Eine Gesellschaft in der Krise sucht nach einem Sündenbock, genauer: nach einer (all)mächtigen Kraft, die im Verborgenen wühlt, die Politik manipuliert und die Interessen der Nation verrät. Früher hieß diese Kraft »Weltjudentum«, auf Russisch »Kosmopoliten«. Heute ist es The Israel Lobby – so der Titel eines heiß umstrittenen Buches, das gerade zeitgleich in Deutschland und Amerika erschienen ist.

Die Krise des amerikanischen Selbstvertrauens ist offenkundig. Sie reicht zurück in die Neunziger, als al-Qaida 1993 erstmalig das World Trade Center zu vernichten suchte. Den Terrorangriffen auf US-Ziele rund um die Welt folgte das nationale Trauma 9/11. Und nun ein Krieg im Irak, der mit falschen Begründungen (Atomwaffen, Terrormeister Saddam) entfesselt wurde und ein übles Ende zu nehmen scheint. Wieso hat das Land der Freiheitsstatue seine besten Werte und Interessen verraten? Und wer ist schuld an diesem Unglück?

Die Verfasser, John Mearsheimer (Chicago) und Stephen Walt (Kennedy School/Harvard), glauben, die Hand zu kennen, die den Dolch geführt oder das Gift geträufelt hat; deshalb der Titel The Israel Lobby and U. S. Foreign Policy, dem der Campus-Verlag im deutschen Untertitel noch einen kleinen Spin verliehen hat: Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird . Doch vorweg ein Wort zu den beiden Autoren. Der Rezensent kennt sie seit 20 Jahren aus gemeinsamen akademischen Projekten, in denen sie nicht als Nahostexperten und schon gar nicht als Israel-Hasser aufgetreten sind. Ihre Disziplin ist die Theorie der internationalenPolitik, wo sie zur Schule der Realisten zählen; Aufmerksamkeit hat Mearsheimer zuletzt vor 17 Jahren erregt, als er in einer Fachzeitschrift dozierte, die Deutschen würden/sollten nach dem Kalten Krieg zur Atombombe greifen.

Und doch erfüllt die Israel Lobby strukturell den Tatbestand dessen, was hier nüchtern mit der Wortschöpfung »Anti-Ismus« umschrieben werden soll. Seine Kernelemente – ob es sich um Juden oder Freimaurer, »Ultramontane« oder Scientologen, Kapitalisten oder Kommunisten handelt – sind immer die gleichen. Anlass ist die Krise – sei sie erfunden, gefühlt oder echt. Die Instrumente der Verschwörer sind Unterwanderung und Manipulation, Verführung und Verrat, die ins Verderben führen. Die Prämisse des »Anti-Ismus« ist die Allmacht der Drahtzieher, sein Impuls ist die Obsession. Die fixe Idee besagt: So und nur so kann das Übel erklärt werden; die Zielgruppe ist die allein verantwortliche. Deshalb werden konträre Deutungen und Fakten zwanghaft geblockt. Schließlich die Heilslehre: Erlösung kommt von der Entmachtung jener, die das Übel über uns gebracht haben.

Nicht dass die Israel Lobby eine rohe Kampfschrift wäre. Das Buch umfasst im Englischen 355 Seiten (im Deutschen 20 Prozent mehr), der Anmerkungsapparat 106 klein gedruckte Seiten. Die Autoren haben auch mit allerlei Kautelen versucht, die ätzende faktisch-analytische Kritik zu entkräften, die ihrem ursprünglichen Arbeitspapier entgegenschlug, als sie dieses auf der Webseite der Kennedy School veröffentlichten.

Aller Gelehrtheit zum Trotz bleibt aber ein simples Gerüst. Ein Tragbalken ist die Anklage.

Erstens: Israel hat keinen strategischen Wert für Amerika; es ist vielmehr ein strategischer Minusposten, der Amerikas Kreise in Arabien und Iran stört und den Terror gegen die USA lenkt. Amerika heißt es, hätte »zum großen Teil ein Terrorismusproblem, weil es so lange Israel unterstützt hat«.

Der Anklage folgt die Verschwörungstheorie

Zweitens: Israel hat kein Anrecht auf moralischen Rückhalt durch Amerika; es ist in Wahrheit (wenn man die vielen rückversichernden Floskeln abzieht, die akademische Distanz suggerieren sollen) ein undemokratisches, rassistisches, ja kriminelles Gebilde, das die eigenen arabischen Mitbürger diskriminiert, die Palästinenser knechtet und allen zusammen die Selbstbestimmung versagt. Terrorismus sei zwar zu »verdammen«, aber schließlich nicht »überraschend, weil den Palästinensern so lange politische Grundrechte verweigert worden sind und sie glauben, dass sie andernfalls keine Konzessionen erzwingen können«.

Der Anklage folgt im zweiten Teil die Verschwörungstheorie. Wenn Israel eine strategische und moralische Belastung für Amerika ist, warum wird der jüdische Staat so bedenkenlos unterstützt? Warum hat sich Washington zuletzt sogar in den Irakkrieg treiben lassen – mit den bekannten schrecklichen Konsequenzen?

Die Antwort besteht aus einem Wort: »Israel-Lobby«. Vornehmerweise sagen die beiden Autoren nicht »Juden«. Meistens sagen sie »Neocons«, unter denen sich zwar auch brave Christen tummeln, die aber sofort als jüdische Kabale verstanden werden. Hinzu kommt die »christliche Rechte«, die Evangelikalen. Der Hauptverschwörer aber ist Aipac, das American Israel Public Affairs Committee, das in der Tat eine glänzend organisierte und finanzierte Lobby ist, die viel Einfluss auf dem Kapitol und im Weißen Haus besitzt.

»I rest my case«, ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen, würde an dieser Stelle der Staatsanwalt im US-Serienkrimi sagen. Der Chefredakteur des New Yorker hat die Beweisführung so satirisiert: »Abraham Foxman (Chef der Anti Defamation League, die Antisemitismus bekämpft) gibt das Signal, Pat Robertson (ein Evangelikaler) verfällt in apokalyptische Verzückung, Charles Krauthammer (ein pro-israelischer Kommentator) hämmert eine Kolumne in die Tasten, Bernard Lewis (der berühmte Orientalist) hält einen Vortrag – und dann marschiert der Präsident in ein anderes Land ein.«

Die Israel-Lobby – das ist ein klassisches Element des »Anti-Ismus« – ist also eine allmächtige. Daran stören nur ein paar Kleinigkeiten. Die jüdische Wählerschaft in Amerika ist und bleibt den Demokraten treu; sie ist weder »neo« noch »con«. Wie alle Liberalen standen die meisten amerika-nischen Juden dem Irakkrieg höchst skeptisch gegenüber. Die Israelis? Sie haben immer auf Iran als ihre größte Bedrohung verwiesen – korrekterweise, wie die genozidalen Sprüche aus Teheran nunmehr beweisen. Aber das zählt nicht, denn die wirkliche Kabale hatte sich im Pentagon eingenistet: Paul Wolfowitz, Richard Perle und Douglas Feith, alle Juden, alle pro Israel.

Die Autoren lassen nur die Fakten zu, die ins Weltbild passen

Hat diese »Koscher Nostra« Amerika in den Krieg getrieben, um Saddam zu stürzen und Israel zu stützen? Dies hieße, spottet der frühere Verteidigungschef Don Rumsfeld im New Yorker, »dass der Präsident und sein Vize, ich und (Außenminister) Colin Powell gehirnlose Gewächse waren (»fell off a turnip truck«) als wir unsere Jobs antraten«. Es lässt sich auch so ausdrücken: Drei Neocon-Juden plus ihre publizistischen Büchsenspanner wie Norman Podhoretz (Alt-Neocon) und William Kristol (Jung-Neocon) haben 300 Millionen Amerikaner in den falschen Krieg gelockt – und dies in landesverräterischer Manier als Handlanger eines fremden Staates. Fazit: Bush, Cheney, Rumsfeld, Rice, die Vereinigten Stabschefs haben sich dumpfen Hirns und blinden Auges von den Juden manipulieren lassen. Die These stimmt, aber nur, wie hier zum ersten Mal enthüllt wird, weil all diese Protestanten in Wahrheit neuzeitliche Maranen sind (das waren die spanischen Juden, die sich zum Schein taufen ließen, um der Inquisition zu entgehen).

»Anti-Ismus« ist die Obsession, die ausufernde Herrschaft bestimmter Gedanken und Gefühle, ein monokausales System, das keine konträren Erklärungen und Fakten zulässt und eine widersprüchliche Wirklichkeit auf den einen Schuldigen (Juden, Bolschewisten, Kapitalisten) reduziert. Wissenschaft, die Mearsheimer und Walt für sich reklamieren, ist das genaue Gegenteil. Wenn ein Wissenschaftler eine Obsession hat, dann die Suche nach Fakten, die seine Theorie konterkarieren. Das hat das Duo peinlichst vermieden oder, wenn’s nicht anders ging, mit leichter Hand beiseitegeschoben, um eine flammende Anklageschrift zu fabrizieren.

Es braucht schon ein kühnes (oder übel gelauntes) Gemüt, um die Geschichte der Israel-USA-Beziehung als ein Reiter-Ross-Verhältnis zu karikieren. Truman hat Israel 1948 als einer der Ersten anerkannt, aber Stalin war noch schneller. Gekämpft haben die Israelis mit Ostblockwaffen (zu einer Zeit, als dort die Führung von Juden »gesäubert« wurde). Die USA weigerten sich bis in die sechziger Jahre, Waffen zu liefern; das taten bis 1967 die Franzosen. Eisenhower hat die Israelis nach dem Suezkrieg aus dem Sinai vertrieben, um die Araber bei der Stange zu halten.

Israel-Lobby hin oder her, Johnson weigerte sich, am Vorabend des Sechstagekrieges die ägyptische Blockade des israelischen Hafens Elat (Zugang zum Indischen Ozean) zu brechen; das sollten die Israelis bitte selber tun. Henry Kissinger, der Jude aus Fürth, wartete ab, bevor er den hart bedrängten Israelis im Jom-Kippur-Krieg (1973) endlich Nachschub gewährte, um sie so empfänglich zu machen für spätere Konzessionen. Dann zwang Kissinger die Israelis, die schon auf dem Weg nach Kairo waren, hinter den Suezkanal zurückzukehren. Warum hat ein glühender Freund Israels, Ronald Reagan, dem Verteidigungsminister Scharon 1982 verboten, Beirut einzunehmen? Warum verlegen die USA ihre Botschaft nicht, wie von der Lobby ständig gefordert, von Tel Aviv nach Jerusalem? So viel Lobby und so wenig Macht, das reimt sich nur, wenn man sich eine hübsche Theorie nicht von hässlichen Fakten kaputt machen lassen will.

»Hässliche Fakten« aber sind das Schwarzbrot der Wissenschaft. Das Buch hat knapp 1300 Fußnoten, aber nur »drei, die sich auf eine Korrespondenz mit einer Primärquelle beziehen, und nur zwei, die auf Interviews verweisen,« schreibt Geoffrey Kemp (kein Neocon) vom Nixon-Center. Dazu die beiden Autoren: »Wir meinten, dass wir bereits genug Informationen hatten« und dass weitere Forschung »unsere Konklusionen nicht verändert hätte«.

Das ist richtig, wenn man nur die Fakten zulässt, die passen. Wenn sie aber mit Entscheidern geredet hätten, wäre ihre gewagte Konstruktion in sich zusammengefallen. Sie hätten zum Beispiel David Gergen interviewen können, einen Mann, der vier Präsidenten gedient hat. Der konstatiert lapidar: »Ich kenne keine Pro-Israel-Entscheidung im Oval Office, die auf Kosten amerikanischer Interessen gefallen wäre.«

Oder den Befehlshaber des USEUCOM, Bantz Craddock, der für Europa, Afrika und Nahost zuständig ist und dem Repräsentantenhaus im März mitteilte: »In Nahost ist Israel unser bester Verbündeter, der durchgehend unsere Interessen stützt.« Und: »Israel ist ein kritischer militärischer Partner in dieser schwierigen Region.« Dann gäbe es noch die Aussage von John F. Kennedy (1962): »Die Vereinigten Staaten haben eine special relationship mit Israel in Nahost, die nur mit der britischen insgesamt zu vergleichen ist.« Ronald Reagan sagte 1981 ganz knapp: »Israel ist ein strategisches Plus (asset).« Waren die auch Marionetten der Lobby?

Saubere wissenschaftliche Arbeit geht auch komparativ vor. Die saudische Lobby ist den Autoren gerade mal einen Absatz wert, obwohl die Abermillionen für teuere PR-Firmen und andere Einflüsterer wie ehemalige Diplomaten ausgibt. Und das, obwohl Saudi-finanzierte Koranschulen quer durch die islamische Welt den Glaubenskrieg predigen, die Hälfte der rund 80 Dschihadis, die monatlich in den Irak eindringen, aus Saudi-Arabien kommt (so das State Department). Das dient nicht den amerikanischen Interessen, dennoch hat Washington den Saudis gerade ein Waffenpaket im Wert von 20 Milliarden Dollar zugesagt.

Apropos Riad: Starjournalist Bob Woodward zeichnet in seinem Buch Plan of Attack ein Gespräch zwischen Prinz Bandar und George W. Bush nach, wo der damalige Botschafter den Präsidenten bedrängt, die Arbeit seines Vaters zu vollenden und Saddam zu beseitigen. Bush-Mitarbeiter Richard Clarke, der zum Kritiker wurde, berichtet, dass nicht Israel der Grund für den zweiten Irakkrieg gewesen sei, sondern die »Sorge um das langfristige Überleben des saudischen Könighauses«.

Ein Blick auf die Kuba-Lobby hätte sich ebenfalls gelohnt; die verhindert seit 40 Jahren die Normalisierung mit Havanna. Oder gegen die »schwarze Lobby«, die für die Invasion Haitis und den Boykott gegen Südafrika stritt. Oder Big Business, Big Labor und Big Farming, die ständig den Freihandel unterminieren und so die Interessen aller Konsumenten schädigen. Lobbyismus, das übersehen die Autoren, ist so alt wie die amerikanische Demokratie: Jeder darf mitreden, auch in der Außenpolitik.

Mearsheimer und Walt haben sich wortreich darüber beklagt, dass sie kein Gehör fänden, weil die Israel-Lobby so potent sei. Wieso haben sie dann einen Vorschuss von 750000 Dollar von einem Verlag, Farrar Strauss, bekommen, dessen legendärer Mitgründer Roger Strauss Jude war? Stephen Walts Professur in Harvard wurde von Robert und Renée Belfer gestiftet, zwei jüdischen Philanthropen und Israel-Freunden.

Entweder die Israel-Lobby muss noch üben – oder sie geht besonders infam vor. Demnach, schreibt Max Boot in der Los Angeles Times, hätten die Hebräer mit Walt einen schlappen Einflussagenten alimentiert, damit er mit seiner löchrigen Streitschrift die Anti-Israel-Kräfte ein für alle Mal als garstige Amateure diskreditiere. Diese Verschwörungstheorie ist zumindest witzig.