Sommertagebuch Auf der Flucht
Najwa heißt in Wirklichkeit anders. Die 19-jährige Libanesin ist aus ihrem Elternhaus geflohen, um einer Zwangsverheiratung zu umgehen. Sie fürchtet um ihr Leben
5. Juni
Heute hatte ich einen Arzttermin. Als ich aus dem Bus ausstieg, sah ich plötzlich meine Cousine! Sie wohnt hier, meine Familie ist riesig groß und in ganz Deutschland verstreut. Ich hab so eine Angst bekommen, sie darf auf keinen Fall wissen, dass ich hier bin. Ich bin einfach weitergegangen. Aber sie ließ den Blick nicht von mir, das konnte ich aus den Augenwinkeln sehen. In der Arztpraxis fing ich dann an zu weinen. Ich habe so gezittert, dass ich kaum mehr Luft bekam.
17. Juni
Heute habe ich endlich meinen Mietvertrag unterzeichnet. Meine erste eigene Wohnung! Ich war so unglaublich glücklich. Alle Vermieter wollten entweder eine Bürgschaft, oder sie wollten mir die Wohnung nicht geben, weil ich Geld vom Amt bekomme. Jede einzelne Absage hat mir wehgetan. Wo soll ich eine Bürgschaft herbekommen, wenn ich vor meiner Familie flüchten musste? Meine Wohnung ist zwar ziemlich klein, 35 Quadratmeter, aber für mich ist sie etwas Besonderes, weil in unserer Gesellschaft Mädchen immer in ihrer Familie leben müssen, bis sie heiraten. Und dann in der Familie der Schwiegereltern.
22. Juni
Ich mache mir jetzt doch ein bisschen Sorgen, weil ich gar nicht weiß, von welchem Geld ich die Wohnung einrichten soll. Aber ich hielt es nach zehn Monaten im Frauenhaus nicht mehr aus und wohne seit ein paar Wochen in der Familie einer Freundin. Ich kann ja keine Sozialhilfe beantragen, weil meine Aufenthaltserlaubnis noch nicht durch ist. Als ich von zu Hause abhauen musste, habe ich auch das Bundesland verlassen. Ich wollte so weit wie möglich weg von meiner Familie. Jetzt habe ich Probleme mit der Aufenthaltserlaubnis, weil für mich ja eine Wohnortbindung gilt. Im Moment gilt mein Aufenthalt nur bis Mitte August, was danach ist, weiß ich nicht.
30. Juni
Ich habe vor ein paar Tagen erfahren, dass es eine Organisation gibt, die junge Frauen wie mich unterstützt bei ihrem Neuanfang. Ich musste den Frauen vom Verein meine Lage genau schildern. Jedes Mal, wenn ich meine Geschichte erzähle, wirft es mich aus der Bahn.
1. Juli
Als ich zur Schule fuhr, stand auf der Straße ein südländisch aussehender Mann. Sofort dachte ich, das ist einer aus meiner Familie! Jetzt haben sie mich gefunden! Zum Glück war er es nicht.
12. Juli
Ich kriege das Geld von diesem Verein, der sich um Frauen wie mich kümmert. 1250 Euro! Endlich hat mal was geklappt. Und dann so unbürokratisch. Jetzt kann ich mir meine ersten eigenen Möbel aussuchen.
13. Juli
Gestern rief mich eine Freundin an, die auch hier wohnt. Mein Vater hat bei ihr angerufen und sie bedroht. Ich hab keine Ahnung, woher er ihre Handynummer hat. Mein Vater sagte zu ihr, er wisse, dass sie Kontakt zu mir habe, und sie solle ihm sofort sagen, wo ich sei. Sie hat natürlich alles abgestritten, aber er hat sie total eingeschüchtert, ihr gesagt, dass er Leute habe, die sie und ihre Familie jederzeit umbringen könnten. Ich mach mir solche Sorgen um meine Freundin.
Danach kam bei mir der Zusammenbruch. Ich habe so doll geweint, dass ich wieder nicht mehr richtig atmen konnte. Ich habe dann beim Jugendnotdienst angerufen. Jetzt habe ich eine Nummer vom Landeskriminalamt, die 24 Stunden besetzt ist und die ich jederzeit anrufen kann.
15. Juli
Bis jetzt hat sich mein Vater nicht mehr bei meiner Freundin gemeldet. Als ich sie gestern traf, hat sie total geweint. Das hat mir so wehgetan. Aber ich werde mich nicht einschüchtern lassen von meinem Vater.
31. Juli
Meine erste Nacht in der neuen Wohnung liegt hinter mir. Eine Freundin aus der Schule hat mir beim Hochtragen geholfen. Viele Sachen habe ich ja nicht. Ich habe die Wände aprikosenfarben gestrichen, auch die Gardinen habe ich in derselben Farbe ausgesucht. In der ersten Nacht ist meine Freundin bei mir geblieben. Wir lagen schlaflos im Bett, und irgendwann um Mitternacht habe ich dann zu ihr gesagt: „Lass uns wieder heimgehen.“ Da lachte sie und sagte: „Das ist dein Zuhause!“
12. August
Ich habe meine Aufenthaltserlaubnis bekommen! Die Integrationsbeauftragte hier am Ort hat sich dafür eingesetzt, dass ich ein Papier für die nächsten zwei Jahre bekomme. Danach kann ich Deutsche werden. Au Mann, ich freu mich schon auf den deutschen Pass. Dann kann ich meinen Namen ändern und vielleicht endlich mit weniger Angst leben.
- Datum 05.09.2007 - 02:00 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 06.09.2007 Nr. 37
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