Abenteuer Interrail, erster Klasse
Das legendäre Zugticket gibt es auch für Erwachsene und neuerdings sogar mit allem Komfort. Ist das noch so aufregend wie früher, als man im Gepäcknetz schlief?
Sogar der Freund von damals, der mich wieder begleiten soll, stellt diese Frage. Ob die geplante Reise nicht eher etwas für Jüngere sei? Was heißt denn »Jüngere«? Ich bin 36 Jahre alt, aber ich möchte ja nicht auf einem Bambusfloß den Atlantik überqueren, sondern nur mit einem Interrail-Ticket durch Europa fahren. So wie wir es gemeinsam vor 15 Jahren gemacht haben. Heute Weintrinken unterm Eiffelturm, morgen Kopfschmerzen in Barcelona. Wie kann man dafür zu alt sein? Interrail, sagt der Freund, bedeute nicht nur, viel zu sehen, sondern: Schüler oder Student sein, kein Geld haben, auf Bahnhofsbänken schlafen, mit dem Videothek-Ausweis Frischkäse aufs Baguette schmieren und in Südeuropa ein Zugabteil mit acht Spaniern und elf Hühnern teilen. Ich erwidere, dass die Altersbeschränkung längst abgeschafft sei, es nie mehr als zehn Hühner gewesen seien und wir heute zwar weniger Zeit, dafür aber mehr Geld hätten. Statt Videothek-Ausweis könnten wir Kreditkarten nehmen und uns dieses Mal sogar ein Interrail-Ticket erster Klasse kaufen. Doch Interrail in der ersten Klasse findet mein Freund nicht konsequent, ungefähr so, als würde man den Abenteuerurlaub im Reisebüro buchen. Ich sage, das hätte ich auch schon gemacht.
Skeptisch blickt die Sitznachbarin auf mein Handbuch »Der Interrail-Guide«
Einige Tage später stehe ich allein am Bahnsteig; in der rechten Hand mein Ticket, an der linken einen kleinen Rollkoffer, das einzig zulässige Gepäckstück eines First-Class-Interrailers, wie mir am Abend zuvor eine Bekannte erklärte. Der Rollkoffer zeige: Hier hat einer das Älterwerden akzeptiert und klammert sich nicht an seine verstrichene Jugend. »Das sind exakt meine Gedanken!«, stimmte ich ihr zu, musste mich aber bald danach verabschieden. Zu Hause holte ich eilig einen Koffer vom Dachboden und verstaute darin den Inhalt des Rucksacks, den ich bereits gepackt hatte.
Mein erstes Etappenziel heißt, wie damals, Amsterdam. Gespannt steige ich in den Zug. Wie kann es aussehen, wenn sich eine Kultur, die vom Low-Budget-Gedanken geprägt wurde, in der ersten Klasse ausbreitet? Kultivierte Ausgelassenheit und Reisende, die anstatt Tütenwein einen edlen Tropfen herumgehen lassen? Ich nehme Platz neben einer Dame im Hosenanzug und fühle mich wie ein Schiffspassagier, der sich im Deck geirrt hat. Das sieht meine Nachbarin offenbar ähnlich. Skeptisch blickt sie auf mein Handbuch Preiswert durch Europa – Der Interrail-Guide. In der Hoffnung, auf einen Fahrgast mit gleichem Ticket zu treffen, lege ich meines wie ein geheimes Erkennungszeichen auf den Tisch. Ohne Erfolg.
Die ersten Stunden meiner Reise vergehen schweigend. Felder und niederländische Orte ziehen vorüber, auch die Stadt, in der ich auf der früheren Interrail-Tour aus dem – immerhin noch Schritttempo – fahrenden Zug sprang, weil zwei angetrunkene Holländer »Faschist, Faschist!« riefen und trotz Sonnenscheins unablässig mit Regenschirmen in ihre Handflächen schlugen. Ein dicker Dritter hatte sich ins Gepäcknetz begeben und warf mit Papierfetzen auf uns. Beim Blick auf meine Nachbarin stelle ich beruhigt fest, dass in der ersten Klasse ähnliche Zwischenfälle nicht zu befürchten sind.
Am späten Nachmittag erreicht der Zug Amsterdam. Lange bleibe ich auf dem Bahnhofsvorplatz stehen, der mir wie eine vertraute Bühne vorkommt, auf der im Laufe der Jahre nur die Statisten ausgewechselt wurden. Die Hauptdarsteller sind noch die von früher: die Blondinen mit den wippenden Pferdeschwänzen, die Farbigen, die sich zur Begrüßung lässig abklatschen, und die Gitarristen, die immerzu Leaving on a jet plane singen. Irgendwann stelle ich mich in die Schlange der Rucksackreisenden, die sich an der Zimmervermittlung gebildet hat. Es geht zügig voran, weil in einer der teuersten Städte Europas Vermittlungsgespräche kurz sind und meist mit einem ungläubigen »Ist das wirklich das günstigste Angebot?« enden. Gelassen, denn ich habe mittlerweile ja die Reisekasse eines Berufstätigen, warte ich, bis mich eine junge Dame an den Schalter winkt. Einzelzimmer im Hotel, zentrale Lage, wiederholt sie, und man müsse nicht auf jeden Euro achten? Ich nicke weltmännisch. 219 Euro, sagt sie dann, woraufhin mein aufgelehnter Arm vom Tresen rutscht. So zentral müsse es auch nicht sein, sage ich, nachdem ich mich wieder aufgerichtet habe. Bei ihrem zweiten Angebot klappt die Dame einen Stadtplan weit auseinander, tippt schließlich auf eine Straße in Nähe zur belgischen Grenze und sagt »149 Euro«. – »Ist das wirklich das günstigste Angebot?«, frage ich. Wenig später sitze ich neben den Backpackern vor der Vermittlung und blättere im Interrail-Handbuch.
Ich warte, umgeben von Jugendlichen mit Lippenringen, auf meinen Schlüssel
Beim Lesen befällt mich das Gefühl, dass ich selbst der erweiterten Interrail-Zielgruppe inzwischen entwachsen sein könnte. Auf Anhieb elektrisieren mich weder Bob’s Hostel, »nicht immer sauber, seit 20 Jahren bewährter Kiffertreff«, noch das Hotel Greenhouse Effect, »würdiger Nachfolger des legendären Kifferhotels Kabul« mit »Rabatt für Haschisch und Getränke«. Doch ich habe Glück: Für 52 Euro kann ich im dunkelsten Einzelzimmer des Jugendhotels Hans Brinker in Nachbarschaft der Kneipen Global Chillage und Magic Mushroom übernachten.
Kaum betrete ich die Rezeption, schießt der Altersdurchschnitt wie eine wild gewordene Dax-Kurve nach oben. Umgeben von Jugendlichen mit Lippenringen und »I survived Amsterdam«- Shirts, warte ich auf meinen Schlüssel. Auf dem Weg zum Zimmer ziehe ich dann mit meinem Rollköfferchen durch die Gänge, wo Türen knallen und in kleinen, lachenden Gruppen unter »No hash«- Schildern Joints und Weinflaschen kreisen. Auch diese Szenen kommen mir bekannt vor wie ein altes Kleidungsstück, das man gerne trug, bis man aus ihm herauswuchs.
Im Speisesaal esse ich Lasagne mit Pommes und lasse mir aus einem Fanta-Zapfhahn zweimal Wein nachfüllen. Dann schlendere ich zufrieden die Grachten entlang. Bleibe bei Hütchenspielern und einer Klezmer-Band stehen und spende Geld und Applaus für die beiden letzten Breakdancer der Welt.
Früh sitze ich am nächsten Morgen im Zug. Mein Ziel: Brüssel, das ich damals nicht sah, weil wir die Namen der Städte verwechselten und irrtümlich nach Brügge fuhren. Mehr als den Bahnhof Bruxelles-Midi werde ich auch heute nicht kennenlernen, weil ich für mein Gepäckfach keinen Barcode erhalte, mit dem sich die Stahltür wieder öffnen ließe. Mein Gepäck ist aber schon drin, und ein Techniker bestätigt: »We have a problem!«
In einer neonlichthellen Welt aus Fliesen überbrücke ich die Wartezeit mit meinem Kursbuch. Das Kursbuch Europa ist der treueste Begleiter des Interrailers, mit nichts und niemandem verbringt er mehr Zeit. Übertreibt er es allerdings, wacht er eines Morgens auf, sagt Sätze wie »Budapest ab 8.05 Uhr, Zagreb an 13.43 Uhr, Endstation Venedig 20.38 Uhr« und kommt für den Rest seines Lebens in die Nervenheilanstalt. Richtig dosiert, ist das Kursbuch jedoch ein spannender, minutiös recherchierter und zu Unrecht vom Feuilleton der Zeitungen ignorierter Klassiker. Nächtelang habe ich vor 15 Jahren wach gelegen, weil mich Fragen nicht losließen wie: Werden sich Regionalexpress und Eurocity am Ende in Nizza kriegen? Und wie wird es mit dem Nachtzug weitergehen? Nach mehr als einem Jahrzehnt muss man sich da erst wieder etwas einlesen.
Als ich nach drei Stunden mein Gepäck endlich zurückerhalte, verschiebe ich die Besichtigung Brüssels um weitere 15 Jahre und rase an Bord des Thalys nach Paris. Passionierten Interrailern geht es nicht darum, ihr Ziel möglichst schnell, sondern über möglichst schöne Strecken zu erreichen. Der Ehrenkodex verbietet daher eigentlich Hochgeschwindigkeitszüge. Doch für Erste-Klasse-Ticket-Besitzer, die mehr Geld als Zeit haben, gilt diese Regel nicht, finde ich. Erste-Klasse-Interrailer dürfen ihre Reise auch präziser planen als alle anderen, die ihre Route nicht selten vom Zufall erstellen lassen. Während mir der Zugbegleiter einen kostenlosen Imbiss serviert, was ich als angemessene Entschädigung für den verlorenen Vormittag empfinde, breite ich auf dem Tisch meine Europakarte aus und beuge mich wie ein Feldherr darüber. Messe mit Fingerspannen Entfernungen zwischen Städten und schlage immer wieder im Kursbuch nach. »Was planen Sie?«, fragt mein französisches Gegenüber, und ich antworte, dass – wenn nur wenige Tage zur Verfügung stünden – die Zusammenstellung einer Interrail-Tour eine komplexe Komposition sei, in der ein ausgewogenes Tempoverhältnis zwischen allegro (Großstädte) und moderato (Strände, kleine Orte) gefunden werden muss. »Natürlich«, sagt der Franzose und verabschiedet sich in Richtung Toilette. Noch bevor er zurückkommt, steht der Rest meiner Route. Pro Tag ein Land: von Frankreich nach Spanien, über Monaco, Italien und durch die Schweiz zurück nach Deutschland.
Paris ist wundervoll! Die Sonne scheint, umgeben von einer gigantischen Traube aus Menschen, spaziere ich vom Eiffelturm an der Seine entlang zum Louvre, wo wir uns gegenseitig fotografieren. In einem Restaurant auf dem Boulevard St. Michel esse ich fast neben Jude Law, der sich allerdings als norwegischer Student entpuppt. Zufrieden und erschöpft gehe ich schließlich zu Bett.
Viel zu früh beginnt der nächste Tag, und ich schleppe mich wie ein kranker Maulwurf durch das nicht enden wollende Labyrinth der Metro-Schächte zum Bahnhof. Warm ist es und viel zu voll. Ich werde dünnhäutig, und mir fällt auf, dass ich in meiner Erinnerung an frühere Bahnfahrten die Menschen verdrängt hatte, die unabhängig von der Jahreszeit anderen ihre Skiausrüstung vor den Kopf schlagen oder sich aufgrund eines geleisteten Schwures nur in Trippelschritten durchs Leben bewegen.
Keine Sekunde vermisse ich es, in einem überfüllten Zweite-Klasse-Abteil mit anderen Interrailern kalte Würstchen und lauwarme Geschichten auszutauschen. Der »Silence«-Bereich der ersten Klasse ist für mein Empfinden gerade ruhig genug. Kaum habe ich Platz genommen, schlafe ich ein. Als ich aufwache, bin ich bereits mehrere Hundert Kilometer von Paris entfernt, statt Hochhäusern sehe ich sattgrüne Wiesen, auf denen Vieh grast, und in der Mittagssonne menschenleer daliegende Dörfer. Wie in einer gigantischen Wellblechdose schießt mich der TGV durch das Land. Das Schöne an Interrail war schon immer, dass sich die Kulissen während einer Reise so oft veränderten. Jetzt kommt für mich noch die Schnelligkeit hinzu, mit der die Szenerie wechselt. Wie in einer zügig präsentierten Diashow. Ohne Zeit an Flughäfen zu verlieren, sehe ich in weniger als 48 Stunden Grachten in Amsterdam, den Louvre in Paris und Meer in – »Biarritz!«, sagt der Lautsprecher.
Mondänität hat ihren Preis. Die teuerste Übernachtung meiner Reise kostet 120 Euro. Dafür erhalte ich ein Zimmer mit Atlantikblick, rosa Bettwäsche und so viel Mottenkugelduft, wie ich möchte. Kurz überlege ich, ob ich wie früher Wasser, Baguette und den günstigsten Scheiblettenkäse kaufen und mich auf eine Rasenfläche ans Meer setzen soll. Das kommt mir dann aber gekünstelt vor. Und so esse ich in einem Restaurant am Wasser eine enorme Portion Meeresfrüchte. Den Rest des Tages verbringe ich in Jetset-Manier hinter einer großen Sonnenbrille. In jedem zweiten Café trinke ich einen Espresso. Nachts kann ich nicht schlafen und habe so zumindest das Gefühl, den Preis für das Bett angemessen abzuwohnen. Zudem ist das Tosen der Brandung so intensiv zu hören, als läge ich wie damals im Zelt.
Dass man stets an den trostlosesten Orten festsitzt, hatte ich verdrängt
Der Zug nach Spanien verlässt Biarritz am nächsten Tag gegen Mittag, kommt allerdings nie an seinem Ziel an. Getriebeschaden. Im Bus werde ich mit etwa 50 weiteren Passagieren in die baskische Grenzstadt Irún gefahren. Der Anschlusszug nach Barcelona ist längst weg, wie ich jetzt weiterkomme, können mir weder das Kursbuch noch der Schalterbeamte sagen. Der zeigt nur sechs Finger, was offenbar Gleis 6 bedeuten soll, und lässt seine Metalljalousie herunter. An Gleis 6 teilt dann sein mürrischer Zwillingsbruder mit, dass heute nur noch ein Nachtzug in Richtung Barcelona fahre. In neun Stunden.
Dass man nie in attraktiven Städten, sondern stets an den trostlosesten Orten Europas festsitzt, auch das hatte ich verdrängt. In Irún gibt es Spielhallen, Internetcafés und eine von Betonbauten und reizlosen Geschäften flankierte Hauptstraße, an der ich aufgetaute Paella esse. Dann gehe ich zum Bahnhof zurück und hätte im Übrigen nichts dagegen, wenn man Irún abreißt, sobald ich es verlassen habe.
Wie eine Schicksalsgemeinschaft von Gestrandeten haben sich inzwischen in der Schalterhalle einige deutsche Interrailer zusammengefunden und tauschen bei Tütensalami, eingeschweißtem Schnittkäse und Wasser aus einem Fünf-Liter-Kanister enorm zeitpräzise Erzählungen aus (»Wir haben den EC um 8.10 Uhr genommen und hatten dann echt noch ’nen guten Strandtag«). Abiturient Max verbringt seit sechs Wochen seine Zeit in Zügen, Schüler Florian ist dagegen mit Freundin Felicitas und einem Tagesbudget von 20 Euro (inklusive Übernachtung) erst seit 22 Tagen in Richtung Lissabon unterwegs.
»Ach, Interrail erster Klasse, das gibt’s?«, sagen sie. »Wer macht denn so was?« Klar, antworte ich mit größter Abgeklärtheit und klinge wie mein eigener Opa, früher sei ich natürlich auch wie sie gereist. Gerade mit der Schule fertig, als das Leben erst richtig zu beginnen schien. Als man alles werden konnte: Regisseur, Rockstar und mit etwas Anstrengung sogar Biolehrer am eigenen Gymnasium. Was denn aber der Unterschied zwischen erster und zweiter Klasse Interrail sei? Ich überlege, allerdings fällt mir nur ein, dass man in der ersten Klasse statt mit Freunden nun alleine fährt und nicht mehr erzählt, was man einmal vorhat, sondern sich selbst fragt, was eigentlich aus den Plänen geworden ist. Aber auch das scheint mir etwas zu großväterlich. Daher murmele ich etwas selbst für mich Unverständliches, dann essen wir von der Tütensalami und dem Käse.
Nach gefühlten drei Tagen trifft kurz vor 22 Uhr der Nachtzug ein. Ich bin überrascht, dass sich in meiner Kabine sogar eine Dusche befindet, in die ich am Morgen wie in einen aufrecht stehenden Kernspintomografen steige. Frisch und ausgeruht erreiche ich daher Barcelona, das noch immer so aussieht, wie ich es einst verlassen habe: die Ramblas genauso voll, die Sagrada Familia genauso unfertig. Sogar den Park, in dem mir damals mein gesamtes Geld gestohlen wurde, finde ich auf Anhieb wieder (die Geldbörse bleibt allerdings nach wie vor verschwunden). Auch hier wirkt alles so vertraut, dass ich mich nicht als Tourist fühle, sondern eher wie auf Besuch bei einer alten Bekannten, mit der man sich dann doch nicht mehr so viel zu sagen hat. Schon am späten Nachmittag freue ich mich auf das nächste Etappenziel: Monaco. Nach Weltstädten und Meer fehlt der Reise noch ein bisschen Königreich. Ich nehme wieder einen Nachtzug, nicht um Geld für Übernachtungen, sondern um Reisezeit zu sparen.
Die Regionalbahn zur Grenze ist leider überfüllt und so langsam, dass die Landschaft stehenbleibt. Der Diaprojektor meiner Reise klemmt. Ein weiteres Problem in spanischen Zügen: Man versteht nur Bahnhof, aber nie genau, welchen. Irgendwann meine ich Cerbère herauszuhören und verlasse den Zug. Zwei Stunden sitze ich danach in einer dunklen Bahnhofskneipe und warte auf Anschluss. Als es so weit ist, habe ich Pech: Die Einzelkabinen sind ausgebucht. So schlafe ich in einem nach den Plänen einer Legebatterie konstruierten Abteil, in dem zwei Koreaner, drei unermüdlich kichernde Japanerinnen und ich übereinandergestapelt werden. Obwohl ich nur ungern daran zurückdenke, erinnert mich der Duft des Raumes an meine Interrail-Heimkehr vor 15 Jahren, kurz bevor wir in Höhe von Bad Bentheim gemeinsam unsere Socken aus dem Fenster warfen. Dazu kann ich heute leider niemanden aufrufen. Die Fenster lassen sich nicht öffnen.
Ich genieße die Ereignislosigkeit der ersten Klasse
Als sei ich mit dem Kopf über jede einzelne Bahnschwelle gerumpelt, erwache ich am nächsten Morgen und taumele, umgeben von einer eigentümlichen Duftwolke, in Monte Carlo aus dem Zug. Immerhin sind zwei elegant gekleidete Herren, die sich unentwegt gegenseitig die Hemdkragen zurechtzupfen, so freundlich und begleiten mich in die Innenstadt. In einem Café, in dem sich auch die Kellner die Hemdkragen zupfen, darüber hinaus aber vorzüglichen Kaffee servieren, verbringe ich den Vormittag. Ich fühle mich zerschlagen, unsäglich müde. Ich möchte plötzlich nicht mehr die Jachten im Hafen sehen, nicht den Königspalast, und sollte Prinzessin Caroline im nächsten Augenblick, nur mit einem Schal um den Hals bekleidet, um die Ecke biegen – ich würde meinen Kopf nicht vom Croissant nehmen, auf das er zu sinken droht.
Ich diagnostiziere an mir eine neue Art der Interrail-Entkräftung. Mit gebeugtem Gang begebe ich mich zurück zum Bahnhof und genieße statt Hafenpanorama im nächsten zu erreichenden Zug die Ereignislosigkeit der ersten Klasse. Über Mailand fahre ich nach Como, wo ich mich bei Spaziergängen durch die Altstadt erhole. Am folgenden Tag geht es durch die Schweizer Bergwelt nach Zürich, dann nach Deutschland. Schon vor meiner Ankunft frage ich mich, was das eigentlich für eine Reise war. Ich denke an meine Erschöpfung in Monaco, das Rumhängen in Irún, das Schließfach in Brüssel. Und dann habe ich die schönen Bilder vor Augen, die bereits alles andere zu überlagern beginnen: wie ich am Atlantik Muscheln aß, einen Tag später schon in Barcelona den Fuß ins Mittelmeer hielt und heute zum Befremden der Schweizer bei 25 Grad in der Zürcher Marktgasse köstliches Käsefondue aß. Vielleicht war das nicht die Reise, von der ich meinen Enkelkindern erzählen werde. Aber vielleicht fahren wir ja auch einfach noch einmal alle zusammen.
Information
Interrail-Pass:
1972 gründeten 21 Eisenbahngesellschaften Interrail. Die Idee: Jugendliche sollten kostengünstig Europa kennenlernen können. Zum Pauschalpreis durften sie einen Monat lang beliebig oft und beliebig weit Zug fahren. Rund sieben Millionen Menschen haben bislang mit einem Interrail-Ticket den Kontinent entdeckt. Im Laufe der Jahre wurde der Pass mehrfach überarbeitet. Erfreulich war dabei die Abschaffung der Altersgrenze. Seit 1998 können Erwachsene (ab 26 Jahre) gegen Aufpreis ein Interrail-Ticket kaufen.
Zum 35. Interrail-Geburtstag wurde nun das Angebot erneut überarbeitet. Erstmals können Erwachsene mit einem Interrail-Ticket auch erster Klasse reisen. Die Preise differieren je nach Reisedauer. Wer erster Klasse mit dem »Interrail Global-Pass« (gültig für alle 30 beteiligten Länder) unterwegs sein will, zahlt für 5 Reisetage innerhalb von 10 Gültigkeitstagen 329 Euro; für 10 Reisetage innerhalb von 22 Gültigkeitstagen 489 Euro; für 22 Reisetage 629 Euro, für einen Reisemonat 809 Euro. Alle weiteren Neuerungen und alle Preise für Jugendliche und Zweiter-Klasse-Reisende unter
www.bahn.de
.
Unser Autor Markus Wolff hatte den »Interrail Global-Pass« erster Klasse für 489 Euro. Er zahlte außerdem auf seiner Strecke 58 Euro Zuschläge, 79,30 Euro für die Einzelkabine im Nachtzug von Irún nach Barcelona und 17,50 Euro für den Platz im Liegewagen Cebère–Nizza.
Literatur
:
»Kursbuch Europa«; 12 Euro, erhältlich bei der Bahn; Wolfgang Klein: »Preiswert durch Europa – Per Interrail, Europabus und Mitfahrzentrale«. Verlag Interconnections, Freiburg 2007; 416 S., 17,90 Euro
- Datum 07.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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schöner artikel..hat Spass gemacht zu lesen....und macht Lust auf Reisen mit Interrail..auch wenn man schon über 26 ist und das noch nicht gemacht hat.....dkmnews
Also, sehr geehrter Herr Wolff!Vielen Dank für Ihren Artikel! 1. hat er wirklich viel Spass gemacht und 2. hat er mich dazu gebracht, meinen ersten "alleine" Urlaub seit 20 Jahren mit Interrail zu verbringen.Dortmund-Venedig-Genua-Nizza-Marseille-Paris-St.Malo-Amsterdam mit einem Interrail-Global Ticket 1.Klasse in 12 Tagen!!!In vielen Dingen ging es mir wie Ihnen im Vergleich der Erinnerungen zwischen gestern und heute. wobei mein 1.Interrailurlaub ca. 27 Jahre zurückliegt. Der Unterschied liegt nicht nur in der komfortableren finanziellen Ausstattung (400 Mark, die damals für 4 Wochen reichen mussten, kann man ja unter Umständen heute an einem Tag raushauen....) sondern vor allem in der enorm gestiegenen REglementierung von Zugreisen.1997 stand ich auf dem Gare de Lyon und bin in den erstbesten Zug gestiegen. Kein Problem. Heute: 1 Std. Wartezeit am Reservierungsschalter mit der Information, daß man gerne übermorgen nach Nizza könne, vorher wären alle Kontingente von Interrail ausgeschöpft... Dies ist mir mehrmals passiert und hat den Spass doch etwas eingeschränkt... (Ja, ich hätte auch mit Reservierungsfreien Zügen reisen können, aber die scheint es kaum noch zu geben...)Dann:- Früher konnte man im Zug die Fenster aufmachen und sich den Wind um die Nase wehen lassen- Gab es früher keine MP3 Player, die generell so laut eingestellt sind, daß Sie jeden Grossraumwagen beschallen- kann man nachts nicht mehr auf dem Bahnhof übernachten, er wird nämlich abegeschlossen (ich hatte das auch nicht vor, aber wenn....)Dies vielleicht nur so für Nachahmer zur Info oder zur Motivation, es auch mal wieder zu versuchen.Auf jeden Fall: ein tolle Artikel, sehr witzig, alles gut nachvollziehbar!
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