Roman Peterchens Mutter

Julia Francks Roman »Die Mittagsfrau« ist eine feinfühlig erzählte Familiengeschichte mit einigen Schönheitsfehlern.

Was macht einen Roman, eine Erzählung zu großer Literatur? Was ist es, das einen hinreißt, mit Bewunderung erfüllt und allem bisher Gelesenen etwas Unvergessliches hinzufügt?

Es muss etwas sein, was nicht mit handwerklichen Rezepturen zu erreichen ist, sonst könnten es viele. Es ist auch nicht schriftstellerisches Talent, obwohl es dazugehört. Und dass jemand »wirklich etwas zu sagen hat«, reicht noch lange nicht.

Man stellt sich solche Fragen gewöhnlich nicht beim Lesen – nicht einmal bei jeder Rezension. Doch bei diesem Buch, Julia Francks zweitem Roman, beschäftigen sie einen immer wieder. Das beginnt schon beim allerersten Satz, beim Prolog: »Auf dem Fensterbrett stand eine Möwe, sie schrie, es klang, als habe sie die Ostsee im Hals, hoch, die Schaumkronen ihrer Wellen, spitz, die Farbe des Himmels, ihr Ruf verhallte über dem Königsplatz, still war es da, wo jetzt das Theater in Trümmern lag.«

Da klingt der Wille zur sprachlichen Kunst deutlich auf, und man fragt sich, ob ein ganzer Roman von 430 Seiten das wird durchhalten können. Und ob man selbst, als Leser, das durchhalten wird. Zum Glück beantwortet sich diese Frage schnell von selbst, denn es geht in ganz anderer Tonlage weiter und entwickelt sich zur wunderbar stimmigen und sprachlich völlig ungestelzten Erzählung eines Achtjährigen vom Ende des Krieges. Seine Wahrnehmung, sein Fühlen, seine kindlichen Überlegungen kreisen dabei vor allem um seine Mutter, die er liebt und die doch so ungreifbar ist, mit ihrer Schönheit, mit ihren blutigen Kleidern, in denen sie von der Arbeit kommt, mit ihrer Tüchtigkeit. Dass diese Frau seltsam ist, wird nicht gesagt, aber ihre Seltsamkeit stiehlt sich wie zufällig in die Erzählung:

»Man sollte ihr den Hals umdrehen, hörte er seine Mutter unvermittelt sagen. Erstaunt blickte Peter sie an, aber sie lächelte nur und stieß ihre Nadel in das Leinen.« Nicht nur ein Gefühl für die latente Brutalität von Müttern und Handarbeiten stellt sich hier ein, sondern auch das Vergnügen an solchen gleichzeitig abgründigen und schlichten Sätzen. Der Prolog endet damit, dass der kleine Peter allein auf irgendeinem ländlichen Bahnhof sitzt und auf die Mutter wartet, die nicht wiederkommt.

Etwas ist schiefgegangen. Und die nun einsetzende Haupthandlung sagt, was das war – oder gewesen sein könnte –, und erzählt Familiengeschichte und Lebensstationen, erzählt von Begabungen und Frustrationen, von Verlusten und Bindungen, von Liebe und Sexualität einer Frau, die im Jahr 1945 ihr Kind im Stich lässt – während alle anderen gerade ihre verlorenen Familienangehörigen suchen.

Die kleine Helene wächst in Bautzen auf, zu Kaisers Zeiten. Nach außen ist alles gutbürgerlich, aber die Mutter ist psychisch schwer gestört. Sie liebt nicht Menschen, sondern Dinge; nicht ihre Töchter, sondern den von ihr mit manischer Sammelwut zusammengetragenen Plunder; und sie ist, auf ihre verrückt logische Weise, fast so etwas wie eine Künstlerin, die wahnsinnige Dinge tut und verdreht luzide Sätze spricht. Und sie ist Jüdin.

Ein bisschen aber ist diese Selma Würsich auch eine literarische Schwester der »verrückten Frau auf dem Dachboden«, wie sie in viktorianischen Romanen und deren Nachfolgern als Bild pervertierter Weiblichkeit dient.

In diesem Fall ist es das Bild einer pervertierten Mütterlichkeit. Julia Franck gelingen bei der Gestaltung dieses Bildes immer wieder großartige gänsehauterregende Szenen, die aufgeladen sind mit Gefühlen und sublimer Gewalt. Ähnlich eindrucksvoll ist auch fast alles, was man über die Beziehung zwischen Helene und ihrer viel älteren Schwester Martha zu lesen bekommt: wie aus dem kindlichen Gerangel zwischen den beiden, aus ihren kindlichen Zärtlichkeiten und Streitereien eine spielerisch sexuelle hierarchische Beziehung wird. Das feine Gespür dieser Autorin für Sinnlichkeit, Abhängigkeit, Liebe, Macht und Demütigung ist bewundernswert. In solchen Passagen des Romans blitzt er auf, der Funke der großen Literatur.

Aber es blitzt eben nur. Es ist kein Leuchten über viele Seiten. Und es ist nicht leicht festzustellen, woran das nun wirklich liegt. Offenkundig sind gelegentliche sprachliche Mängel: Sätze, die grammatikalisch nicht stimmen. Auch manchmal Sätze, die schlichtweg verunglückt sind: »Doch hier am Sterbebett ihres Mannes galt der Mutter offensichtlich nichts etwas als die eigene Ergriffenheit und die Niederung eines Fühlens, das nur noch für sich selbst langte.« So etwas hätte ein aufmerksames Lektorat noch in Ordnung bringen können. (Aber aufmerksame Lektorate werden ja immer seltener.)

Viel irritierender ist dieses Gefühl, das einen immer wieder überkommt, man sei im falschen Buch. Gerade eben noch hat man etwas Großartiges, Mitreißendes, Neues gelesen. Und plötzlich ist man im Kolportageroman: »Seit sie zum ersten Mal bei einer Operation dabei gewesen war und seine Hände entdeckt hatte, die ruhig und sicher wirkten, fast sanft, so als spiele er ein Instrument und lange nicht nach Knochen und Sehnen, Gewächsen und Arterien, seit diesem ersten Anblick seiner Hände, der Beobachtung der feinen und genauen Bewegungen einzelner Finger, hatte sie ihn bewundert.«

Es ist nicht nur der Ton, der hier verrutscht. Auch viele – vor allem männliche – Figuren und Konstellationen besitzen die unselige Neigung, einem allzu bekannt zu sein. Man merkt ihnen deutlich an, dass sie auf dem Weg durch unzählige höchst unterschiedliche Werke der Literatur, des Theaters und des Films Teil unserer kollektiven Wahrnehmung geworden sind. Das Fachwort dafür ist Klischee.

Das ergebene alte sorbische Dienstmädchen ist so eins. Und die reiche jüdische Tante in Berlin, zu der Helene und Martha nach dem Tod des Vaters ziehen, ebenfalls. Überhaupt dieses ganze »Berlin der zwanziger Jahre« mit der koksenden Tante und ihren Gigolos, mit seinen dekadenten Partys und Bars. Dass die in einer lesbischen Beziehung lebende Schwester morphiumsüchtig wird, hat man schon fast erwartet. Helene verliebt sich ihrerseits in einen großbürgerlichen jüdischen Philosophiestudenten und teilt gewisse zeitgemäße philosophische Ansichtem – etwa über das Verhältnis zwischen Mensch und Ding – sowie seine Dachkammer mit ihm. Als er kurz nach der Verlobung stirbt, bricht gleichzeitig die Nazizeit aus und Helene zusammen. Und heiratet schließlich, um der Sicherheit willen, einen biersaufenden, nazitreuen, dumpfbackigen Ingenieur: Peters Vater.

Spätestens jetzt ist man sehr ernüchtert: Julia Franck kann manchmal so wunderbar schreiben. Und verwendet ihre sinnliche Erzählkunst, ihr Feingefühl, viel zu oft auf Dinge, Figuren und Sachverhalte, die eines Vergangenheitsbewältigungsfilms im Hauptprogramm würdig wären. Fürs Fernsehen wäre ein Film nach diesem Buch gewiss ein großer Gewinn: Da gibt es nicht nur publikumswirksame Figuren, sondern auch eingängige Dialoge – wie den mit einer Bautzener Bäckersfrau, der in seiner sozialen Erbarmungslosigkeit den eisernen Kodex einer Kleinstadt in ein paar Sätze fasst. Aber das reicht eben nicht.

Dieser Roman hat im Prinzip alles, was es braucht. Talent und Handwerk und etwas zu sagen. Er ist heiß und kalt, grausam und idyllisch, sinnlich und sachlich. Und trotzdem ist es kein großer Roman.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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    • Schlagworte Roman
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