Von Montag, 10. September, an, finden Sie hier Auszüge aus einem Gespräch mit Naomi Klein.

Unmöglich, Naomi Klein aus der Ruhe zu bringen. Selbst wenn man sie fragt, ob sie beim Schreiben ihres neuen Buches noch alle Tassen im Schrank hatte. »Meinen Sie?«, erkundigt sie sich dann, rutscht auf dem Sofa ein Stück nach vorn, stützt die Ellenbogen auf ihre Oberschenkel und legt ihren Kopf interessiert zur Seite. Und lächelt.

Naomi Klein, 37, lächelt viel. Nachdenklich-verklärt, als sie im Verlauf des Gesprächs den Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman ein »Monster« nennt. Aufgedreht, wenn sie einen besonders geschliffenen Satz formuliert: »Es fiele mir schwer, eine Ideologie sauber von den ökonomischen Interessen zu trennen, die diese so aktiv vorangetrieben haben.« Die unhöfliche Eingangsfrage jedenfalls prallt an dieser Wand aus froher, sanfter Beharrlichkeit einfach ab. »Bestimmt werden viele Leute gerne behaupten, dass ich durchgedreht bin«, sagt sie, »ich bin da für alles offen.« Man wird ein wenig unsicher, wenn man neben Naomi Klein sitzt.

Am kommenden Montag erscheint ihr neues Buch. Die Schock-Strategie – der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Es ist das Buch einer zornigen Frau. Die Globalisierung ist für Naomi Klein das Ergebnis einer Verschwörung. Am Anfang standen in den 1970er Jahren der Ökonom Milton Friedman, seine Gefolgsleute an der Universität von Chicago und in den marktliberalen Denkfabriken Washingtons. Dort heckten sie Methoden aus, wie man äußerst unpopuläre Wirtschaftsreformen um die Welt tragen könnte. Gierige Konzerne halfen ihnen mit Geld und Kontakten. Zimperlich war keiner von ihnen. So sieht es Naomi Klein.

Die Chicago Boys und ihre späteren Nachahmer berieten Despoten. Sie nahmen Kriege und Katastrophen als Chancen wahr, um wehrlose Bürgergesellschaften zu überrumpeln. Sie sahen, wie ihre bittere Arznei viele Menschen in Armut und Verzweiflung stürzte, zumindest für eine lange Zeit des Übergangs, aber auch das nahmen sie in Kauf. Sie bestärkten Regierungen bei Massenverhaftungen und Folter. Die Liste dieser Bösewichte ist lang. Sie reicht von Wirtschaftsberatern in Chile, Südafrika und Polen bis zu den Experten der Weltbank, von George W. Bush und seinen Irakstrategen bis zu dem Ökonomen und Regierungsberater Jeffrey Sachs. Der Mann baut heute Modelldörfer in Afrika und ist der Lieblingsökonom des Liedermachers Bono. Aber für Klein gehört er zur neoliberalen Achse des Bösen.

»Ich will diese Ideologie für ihre Auswirkungen in der realen Welt verantwortlich machen«, sagt sie. Schließlich werde die Linke auch stets an ihre eigenen Irrwege erinnert. »Linke Ideen sind schon als Begründungen für Todescamps, Säuberungskampagnen und Folter benutzt worden, und die Rechte hat uns dafür verantwortlich gemacht«, sagt Klein und fügt hinzu: »Das war gut so!«

Es gibt viele Leser, die eine wütende, alternative Großerzählung der »neoliberalen« Globalisierung sehnlich erwarten. Denn der globalisierungskritischen Bewegung fehlen frische Schlachtrufe. Ihre bunten Protestkarawanen vor den Zäunen internationaler Konferenzen – so lautet Kleins eigene Analyse – haben sich totgelaufen. Auf den sogenannten Weltsozialforen, wo eigentlich neue Ideen für eine »andere Welt« entstehen sollen, beschweren sich Insider über einen Mangel an konkreten Einfällen. Da fiebern einige dem neuen Naomi-Klein-Buch entgegen wie andere dem nächsten Harry Potter.