PolitikDie Welt der Politiker

Niemand anderes ist der Bevölkerung so nah – und gleichzeitig so fern. Erkundung einer kaum bekannten Kaste. von  und

Kommt sie endlich? Wie groß ist sie eigentlich? Und wie sieht sie aus der Nähe aus? »Stell dir ens für, die fragt uns wat!«, zappelt ein Mann aus dem Rheinland. Das Volk wartet auf die Kanzlerin. Das Volk ist gespannt.

Dann ist sie da. Eine stämmige, eher kleine Dame in weißen Hosen und blauem Jackett, die aussieht, als habe sie sich zu einer Segelpartie zurechtgemacht. Sie begrüßt die Besucher zum Tag der offenen Tür der Regierung, die Menge zückt die Handykameras. Wichtiger noch, als Angela Merkel mit eigenen Augen zu sehen, ist es, ein Foto von ihr zu haben. »Es wird ja oft gesagt, dass zwischen der Politik und den Menschen ein Stück Distanz ist«, sagt sie. »Dass Sie hier sind, zeigt doch, dass wir ganz gute Beziehungen haben.«

Anzeige

Wirklich?

Keine andere Berufsgruppe ist der Bevölkerung so nah wie die Politiker – und gleichzeitig so fern. Politiker reden auf Marktplätzen, besichtigen Betriebe, eröffnen Schulen und Autobahnabschnitte. Doch die meisten Menschen sehen nur, was die Medien ihnen ins Wohnzimmer liefern. Die letzten Minuten vor Beginn der Kabinettsitzung. Die schwarzen Limousinen auf dem Weg zum Kanzleramt. Die leeren Bänke im Bundestag. Es sind Bilder, die Politik zeigen sollen – dabei findet Politik erst statt, wenn die Kameras abgebaut und die Türen geschlossen sind.

Jetzt, Anfang September, kehrt die Politik aus der Sommerpause zurück. Die Abgeordneten tagen, und sie talken auch wieder, bei Anne Will oder Maybritt Illner. Wie aber geht es in der Welt der Politiker wirklich zu?

85 Prozent der Wähler glauben laut einer ZEIT- Umfrage, dass Politiker nicht so genau oder gar nicht wüssten, wie das Leben der Bürger aussehe. Umgekehrt sagen 94 Prozent der Wähler, sie wüssten nicht so genau oder gar nicht, was ein Politiker eigentlich mache.

Hyatt-Hotel Berlin, kurz nach sieben Uhr morgens. Der Gast in Zimmer 625 prüft ein letztes Mal den Klang seiner Stimme. Auf dem Boden liegt ein Stoß zerfledderter Tageszeitungen, über den Bildschirm des Fernsehers flimmern die Schlagzeilen des Videotexts. Dann klingelt das Telefon. Und der Abgeordnete Wolfgang Bosbach aus Bergisch-Gladbach, Vizechef der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, zuständig für die Bereiche Innen, Recht, Vertriebene, Flüchtlinge, Sport, Kunst, Kultur und Medien, gibt sein erstes Interview des Tages.

Wenn Bosbach kurz vor acht in sein Berliner Büro kommt, melden die Nachrichtenagenturen schon die ersten Aussagen des morgendlichen Radiointerviews. Und die Reaktionen anderer Politiker darauf. Und die Reaktionen auf die Reaktionen. Die Maschinerie läuft an. Sie läuft bis tief in die Nacht.

Abends mal ins Theater gehen? Oder ins Kino? »Ich bin seit sieben Jahren in Berlin, ich war genau zwei Mal in der Oper und ein Mal im Kino«, sagt Bosbach. »Ich habe einen Radius wie ein Bierdeckel, rund um den Reichstag.« Am Rande dieses Bierdeckels liegt das Hyatt, dort übernachtet der 55-Jährige, wenn in Berlin das Parlament tagt. Das ist bequemer, als eine Zweitwohnung zu mieten, er muss sich um nichts kümmern, nicht um den Abfall, auch nicht um frische Handtücher oder darum, dass im Winter geheizt ist. Wolfgang Bosbach bewohnt immer das gleiche Zimmer.

In der Welt der Politiker herrschen zwei Geschwindigkeiten. Sechs Jahre, bis 2013, wird es dauern, bis der soeben beschlossene Ausbau von Krippenplätzen bundesweit Realität ist. Etwas durchzusetzen braucht Zeit, viel mehr Zeit als in einem Großkonzern, wo oben entschieden wird und nach unten hin alle die Entscheidung umsetzen. Der politische Alltag aber verläuft extrem schnell. Alles ist durchgetaktet, festgelegt. Sitzung des geschäftsführenden Fraktionsvorstands. Sitzung des Fraktionsvorstands. Fraktionssitzung. Landesgruppensitzung. Dazwischen kurz ins Büro, telefonieren, neue Termine ausmachen.

In der ZEIT- Umfrage schätzen die Deutschen die durchschnittliche Arbeitsbelastung eines Bundestagsabgeordneten auf 44,5 Stunden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Politiker zu sein ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Am Ende einer Parlamentswoche, deren Sitzungen oft bis nach Mitternacht dauern, geht es heim nach Gelsenkirchen, Buxtehude oder Oschatz – nach Hause geht es noch lange nicht. Am Freitagabend warten die ersten Termine im Wahlkreis. Wer Anfang September 2007 im Büro des Bundestagsabgeordneten Bosbach anruft, um sich mit ihm für abends zu verabreden, bekommt bereitwillig eine Zusage – für Mai 2008. Bis dahin ist jeder Abend verplant.

»Politik heißt: Man macht sein Hobby zum Beruf«, sagt einer, der lange dabei ist. »Daraus folgt aber auch eine völlige Entgrenzung: Was ist Hobby, was ist Beruf?« So frisst sich die Arbeit Stück für Stück ins Private hinein. »Ein Politiker kann und darf niemals abschalten«, sagt Gerd Langguth, Politikwissenschaftler und Merkel-Biograf, »das ist Teil des politischen Prinzips.« Und wenn man dann doch mal ganz privat unterwegs ist, wenn man alte Freunde trifft, zum Essen oder auf ein Bier, prallen Welten aufeinander. »Ich habe die Kultur der Langsamkeit verlernt«, sagt ein parlamentarischer Staatssekretär. »Die meisten meiner Freunde haben ein anderes Tempo drauf. Wenn einer anfängt zu erzählen, nehme ich die ersten Sätze wahr, und dann schalte ich ab und erst beim letzten Satz wieder ein.« Und keiner merkts.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte
Service