Gentechnik

Forschung per Volksentscheid

Britische Wissenschaftler dürfen Mischembryonen aus Mensch und Rind schaffen. Das OK dafür gab die britische Bevölkerung. Weiß die überhaupt, was sie da erlaubt hat? Ein Kommentar

Es klingt, als ginge es um das Klonen von Fabelwesen - halb Rind, halb Mensch. Man nimmt die Eizelle einer Kuh, holt das gesamte tierische Erbgut (DNS) heraus und fügt menschliches ein. In der Petrischale reift dann zwar kein Kuhmensch und auch keine Menschenkuh heran, sondern nur ein kleiner Zellhaufen, ein Rind-Mensch-Embryo. Dennoch ist die Methode ethisch höchst umstritten. Experimente dieser Art planen Forscher der britischen Newcastle University. Gerade haben sie die Genehmigung dafür bekommen.

Die Versuche seien wichtig für die Grundlagenforschung sagen die Wissenschaftler. Denn die sogenannten zytoplasmatischen Hybride könnten die umstrittenen menschlichen Embryonen ersetzen, aus denen bisher embryonale Stammzellen gewonnen werden. Und aus deren Erforschung - so die Hoffnung der Briten - ergäben sich irgendwann Behandlungsmethoden für heute unheilbare Krankheiten, wie etwa Parkinson.

Es sei dahin gestellt, ob es ethisch vertretbar ist, solche Hybride herzustellen. Doch die moralische Schwere der wissenschaftlich komplizierten Entscheidung lässt staunen, wie die Forscher das OK für ihre Versuche erhalten haben: Das britische Volk gab die Genehmigung.

Formal muss solche Erlaubnisse die Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) aussprechen. Doch die beschloss im Januar, die heikle Frage nicht allein zu entscheiden, sondern eine öffentliche Befragung zu organisieren. Alle Bürger, und nicht ein Expertengremium sollten beurteilen, ob die Versuche gut und sinnvoll sind. Solch ein Referendum ist auch bei den Briten ein Novum.

2073 Personen wurden befragt, laut HFEA eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung. Wirklich? Wie sich die Gruppe zusammensetzt, lässt die Behörde weitgehend offen. „In Umfragen, öffentlichen Informationsveranstaltungen und Debatten“ sei ein Meinungsbild erhoben worden. Wer aber geht zu solchen Informationsveranstaltungen? Man könnte durchaus annehmen, dass nicht Lieschen Müller dort anzutreffen ist. Im günstigen Fall vielleicht wissenschaftlich interessierte und differenziert denkende Bürger. Im ungünstigen Fall treffen sich dort Lobbyisten einer ergebnisorientierten aber unkritischen Wissenschaft.

Oder aber die Befragten haben keine Ahnung, worum es geht. Wie auch? Man stelle sich das einmal vor: Plötzlich kommt ein Telefonanruf: „Schönen guten Abend, wir machen eine Umfrage zur embryonalen Stammzellforschung. Sind sie dafür, dass Wissenschaftler zytoplasmatische Hybriden erschaffen?“ Schwer vorstellbar, dass sich solche Fragen bei einem kurzen Telefonat beantworten lassen.

Vielleicht hatten die Organisatoren ähnliche Bedenken und überprüften deswegen erst einmal, wie firm die Befragten in Sachen Stammzellforschung sind. 14 Prozent von ihnen gaben an, dass sie „einigermaßen viel“ oder „viel“ wussten über „die Möglichkeit Embryos für die Forschung zu schaffen, die sowohl menschliches als auch tierisches Material enthalten.“ 14 Prozent, das scheint wenig zu sein. Aber eigentlich ist es fast unglaubwürdig viel - bedenkt man die Komplexität des Themas. Würde man die Wissensfrage Menschen auf der Straße stellen, käme vermutlich nicht annähernd solch ein Wert zustande.

Viel bedenklicher sind die restlichen 86 Prozent, die von sich sagen, dass sie „nie was davon gehört hätten“, „schon einmal davon gehört haben, aber nichts darüber wissen“, oder „ein bisschen was darüber wissen“. Man kann sagen: Sie wissen eigentlich gar nicht, worüber sie da abstimmen. 

So unglaublich das ist: Die britische Entscheidung über ein ethisch hoch umstrittenes wissenschaftliches Verfahren basiert auf geballtem Unwissen. Denn die HFEA schloss sich ohne Zweifel der 61-prozentigen Mehrheit der Befragten an, die für die Mensch-Rind-Embryos war. Damit handelte die Behörde nicht nur leichtfertig, sondern auch verantwortungslos.

Man fragt sich, ob ein Experten-Gremium, ausgewogen mit Befürwortern und Gegnern der neuen Technik besetzt, nicht zu einer anderen Entscheidung gekommen wären. Vielleicht wäre sie erst später zustande gekommen. Auf alle Fälle wäre dann aber eins sicher gewesen: Der Erkenntnisprozess, das Für und Wider, das letztlich zur Entscheidung geführt hätte, wäre nachvollziehbar gewesen. Und nicht nur eine vage Abstimmung aus dem Bauch heraus.

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Leser-Kommentare

  1. Wenn die Forscher Zellen brauchen mit denen sie erforschen können wie man Menschen in ferner Zukunft bei Krankeiten wie Parkinson helfen kann wo ist da das Problem? Das eine Kuh mit ihrem Bauern in 3 Sprachen über ihre Haltungsbedingungen diskutiert ist wohl eher nicht zu erwarten.

  2. Was ist denn da nun wieder so schlimm dran? "Ethisch" hoch umstritten? Mein Gott, man wird ja wohl noch mal ein paar Zellen zusammenbasteln dürfen... Und wenn die HFEA ihr Urteil, das sicherlich auch schon vor der Befragung feststand, absichern wollte, dann ist doch eine repräsentative Studie genau der richtige Weg. So wissen, sie dass ein grober Schnitt durch die Bevölkerung keine Bedenken hat. Und wie User9876 ja schon richtiger Weise gefragt hat: Wo ist das Problem? Diese übersteigerte Angst vor der Gentechnik kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen...

  3. Ein Volksentscheid in Deutschland würde wahrscheinlich genau wie in der Schweiz zur Ausweitung der Stammzellforschung führen. Der Autor lehnt die in England durchgeführte Befragung ab, da nur ein geringer Anteil der Teilnehmer informiert war. Allerdings könnte er mit der gleichen Argumentation das Wahlrecht in Deutschland abschaffen: ist denn die Mehrzahl der Wähler hier "im Detail" über Riester-Rente, Gesundheitssystem und Arbeitsrecht informiert? Und würde bessere Information über Stammzellforschung etwas ändern? Sind Stammzellgegner im Durchschnitt nicht genauso uninformiert wir Befürworter?

    Rührt die Ablehnung von Stammzellforschung wirklich aus Gedanken an möglichen Missbrauch oder ist es nicht eher eine prinzipielle Bauchentscheidung gegen jeglichen Eingriff in die Natur? "Nein, an der Schöpfung sollte man nicht herumfuhrwerken!" sagen sie und kraulen die domestizierte Hauskatze während sie am durch 5000 Jahre Pflanzenzüchtung entstandenen Brot kauen. Bei Kopfschmerzen wird auch gerne eine Aspirin genommen da die Bachblüten irgendwie nicht helfen...

    Es ist schon erstaunlich, wie Demokratie-kritisch man sein kann, wenn einem das Ergebnis nicht passt. Ein paar bessere Argumente hätte ich allerdings schon erwartet.

  4. aus dem Artikel ist nicht ganz herauszuhören, was der Schreiber eigentlich kritisieren will:
    1. die Stammzellenforschung als solche,
    2. die Vermischung von menschlichem mit tierischem Erbgut oder
    3. die Forschungserlaubnis per Volksentscheid?
    Zu 1: Man sollte vielleicht bei der Heranzüchtung von Zellhaufen nicht unbedingt von Embryonen sprechen. Diese Grundlagenforschung wird betrieben, um Mittel und Wege zur Behandlung von Erbkrankheiten zu finden. Man kann nicht einerseits aus ethischen Gründen diese Forschung ablehnen aber ohne ethische Bedenken die betroffenen Menschen leiden und sterben lassen.
    Zu 2: Wenn tierische Zellen die gleiche Funktion erfüllen, sollte es auch keine Bedenken geben, diese zu Forschungszwecken zu nutzen, da menschliche Stammzellen nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.
    Zu 3: Eine Abstimmung zur Genehmigung der Forschung an zytoplasmatischen Hybriden per Volksentscheid ist wirklich etwas zweifelhaft. Entscheidungen über die Forschung mit Stammzellen sollten eigentlich sogar über Ländergrenzen hinweg getroffen werden und unter Kontrolle weltweit anerkannter Organisationen, wie z.B. der WHO liegen.

  5. Die Stammzellforschung gilt als vielversprechendes Forschungsgebiet, ich halte es für ethisch vertretbar, diese zu betreiben. Mit rein (menschlichen) embryonalen Stammzellen ist es doch auch eher ein schlechter Witz, diese nicht zu nutzen, sie werden sowieso bei der künstlichen Befruchtung x-fach produziert und nicht eingesetzt.

    Ist es nun besser, damit zu forschen, oder sie einzufrieren / wegzuwerfen? Diese Frage sollte eigentlich mit dem guten Menschenverstand schnell beantwortet sein.

  6. Man muss sich doch sehr wundern. Eine auch noch so repräsentative Befragung von Bürgern ist kein Volksentscheid. Ein Volksentscheid ist eine Abstimmung aller Bürger, der eine umfassende inhaltliche Diskussion voraus gegangen ist, anhand derer sich die Stimmberechtigten eine Meinung zum Thema bilden konnten. Ein Volksentscheid ist zudem eine verbindliche politische Entscheidung, gleichwertig mit einer Parlamentsentscheidung. Dies trifft auf das in diesem Artikel beschriebene Verfahren nicht zu. Aber die Verführung durch die scheinbar lustige Überschrift war wohl zu verlockend. Seriöser Journalismus geht allerdings anders.

    Mehr zum Thema Volksentscheid unter www.mehr-demokratie.de

  7. Danke für diesen Artikel! Ich befürchte, dass wenn ein Land anfängt, es mit der Ethik nicht so genau zu nehmen und derartige Forschungen zuzulassen, die anderen unter Zugzwang kommen, mitzuziehen oder ansonsten Wettbewerbsnachteile in Kauf zu nehmen, so wie das auch in anderen Bereichen der Fall ist (Sozialstaat, arbeitsrechtliche Standards, Umweltstandards, Gentechnik...). Die englischsprachige Welt prescht hier vor, wohl nicht zuletzt (das sag ich als selbst halb-Engländer), weil hier nach wie vor ein recht simples Verständnis von Wissenschaft dominiert, das die Geisteswissenschaften schlicht außen vorlässt, sodass z.B. Philosophie, Ethik etc. nicht als Wissenschaft (science) gelten und ihre Ergebnisse als irrelevant betrachtet werden ("Emotivismus") - ein Blick in die Zeitschrift "Scientific American" wird diesen Eindruck bestätigen. Man verlässt sich dann halt auf die Einschätzung von Naturwissenschaftlern allein, um zu entscheiden, was in Ordnung geht und was nicht.Ich finde, man müsste beginnen ernsthaft über global geltende und durchsetzbare Minimalstandards im Bereich der Bioethik nachdenken, um solchen Abwärtsspiralen durch den Wettbewerb der Forschung beizukommen, obwohl im Moment noch keine Entwicklungen in diese Richtung erkennbar sind. Dass einzig die katholische Kirche Widerstand gegen die Erzeugung von Mensch-Kuh Embryonen geäußert hat - der öffentliche Diskurs reagiert großteils mit überfordertem Achselzucken - zeigt find ich klar, dass die Kirche gerade heute für die Menschheit und ihre Zukunft unverzichtbar ist.

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  • Von Annick Eimer
  • Datum 7.9.2007 - 09:00 Uhr
  • Quelle ZEIT online
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