Jetzt lernen die einen das Lesen, während das den anderen nie richtig geglückt ist. Ein neues Schuljahr beginnt, gleichzeitig wird am 8. September weltweit der Alphabetisierungstag der Vereinten Nationen begangen, und der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung macht deshalb darauf aufmerksam, dass heute in Deutschland vier Millionen Erwachsene funktionale Analphabeten sind: Sie sind ihrer Schulpflicht zwar nachgekommen, aber ihre Lese- und Schreibkünste gleichen denen von Schulanfängern. Für einen qualifizierten Beruf reicht das nicht. Das merken die 80000 Jugendlichen, die jährlich ohne Hauptschulabschluss deutsche Schulen verlassen und also gute Chancen haben, auch bald zu jenen Millionen von Analphabeten zu zählen.

Unlängst hat das Sozialgericht in Lüneburg entschieden, dass eine Behörde diejenigen Hartz-IV-Empfänger, die als Analphabeten in der Verwaltung bekannt sind, telefonisch verständigen muss; wer des Lesens nicht kundig ist und nur schriftliche Aufforderungen erhalten hat, dessen Leistungen dürfen nicht gekürzt werden. Das ist ein aufmerksamer Zug des Sozialstaats, aber noch aufmerksamer wäre es, rechtzeitig mit dafür zu sorgen, dass ein Mensch gar nicht erst zum Analphabeten wird. Jeder Erstklässler braucht einen Staat, der seinen Bildungsauftrag kennt.

Aber damit tut der sich mitunter schwer. In Hamburg wollte jetzt die Bildungssenatorin kommerzielle Werbung auf dem Schulgelände erlauben, damit von Oktober an auch Schulen in benachteiligten Stadtteilen die Chance erhielten, ihr Budget, etwa für Sportgeräte, etwas aufzupolieren. In wohlhabenden würden ja Sponsoren nachhelfen. Die geplante Richtlinie sollte also der Gerechtigkeit dienen. Es lässt sich auch so sehen: Wer schlechte Chancen hat, lesen zu lernen, bekäme wenigstens etwas Werbung geboten. Fast wie zu Hause übrigens: Eine neue Schweizer Studie zeigt, dass gerade in Migrantenfamilien die Kinder viel kostenlose Werbemateralien lesen.

Dass der Plan der Senatorin nach nur einem Tag vom Bürgermeister persönlich gestoppt wurde, der die Sache aus dem Radio erfuhr, ist ein Trost. Auch um Werbung zu entziffern, muss man zwar ein klein wenig lesen können. Aber dennoch kommt das Kind nicht primär zur Ausbildung als Konsument in die Schule. Das Lesen als »universelle Kulturtechnik«, so hat es die Pisa-Studie gesagt, soll »die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben einer modernen Gesellschaft« ermöglichen, und damit ist ja nicht nur gemeint, dass man den Vertrag auch erfassen können sollte, den man für ein Handy unterzeichnet, das auf dem Schulhof gerade beworben wird.

Lange bevor das Wort Kulturtechnik erfunden wurde, galt der europäischen Aufklärung das Lesen als Weg, ein freierer Mensch werden zu können. Es gibt die Redensart, man solle einen nicht für dumm verkaufen. Die könnte man sich zum Weltalphabetisierungstag fast auf Werbeflächen fürs Lesen vorstellen. Elisabeth von Thadden