In Manhattan standen noch die Türme des World Trade Center, als Manu Chao zuletzt ein Album veröffentlichte. Politisierende, kritische Musik war das, und sie passte perfekt zu einer Zeit des Aufbruchs in eine »neue Weltordnung«. Erst jetzt, sechs Jahre später und in einer alles anderen als ordentlichen Welt, meldet sich der engagierte Musiker mit dem französischen Pass wieder zu Wort. Was er heute zu sagen hat, passt noch immer zur Zeit: »In Baghdad / There’s no democracy / That’s just because / It’s a US country«.

Für solche frechen Plattitüden in aufreizendem Pidginenglisch lag ihm früher das Publikum in Europa, Afrika und Lateinamerika zu Füßen. Heute ist die Zeit reif, heute könnte er damit Amerika im Sturm erobern, wenn er wollte. Aber will er auch? »Amerika ist ein rückständiges Land«, sagte Manu Chao einmal mit dem gleichen Mitleid, das er auch Kuba oder Guinea-Bissau entgegenbringt.

José-Manuel Thomas Arthur Chao, vor 45 Jahren als Sohn spanischer Franco-Flüchtlinge in Paris geboren und aufgewachsen, lebt offiziell in Barcelona, ist aber »so gut wie nie dort«. Seine Post lässt er sich mal nach Katalonien schicken, mal nach Brasilien, wo sein halbwüchsiger Sohn bei der Mutter lebt. Mal ist er für Monate im Senegal verschollen, woher seine Freundin kommt, mal in Mali, wo er neulich wieder eine Platte produziert hat. Interviewtermine in New York lässt er leichthin ausfallen, zu Interviewterminen in Berlin reist er gar nicht erst an. Sorry, heißt es bei seiner Plattenfirma, aber man wisse leider auch nicht, wo sich der Künstler derzeit herumtreibe, vielleicht gebe er ein Straßenkonzert in Lissabon. Oder Kiew.

Als Musiker hat er das Herumtreiben kultiviert und wütend stampfenden Punk aus Irland ebenso verinnerlicht wie dessen hüpfseligen kleinen Bruder aus England, den Ska. Obschon ihm der anarchische Hillbilly aus den Hinterwäldern der USA nicht ganz wesensfremd ist, weiß er auch die ökonomische Eleganz des argentinischen Flamenco zu schätzen. Er mag Dancehall aus haitianischen Favelas, er hat den lateinamerikanischen Mestizo mitbegründet und zugleich den harmonieseligen Rai aus Algerien ins Herz geschlossen, wo neben jamaikanischem Reggae noch eine Kammer frei war. Vor allem aber bedient er sich all dieser Stile gleichzeitig.

Auch La Radiola ist wieder eine einschmeichelnde Mischung aus melodischen Refrains, federnden Offbeat-Rhythmusgitarren, vehementen Bläsersätzen und elektronischen Verfremdungen. Es ist noch immer der Sound, mit dem Manu Chao beinahe zum singenden Schutzheiligen der Antiglobalisierungsbewegung, um ein Haar zu deren Maskottchen avanciert wäre. Proxima Estacion: Esperanza, 2001 auf dem Höhepunkt seiner Popularität veröffentlicht, unterschied sich vom Debüt nur durch seinen noch größeren Erfolg – und war musikalisch auf bestürzende Weise identisch mit Clandestino, nur gefälliger.

Vielleicht ist Chaos Rezept gar nicht zu optimieren, nur zu variieren. Nur seine verdichtete Raffinesse unterscheidet La Radiola von seinen Vorgängern – und ein »Lost Weekend« von immerhin sechs Jahren, das Manu Chao mit ausgedehnten Reisen, bizarren Seitenprojekten und obskuren Feldforschungen verbrachte. Um sich seiner eigenen Ikonisierung zu entziehen? Man könnte auch sagen: Er hing bei seinen Kumpeln ab. Für Emir Kusturica (der auch das Video zur Single Rainin’ In Paradize drehte) und Maradona hat er musiziert und ist in Chiapas vor Anhängern des Subcomandante Marcos aufgetreten. In Frankreich hat er unter Umgehung der üblichen Vertriebswege ein Album mit französischen Chansons an Kiosken und von Obdachlosen verkaufen lassen, in Buenos Aires mit den Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses gearbeitet. Manu Chao, ein globaler Sozialarbeiter?