Österreich
Jeder, wie er glaubt
Der Katholizismus in Österreich ist längst kein politischer Faktor mehr, sondern nur eine pflegeleichte Schönwetterkirche.
Wieso gelten die Rufe des Muezzins als potenzielle Ruhestörung, während das Läuten der Kirchenglocken im ganzen Land zum akustischen Ortsbild gehört? Wieso wird der Diözesanbischof einer Landeshauptstadt bei jeder Feierlichkeit gleich nach dem Landeshauptmann begrüßt, während eine solche Ehre den Oberhäuptern der protestantischen, jüdischen oder islamischen Glaubensgemeinschaft meist verwehrt bleibt?
Weil »Religion« in Österreich zuallererst »römisch-katholische Kirche« bedeutet. Zwar kommt der größten Religionsgemeinschaft des Landes laut Staatsgrundgesetz dieselbe Stellung zu wie den anderen anerkannten Religionen. Ihre faktische Bevorzugung im politischen Alltag ist jedoch klar ersichtlich.
Schließlich leben die Österreicher in einem nicht bloß christlichen, sondern in einem katholischen Land. Wenn also das Oberhaupt unser aller Kirche in dieser Woche Österreich besucht, soll dieser katholische Charakter der Gesellschaft besonders hervorgekehrt werden. Dann hat die Bundesregierung geschlossen anzutreten und sich der gläubige Teil Österreichs in Mariazell zur Schau zu stellen. Keine Frage, dass Inszenierung und Choreografie perfekt sein werden: von den jubelnden Massen bis hin zum längst schon vorbereiteten Resümee, wonach der Papst der österreichischen Kirche erheblichen Auftrieb verschafft habe.
Die moderne Kirche: Nach außen pflegeleicht, nach innen beliebig
Und doch ist das alles nur eine schimmernde Fassade. Hinter der glatt polierten Oberfläche verliert die Gesellschaft immer mehr jene Eigenschaften, die ihr einmal als christliche Werte zugeschrieben wurden: Jede zweite Ehe wird geschieden, die kirchliche Sexualmoral ist endgültig ein Minderheitenprogramm, die Zahl der regelmäßigen Kirchenbesucher sinkt, während die Zahl der Kirchenaustritte ebenso schnell zunimmt wie die der Abmeldungen vom katholischen Religionsunterricht an den Schulen.
In Österreich gibt es zwar keine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche, dennoch kommt der Religion insgesamt nur noch eine geringe Bedeutung in Alltag und Politik zu. In den USA verhält es sich genau umgekehrt: Spräche ein Politiker im österreichischen Nationalrat derart oft von Gott wie seine Kollegen im Kongress in Washington, so würde dies bestenfalls als Peinlichkeit ausgelegt werden. Während die Religion in den USA zur Öffentlichkeit gehört, gilt sie hier als reine Privatsache. Daran ändern auch die politischen Akzente des Drehbuchs für den Papstbesuch nichts.
Die Kirche in Österreich riskiert gar nicht erst politische Konfrontationen, die – nimmt man die Mahnungen des Papstes ernst – eigentlich stattfinden müssten. Die Fristenlösung? Seit drei Jahrzehnten hat sich nicht nur die ÖVP, sondern offenbar auch die Bischofskonferenz de facto damit abgefunden. Der Salzburger Weihbischof, der noch auf Aktionismus gegen »Abtreibungskliniken« setzt, repräsentiert nur eine Minderheit innerhalb der ohnehin schon kleinen Gruppe der aktiven Katholiken.
Der österreichische Katholizismus ist politisch pflegeleicht geworden – nach außen den Kontroversen ausweichend, nach innen beliebig. Eine Kirche für alle Jahreszeiten. Jene 15 bis 20 Prozent der Österreicher, die als regelmäßige Kirchgänger das »katholische Aktivsegment« ausmachen, haben sich längst still und heimlich ihre persönlichen, durchaus verschiedenen Kirchen zu eigen gemacht. Solange sie den Papst widerspruchslos über das segensreiche Wirken christlicher Missionare in Südamerika oder die Gedanken eines byzantinischen Kaisers zum Islam predigen lassen und solange sie die Bischöfe nicht mit Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen in Verlegenheit bringen, können sich diese Schönwetterkatholiken unbehelligt jene der Kirchen innerhalb der Kirche auswählen, die ihren persönlichen Bedürfnissen am ehesten entspricht.
Die einen trauern der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil nach und zelebrieren trotzig ihre Messen auf Latein, die anderen suchen sich eine Pfarre, in der die Predigten nach der sozialkritischen Befreiungstheologie klingen. Wer besonderen Wert auf Nächstenliebe legt, kann sich mit der Caritas identifizieren. Gerade in den Städten wählen die Kirchgänger aus einem weiten Liturgieangebot: Vom gregorianischen Choral bis hin zur Gospel-Messe ist alles dabei. Wer es mit den Sakramenten nicht so genau nimmt, der sucht sich eine Pfarre, in der auch »geschiedene Wiederverheiratete« in den Genuss der Kommunion kommen. Unter der Decke des päpstlichen Primats blühen tausend Blumen.
Eine Allianz aus Islamisten und konservativen Christen bahnt sich an
Die größte Religionsgemeinschaft Österreichs besteht schon lange vor allem aus den »Taufscheinkatholiken«, deren kirchliche Bindung sich auf das Interesse an einem feierlichen Begräbnis beschränkt. Der Mehrheit ist Religion zwar nicht ganz egal, sie soll aber auf einige wenige Anlässe reduziert bleiben. Selbst zu Weihnachten dürfen das gefällige Brauchtum und der Massenkonsum nicht durch zu viel christliche Substanz gestört werden.
Diese faktische Säkularisierung kennt eine große Herausforderung: den rasant wachsenden Islam. Er vertritt gerade das, was die Kirche durch ihre Anpassung an eine laizistische Gesellschaft verloren hat: den offensiv vorgetragenen Anspruch, dass Religion auch Konfrontation bedeutet. Jene Impulse, die noch vor wenigen Jahrzehnten ein Merkmal des kämpferischen Katholizismus waren, gehen heute vom Islam aus: Widerstand gegen die Koedukation, Kritik an der Sexualisierung der Alltagskultur, Disziplin bei der Einhaltung religiöser Vorschriften.
Der konservative Katholizismus, für den Weihbischof Andreas Laun, Ewald Stadler und die Fundamentalisten bei Opus Dei oder Engelswerk stehen, müsste also im Islam einen Verbündeten sehen: einen Mitstreiter im Kampf gegen das Weichspülen der religiösen Botschaft, gegen die Einebnung der »natürlichen« Rollenunterschiede zwischen den Geschlechtern, gegen die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität und gegen den überall um sich greifenden »Relativismus«. Von dieser sich anbahnenden antimodernen Allianz aus konservativen Katholiken und dem Islam wird in Mariazell jedoch noch nichts zu spüren sein.
Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben
- Datum 6.9.2007 - 11:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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Sicher ist der Einfluß des österr. Katholizismus in der Politik zurückgegangen, aber die ÖVP (C-Partei in Ö)wäre nur eine Mittelpartei unter 20 % ohne die Kirchgänger.Es gibt Kirchenmitglieder, die sich innerlich total verabschiedet haben, aber auch solche, die zwar die Messe nicht besuchen, gleichwohl sehr klerikal-konservativ sind, wie in Deutschland auch.Durch die in der Verfassung verordnete Trennung Staat-Kirche (wie in D) haben die Großkirchen immense Privilegien. So werden pädophile Priester nur selten vom Staatsanwalt angeklagt. Oder die Gebietskörperschaften zahlren Riesensummen an Finanzhilfen an Kirchen. Was in Deutschland Caritas und Diakonie aus öffentlichen Kassen einstreichen, ist astronomisch.Ähnlich in Österreich. Erfreulicherweise
haben die Kanzeln an politischen Einfluß verloren. M. E. sehr gut so. Aber unterschätzen darf man diese Einflüsse nicht.
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