Politisches Buch Antisemitismus oder Tabubruch?

»Die Israel-Lobby« - Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird

Im März 2006 veröffentlichten die beiden renommierten amerikanischen Politikwissenschaftler John Mearsheimer aus Chicago und Stephen Walt aus Harvard einen Essay über den Einfluss der Israel-Lobby auf die amerikanische Außenpolitik, der, ursprünglich vom Atlantic Monthly in Auftrag gegeben, dann aber als zu brisant abgelehnt, im London Review of Books erschien. Das Kernargument der beiden lautet: Für die »Nibelungentreue« der USA gegenüber Israel sei die Israel-Lobby verantwortlich, denn sie habe den Kongress im Würgegriff, starken Einfluss im Weißen Haus, manipuliere die öffentliche Meinung, habe auch den Irakkrieg von Präsident Bush unterstützt und dränge jetzt zum Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen. Damit nötige die Lobby den USA eine Nahostpolitik auf, die den nationalen Interessen der USA widerspreche.

Ist dies Ausdruck von Antisemitismus oder notwendiger Tabubruch? Jedenfalls hat keine politikwissenschaftliche These seit dem Zweiten Weltkrieg so hohe Wellen geschlagen, mit Ausnahme von George Kennans Überlegungen zur Eindämmung der Sowjetunion 1947 und Samuel Huntingtons Diktum vom Zusammenprall der Kulturen 1991.

Mearsheimer und Walt haben jetzt ihre Argumente zu einem Buch ausgebaut, das in diesen Tagen weltweit veröffentlicht wird. Unter Lobbyismus verstehen sie keinen einheitlichen Block, sondern einen lockeren Verbund verschiedener Organisationen und Personen, deren mächtigster Arm die American-Israelic Public Affairs Community (AIPAC) sei. Beide Autoren stellen weder die Legitimität der israelischen Lobby noch Israels Existenzrecht, wohl aber das gängige Klischee von Israel als einem wertvollen und verlässlichen strategischen Partner infrage.

Der Behauptung, Israel und die USA seien vereint durch eine gemeinsame terroristische Bedrohung, entgegnen beide, dass hier Ursache und Wirkung verwechselt würden: »Die USA haben ein Terrorismusproblem, weil sie eng mit Israel verbündet sind, und nicht umgekehrt.« Auch der Auffassung, Israel verdiene »großzügige und praktische Unterstützung, weil es schwach und von Feinden umgeben ist, die es zerstören wollen, und eine moralisch bessere Regierungsform besitzt«, wird widersprochen. Vielmehr höhle Israel die eigene Demokratie aus, drangsaliere die Palästinenser, verweigere ihnen einen Staat, der diese Bezeichnung verdient, raube Privatbesitz und siedle illegal, sodass von gemeinsamen demokratischen Werten zwischen USA und Israel keine Rede sein könne. Und auch das Bild von Israel als einem schutzlosen David ist für Mearsheimer und Walt eine Chimäre, in Wirklichkeit sei Israel als einzige Nuklearmacht der militärische Goliath im Nahen Osten.

Der Vorwurf an die Lobby, sie habe sich von einer liberalen Community zu einem rechtskonservativen Instrument gewandelt, hat sich nach dem 11. September 2001 bestätigt. Die neue Verbindung zwischen Neokonservativen, jüdischen Konservativen und christlichen Zionisten dokumentiert der ehemalige republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Tom »The Hammer« DeLay vor der AIPAC: »Ich bin durch Judäa und Samaria gereist und habe auf den Golanhöhen gestanden. Besetztes Land habe ich nicht gesehen. Ich habe Israel gesehen.« Für diese Loyalität bedankte sich Benjamin Netanjahu entsprechend: »Danken wir Gott für die christlichen Zionisten. Die Zukunft der Beziehung zwischen Israel und den Vereinigten Staaten hängt vielleicht weniger von den amerikanischen Juden als von den amerikanischen Christen ab.«

Natürlich kritisieren die Autoren vehement dieses neue Bündnis, vor allem weil es für den Einmarsch in den Irak votierte, der hingegen von Mearsheimer und Walt, aber auch von großen Teilen der amerikanisch-jüdischen Gemeinde, zum Beispiel vom bekannten liberal-kosmopolitischen Historiker Tony Judt, und auch von der großen religiösen Gruppierung Reform Judaism abgelehnt wurde.

Ein großer Teil der Kritik von Mearsheimer und Walt wirkt durchaus überzeugend, aber die jüdische Lobby kann nicht für alle negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht werden. Beide Autoren hätten die penetrante Selbstüberschätzung der Lobby nicht immer für bare Münze nehmen sollen. Auch ist das Gerangel um Einfluss in Washington vielfältiger, als die Studie vermuten lässt. Der jüdische Schwanz wedelt nicht beständig mit dem amerikanischen Hund. In den Beziehungen zeigen sich oft engere Grenzen für amerikanischen Handlungsspielraum, weil Tel Aviv mauert.

Doch sind Mearsheimer und Walt weder verrückte Außenseiter noch politisch korrekte Beckenrandschwimmer im Haifischbecken von Politik und Politikwissenschaft, sondern sie sind seriöse und weltweit geachtete Wissenschaftler. Ihre Thesen sind keine »Protokolle der Weisen von Zion« aus Chicago und Harvard, sondern couragierte Stellungnahmen zu einem innen- und außenpolitischen Phänomen, das beunruhigen muss. Deshalb wird dieses Buch heftige Kontroversen auslösen (in den USA hat es das schon), die hoffentlich zu einem Überdenken der Aktivitäten der Israel-Lobby und der amerikanischen Nahostpolitik führen werden. Christian Hacke

 
Leser-Kommentare
  1. Schon der ursprüngliche Artikel war ein 'Who is Who in der Amerikanischen Israel Lobby'. Jeder, der da aufgelistet ist, empfindet das wahrscheinlich - wenn er nicht gerade zu AIPAC gehört - als eine Art Denunziation, denn die Lobby ist ja ein Israel-loyaler aber Amerika-illoyaler Verein.

    • Anonym
    • 06.09.2007 um 19:47 Uhr

    Natürlich hängen politische Entscheidungen oftmals von
    einflußreichen Lobbyisten ab. Ob es die amerikanische Israel Lobby ist kann ich nicht beurteilen. Wo Rauch ist da ist auch Feuer? Ich kann mir das aber nicht vorstellen.
    Die Bevölkerung in Israel, meine ich zu glauben, sehnt sich nach Frieden!

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    Ich bin sicher, daß sich das Volk in Israel nach Frieden sehnt - wie wir alle. Die Juden, die Amerika stll erobert haben, haben aber ganz andere Ziele.

    Ich bin sicher, daß sich das Volk in Israel nach Frieden sehnt - wie wir alle. Die Juden, die Amerika stll erobert haben, haben aber ganz andere Ziele.

    • fegalo
    • 06.09.2007 um 22:13 Uhr

    Ich muß mich wundern über das angeblich Neue dieser Darstellung. Ich habe schon vor 15 Jahren im Rahmen meines politikwissenschaftlichen Studiums in München zu diesem Thema recherchiert und eine Menge amerikanischer Bücher und Artikel mit teilweiser hoher Auflage mit exakt den gleichen Thesen gefunden (Steuerung der amerik. Außenpolitik durch die Israel-Lobby, Beeinflussung derselben GEGEN die eigentlichen Interessen der USA etc.) Auch damals wurden diese Veröffentlichen zum Teil als Tabubruch qualifiziert (Titel eines Buches über die Beeinflussung der Regierung in Washington: „They Dare To Speak Out“)
    Gouverneure, Senatoren und Repräsentanten werden mit immensen Wahlkampfhilfen in finanzielle Abhängigkeit gebracht und später bei isrealkritischen Äußerungen oder mangelndem pro-israelischen Einsatz massiv unter Druck gesetzt. Bei engen Wahlentscheidungen werden gar beide Seiten unterstützt, um den Sieger später auf jeden Fall beeinflussen zu können. Ein eng gesponnenes, hoch aufmerksames und aktives Netzwerk reagiert selbst bei kleinen Beeinträchtigungen der pro-israelischen Politik oder Berichterstattung mit massiven Kampagnen, Klagen etc. gegen Politiker, Medien, Universitäten u.a.
    Gemessen an ihrer zahlenmäßigen Stärke ist die Israel-Lobby die stärkste in den USA, was sie ihrer hohen Spendenfreudigkeit und Einsatzbereitschaft verdankt. Was normalerweise abseits der Öffentlichkeit geschieht, konnte man vor einiger Zeit am Beispiel der extrem dämlichen Äußerungen von Mel Gibson erleben: wie nämlich das jüdische Netzwerk alle seine einflußreichen Hebel in Bewegung setzte, um seine Karriere ein für allemal zu beenden... Gibson hatte keine Wahl mehr als mit einer endlosen und peinlichen Entschuldigungsshow den Fehler „wieder gutzumachen“. Man hätte ihn sonst vernichtet.
    Seit mir diese Vorgänge in Washington bekannt sind, erklärt sich vieles von dem oft deutlich selbstschädigenden Verhalten der USA in der Nahostpolitik, das jede Ausgewogenheit vermissen läßt, und zum Beispiel jede UNO-Resolution gegen Israel kategorisch blockiert. Jedem muß klar sein, daß die USA hochgradig an einem wesentlich besseren Verhältnis zu den arabischen (Öl-)Staaten interessiert sein müßten, als dies derzeit der Fall ist.

    • leolaw
    • 06.09.2007 um 22:30 Uhr

    "Jedenfalls hat keine politikwissenschaftliche These seit dem Zweiten Weltkrieg so hohe Wellen geschlagen, mit Ausnahme von George Kennans Überlegungen zur Eindämmung der Sowjetunion 1947 und Samuel Huntingtons Diktum vom Zusammenprall der Kulturen 1991."

    Wie bitte? Ich stimme fegalo zu. Die These ist weder neu, noch originell, noch irgendwie vergleichbar mit den Ideen Kennan ode Huntington.

    • fegalo
    • 07.09.2007 um 0:18 Uhr

    Ich habe gerade erst den Artikel von Josef Joffe zur „Koscher Nostra“ gelesen, den man leider selbst nicht kommentieren darf, deshalb hier und nur soviel:

    Was zum Teufel soll das Wort „bisher“ im Untertitel
    „Die Israel-Lobby in Amerika habe das Land in den Irak-Krieg gestürzt, behaupten zwei bisher angesehene US-Professoren“
    bedeuten?

    • Devin
    • 07.09.2007 um 11:45 Uhr

    Ich sehe hier meine These bestätigt (ich verweise da auf frühere Beiträge von mir zum Irakkrieg), dass das Waffenbündnis USA-Israel eines Tages Israels Grab sein wird. Die Neocons sind in Wahrheit Antisemiten und wenn sie sich noch so pro-israelisch gebärden. Denn erstens entspricht deren Politik punktgenau dem amerikanischen Pragmatismus (Der Feind meines Feindes…), noch widerspricht eben genau jene dem eigentlichen Gemengelage im Nahen und Mittleren Osten, welches sich ja bekanntlich um das arabisch-iranisch-irakisch-aserbaidschanische Öl und um die auch dort vorkommenden Gasreserven kapriziert, bzw. – auch aus strategischer Überlegung heraus - um das Wasser unter dem Libanon. Israel ist da der nützliche Idiot für, solange er nützt eben. Und er nützt als stabiler Brückenkopf inmitten einer Horde von tollwütigen Wildschweinen. Sollte er lästig werden (bzw. sich als solcher überlebt haben), wird diese texanische Ku-Klux-Clan-Connection das Reservat Israel jenen „Wildschweinen“ überlassen. Die Nervosität israelischer Politiker anlässlich nun wiederholt aufgefallener diesbezüglicher Merkwürdigkeiten in der amerikanischen Außenpolitik und die saudischen Besorgnisse im Irak im Verhältnis zum Iran - eben wegen dieser USA-Merkwürdigkeiten -, drücken da deutlich beinahe dieselbe Sorge aus. Es würde mich daher nicht wundern, wenn die Saudis (beileibe nicht alle Araber) und die Israelis bei Gelegenheit eine Art Sicherungsachse aufmachen würden!? Das Verhalten Ägyptens und auch die Geheimverträge zwischen Israel und Jordanien könnten eines Tages im Rückblick als Vorboten dazu gedeutet werden. Die (zukünftige) Rolle eines Iran (der auch den arabischen Verbündeten unter Kontrolle zu halten hat) wird hierfür sorgsam präpariert. Und der US-amerikanisch-europäische Dissens über den Irak-Krieg könnte die vorsorgende diplomatische Flanke für eine solche - nämlich dann offen US-amerikanisch-iranische - Phalanx gewesen sein. Es wird sich noch zeigen, dass Bush und Ahmadinedschad nicht wirklich Feinde sind! Ein wichtiger Aspekt hierbei wäre die Rolle Deutschland im Verhältnis zu den Arabern – ungebrochen diese seit den Nazis. Nicht erst der Möllemann-Skandal hat aufgedeckt, dass da wohl in erster Linie die deutsche Rüstungsindustrie gewisse Interessen verfolgt, die eigentlich dem so bekundeten deutsch-israelischen Freundschaftsverhältnis widersprechen. Genau genommen – und die Aktivitäten eines BND in dieser Region von Anfang an, zeigen dies – war das deutsch-arabische Verhältnis immer das eigentliche – was im Übrigen Deutschland vom Iran trennt. Sollte es dann zu einer israelisch-arabischen Achse kommen, wäre das auch zugleich der Bruch Deutschlands mit den USA, denn dann würden die Deutschen sich hinter ihren arabischen Verbündeten positionieren. Welche erbärmliche Rolle dann ein Israel im Kontext eines solchen verkreuzten Komplottes spielen wird, kann man sich fast ausmalen. Denn auch in diesem BND sitzen bis heute keine Prosemiten, dafür sorgt schon allein der rechte politische Rand in der deutschen Parteienlandschaft, ergo: dessen Seilschaft in die CSU. Ein solches Israel wäre dann auf Gedeih und Verderb seinen (alten) Feinden überlassen – in aller Welt! Man kann davon ausgehen, dass die israelischen Politiker sich dieser Lage bewusst sind, und doch scheint es dort niemanden zu geben, der da die Größe oder den Mut hätte, rechtzeitig entgegen zu steuern. Denn dies würde bedeuten, die heutige relative Sicherheit aufzugeben, sich den zur Zeit noch nicht so einigen Feinden (verheuchelten Freunden) offen entgegen zu stellen (und das wären nicht die Palästinenser – die sind nur die heute schon Geopferten) und eine völlig eigenständige und solchermaßen friedliche Politik zu wagen. Wie gesagt, das Risiko ist groß, denn auch die Feinde fürchten das und werden das zu verhindern suchen. Die USA und die Hisbollah haben da ein gemeinsames Interesse: Israel nicht zur Ruhe (zu Verstand) kommen zu lassen. Ein solches Israel hätte nur einen Verbündeten: Eine antirassistische Weltbevölkerung. Eine große Chance für die Welt und eine kleine für Israel!

  2. Ein sehr lesenswerter Artikel; noch bemerkenswerter ist der Text von Joffe zum gleichen Buch in dieser Ausgabe. Letzterer verblüfft freilich nicht wegen der Stringenz seiner Argumente, sondern wegen deren Dürftigkeit. Joffe ist nicht dumm und er ist nicht naiv. Wenn der ehemalige Irak-Krieg-Befürworter sich zur Verteidigung der amerikanischen Israel-Politik gegen deren Kritiker auf ein derartiges Niveau begibt, bestätigt das einmal mehr die kritische Position der „bisher angesehenen“ Professoren Mearsheimer und Walt.

  3. Interessant zu sehen, dass sich die ZEIT nun bemüht, das Arbeitspapier der angesehenen und allseits anerkannten Wissenschaftler auf angemessene Art und Weise zu beschreiben. Das war leider nicht immer so:

    http://kommentare.zeit.de...
    "Verschwörungstheorie
    Verfasst von GerovonRandow am Di, 28/08/2007 - 16:25.

    Es handelt sich um eine niveaulose Verschwörungstheorie, ihr Gegenstand sind wieder einmal - die Juden. Aus der Ferne ist nicht leicht zu erkennen, dass die Autoren einen Filter vor Augen haben, der auf der Netzhaut ein unzutreffendes Bild erscheinen lässt."

    Dazu schrieb ich folgenden Kommentar, der an dieser Stelle
    nach wie vor gültig ist:

    http://kommentare.zeit.de...

    Interessant auch, dass Walt und Maersheimer in der politisch/wissenschaftlichen US-community nach kurzer Zeit der Anfeindungen keinesfalls mehr als "aktive Antisemiten" betrachtet werden. Die Links in meinem o.g. Beitrag verdeutlichen das.

    Für diejenigen, die den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung noch nicht kennen, hier ein Link zum Originalartikel der Harvard-University:
    http://ksgnotes1.harvard....

    Eine Merkwürdigkeit fiel mir noch auf...weshalb ist der Artikel von J. Joffe für eine allgemeine Diskussion im Forum nicht frei gegeben?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Artikel von Josef Joffe, dessen Lektüre ich einigen hier diskutierenden sehr empfehle ( http://www.zeit.de/2007/3... ), wurde nicht zur Kommentierung freigegeben, weil wir wissen, dass Derartiges die im Netz flottierenden Antisemiten anzieht. Wir werden sehr genau hinsehen, ob das auch in diesem Thread geschieht.

    Der Artikel von Josef Joffe, dessen Lektüre ich einigen hier diskutierenden sehr empfehle ( http://www.zeit.de/2007/3... ), wurde nicht zur Kommentierung freigegeben, weil wir wissen, dass Derartiges die im Netz flottierenden Antisemiten anzieht. Wir werden sehr genau hinsehen, ob das auch in diesem Thread geschieht.

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.09.2007 Nr. 37
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  • Schlagworte Literatur | Antisemitismus
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