosse / Essay" ausgezeichnet.