Num discendum Latine? Warum Latein? Ja, warum eigentlich? Dass Günther Jauch und unsere Neobildungsbürger eine furchtbar ernste Miene aufsetzen, wenn es um das Fach Latein geht, ist eigentlich noch kein Grund. Wie gut spricht Günther Jauch eigentlich Latein? Also: Warum Latein?

Wenden wir uns kurz einer anderen Frage zu: Warum Sex? Das ist doch auch mal der Antwort wert. Also: Warum machen Sie Sex? Weil Sie in Kenntnis medizinischer Tatsachen davon ausgehen dürfen, dass diese Freizeitvergnügung mit der Ausschüttung bestimmter Hormone belohnt wird, die auf Dauer gesehen der Reproduktion der Knochensubstanz dienen, folglich auf noch längere Dauer gesehen einen Schutz gegen die Volkskrankheit Osteoporose darstellen? Sie denken: Okay, es ist Sonntag, eigentlich kommt heute Tatort, eigentlich schade. Aber Osteoporose ist eine schlimme Sache. Was tut man nicht alles, um Osteoporose zu vermeiden.

Natürlich denken Sie nicht so. Kein Mensch denkt so. Jedes Kind weiß, dass Zwecklogik sich auf Spaß eher bremsend auswirkt. Nur sollen Kinder, wenn es um Latein geht, genauso denken. Sie sollen einsehen, dass die Lateinpaukerei nicht in erster Linie Spaß macht, sondern in zweiter und dritter Linie nützlich ist. An dieser Stelle erfolgt papageienhaft das Argument: Logisches Denken! Latein schärft das logische Denken! Latein bringt den Verstand auf Trab. Und ein auf Trab gehaltener Verstand ist der Müsliriegel der Persönlichkeitsbildung. Kurzum: Latein dient dem Leben wie Sex der Osteoporose-Prävention. Diese moralinsaure pädagogische Argumentationsweise hat sich, nebenbei gesagt, in der ganzen leidigen Bildungsdiskussion eingenistet. Gute Bücher lesen, Museen besuchen, nur ausgewählt gute Filme anschauen – das gesamte Programm geistiger Vollwertkost wird Kindern mit der ödesten aller Begründungen, der funktionalen, schmackhaft gemacht. Damit sie in späterer Zukunft mal nicht verblödet sein werden, dürfen sie heute nicht RTL2 anschauen. Damit ihr Hirn in dreißig Jahren schön logisch denkt, sollen sie heute Horaz übersetzen.

Klingt bleiern. Ist es auch. Muss aber nicht sein. Es geht auch ganz anders. Professor Wilfried Stroh, geboren 1939, bis vor kurzem Inhaber eines Lehrstuhls für Klassische Philologie (in Bayern natürlich), hat ein Buch über die lateinische Sprache geschrieben, das sich liest wie der Reiseführer über ein Land, das man nach der Lektüre sofort kennenlernen will. Mehr noch: Professor Wilfried Stroh hat es mit seinem Buch Latein ist tot, es lebe LATEIN; Kleine Geschichte einer großen Sprache; List Verlag, Berlin 2007; 414 S., 18,– €, auf die Bestsellerliste geschafft. Das muss man sich mal vorstellen: Ein Buch über Latein als Bestseller! Wie hat Professor Wilfried Stroh dieses Wunder bewirkt? Ganz einfach: Er predigt nicht. Er moralisiert nicht. Er sorgt sich nicht um den Untergang des Abendlandes, erteilt keine onkelhaften Ratschläge. Er teilt in vergnüglichster Weise mit, wie und warum er sein Leben lang Spaß hatte am Umgang mit dem Lateinischen.

Wilfried Stroh blättert den lateinischen Abituraufsatz von Karl Marx durch, erzählt jede Menge Anekdoten, wie beispielsweise die von dem Fernsehinterview, das der damalige bayerische Kultusminister Hans Maier am 23. Oktober 1986 auf Lateinisch gab, was Franz Josef Strauß ein bisschen eifersüchtig machte – Wilfried Stroh segelt mit den Flügeln echter Emphase über die trockenen Ebenen der Zwecklogik hinweg. So reißt man Leute mit. Wirklich: Dieses Buch ist eine Schule der Leidenschaft. Und wer es nicht gelesen hat, sollte auch nicht auf die Idee kommen, Zehnjährigen mit saurer Miene einzureden, sie müssten jetzt leider Unregelmäßige pauken. Englisch käme später dran. Legite. Operae pretium erit.